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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Erben und vererben
Eingestellt am 26. 02. 2002 20:28


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Libell
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Erben und vererben

Anna war erst 52, aber die schwere Krankheit lie├č ihr nicht mehr viel Zeit. Vielleicht ein halbes Jahr oder ein Jahr, wenn sie Gl├╝ck hatte. Ihre Eltern waren schon lange tot. Nun w├╝rde Anna ihnen bald folgen. Wer w├╝rde um sie trauern? Sie war als Single durchs Leben gegangen, hatte nur f├╝r ihren Beruf gelebt. Den Beruf mu├čte sie vor einem Jahr wegen ihrer Erkrankung aufgeben. Sie war davon ausgegangen, da├č ihre Kolleginnen sie nicht v├Âllig vergessen w├╝rden. Aber niemand besuchte sie im Krankenhaus, niemand rief sie an und erkundigte sich nach ihrem Befinden. Verwandte hatte sie ÔÇô Cousins und Cousinen. Aber die k├╝mmerten sich schon seit vielen Jahren nur noch um sich selbst und antworteten auf ihre Weihnachts- und Geburtstagsgr├╝├če nicht. Bis sie schlie├člich das Karten schreiben einstellte. Wozu ihnen hinterherlaufen, wo sie doch ganz offensichtlich keinen Kontakt zu ihrer Cousine in Hamburg pflegen wollten.

Sollte sie ein Testament verfassen? Sie hatte einiges zu vererben. Von ihren Eltern (ihr Vater war Architekt gewesen) hatte sie einige Immobilien geerbt. Mindestens 2 Millionen Euro w├╝rde der Verkauf ergeben. Das war keine Kleinigkeit. Wenn sie kein Testament aufsetzte, w├╝rde die Erbschaft an ihre Cousins und Cousinen fallen ÔÇô an die, die offenbar keinen Kontakt mit ihr haben wollten.

Anne bl├Ątterte in einer Brosch├╝re der Verbraucherzentrale: "Erben und Vererben". Ihre Cousins und Cousinen hatten keinen Pflichtteilsanspruch. Anne konnte ├╝ber ihr Verm├Âgen frei entscheiden. Sie konnte es dem Tierschutzverein, Greenpeace oder einer Stiftung zur F├Ârderung des Norddeutschen Brauchtums vermachen. Es war alles besser, als da├č Verwandte das Geld bekamen, die nichts von der lebenden Anne wissen wollten.

Wer hatte wirklich etwas von ihr wissen wollen? Sie war bis zu ihrer Krankheit eine sch├Âne Frau gewesen, hatte ein symmetrisches feingeschnittenes Gesicht, eine gut proportionierte Figur. Im Laufe der Jahre gab es hin und wieder M├Ąnner in ihrem Leben, mit einigen schlief sie, mit einigen verband sie nur ein unverbindlicher Flirt. Aber ÔÇô ihr Herz, ihr Herz hatte nur Nico geh├Ârt..

Es war eine sentimental-sch├Âne Liebesgeschichte gewesen. Nico sah sehr gut aus, gro├č, schlank, er trainierte seinen K├Ârper im Fitne├čstudio und br├Ąunte ihn auf der Sonnenbank. Da├č er zehn Jahre j├╝nger als sie war, machte beiden nichts aus. Nico hatte sich w├Ąhrend eines Kongresses in sie verknallt, sie schliefen schon nach 3 Stunden Bekanntschaft miteinander. Er fand in ihr die erfahrene Frau, der er sich ganz hingeben und ├╝berlassen konnte, die Frau, die er immer gesucht hatte. Sie fand in ihm einen z├Ąrtlichen, st├╝rmischen und erfinderischen Liebhaber, mit dem sie sich auch nach dem Liebesakt noch hervorragend ├╝ber alle nur denkbaren Dinge unterhalten konnte.

Nach vier Jahren war Nico dann der Karriere wegen in die Hauptstadt umgezogen und Anne blieb in Hamburg allein zur├╝ck. Die ersten Monate hatte Nico sie noch ├╝ber das Wochenende besucht. Dann waren seine Besuche seltener geworden, auch seine Anrufe wurden seltener, schlie├člich blieben sie ganz aus. Anne litt sehr darunter. Sollte sie auch nach Berlin ziehen? Aber sie wollte sich nicht an ihn klammern, dazu war sie zu stolz. Sie war auch zu stolz, um ihm Briefe und Mails zu schicken. Aber er blieb in ihrem Herzen. Die Liebe zu Nico konnte sie nie vergessen. Er wu├čte gar nicht, da├č sie so krank war, sie redete sich ein, er h├Ątte sie sonst mit Sicherheit im Krankenhaus besucht, w├Ąre vielleicht wieder zur├╝ck nach Hamburg gezogen, um sie w├Ąhrend ihrer letzten Lebensmonate zu umsorgen.

