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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Erinnerung an einen Kinderfilm
Eingestellt am 03. 06. 2013 13:02


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Silberpfeil
Festzeitungsschreiber
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„Mammi, warum sagst du immer „Horton hört ein Hu“, wenn du etwas Trauriges im Fernsehen siehst?“
„Wie bitte? Ach du bist es Prinzessin.“ Melanie schaltet den Fernseher aus und geht zurück ins Esszimmer. Sie schaut hinab auf ihre vierjährige Tochter, die Stirn gerunzelt.

„Weißt du, das ist der Name von einem lustigen Kinderfilm.“
„Wirklich? Können wir uns den Film heute ansehen?“ Rosalie schaut ihre Mutter mit ihren großen blauen Augen an, ein Blick, durch den sie meist bekommt, was sie will. Das leckere Erdbeereis auf dem Esstisch, scheint sie völlig vergessen zu haben. Melanie kann ihrer Tochter nur selten einen Wunsch abschlagen, besonders wenn die Kleine sie so ansieht. Doch in dieser Angelegenheit muss sie sie enttäuschen. „Natürlich darfst du den Film heute sehen. Aber ich glaube es ist besser, wenn du ihn dir ohne mich anschaust. Vielleicht will Papa ja mitgucken.“

„Aber warum willst du den Film denn nicht sehen, Mammi? Magst du ihn nicht?“ Melanie überlegt fieberhaft wie sie ihrer Tochter die Situation erklären soll, ohne sie zu ängstigen. Sie setzt sich neben die Kleine auf die Eckbank.

„Doch, ich mag den Film. Aber, naja, an dem Tag, an dem ich den Film gesehen habe, ist etwas sehr Trauriges passiert.“ Sie stockt, weiß nicht, wie sie Rosalie den Zusammenhang erklären soll. „Seit damals muss ich immer an dieses traurige Erlebnis denken, wenn ich den Film sehe. Verstehst du das?“ Rosalie ist ein kluges Kind. Melanie hofft, dass aus ihr mal eine bedeutende Persönlichkeit wird. Daher hätte sie damit rechnen müssen, dass ihre Tochter sich nicht so leicht abwimmeln lässt.

„Und was ist so Trauriges passiert?“ Rosalie kuschelt sich an ihre Mutter und spielt mit einem Knopf an ihrer Bluse. Melanies Blick gleitet in die Ferne. Ja, was ist damals passiert? Vor ihrem inneren Auge baut sich die Szene auf, als wäre sie erst gestern dort gewesen, in Duisburg, dem Ort des Geschehens.


31. Juli 2008

Es war später Nachmittag und da ihr Auto keine Klimaanlage hatte, rann Melanie der Schweiß von der Stirn. Sascha und seinen neuen Freund hatte sie schon eingesammelt. Die beiden hatten sich auf die Rückbank von ihrem kleinen Punto gefläzt und sowieso nur Augen für sich. Gemeinsam holten sie Kathi ab und fuhren zu ihrem Zielort, dem Duisburger Landschaftspark. Kathi hatte Karten für das Freiluftkino besorgt. Der Tag war ausschlaggebend, nicht der Film, denn es war kompliziert genug, alle vier zeitlich unter einen Hut zu bringen. Aber an diesem Donnerstag hatten alle Zeit und für Melanie sollte es ein besonderer Tag sein, da sie soeben ihre letzte Klausur hinter sich gebracht hatte und mehrere Wochen Semesterferien vor ihr lagen. Sie hatte keine Ahnung, welcher Film heute laufen würde und es war ihr auch egal, Hauptsache sie würde heute Abend abgelenkt werden.

„So, für alle, die es noch nicht mitgekriegt haben, der Film heißt „Horton hört ein Hu“, sagte Kathi.
„Wie bitte? Was soll das denn für ein Film sein?“ Sascha kicherte albern, das war so seine Art. Auch Melanie wurde hellhörig, denn von diesem Film hatte sie noch nie gehört.
„Das ist ein Animationsfilm. Ein Kinderfilm, wenn du so willst. Heute läuft leider nichts anderes. Viel wichtiger ist aber, dass wir an den Sekt gedacht haben.“ Typisch Kathi. Melanie konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.

