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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
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Eingestellt am 25. 01. 2010 09:47


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Karinina
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Villa Thorwaldsen

Ende der FĂŒnfziger Jahre wohnte ich im MĂ€dchenstudentenwohnheim auf der Schillerstr. 12.

Die Villa Thorwaldsen lag in einem ansteigenden parkartigen Anwesen unterhalb des Ardenneschen Areals, und vom sogenannten Eulennest, einem viereckigen Turmzimmer mit einem großen runden Fenster, konnte man weit ĂŒber das Elbtal und in die Stadt hinein- und drĂŒben die HöhenzĂŒge des Vorgebirges je nach Jahreszeit in den verschiedensten Farben vor den blĂ€ulichen Bergen in der Ferne sich darbieten sehen.
In der Villa Thorwaldsen befand sich ein großes Treppenhaus mit weißen Marmorstufen und einem polierten HolzgelĂ€nder bis hinauf in den zweiten Stock, ĂŒber dem sich eine Kuppel aus matten Glas befand, durch die tagsĂŒber ein weiches Licht fiel , in dem die seitlichen GĂ€nge zu den Zimmern der MĂ€dchen sich im Halbdunkel verloren und das schöne Holzpaneel an den WĂ€nden wie Ebenholz schimmern ließ. Die weiß geflieste KĂŒche, in der wir MĂ€dchen unsere bescheidenen Abendessen selbst zubereiten konnten, war im Souterrain. Kam man die Treppe herauf und ins Erdgeschoss ging es gerade zu in den holzgetĂ€felten Musiksaal, der sich nach einem Wintergarten und seitlich zu einer großen Sommerterrasse öffnete. Wenn an den warmen Sommertagen die Sonne ĂŒber die großblĂ€ttrigen BĂ€ume des Parkes hinweg durch den Wintergarten in den Saal hineinfiel, lag alles in einem hellen grĂŒnen Licht, in dem die Schattenbilder der sich stĂ€ndig in Bewegung befindenden Äste, Zweige und BlĂ€tter auf dem glĂ€nzenden Parkett ihr unruhiges Spiel trieben.
Ich liebte dieses Haus, ich liebte es noch mehr, als wir im letzten Jahr unserer ABF- Zeit zu dritt hinauf in das Eulennest ziehen durften. Wir fĂŒhlten uns wirklich wie in einem Nest, denn das Zimmer hatte nur dieses eine große runde Fenster nach der Elbe zu und eine schmale TĂŒr zu einer engen Holztreppe, die wiederum durch eine unscheinbare TĂŒr im zweiten Stock in das Treppenhaus hinein fĂŒhrte.
An den Wochenenden war ich hĂ€ufig allein. Im ganzen Haus war dann Ruhe. Manchmal spielte eine Lehrerin, die zwei kleine Zimmer im rechten FlĂŒgel des Hauses bewohnte, im Musiksaal Klavier. Dann saß ich oben bei geöffneten TĂŒren in unserem Zimmer am Fenster, sah hinunter auf das jenseitige Blasewitzer Elbufer mit den weiten GrasflĂ€chen und den in weitlĂ€ufigen GĂ€rten liegendenVillen, die sich am KĂ€te- Kollwitz- Ufer bis hinein nach Johannstadt aneinander reihten. Ich hörte das Klavierspiel durch das Treppenhaus hallen, manchmal hörte ich entferntes TĂŒrenschlagen, sanfte GerĂ€usche im Haus, Ziehen, Streichen und das Aufrauschen und Abflauen des Windes in den Baumkronen, und ich ließ mich fallen in diese merkwĂŒrdige Einsamkeit, die durch die Zimmer und GĂ€nge des Hauses wanderte, an TĂŒren stieß, durch die Fenster flutete und voller nie gehörter Töne war. . .
Im Winter, wenn der Schnee abends still hernieder fiel und im Licht der Laternen im Park funkelte, wenn er die Zweige der BĂ€ume bedeckte, die GerĂ€usche der Autos erstickte und mit sanfter Gewalt ĂŒber das ganze Elbtal hinwegzog und zum Gebirge zu wie in der Ferne verschwimmender Nebel dahinglitt, war die Stille im Haus oft so eindringlich, dass sie mich an meine Kindertage unter der großen Eiche erinnerte und ich Lust verspĂŒrte, aufzuschreiben, wie sich mir langsam die „ Mysterien des Lebens“ erschlossen hatten.

