Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92210
Momentan online:
391 Gäste und 18 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
Erinnerung, schmerzhaft, arm an Emotion
Eingestellt am 17. 04. 2004 01:18


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Candice
???
Registriert: Jun 2003

Werke: 10
Kommentare: 14
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Candice eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Jetzt kann ich das. Situationen durchstehen ohne so total davon betroffen zu sein, so, da├č nichts anderes mehr gleichzeitig geschehen kann.
Fr├╝her war das sehr schwer f├╝r mich, mit fr├╝her meine ich vor ungef├Ąhr drei├čig Jahren. Mode kann Emotionen ausl├Âsen, Brillengestelle zum Beispiel. Die, mit denen die jungen M├Ąnner sich den besseren Durchblick verschaffen wollen, die Intellektuellen, nicht die Handwerker oder Sparkassenangestellten, die schauen wieder so aus wie damals.
Und dazu kommt noch, da├č ich wieder einmal mit der Tram unterwegs war. Da stieg also ein junger Mann mit einer kastenf├Ârmigen, schwarzen Brille ein.
Das hat mir in dem Moment noch nicht besonders viel ausgemacht, ich glaube nur gedacht zu haben, da├č ich solche Brillen schon immer h├Ą├člich fand.
Mir fiel erst viel sp├Ąter, genaugenommen vor einer halben Stunde, wieder ein, was es mit der Tram und diesen Brillen auf sich hat.
Ich war elf Jahre alt, fuhr jeden Morgen mit der Linie 9

zur Schule. Mit mir stieg ein junger Mann mit Brille ein.
Jeden Morgen. Die Tram war um diese Zeit gesteckt voll. Es fiel niemandem auf, wenn der junge Mann dicht hinter mir stand, mir vier Stationen lang seinen steifen Schwanz in`s Kreuz dr├╝ckte und unbeteiligt aussah.Wie ich aussah wei├č ich nicht. Ich wei├č nur, da├č ich stumm war, starr vor Ekel und Angst, da├č ich manchmal auf dem Weg zur Haltestelle mein Fr├╝hst├╝ck auf das Trottoir kotzte.
Ich habe niemandem davon erz├Ąhlt. Wenn ich im Klassenzimmer sa├č, war mein Kopf nicht bei der Sache, mein K├Ârper verspannt, meine Zunge taub.
Meine Mutter war traurig wenn sie vom Elternsprechabend nach hause kam, da die Lehrer mich zwar f├╝r intelligent aber unaufmerksam hielten. Ein Jahr sp├Ąter, nach den Sommerferien war der junge Mann nicht mehr da. Ziemlich sicher denkt er nicht mehr an mich, auch ich denke nur selten an ihn, au├čer wenn ich Tram fahre und die momentane Brillenmode so h├Ą├člich ist.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

Werke: 2
Kommentare: 497
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Monfou Nouveau eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Candice!


Deine kleine Szene hat durchaus sch├Âne Ans├Ątze. Mir gef├Ąllt es, dass sich das Thema auf das Brillentragen konzentriert und die Brille Ausl├Âser der (beklemmenden) Erinnerung ist. Man h├Ątte die Brille, das, was sie ausmacht, noch n├Ąher beschreiben und akzentuieren k├Ânnen. Hier und da Satzbau und Kommasetzungen ├╝berarbeiten bzw. ├╝berpr├╝fen.

Ein Problem sehe ich in der Glaubhaftigkeit der Bedr├Ąngungsszene in der Tram. Man kann sich vorstellen, dass so etwas einmal, zweimal passiert. Aber ein Leser wird nun denken, dass eine Tram nicht eben klein ist und es wohl auch f├╝r die Protagonistin des Textes eine Reihe von M├Âglichkeiten gibt, nicht immer ausgerechnet da zu stehen, wo der Herr mit Brille ihr seine Erektion in den R├╝cken dr├╝ckt. Solche Vorkommnisse, das bestreitet wohl niemand, sind traurig, ja erschreckend und verdienen ├Âffentlich gemacht zu werden.

Im Falle deines Textes frage ich mich aber eben, hat das M├Ądchen keine Freundinnen, mit denen es unterwegs ist? Dadurch ergeben sich doch st├Ąndig neue Konstellationen. Mal gibt es doch wohl auch einen Sitzplatz. Ein Tramwagen ist ziemlich lang. Manche Trams ÔÇô gerade zu Hauptverkehrszeiten ÔÇô haben auch mehrere Wagen. Dass der Mann jedes Mal ausgerechnet so direkt hinter ihr steht, entspricht nicht der Wahrscheinlichkeit ÔÇô jedenfalls kommt es so nicht r├╝ber -, sondern nur der Intention der Erz├Ąhlerin hier eine wiederkehrende Situation zu konstruieren.

