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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Erinnerung an Gestern
Eingestellt am 13. 03. 2006 22:18


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Elfi
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Registriert: Feb 2006

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Erinnerung an Gestern

Prasselnd str├Âmt das Duschwasser aus der Handbrause und trifft mit seinem Massage-Strahl meine Sch├Ądeldecke; eine angenehme Wohltat bei handwarmen Wasser an diesem lauen Sommerabend im Juli. Ich schlie├če meine Augen, w├Ąhrend das Wasser an meinem K├Ârper herunter rinnt. Wohltuende Ruhe und Entspannung in der ein mal einen Meter gro├čen Duschtasse mit gro├čen, wei├čen Kacheln und der Glast├╝r, w├Ąhrend der Duft des Duschgels meine Nase umweht.
Tannenduft. Tannenduft im Morgentau. Waldduft und Erinnerung an andere D├╝fte: Bl├╝ten, Gr├Ąser und Wildkr├Ąuter...
Ich sehe mich mit dem Wagen rechter Hand unter schattigen B├Ąumen einparken. Ich steige aus. Meine schwarzen Schuhe mit dem durchbrochenem Lochmuster auf der Schuhkappe stehen auf staubigem Asphalt, w├Ąhrend ich den Knopf der Funkfernbedienung f├╝r die Zentralverriegelung am Autoschl├╝ssel dr├╝cke. Es klackt laut und der Wagen ist verriegelt. Unbarmherzig sp├╝re ich die hei├čen Sonnenstrahlen an meinen freien Schultern.
In n├Ârdlicher Richtung schreite ich ├╝ber den breiten Asphaltplatz. M├Ąnnerstimmen t├Ânen aus dem an linker Hand gelegenem braunen Geb├Ąude durch die ge├Âffnete T├╝r, die sich in einer Nische befindet und nur ├╝ber f├╝nf Stufen erreichbar ist. An der Au├čenmauer prangt das jetzt unbeleuchtete Reklameschild der Gaststube.
Knirschen unter meinen Sohlen. Rollsplitt liegt auf dem Asphalt und ich passiere ein gr├╝nes Silo, das auf vier m├Ąchtigen Stelzen steht. Eine rechteckige, mit Metall umrandete Bodenplatte befindet sich direkt darunter; die LKW- Waage.
Das Knirschen unter meinen Sohlen wird lauter und als ich zu meinen F├╝├čen hinab sehe, erkenne ich, dass unter ihnen kein Asphalt, sondern staubiger Splitt liegt, der mit jedem Schritt aufwirbelt und sich als feine, graue Staubschicht auf meinen Schuhen nieder l├Ąsst.
An der linken Seite ist nun ein Lagerschuppen zu sehen und der Platz l├Ąuft wie bei einem Wendehammer aus. Eine leichte Anh├Âhe erklimmend verlasse ich den Platz und folge einem vielleicht drei├čig Zentimeter breiten Trampelpfad, an dessen R├Ąndern Gr├Ąser und Wildkr├Ąuter stehen, die meine schwarze Hose streifen. Angenehm schattig wird es, als ich unter den ersten B├Ąumen in den Wald eintauche und ich f├╝hle eine Art nerv├Âses Flattern in mir. Liegt es daran, dass es jener Wald ist?
Brauner, staubtrockener Waldboden wirbelt bei jedem Tritt auf und die Bernnesseln kommen meinen unbedeckten Armen bedrohlich nahe. Dir haben sie sicher nichts ausgemacht, vor knapp drei Jahren!
Zehn Minuten sind es bis zu jener Stelle; bei meinem letzten Besuch vor etwa einem halben Jahr hatte ich die Zeit gestoppt.
Der Weg f├╝hrt hinunter und Vogelstimmen ├╝bert├Ânen die letzten Ger├Ąusche der nahe gelegenen Stra├če, ├╝ber der ich gekommen war und von der ich mich immer weiter entferne.
