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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Erinnerungen
Eingestellt am 27. 11. 2003 20:08


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mye
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Erinnerungen



Und wie auf Knopfdruck entschwand ihr das Leben.
Es war, als w├╝rde man ein Licht ausschalten.


Es war ein sonniger Tag, nahezu wolkenlos und hellblau wie das klarste Wasser des Ozeans. Ein Tag, der die Heiterkeit der Menschen f├Ârdert. Ein Tag, an dem man mit freudiger Erwartung auf das erl├Âsende Klingeln des Eismannes wartet. Ein Tag, der den puren Glanz eines wunderbaren Sommers unverschleiert aufdeckt. Ein Tag, an dem Menschen sterben.

Das erl├Âsende Klingeln des Eismannes... Erl├Âsung kann ja in so vielen Formen auftauchen. F├╝r die B├Ąume w├Ąre ein Regentag erl├Âsend; die wollen den Eismann bestimmt nicht sehen. Tja, so gehen die Ansichten auseinander. Manch einer sieht im Tod auch eine Erl├Âsung. Schade, dass man die Betroffenen im Nachhinein nicht fragen kann. Aber dennoch, ich bin mir sicher, dass es manchmal so ist. Wenn man dabei war, ist man sich einfach sicher.

Es war also ein sonniger Tag (ein Tag voll von erl├Âsenden Elementen) und gewissenhaft trat ich meinen Fr├╝hdienst in dem Seniorenheim an. Ich war Zivildienstleistender... im Herzen werde ich es immer bleiben. Nach dem Umziehen im alten Keller -├╝berhaupt schien alles an dem Geb├Ąude alt- kam ich vorerst wie jeden Tag (au├čer die Tage, an denen die T├╝r verschlossen und der schl├╝sseltragende Kollege verschwunden war) ins Dienstzimmer. Wohltuend rann der hei├če Kaffee meine Kehle hinunter und begann, mich und meinen noch m├╝den K├Ârper zu beleben. Drei Zimmer weiter geschah genau das Gegenteil.

„Und, wie geht es ihr heute? Lebt sie noch?".

Sie k├Ânnen mir glauben, auch wenn es sich nur lapidar dahingesprochen anh├Ârt, die innere Betroffenheit bei solchen Fragen ist gravierend. Liest man in der Zeitung Artikel von Todesf├Ąllen, so bewirken diese im Normalfall Mitgef├╝hl. Hatte man jedoch zuvor, ohne den Menschen wirklich kennengelernt zu haben, einen kontinuierlichen Kontakt zu jener Person schlie├čt sich dem Mitgef├╝hl noch Betroffenheit an... irgendwie f├╝hlt man sich in die Geschichte integriert; man hatte mit dem Menschen gesprochen (oder so ├Ąhnlich, aber dazu sage ich sp├Ąter noch etwas), ihm beim Essen zugesehen, ja sogar teilweise -als w├╝rden sich die Lebenskenntnisse wieder dem Anfang n├Ąhern- dabei geholfen. Ja, ohne Frage, man wird sogar ein wichtiger Teil der Geschichte... wenn man sich darauf einlassen kann. Wenn das Menschliche ├╝ber der Scham steht. Ich meine, hey, ich war neunzehn Jahre alt, ein junger Mann. K├Ânnen mich die Worte einer ├ťber-90-J├Ąhrigen zu Tr├Ąnen r├╝hren? Ich bitte Sie... nat├╝rlich.

Wir sa├čen beim Mittagessen. Sie in einem Rollstuhl, ich daneben in einem normalen Stuhl. So richtig konnte sie sich nicht auf das Essen konzentrieren. Das Weinen erschwerte die ganze Sache.

„... fr├╝her... Eltern", Tr├Ąnen aus einer weiten Vergangenheit, die bis zum damaligen Augenblick ├╝berdauerten, traten aus den glasigen Augen. Die Sonne spiegelte sich in ihnen... Erl├Âsung und Trauer... nicht immer eine Kontroverse. Sie erz├Ąhlte viel und gerne von ihren Eltern, aus ihrer Kindheit; unglaublich woran sich eine Frau solch fortgeschrittenen Alters erinnern kann, wenn ich bedenke, dass mir lediglich Fetzten meiner Kindheit im Ged├Ąchtnis geblieben sind.

„Mein Schwiegersohn... geschlagen...".

„Wie bitte, ich habe sie leider nicht verstanden?".

„Mein Schwiegersohn... mich geschlagen...".