Am n├Ąchsten Tag fuhr Anne zum Notar Enno Petersen, einem Schulfreund von Nico, und lie├č von ihm ihr Testament aufsetzen. Als Alleinerben ihres gesamten Verm├Âgens setzte sie Nico ein.

Drei Wochen sp├Ąter flog Anne nach Berlin. Vom Flughafen Tempelhof nahm sie ein Taxi nach Charlottenburg, wo Nico wohnte. Sie wollte ihn noch einmal sehen ÔÇô Nico, die einzige wirkliche Liebe ihres Lebens. Er wohnte in einem gepflegten Mietshaus mit Jugendstilornamenten an der Fassade. Anne strich liebevoll mit der Hand ├╝ber Nicos Namensschild an der Haust├╝r. Aber sie traute sich nicht, auf die Klingel zu dr├╝cken. Was sollte sie sagen, wie ihr pl├Âtzliches Erscheinen begr├╝nden? Anne beschlo├č, erst einmal in einem gegen├╝berliegenden Caf├ę einen Cappucino zu trinken. Dort setzte sie sich in die N├Ąhe des Fensters und starrte zu dem gegen├╝berliegenden Haus hin├╝ber. Ein, zwei Stunden vergingen. Anne f├╝hlte sich m├╝de und ersch├Âpft. Sollte sie wirklich dr├╝ben klingeln ÔÇô und was sollte sie sagen, wenn Nico zu Hause war und die T├╝r ├Âffnete? Anne f├╝hlte, da├č es ein Fehler war nach Berlin zu fahren. Sie wollte schon zahlen und sich ein Taxi zur├╝ck zum Flughafen rufen lassen, als sie pl├Âtzlich Nico aus einem Auto steigen und auf das Caf├ę zukommen sah. Er war nicht allein. Neben ihm ging eine h├╝bsche junge Frau im Designerkleid. Die beiden betraten das Caf├ę und setzten sich nicht weit entfernt von Anne an einen Tisch. Anne wurde rot und bla├č, ihr Herz klopfte bis zum Hals. Nico ÔÇô ihr geliebter Nico ganz in ihrer N├Ąhe ÔÇô und doch konnte sie nicht aufstehen und ihn einfach in die Arme nehmen, er war ja nicht allein. Wer mochte die junge Frau an seiner Seite sein? Seine Freundin, seine Lebensgef├Ąhrtin?

Nico und die junge Frau plauderten angeregt miteinander. Anne konnte einzelne Gespr├Ąchsfetzen vernehmen. Anne drehte sich halb zu dem P├Ąrchen herum und schaute Nico an. In dem Augenblick sah er auch zu Anne hin├╝ber ÔÇô Anne wandte sich schnell ab. "Was ist denn", fragte die junge Frau,"kennst du die Alte da dr├╝ben?" "Nein", h├Ârte Anne Nicos Stimme, "im ersten Moment dachte ich, das ist eine, die ich aus Hamburg kenne, aber was sollte die hier machen." "Aus Hamburg?" fragte Nicos Begleiterin. "Ja, ich war da mal mit einer befreundet", entgegnete Nico, "es war von meiner Seite her aber nur wegen dem Job, du verstehst schon. Liebe war es nie!" Anne f├╝hlte sich einer Ohnmacht nahe. Liebe war es nie. Wie bet├Ąubt legte sie einen Geldschein auf den Tisch und fl├╝chtete aus dem Caf├ę.

Drei Wochen sp├Ąter rief der Notar Enno Petersen seinen Freund Nico in Berlin an. "Wei├čt du schon, da├č Anne ganz pl├Âtzlich gestorben ist? Aber sie soll sowieso unheilbar krank gewesen sein.. Hast du sie noch mal gesehen, seit du nach Berlin gezogen bist? Nein? Ja das ist ganz seltsam. Sie hatte n├Ąmlich urspr├╝nglich ein Testament zu deinen Gunsten gemacht, wo sie dich als Alleinerben eingesetzt hat. Und dann kam sie pl├Âtzlich zu mir, weinte und ich mu├čte f├╝r sie ein v├Âllig neues Testament aufsetzen. Nun erben alles ihre Cousins und Cousinen, die sich zu Lebzeiten nie um sie gek├╝mmert haben.. Kannst du mir erkl├Ąren, wieso Anne das gemacht hat?" Es war lange still in der Leitung. Dann sagte Nico leise: "Von ihrer Seite war es Liebe."











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