Es w├Ąre eine ├ťberlegung wert, ob man nicht die Szene um einen ÔÇ×einmaligenÔÇť Vorfall herum gestaltet. Das kann genauso eindringlich sein. Und es wirkt am Ende glaubw├╝rdiger.

Was das Stilistische angeht, hier beispielhaft ein Satz, an dem man feilen k├Ânnte.
Mit mir stieg ein junger Mann mit Brille ein.

An diesem Satz hadere ich mit dem Klang, das doppelte "mit mir" / "mit Brille" in dieser K├╝rze. Ich finde ihn auch fast zu knapp, denn dieser Satz ist ja fast ein Schl├╝sselsatz der gesamten Szene und eben ein heikler Punkt, weil hier die Frage sich stellt, was hei├čt ÔÇ×mit mirÔÇť. Der Satz k├Ânnte ein wenig mehr Fleisch haben, etwa so nur als Verdeutlichung: An derselben Station stieg zur selben Zeit (jedes Mal) ein junger Mann ein, der eine schwarze Brille trug.

Ach, und noch eine Kleinigkeit: Es wirkt so, als sollten in deinem Text gerade auch Intellektuelle besonders ins Visier genommen werden: Es ist also eine Brille f├╝r ÔÇ×die Intellektuellen, nicht die Handwerker oder SparkassenangestelltenÔÇť.
Nun ja, wenn das denn so ist... Mir scheint, dass nicht nur M├Ąnner, sondern auch junge Frauen solche schwarzen Brillen tragen, die einen h├╝bschen Kontrast zum feineren Gesicht bilden. Eine Mode, die auch schon fast wieder vor├╝ber ist.

Alles in allem: Eine von der Idee her gute Szene, die viele Ans├Ątze zu einer ├╝berzeugenden Ausgestaltung bietet.
Beste Gr├╝├če

Monfou

Bearbeiten/Löschen    


Candice
???
Registriert: Jun 2003

Werke: 10
Kommentare: 14
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Candice eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Monfou Nouveau,
ich freue mich sehr ├╝ber deine lange Antwort und die Gedanken, die du dir zu meinem Text gemacht hast. Befinde mich gerade am Anfang eines Weges, so als h├Ątte ich eben erst laufen gelernt, und wage mich mutig hinaus in die Welt. Also, vielen Dank nochmal, ich habe jetzt wieder neuen "Rohstoff zur Erleuchtung".
Candice

Bearbeiten/Löschen    


gareth
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Dec 2003

Werke: 132
Kommentare: 783
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um gareth eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Hallo Candice,

ich hab es jetzt sehr viel einfacher als Monfou, dessen sauberer Analyse ich mich einfach anschlie├čen kann. Mir gef├Ąllt Deine Sprache und ich w├╝rde mich freuen, wenn Du den zweifels- und arbeitsreichen Weg des Schreibens weitergehst und es bald mehr von Dir zu lesen gibt

Freundliche Gr├╝├če
gareth

Bearbeiten/Löschen    


Candice
???
Registriert: Jun 2003

Werke: 10
Kommentare: 14
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Candice eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo gareth,
tausend Dank f├╝r die ermutigenden Worte.
Ich werde mir M├╝he geben, die in mich gesetzte Hoffnung zu erf├╝llen...
Ich habe auch noch millionsiebzehn Ideen im K├Âpfchen.
Candice

Bearbeiten/Löschen    


IKT
Guest
Registriert: Not Yet

Mir gef├Ąllt Deine Art zu schreiben. Ich habe mir, nachdem ich die anderen Komm. gelesen habe, das Ganze nochmals durchgelesen. Meine Gedanken: Vielleicht war es ein ein - oder zweimaliger Vorfall. Aber als Kind empfindet man so etwas wohl noch viel intensiver, schrecklicher. Dadurch kann es schon geschehen, dass man selbst dann glaubt, das Ganze sei mehrfach passiert.
Ansonsten kann ich mich eigentlich nur den vorhergehenden
Komm. anschlie├čen.
VielSpa├č weiterhin! IKT

Bearbeiten/Löschen    


Candice
???
Registriert: Jun 2003

Werke: 10
Kommentare: 14
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Candice eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Liebe IKT,
aus der Sicht eines Kindes gibt es noch viel mehr "immer" und "nie" als bei uns Erwachsenen, da hast du einen ganz entscheidenden Punkt erkannt. Das Interessante am Schreiben ist f├╝r mich- zumindest in diesem Augenblick- solche Einsichten zu gewinnen.
Ich danke dir sehr f├╝r deine Antwort, mit wahrhaft herzlichem Gru├č, Candice

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzprosa Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!