Der Abend war seit zwei Wochen geplant, Sekt und Süßigkeiten gehörten selbstverständlich dazu. Endlich sollte die Klausurenphase geschafft sein und wie könnte man die Ferien besser einläuten, als mit jeder Menge Fressalien, einem guten Film – hoffentlich – und den engsten Freunden. Doch mittlerweile war Melanie die Lust auf Schlemmen und lustige Filme vergangen, denn der Tag verlief nicht ganz so wie gedacht. Mal abgesehen von der heutigen Statistik Klausur, die sich als noch theoriereicher dargestellt hatte als erwartet, war da noch die Sache mit ihrem Onkel. Sie beschloss, dass es hilfreich wäre, ihre Freunde einzuweihen.

„Ihr müsst mich übrigens beim Autofahren unterstützen“, sagte Melanie, plötzlich ernst werdend.
„Wieso, kennst du den Weg nicht?“ Wieder Saschas Kichern. Er grinste seinen Freund an und dieser erwiderte irgendetwas darauf. Melanie hörte nicht zu und fuhr stattdessen fort: „Das meine ich nicht. Es kann gut sein, dass ich heute Probleme habe, mich auf die Straße zu konzentrieren. Es ist möglich, dass ich im Laufe des Abends einen richtig schlimmen Anruf kriege und ich weiß nicht, ob ich dann noch fahren kann.“

Alle waren still, die Blicke auf Melanie gerichtet. Sie wusste nicht, wie sie ihren Freunden erzählen sollte, welche schreckliche Szene sich gerade an einem anderen Ort in Deutschland abspielte. Ihr Onkel Arno wurde in diesem Moment notoperiert und keiner wusste, wie es ausgehen würde. Ein paar Wochen zuvor gab es bei seiner Herztransplantation Komplikationen, in Folge dessen er in einem medikamentösen Koma lag. So weit waren ihre Freunde bereits informiert.

Melanie hatte täglich für ihn gebetet und gleichzeitig versucht, sich auf ihren Lernstoff zu konzentrieren. In den letzten 2-3 Tagen ging es langsam bergauf und alle hofften, er könne bald aus dem Koma erwachen. Nun musste er plötzlich erneut in den OP. Melanie wäre nie nach Duisburg gefahren, hätte irgendjemand es gewagt, das Wort Multiorganversagen in den Mund zu nehmen. Doch so hätte sie nie geglaubt, es könne nicht gut ausgehen. Es musste gut ausgehen, Arno würde aufwachen und wieder ganz der Alte werden. Einen anderen Gedanken ließ sie nicht zu. Kurz und knapp erklärte sie ihren Freunden die neue Lage, über Details wollte sie im Augenblick nicht reden.

Der Parkplatz war zwar schon ziemlich überfüllt und sie mussten am hinteren Ende parken, doch die Tribüne war bisher kaum besetzt. Dennoch beschlossen sie, frühzeitig Platz zu nehmen und fanden vier freie Sitze in der vorletzten Reihe. Dort hatten sie den besten Blick auf die Leinwand und über die Zuschauerreihen. Melanie fühlte sich hier sofort wohl. Sie fand, dass die Atmosphäre in der ehemaligen Gießhalle einer filmreichen Kulisse glich.

Das Urteil über Sascha`s neuen Freund stand noch aus. Kathi und sie warfen sich heimlich Blicke zu, um sich zu signalisieren, wie sie ihn fanden. Kathi deutete kaum merklich in seine Richtung, lächelte dann und nickte. Melanie verstand sofort. Sie mochte ihn ebenfalls auf Anhieb und freute sich für Sascha. Da sie ihm das nicht in Gegenwart seines Freundes sagen wollte, schrieb sie ihm stattdessen eine SMS. Sie wusste, wie albern das war, aber Sascha war selber für jeden Spaß zu haben und Melanie war froh über die Ablenkung. Außerdem war der erstaunte Ausdruck auf Saschas Gesicht, als der die Nachricht sah, Gold wert. Das machte den Abend spaßiger.

Die Reihen füllten sich nun nach und nach, hauptsächlich mit Familien, die kleine Kinder dabei hatten. Auf den Plätzen hinter ihnen nahm eine ältere Dame mit ihrer Enkeltochter Platz. Oje, es handelt sich wohl wirklich um einen Kinderfilm. Kathi zauberte aus ihrer Tasche ein paar Sektgläser aus Plastik hervor. „Schade das du fahren musst“, sagte sie zu Melanie. „Egal, das holen wir nächste Woche bei einem Mädelsabend nach.“ Sie fing den missbilligenden Blick der älteren Dame hinter ihr auf und fragte sich sogleich, wie schlecht deren Meinung von der heutigen Jugend wohl ausfallen möge. Dabei waren Kathi und sie bereits 26 Jahre alt. Melanie schaufelte stattdessen den Inhalt einer Tüte Chips in sich rein. Die Luft war jetzt angenehm frisch, ohne kalt zu sein. Einen kurzen Augenblick atmete Melanie tief ein und spürte eine Art Wohlbefinden, das ihr fast falsch erschien, denn nur schwer konnte sie den Gedanken an ihren Onkel abschütteln.

