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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Erinnerung
Eingestellt am 24. 04. 2006 14:31


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Marc Hecht
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2006

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Sinatras Tod

Seine Augen wurden jetzt so w├Ąsserig, er stand vor dem Spiegel im Schlafzimmer, ging noch einen Schritt heran an den Spiegel, besah sein Gesicht und fuhr sich dabei durchs Haar.
Grau, fast wei├č war sein Haar jetzt - auch ein bisschen zu lang – doch es fiel nicht aus, immerhin. Er nickte zufrieden in sein Spiegelbild.
Aber das Kinn! Ein fulminantes Doppelkinn - und die Nase - rot ge├Ądert - ├╝berhaupt rot.
"Nicht sch├Ân", dachte er, und bestrich jetzt seine Nase.... und nun kamen auch noch die w├Ąssrigen Augen dazu, das machte ihn so stumpf, so m├╝de... so alt.
Endlich lie├č er die Arme fallen, resigniert: "...So ist das nun mal – ich bin ja alt."
Der Hauch von Resignation verflog jedoch, er ├Âffnete die Schrankt├╝r und holte eine Anzughose hervor. Im wei├čen Unterhemd, in Unterhose und Str├╝mpfen stand er da und hielt die Hose in der Hand. Dabei sah er noch mal in den Spiegel: "Ein k├Ąsiger Koloss!" – emp├Ârt, fast erschrocken blickte er jetzt an sich hinunter: Sein Bauch ging ins Gigantische, selbst das riesige Unterhemd spannte. Er wurde jetzt viel zu dick. ├ťberm├Ą├čig dick, peinlich, aufsehenerregend dick.
Im n├Ąchsten Jahr wurde er 70, bis dahin musste etwas geschehen, unbedingt. Sie hatten ihm – ernsthaft – vor ein paar Wochen im Restaurant eine kleine Tischdecke gebracht – statt einer Serviette. Das war ├╝bertrieben – zugegeben – aber sie hatten sich nicht anders zu helfen gewusst – die Serviette war f├╝r ihn ein Witz.
Und – seine fleischigen schlaffen Beine, seine dicken Arme, sein gesamter wabbeliger K├Ârper war auch noch bleich, wei├č fast - furchtbar h├Ą├člich.
"Man sollte sich so halbnackt nicht mehr ansehen", dachte er, trotzig, und starrte doch weiter in den Spiegel.
Endlich drehte er sich weg, mit der Hose in der Hand: "Adonis geht auf Tour!", murmelte er, sarkastisch, und freute sich doch insgeheim am eigenen Ausspruch. Dann setzte er sich aufs Bett, versenkte seine dicken Beine in der Hose, keuchte dabei ein wenig und stand umst├Ąndlich wieder auf.
Die Hose war eng, eigentlich zu eng. Missmutig blickte er wieder an sich hinunter, konnte von der Hose jedoch nichts erkennen....und schlie├člich packte ihn vollends der Trotz: Denn es war ja nun so, dass er diese Hose schon seit Ewigkeiten nicht mehr getragen hatte, seit Ewigkeiten!
Und jetzt musste er sie pl├Âtzlich wieder hervorholen!
Das war aber auch ein Tag, heute!
Er besann sich, hielt die Luft an, um die Hose zu schlie├čen. Nein, nahm er sich vor - er wollte nicht klagen, keinesfalls. Er war soweit gesund - der Blutdruck, ok,...das war irgendwann so gekommen. Aber im Grunde war es harmlos, dagegen gab’s Tabletten. Und die Rente reichte. Alles bestens.
Und jetzt kam sogar unverhofft noch ein bisschen Geld rein. Ganz abgesehen von der Ehre, ein toller Tag!
Was war geschehen? Nichts weniger als dies: Frank Sinatra war gestorben. Der gro├če Frank Sinatra.
In der Redaktion hatten sie sich erinnert - dass er als junger Reporter mit Sinatra zu tun gehabt hatte. Zwei Interviews... zwei gro├če Interviews waren das damals... und jetzt sollte er – der Mann, der Sinatra zweimal begegnet war – auch den Abgesang schreiben!
Er setzte sich noch einmal aufs Bett, kn├Âpfte das Hemd zu und sah zu Boden: ...Ja, das war lange her... seine Lokale hatte er damals gehabt, seine Stammpl├Ątze,... sogar seine Flaschen – mit einem kleinen Namensschild daran, in vielen St├Ądten...
Er versank in der Erinnerung, auf dem Bett sitzend, halb angezogen. Damals hatte er angefangen, sich Marotten zuzulegen – regelrechte Spleens – einmal hatte er von seinem Verleger einen gr├╝nen Schreibtisch gefordert und ein anderes Mal einen Jaguar als Dienstwagen. Und alle fanden es chic – Marotten geh├Ârten damals dazu.
Er nickte... und es war so einfach gewesen, so derma├čen einfach... damals hatte er sich diesen amerikanischen Stil angew├Âhnt, knapp und lapidar... als einer der ersten in Deutschland. Ein bisschen Hemingway, ein bisschen Fitzgerald, ein bisschen sarkastisch und derb – ... verdammt hatte er oft in seinen Reportagen geschrieben, oder verflucht: diese verdammte Sonne ... der verfluchte Regen...
Das war nun lange her - und sp├Ąter ging’s dann m├Ąchtig bergab...
Unwillig sah er hoch, stand umst├Ąndlich vom Bett auf und wischte das weg: "H├Âr’ auf!", schalt er sich.
Er war – imgrunde – mit sich im Reinen. Viel zu dick zwar, ein bisschen verwahrlost, 69-j├Ąhrig und allein lebend – mit sich im Reinen.
Nat├╝rlich – ein paar hunderttausend hatte er sicherlich verprasst. Auch ein paar Frauen waren ihm weggelaufen. Und er war Alkoholiker.
Doch auch damit war er stets gelassen umgegangen: "Sind wir nicht alle Alkoholiker?", hatte er h├Ąufig gefragt, vergn├╝gt, in gro├čer Runde. "Irgendwie zumindest...die unterscheiden das ja... alpha, beta...delta... ich bin noch alpha – aber daf├╝r schon lange!"
Und alle hatten geprostet, gelacht - das war eine sch├Âne Zeit.
"...Aber gut - jetzt also Frank Sinatra." Er besann sich und nahm die dunkelblaue Krawatte von der Stuhllehne. "Tot ist der! Himmel noch mal..."
Damals, vor 40 Jahren in Kalifornien, war er selbst noch jung gewesen – und Sinatra immerhin noch nicht alt. Das war was, damals.
Ava Gardner war dabei. Betrunken. Als Sinatra einmal den Raum verlie├č, hatte sie ihm zugezischt: "Write it: He’s hung like a horse..." er ist best├╝ckt wie ein Pferd...
Nat├╝rlich hatte er das nicht geschrieben – aber die Gardner war schon verr├╝ckt.
Er trat jetzt aus dem Schlafzimmer in den Flur und nahm ein graues Sakko von der Garderobe, aufger├Ąumt: Man traf sich - im Restaurant. Er - und der Chefredakteur! Das war doch was - und etwas Geld kam auch rein.
Zufrieden ging er aus der Wohnung und schloss die T├╝r.













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AndreLinke
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2006

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echt klasse geschrieben! deine geschichte ist sch├Ân ausf├╝hrlich beschrieben und sehr fl├╝ssig zu lesen. und am ende gibts ne interessante entwicklung zum guten hin, dies aber nicht zu schnell. also ganz gro├čes lob - hab ich gern gelesen
__________________
Der Stift ist die sch├Ânste Waffe der Welt.

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