Und dann diese Redensart -dieser „R├╝cklauf"- als w├╝rde einem ein kleines Kind gegen├╝bersitzen, das aus einem fr├╝heren Leben zu erz├Ąhlen scheint. Woher h├Ątte es sonst all die Erinnerungen? Dann verliefen sich ihre Worte in ihren Tr├Ąnen, schwammen davon in einen unverst├Ąndlichen Monolog. So war die Unterredung augenscheinlich vor├╝ber. Doch auch in diesem Aspekt bin ich mir sicher, dass es nicht so war. Nicht f├╝r sie. Auch wenn sie in eine unergr├╝ndliche Ferne blickte, den Kopf abgewandt, so ist es nicht verwerflich, auch weiterhin zwischendurch „Ja"und „Aha" einzuwerfen. Auch wenn ich die Worte nicht verstand, ├╝ber die Wichtigkeit ist nicht zu zweifeln, wenn Menschen weinend erz├Ąhlen. Es ist schon bemerkenswert, dass man mit solch kleinen Worten, so etwas wie Gl├╝ck erzeugen kann. Obwohl man sie nur scheinbar beil├Ąufig sagt, ohne sich ├╝ber die Auswirkung bewusst zu sein. Was kann man dann erst alles erreichen, wenn man sich zuvor Gedanken macht? Wow!

Auch nach ihrem Tod flogen meine Gedanken noch einige Male ├╝ber dieser Begegnung. Und ich war sehr froh dar├╝ber, nicht nur einmal dabei gewesen zu sein, als sie sich „ausgesprochen" hat. Selbst wenn sie es anschlie├čend wieder verga├č, der Moment war es, der kurze Augenblick, einen Zuh├Ârer zu haben.

Nur einige Zeit sp├Ąter erlangte mich eine Nachricht von einem Kollegen. Sie teilte mir mit, dass ein weiterer Bewohner verstorben sei. Namen flatterten durch meinen Kopf wie aufgebrachte Sperlinge, doch der Richtige war nicht dabei. Verdammt, wie denn auch? Gerade gestern hat er noch abgewaschen, hat sich so oft mit mir ├╝ber Fu├čball unterhalten. Er war noch so jung.

Ich war auf der Station f├╝r psychisch Erkrankte und so war es normal, dass auch j├╝ngere Bewohner auf dieser Ebene des Seniorenheimes lebten. Teilweise waren diese Menschen j├╝nger, als das Pflegepersonal, das sie betreute. Das sind irgendwie die kuriosen und ungeschriebenen Gesetze des Lebens... nein, das ist das Leben.

An diesem Tag sind noch weitere Menschen auf den anderen Stationen verstorben. Es ist schon erschreckend, wenn man mitbekommt, wie sich Schicksale scheinbar pausenlos aneinanderreihen, als w├Ąre das Leben ein Flie├čband.


Ach so: Es war ein sonniger Tag, keine Wolken, viel Eis, noch mehr Get├Âse... doch ich muss ehrlich sagen... irgendwie war es mir entscheidend zu hei├č, zu dr├╝ckend.

„Lebt sie noch?".

„Ja".

Erl├Âsung? Gl├╝ck?


Einige Tage sp├Ąter standen wir an ihrem Bett -eine Kollegen und ich. Wir wollten sie waschen, sie „zurechtmachen"... f├╝r den Tod. Drau├čen lachten die Menschen. An der T├╝r zu ihrem Zimmer ging jemand vorbei. Wenig sp├Ąter h├Ârte man lautes Gerede vom Flur -andere Bewohner haben gestritten. Dann klingelte das Diensttelefon und auf der Stra├če hupte ein Auto. V├Âgel zwitscherten. Das Flie├čband lief weiter... w├Ąhrend ein Mensch im Sterben lag.

Ihr Mund war weit ge├Âffnet und die Schnappatmung hatte schon vor geraumer Zeit eingesetzt. Das sogenannte „Dreieck" war deutlich um den klagenden Mund herum erkennbar und auch die Farbe entwich allm├Ąhlich ihrem K├Ârper. Wir wuschen sie, drehten sie, pflegten sie, halfen ihr. Alles nahm seinen Lauf.

„Nein, nicht jetzt", sagte meine Kollegin... und unter unseren traurigen Augen lie├č die alte Frau los.

Und wie auf Knopfdruck entschwand ihr das Leben.
Es war, als w├╝rde man ein Licht ausschalten.
Doch auch ein erloschenes Feuer kann brennen.
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flammarion
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eine

sehr anr├╝hrende geschichte. mach mal so weiter!
ganz lieb gr├╝├čt
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Old Icke

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mye
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vielen dank

f├╝r diesen wirklich sch├Ânen kommentar. das freut mich besonders, da dieser text sehr pers├Ânlich ist und selbstverst├Ąndlich aus wahren begebenheiten besteht. ich w├╝nsche ein angenehmes wochenende.

lieben gru├č

andr├ę
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