Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92225
Momentan online:
66 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Erfrischend irrwitzig
Eingestellt am 09. 03. 2012 08:17


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6206
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

„Oh Gott!“ Oder doch lieber „Allah, Allah!“? Wie auch immer: Was Daniel Hagenberg so kurz vor der Hochzeit erlebt, ist kaum auszuhalten. Natürlich ist es immer ein Abenteuer, wenn zwei Menschen heiraten und in diesem Zusammenhang tiefer in die jeweiligen Schwieger-Familien eintauchen. Wenn ein Einzelkind von – vorsichtig ausgedrückt – super-intellektuellen hochdeutschen Eltern quasi urplötzlich mit der schier einen ganzen Volksstamm umfassenden Sippschaft seiner türkischen Verlobten konfrontiert wird, dann wird es jedoch bsonders stressig. Oder komisch, so wie in Moritz Netenjakobs Buch „Der Boss“.

Alles beginnt eher harmlos damit, dass Aylin und Daniel im Reisebüro ihre Hochzeitreise buchen wollen. Der Haken: Cousin Kenan betreibt das Reisebüro und irgendwie schränkt das Daniels ohnehin nicht große Entscheidungsfreude ein. Rasch stellt sich heraus, dass Kenan auch mit Kühlschränken handelt (und damit ist sein Geschäftsfeld noch längst nicht vollständig umrissen!). Ein Tausendsassa mit deutlichem Hang dazu, seinen Willen durchzusehetzen. Aber auch er kann Tantes Emines Angebot, doch in ihrem Sommerhäuschen zu flittern, nicht übertrumpfen. Oder will er nicht? Oder darf nicht? Er fügt sich jedenfalls, so wie die Brautleute. Es gibt eben Familienhierarchien …

Was sich dann entwickelt, ist aberwitzig. Ohne Chance auf Gegenwehr wird Daniel von Aylins Familie umfangen, aufgesogen, weggespült. Untergebuttert. Aber alle sind soooo nett, man – Daniel – kann ihnen gar nicht böse sein. Es ist ein wahrer Genuss, den Kulturschock der radikal-atheistischen Hagenberg-Eltern zu erleben, die zum ersten gemeinsamen Weihnachten mit einer pastellfarbenen Glitzergrippe beschenkt werden. Aber das ist noch gar nichts im Vergleich mit dem Entsetzen von Aylins Eltern, die sich später völlig unwissend in einem Avantgarde-Theaterstück wiederfinden, in dem die Julia als alt gewordene Hure dargestellt wird und nackt über die Bühne robbt. Da wird kurzerhand – damit Onkel Abdullah sein Fußballspiel nicht verpasst – in Daniels Wohnung eine Satellitenschüssel installiert und dabei der Code für zwei Bezahlsender geknackt, Daniel wird für ein Kriegsheld gehalten, 2000 Hochzeitseinladungskarten werden gedruckt – natürlich nur in türkisch – und ernsthaft die Idee ins Auge gefasst, Alice Schwarzer mit Onkel Abdullah zu verkuppeln. Und das ist nur ein winziger Bruchteil der schier irrwitzigen Erlebnisse von Daniel.

Die Handlung hangelt sich aber nicht nur vom Gag zu Gag – wobei Gag eigentlich nicht der richtige Ausdruck ist, es wirkt, trotz der zum Teil wirklich absurden Situationen nicht aufgesetzt, sondern auf ganz eigene Weise stimmig. Tatsächlich entwickelt sich die Lage auch, wird immer vertrackter. Die Hochzeit wird angesagt, neu angesetzt, wieder abgesagt. Daniel, von Hause aus sehr wahrheitsliebend, verstrickt sich mehr und mehr in Halbwahrheiten, Schwindeleien, ja Lügen. Es kommt, was kommen muss: Irgendwann kommt diese eine Lüge, die das Fass zum Überlaufen bringt. Daniel geht.

Aber keine Sorge: Alles wird gut. Die türkische Großfamilie bleibt so „verrückt“, wie sie ist; die Hagenbergs auch. Daniel und Aylin finden zu ihrem Platz in gebührendem Abstand zu ihren Sippschaften zurück, an dem sie schon vor diesem ganzen Chaos glücklich miteinander waren.

Dies alles – und eine Menge schöne Einfälle mehr – erzählt der Autor so locker leicht, dass man es nur so wegschmökern kann. Er wird dabei nicht albern oder krampfhaft lustig, die Situationen allein reichen für erfrischende Komik: Daniels Vater beim Türkisch-Kurs für Anfänger, der erstaunlich unsensible Urkölner an der Krankenhaus-Rezeption, Karneval-Hip-Hoper Bernd Banane … Und bei aller Überzeichnung bewegt sich Netenjakob immer haarscharf in der Wirklichkeit, beschönt nicht, verurteilt aber auch (meist zumindest) nicht. Wer gute Unterhaltung liebt, die nicht rumblödelt, aber auch die Realität nicht dramatisiert, der ist mit diesem Buch bestens bedient.



Moritz Netenjakob: „Der Boss“
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04387-7
304 Seiten, € 14,99 (D)



__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂĽck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!