Der Film sollte erst bei Sonnenuntergang beginnen und es war noch eine knappe Stunde Zeit. Auf der Leinwand wurden bereits Werbespots und Trailer gezeigt. Der Lärmpegel stieg mit der steigenden Besucherzahl und die vier Freunde alberten herum. Melanie erzählte den anderen von der, ihres Erachtens nach, unfairsten Klausur aller Zeiten, die sie heute hoffentlich mit Ach und Krach bestanden hatte. Daraufhin gab Kathi eine Anekdote zu ihrer Diplomarbeit zum Besten. Melanie wollte gerade laut loslachen, doch dann passierte genau das, wovor sie sich die ganze Zeit gefürchtet hatte. Ihr Mobiltelefon klingelte. Sie wusste, was sie nun erwarten würde. Angst erfasste sie, doch sie griff mechanisch danach und nahm den Anruf ihrer Eltern entgegen.

„Melanie?“ Ihr Vater sprach brüchig, die Stimme von Trauer verzerrt. „Dein Onkel Arno ist gerade verstorben.“ Seine Stimme brach. Ihn weinen zu hören machte die Situation noch grausamer und realistischer. Väter weinen nicht, es sei denn, etwas wirklich Schlimmes ist passiert. Stumme Tränen rannen nun auch über ihr Gesicht. Ihre Freunde blickten sie schockiert an, nicht wissend, wie sie reagieren sollten. Sie solle gut auf sich aufpassen, dann konnte ihr Vater nicht mehr weiter reden und beendete das Telefonat.

Der Damm brach. Kathi beeilte sich, Melanie in den Arm zu nehmen. Die Leute wurden bereits aufmerksam, doch Melanie nahm es nur am Rande wahr. Das Mädchen in der Reihe hinter ihr sagte zu seiner Großmutter: „Guck mal Omi, die Frau weint ja.“ Dann klingelte ihr Telefon erneut. Diesmal war es ihre Mutter.
„Geht es dir gut?“ Auch sie weinte, doch ihre Stimme war einigermaßen gefasst. „Die Operation hat keinen Erfolg gebracht, seine Organe haben der Reihe nach versagt.“ Nur verschwommen nahm Melanie wahr, was ihre Mutter ihr erzählte. Die Details waren nicht wichtig, sie änderten nichts an der schrecklichen Tatsache. „Bleib in Duisburg und beruhige dich erst einmal. Du darfst auf keinen Fall so aufgebracht Auto fahren.“ Sie hatte Recht. „Wir sehen uns dann später.“ Melanie wusste, dass ihre Eltern auf sie warten würden. Schlafen könnte heute Nacht ohnehin keiner von ihnen.

Die Tränen wollten nicht enden. Kathi schlug vor, die Tribüne zu verlassen und zu den Waschräumen zu gehen. Die beiden kletterten zwischen Omi und Enkelin hindurch. Hoffentlich denken die nicht, ich würde aus Liebeskummer weinen. Der Gedanke war so absurd. Plötzlich packte es Melanie erneut. Sie brach zusammen, versuchte dabei krampfhaft, sich am Geländer festzukrallen. Ihr Körper bebte unkontrollierbar. Die Menschen unterhalb der Tribüne unterhielten sich, lachten, ihre Welt schien vollends in Ordnung zu sein. Das alles fühlte sich dermaßen surreal an. Kathi war zur Stelle und ließ sie nicht mehr los. Irgendwie schafften die beiden es durch die Menge, Melanie vorneweg. Sie sah nicht, wohin sie ging, zu viele Tränen versperrten ihr die Sicht. Trotzdem hätte sie den Weg auch blind gefunden. Ihr Verstand leistete bewundernswerte Arbeit. Er erinnerte sie sogar daran, sich einen Stempel auf den Arm drücken zu lassen, damit sie wieder zurück auf die Tribüne konnte. Sie wunderte sich darüber, dass sie in diesem Moment überhaupt an so etwas Triviales denken konnte.