Wenn ich nicht allein war, dann gingen wir freitags und sonnabends drĂŒben am Blasewitzer
Elbufer in den Schillergarten zum Tanz. Der Schillergarten war beliebt unter den Studenten der damaligen TH Dresden, denn hier spielten zum Tanz einige Mitglieder von GĂŒnter Hörigs Tanzsinfoniker, die gerade anfingen bekannt zu werden. Eine Eintrittskarte zu bekommen war GlĂŒckssache. Wenn ich mich richtig erinnere, so standen die Studenten donnerstags nachmittags bis vor zum Schillerplatz an, um Karten zu ergattern.
Aber in der Stadt der Technischen Hochschule waren MĂ€dchen in der Minderzahl, und so gelang es uns meistens, Einlass zu bekommen. Es gefiel uns gut im Schillergarten, in den Tanzpausen konnte man im Sommer in den spĂ€rlich beleuchteten Gastgarten treten, sich an die Sandsteinmauer lehnen und auf das schnell dahinziehende Wasser der Elbe blicken, in dem sich die Lichter von beiderseits der Ufer spiegelten. Die BrĂŒckenbögen des „Blauen Wunders“ wölbten sich schwarz ĂŒber den Fluss, O- Bus und Straßenbahn ratterten darĂŒberhin bis weit in die Nacht hinein. Von den jenseitigen Loschwitzhöhen leuchteten die Lichter vom Louisenhof herab, in dem die betuchteren Leute ihren mondĂ€nen VergnĂŒgungen nachgingen.
Oder man zog sich in das fĂŒr damalige Zeiten noch etwas ungewohnte Mysterium „Bar“ zurĂŒck, wo man in weichen Sesseln an niedrigen Tischen oder aber am Tresen auf den hohen runden Barhockern sitzen und unter dem Muschepupu-Licht der dĂ€mmrigen Barbeleuchtung „PrĂ€rieauster“, „Manhattan“ oder aber von jenem verhĂ€ngnisvollen Wermutwein schlĂŒrfen konnte, der auch als „Bretterknaller“ bekannt war und dessen Folgen vor allem am nĂ€chsten Morgen nur mit Eisbeuteln auf der Stirn zu bekĂ€mpfen waren.

In jener Bar bin ich eines nachts Karl begegnet. Karl war der Chef vom Schillergarten und weitaus Ă€lter als ich. Wie es dazu kam, dass ich mich am nĂ€chsten Morgen trotzdem auf seinem Sofa wiederfand, ist mir nicht mehr in Erinnerung. Karl lud mich zum Mittagessen ein, ich lehnte ab. Ich hatte Grund dazu. Ich war neunzehn, aber das Essen mit Messer und Gabel hatte ich noch nicht erlernt. Das war weder in der Gesindestube auf dem Bauernhof, noch spĂ€ter im Hause meiner Großmutter ĂŒblich gewesen. In der Mensa versuchte ich mehr schlecht als recht damit fertig zu werden, aber unter den kritischen Augen eines Gastwirts... nein, das traute ich mir nicht zu.
Als ich es ihm schließlich auf sein DrĂ€ngen hin bekannte, lachte er und sagte: „Ich kenne wenig, die ordentlich „speisen“ können, glaub mir das, diese Neureichen heutzutage bilden sich das sowieso nur ein. Wenn du ihnen was von Tafelspitz erzĂ€hlst, dann denken sie, dein Hund liegt unterm Tisch.“

Und so fĂŒhrte Karl mich eines sonntags in die KĂŒche des Schillergartens zum „Essen“ aus.
Ein junger Kellner servierte uns den Wein. Er blinkerte vergnĂŒgt und langbewimpert, als er sah, wie ich mein Gesicht verzog beim ersten Schluck. Weißwein, grĂŒnlich golden schimmerte er im Glas, verfĂŒhrerisch, und wĂ€hrend Karl genussvoll mit der Zunge schnalzte, war es mir, als hĂ€tte ich ausversehen Essig getrunken. Also das war nichts fĂŒr mich. Und noch weniger, als der junge Mann sich hinter mich stellte, meine HĂ€nde umfasste und langsam mit mir das Handhaben von Messer und Gabel zelebrierte.