Es geht steil hinunter und unten in der Senke liegt das Bachbett, ├╝ber dem ein ein Meter breiter Steg f├╝hrt. Vor einem Jahr waren an der gleichen Stelle nur zwei morsche Bretter, die sich bei jedem Schritt bedenklich nach unten bogen. Hinter dem Bachbett, in dem heute nur ein schmaler Rinnsal zu sehen ist, teilt sich der Weg. Rechter Hand verl├Ąuft der Weg parallel zum Bachbett, w├Ąhrend der weiter in n├Ârdlicher Richtung f├╝hrende Weg fast parallel zur Bahnlinie l├Ąuft, die man zwischen den ehrw├╝rdigen Baumst├Ąmmen in etwa f├╝nf Metern Entfernung an der linken Seite liegen sieht.
Noch immer ist das nerv├Âse Flattern in mir. Nein, du brauchst keine Angst haben; ich denke nicht daran! Mir geht es gut und ich bin gut drauf, obwohl in gut einer Woche der Jahrestag ist!
Kaum ein Ger├Ąusch ist zu h├Âren; vereinzelnd t├Ânen Vogelstimmen aus den Baumwipfeln und hin und wieder knackt es im Unterholz. Ein Surren ert├Ânt und ich blicke zu meiner Uhr am Handgelenk. F├╝nf Minuten der Wegstrecke habe ich schon zur├╝ckgelegt; das Surren schwillt an und mischt sich mit einem regelm├Ą├čig ert├Ânendem Rattern. Es ist das Obligatorische Surren und Rattern einer Bahn, die sich von hinten n├Ąhert. Ich sehe zum Gleisbett her├╝ber, als von hinten eine Lok an mir vorbei rauscht. Zwischen all den B├Ąumen und dem wuchernden Gestr├╝pp in Bodenn├Ąhe verliere ich sie schnell aus den Augen und ich f├╝hle, wie das nerv├Âse Flattern schlagartig verfliegt.
Sag mal, hast du etwa bef├╝rchtet, ich h├Ątte das in Erw├Ągung gezogen?
Aus dem Ge├Ąst des gerade passierten Baumes zirpt ein Vogel seinen Laut zu mir herunter, das in meinen Ohren wie ein zerknirschtes Ja klingt.
Ich atme den Duft des Waldes tief ein und sch├╝ttle meinen Kopf. Ich glaube, du liebst mich noch immer, wenn du dich noch immer um mich sorgst ...
Erneut ert├Ânt das Zirpen des Vogels und ich folge dem Weg, der an dieser Stelle morastig und zerfurcht vor mir liegt, weshalb ich am Au├čenrand des Weges gehe.
Ein grauer Kilometerstein ist am Gleisbett zu erkennen. Irgend etwas mit Einundf├╝nfzig. Dann ist zwischen dem Weg und dem Gleis die tiefe Senke zu sehen und der Weg selbst f├╝hrt leicht hinauf. Es kann nicht mehr so weit sein! Dort liegt schon der Baumstamm neben dem Weg. Oder muss ich noch einen weitere Anh├Âhe herauf? Kann ja nicht schaden, noch weiter zu gehen! Dem Weg weiter folgend betrachte ich die B├Ąume am Wegesrand. Muss ich wirklich noch an ihnen vorbei? Sahen sie nicht irgendwie unbekannt aus? Ich hebe meine Hand, um auf die Uhr zu sehen. Zehn Minuten waren schon verstrichen, seit ich den Wald betreten hatte! Das hie├če ja, ich w├Ąre an der Stelle vorbeigelaufen! Schon sehe ich das Ende des Weges vor mir liegen. So weit war ich bisher nie gegangen! Ich sehe schon den geteerten Weg, der am Waldrand liegt. Bist du damals ├╝ber den gegangen? Ich kehre um, laufe den Weg zur├╝ck und aus dem Baum neben mir f├Ąllt ein Zapfen krachend auf den Waldboden nieder. Meine Augen stur nach rechts zum Gleisbett gerichtet sehe ich erneut den Baumstamm neben dem Weg liegen und im gleichen Augenblick erkenne ich deutlich die mit einem schlichten Kreuz versehene Stelle. Ich verlasse den staubigen Weg und setze meine F├╝├če auf Gr├╝n. Moos liegt auf dem Boden und Farn s├Ąumt den Gang, der nur von wenigen gegangen wird, w├Ąhrend ich dem schlichten Kreuz mit der Namensplatte immer n├Ąher komme.