Bei den Waschräumen angelangt verschwand sie minutenlang in der Kabine. Der Boden war dreckig, sie wollte sich nicht hinsetzen und ging stattdessen in die Hocke. An die Wand gelehnt ring sie um Fassung. Warum ausgerechnet er? Arno war ein so lieber Mensch. Er war klug und ehrgeizig. Trotz Karriere stand seine Familie bei ihm an erster Stelle. Er konnte jeden mit seinem trockenen Humor zum Lachen bringen. Und er hätte ihr noch so viel beibringen können.

Mit der Zeit verebbte die Verzweiflung und eine Art Taubheit machte sich breit. Kathi wartete bei den Waschbecken auf sie. Melanie blickte in den Spiegel, nur kurz, denn der Anblick war nicht schön. Kathi gab ihr Tücher und sie versuchte, ihr Gesicht wieder einigermaßen normal erscheinen zu lassen. „Das ist nicht fair! Es werden täglich so viele Transplantationen durchgeführt, warum musste ausgerechnet er sterben?“ Wieder Tränen. Kathi sah sie traurig an.
„Die anderen haben bestimmt auch eine Familie, die sie liebt. Hätte es jemand anderen getroffen, wäre es auch nicht fair.“ Kathi hatte Recht, aber wem nützte das schon.

Der Film begann und zu Anfang konnte Melanie sich nur wenig darauf konzentrieren. Doch sie riss sich zusammen und irgendwann gab es sogar eine Stelle, an der sie lächeln musste. Im Vergleich zum restlichen Publikum war dies nicht viel, denn von überall hörte man die Menschen lauthals lachen. Trotzdem fühlte es sich pervers an, dass ihr Körper überhaupt in der Lage war, eine freudige Gefühlsregung zu zeigen.

Die nächsten Tage waren hart. Wochen vergingen und aus Wochen wurden Monate. Mittlerweile sind 5 Jahre vergangen und noch heute reagiert Melanie auf jede traurige Situation, sei es Fernsehen oder im realen Leben, reflexartig mit einem „Horton hört ein Hu“.


Gegenwart:

„Mammi, was ist mit dir?“ Rosalie sieht ihre Mutter erschrocken an. Wie lange war ich in Gedanken versunken?
„Nichts, mein Schatz. Ich habe nur gerade an Früher gedacht.“
„Und was ist jetzt so Trauriges passiert?“ Rosalie lässt nicht locker. Bestimmt gibt sie später eine gute Anwältin ab. Melanie beschließt, ihrer Tochter die Wahrheit zu sagen, wenn auch in abgemilderter Form.

„Weißt du, damals, an dem Tag an dem ich den Film gesehen habe, ist Onkel Arno von uns gegangen. Das war der Bruder von deinem Opa Heiner. Wir hatten ihn alle sehr lieb und er war ein ganz toller Mensch. Du hättest ihn bestimmt sehr gern gehabt und ich bin sicher, er hätte sich gefreut, dich kennen zu lernen. Du hättest ihm deine Bilder aus dem Kindergarten zeigen können.“

„Und was heißt: von uns gegangen“?
„Wenn ein Mensch von uns geht, heißt das, er lebt bei Gott weiter. Wir können nicht mehr mit ihm sprechen und ihn auch nicht mehr sehen, weil er ja bei Gott im Himmel ist.“ Melanie deutete aus dem Fenster auf den strahlend blauen Himmel.

„Und wie ist es so bei Gott?“
„Im Himmel ist es wunderschön, überall scheint die Sonne, weil man ja über den Wolken ist. Und wer dort oben ist, kann auf die Menschen herunter sehen.“
„Dann schaut er jetzt auf uns runter?“ „Ja, genau, da bin ich mir ganz sicher.“

Rosalie`s Blick gleitet zum Himmel. Melanie kann sehen, wie sie angestrengt nachgrübelt. Oje, ich war auf ihre Fragen nicht vorbereitet. Hoffentlich habe ich sie nicht verstört. Melanie überlegt, wie sie Ihre Tochter ablenken kann. „Was hältst du davon, wenn wir in die Videothek fahren und uns „Horton hört ein Hu“ ausleihen?“
Es klappt. „Au ja! Du bist die beste, Mammi!“

Und zum ersten Mal seit fünf Jahren, erscheint Melanie die Aussicht auf den Film nicht mehr erschreckend und grausig. Sollte mich dennoch die Traurigkeit übermannen, wird Rosalie`s Anblick mir Mut und Kraft geben. So viel steht fest!

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