Was mag er sich wohl gedacht haben ĂŒber diese junge Gage, die sich von dem alternden Galan mit den schon angesilberten SchlĂ€fen zum Essen ausfĂŒhren ließ?
Karl war unerbittlich. Irgendwann habe ich alles gelernt, was mit „Speisen“ zu tun hatte. Nur an den Wein habe ich mich nicht gewöhnt, ich durfte schließlich bei klarem Wasser bleiben. Und dann kam der Sonntag Mittag, wo er mich in das Hotel „Waldpark“ fĂŒhrte und „Tafelspitz“ mit feinem WurzelgemĂŒse servieren ließ. Er lobte mich und seither fĂŒhlte ich mich wohl an seiner Seite, wo immer es auch war.

In den Wintermonaten fanden im großen Saal des Hygienemuseums die Studentenkonzerte statt.
Als ich das erste Mal Karl dazu einlud, machte er wieder seine ironischen Bemerkungen ĂŒber die „halbgebildeten Plebse, die Schweinetreiber und Holzlatschenjunker“. Aber ich wusste schon, er war neugierig auf diese „Plebse“, mit denen ich die Schulbank drĂŒckte, und außerdem auch etwas geschmeichelt, ausgerechnet mit einem so jungen MĂ€dchen in so einer Gesellschaft gesehen zu werden.
Es war die „Leningrader Sinfonie“ von Schostakowitsch, und wie immer man dazu auch stehen mochte, es war einfach gewaltig. Und auch fĂŒr Karl muss es gewaltig gewesen sein, denn lange nachher noch war er still, keine dreiste Bemerkung entschlĂŒpfte ihm.

Als wir uns zum Ende des Sommers, ehe ich zum Studium ging, getrennt haben, sagte er zu mir:
„Ich hab jetzt das Dessert genossen, aber es wird Zeit fĂŒr mich, erst einmal an das Hauptgericht zu denken.“
Karl war geschieden, er hatte zwei Kinder. Ich wusste, er wollte wieder heiraten, aber es fiel mir schwer, mich mit der Trennung abzufinden. Mehrmals habe ich versucht, ihn zurĂŒck zu bekommen, ich schrieb ihm, dass ich nach Hause kĂ€me, er solle doch Theaterkarten besorgen und mich vom Bahnhof abholen. Er kam nie. Einmal schrieb er mir, dass ausgerechnet das Konzert es gewesen sei, was ihm gezeigt habe, dass ich einer anderen Generation angehören wĂŒrde und zwischen uns eigentlich eine ganze Welt, ja vielleicht der Krieg gelegen habe.
Ich weiß nicht, ob ich wirklich mein Leben mit ihm hĂ€tte verbringen wollen, aber damals schien es mir doch ein bitterer Verlust zu sein, vielleicht hatte er mir ja auch nur den Vater ersetzt, den ich nie besessen hatte...

Am KĂ€the- Kollwitz- Ufer gab es in einer dieser luxuriösen Villen die „Kaskade“, auch eine von den neuartigen Bars, die aber, heute sage ich leider, fĂŒr uns tabu war. Wir waren sogenannte anstĂ€ndige MĂ€dchen, und die „Kaskade“ war berĂŒchtigt. Hin und wieder fanden dort Razzien statt, dann wurde das Etablissement geschlossen, um etwas spĂ€ter als „Lipsi- Bar“ wieder eröffnet zu werden. Weder dort noch im sogenannten „Heuboden“ am Schillerplatz bin ich je gewesen, ich kann gar nicht sagen, warum nicht, es hat sich einfach nicht ergeben.