Ja, die Stelle hat sich seit meinem letzten Besuch ge├Ąndert: Die Erikapflanze ragt traurig und trocken ihre Zweige in die Luft, doch das kleine, wei├če Herz aus Ton liegt noch an der gleichen Stelle. Das gr├Â├čere wei├če Herz mit dem Relief eines ├╝ppigen Rosenbuketts und dem aufgeklebten Glimmerpulver, welches ich bei meinem vorletzten Besuch rechts neben dem Kreuz in frisch umgepflanztem Moos gelegt hatte, lag nicht mehr an seiner Stelle. Jemand hatte es vor dem Kreuz in den Waldboden umgesetzt und das Glimmerpulver reflektierte die Sonnenstrahlen. Die in Halbkreisform ums Kreuz gesetzten
( oder gefallenen?) Tannenzapfen waren angewachsen und trugen gr├╝ne Blattspitzen. Aber die Karte mit dem Text ist nicht mehr da.
Kannst du mich noch h├Âren? Siehst du mich, wenn ich weine? Du warst immer ein guter Freund und ich w├╝nsche mir, dass ich dich einmal wiedersehen werde.
Vielleicht war es zu heftig oder hat der Wind es fortgetragen? Vielleicht hat auch jemand die Karte an sich genommen? Vielleicht dein Freund, der dir das Kreuz errichtet hat? Ich wollte niemanden damit erschrecken! Nein, ich war nicht dabei, als es geschah, ich meine, nicht wirklich.
Die Sentimentalit├Ąt treibt mir die Tr├Ąnen in die Augen. Ich werde dich nie vergessen, mein Freund!
Ich wende meinen Blick ab und betrachte die gegen├╝berliegende Stelle des Waldes, die ich vor gut einem Jahr per Digicam auf einer Speicherkarte gebannt hatte: Von den f├╝nf kleinen Laubb├Ąumen waren vier entweder entwurzelt oder abgeknickt, denn sie lagen braun und vertrocknet auf dem Waldboden und der m├Ąchtigste unter ihnen, der mittlere, war in n├Ârdlicher Richtung gebogen, doch sein Blattwerk war noch gr├╝n.
Meine Blicke streifen die gegen├╝berliegende Seite: kein weiterer Baum lag am Boden. Hatte ein Sturm die B├Ąume geknickt?
Ich sehe zu meiner Armbanduhr. Zeit ist um. Ich hatte mir f├╝r die Stelle nur zehn Minuten Zeit gegeben, da ich anderweitig erwartet wurde. Tsch├╝├č, sage ich in Gedanken und verlasse die besagte Stelle. Nein, ich bin nicht direkt traurig; du warst es auch nicht, als du vor fast drei Jahren dort auf den Zug gewartet hast, der dich k├Ârperlos ins Irgendwo bringen sollte. Habe ich Recht?
Sonnenstrahlen treffen auf mein Gesicht und ich erreiche den Steg, gehe den Trampelpfad bis zum Waldrand und laufe ├╝ber den Platz zum Wagen. Klackend ├Âffnet sich der Wagen, nachdem ich den Knopf der Zentralverriegelung bet├Ątigt habe und begebe mich zur Beifahrerseite. Aus der angrenzenden Gaststube dringen noch immer die M├Ąnnerstimmen, w├Ąhrend ich die Autot├╝r ├Âffne und einen Schluck Wasser aus der gro├čen Plastikflasche trinke. Dann angle ich mir aus dem Fu├čraum den Putzlappen, befeuchte ihn leicht mit etwas Mineralwasser aus der Flasche und wische damit den braunen und grauen Staub von den Schuhen. Eigentlich wollte ich ein Zitronenbonbon an der Stelle vergraben, und erst wenn aus diesem Bonbon ein Zitronenbaum w├╝rde, k├Ânnte ich vergessen, dass ich ihn kannte, meinen Freund.
Neben dem Wagen sehe ich eine Taubenfeder im Gras liegen und im gleichen Moment schie├čt mir der gedanke durch den Kopf: erst wenn aus dieser Taubenfeder eine Schwalbe wird, werde ich ihn vergessen.
Ich setze mich in den aufgeheizten Wagen; eine k├╝hle Dusche w├Ąre jetzt genau das Richtige!
Das Wasser l├Ąuft noch immer an meinem K├Ârper herunter und es tut gut, nicht mehr in dem warmen Wagen zu sitzen..































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