DafĂŒr aber gingen wir MĂ€dchen aus der Villa Thorwaldsen gerne ins Kino am Schillergarten.
Dieser klassizistische Bau hatte ursprĂŒnglich als Eishaus fĂŒr die GaststĂ€tte gedient. Seit wann es Kino war, wussten wir nicht, modern jedenfalls war es nicht, im Gegenteil. Altes GestĂŒhl, muffige, feuchte Luft, im Sommer allerdings angenehm kĂŒhl, im Winter nur mit Pelz und Decken ertrĂ€glich. Trotzdem liebten wir es. Ach, was haben wir fĂŒr Filme gesehen. „Der Idiot“ zum Beispiel, „Die Kraniche ziehen.“, „Karussell“, und natĂŒrlich auch „Wenn der weiße Flieder wieder blĂŒht“ mit der jungen Romy Schneider, die so jung war wie wir und genauso töricht.

Ein wahrhaft lukullisches VergnĂŒgen, das wir uns aus finanziellen GrĂŒnden selten leisten konnten, war ein Besuch im Cafe „Toscana“. Hier schwelgten wir an den Tagen, an den es Stipendium gab, oder aber an Ultimo, nĂ€mlich dann, wenn tatsĂ€chlich noch 5 Mark vor dem Ersten ĂŒbrig waren und es gerade kein Buch mehr geschafft hatte, unsere Aufmerksamkeit zu erregen.

NatĂŒrlich gingen wir auch hin und wieder in die damals noch „Neue Mensa“ in der Mommsenstraße.
Immerhin spielte dort mitunter eine Band, die heute weitaus bekannter ist als damals: Die „Elb- Meadow- Ramblers“. Dixi natĂŒrlich. Und pur und zum Anfassen.

Obwohl es fĂŒr uns auch gĂŒnstig gewesen wĂ€re, ins Parkhotel auf den „Weißen Hirsch“ zu gehen, kann ich mich an dortige TanzvergnĂŒgen nicht erinnern, nur das Kino hatte einen gewissen Charme. In diesem Kino habe ich einen der fĂŒr mich eindrucksvollsten Filme gesehen: „Trotta“, nach einem Roman von Joseph Roth, der lange mein Lieblingsautor war. Allerdings muss dieses Filmerlebnis in einer viel spĂ€teren Zeit gewesen sein. . .

Im Sommer endeten die Tanz- oder Kinoveranstaltungen nicht selten im hohen Gras in den Elbwiesen. Die dunklen Himmel ĂŒber dem Wasser, die noch dunkleren LoschwitzhĂ€nge gegenĂŒber, die feuchte KĂŒhle im Gras gegen Morgen, das durchscheinende GrĂŒn im Osten, ehe das erste Rosa hervorbrach, die unruhige Stille der Nacht, das PlĂ€tschern im Wasser, die Straßenbahnen, die ihre Runden fuhren und, fast schon Tag, das beginnende Leben auf den Straßen zur BrĂŒcke zu.

Oder der Weg nach Hause, ĂŒber die BrĂŒcke gingen wir barfuss, denn mit den hohen PfennigabsĂ€tzen blieb man zwischen den Holzbohlen des Fußweges neben der Fahrbahn hĂ€ngen. Dann die Schillerstraße, die steilen, moosbewachsenen Sandsteinmauern, hin- und wieder unterbrochen von den Portalen , die zu den höher gelegenen Villen fĂŒhrten, das Hallen der AbsĂ€tze auf dem Pflaster, das Rauschen der großen BĂ€ume oberhalb der Mauer in den Parks darĂŒber, der unwiderstehliche Elbgeruch, der mit dem kĂŒhlen Hauch vom Wasser heraufzog, oder der sĂŒĂŸe LindenblĂŒten- und Fliederduft im Mai, im spĂ€teren Sommer der Jasmin. . .

Im Sommer 1961 verließ ich die Stadt und die Villa Thorwaldsen. Ich habe andere StĂ€dte und andere Landstriche gesehen. Warum ich mich immer noch erinnere?
Es war das unbeschwerteste, das schönste StĂŒck meines Lebens...

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