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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Erinnerungen
Eingestellt am 17. 04. 2006 16:05


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sylvanamaria
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2005

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Erinnerungen

Fast ger├Ąuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angez├╝ndet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden.
Es war nun geschehen. Ob die Entscheidung richtig gewesen ist, w├╝rden die kommenden Tage, Wochen und Monate zeigen. Dem einsamen Mann war allerdings auch bewusst, dass ohne weiterreichende Konsequenzen keine andere M├Âglichkeit bestanden hatte. Morgen um 9.00 Uhr wird sein Sohn Martin den Dienst bei den Streitkr├Ąften der Nationalen Volksarmee der DDR antreten ÔÇô enthusiastisch und stolz wie sein Gro├čvater, aktiver Offizier im Dienst der NVA. Bis zu seinem Tod im vorangegangenen Jahr hatte er seinem Sohn Wolfgang immer gezeigt, welche Meinung er zu Zivilisten hatte und dass er die Entscheidung seines Sohnes immer noch missbilligte. Nur aus diesem Grund konnte ein so inniges Band zwischen Gro├čvater und Enkel entstehen: Martin lauschte schon als kleiner Junge fasziniert den Erz├Ąhlungen von Johannes ├╝ber Ehre, Ruhm, Vaterlandsverteidigung - Schlagworte, ├╝ber dessen wahren Werte sich Wolfgang l├Ąngst keine Illusionen mehr machte.
Seine Gedanken wanderten 23 Jahre zur├╝ck, an einen regnerischen und st├╝rmischen Oktobertag anno 1960. Wolfgangs Inneres raste und toste wie das Wetter vor der T├╝r. Er war so alt wie Martin jetzt, knapp 18, und doch war die Ausgangssituation anders. Er erinnerte sich, wie stolz Johannes gewesen war, als der Einberufungsbefehl kam und dass er von Familientradition, Ehre usw. sprach. Wolfgang h├Ârte kaum zu. Seit langem hatte er gewusst, dass dieser Tag kommen w├╝rde: Es beruhigte ihn nicht, sondern machte ihn nur traurig und w├╝tend zugleich. Er wusste, dass es keine M├Âglichkeit gab f├╝r das Jetzt, wohl aber f├╝r das Sp├Ąter. In der ersten Woche beging ein Rekrut Selbstmord ÔÇô die Kommandantur nannte es Unfalltod beim Man├Âver. Wolfgang wusste es besser. Jan war ein sensibler junger Mann aus einer K├╝nstlerfamilie gewesen, der nach dem Grundwehrdienst Musik studieren wollte. Ein Grund, ihm besonderen Drill angedeihen zu lassen. Wolfgang wusste, er war stark genug an K├Ârper und Geist, um dies durchzustehen. Dies wiederum reizte die Ausbilder, auch ihm besonderen Drill angedeihen zu lassen. Sie wollten ihn klein kriegen, winseln sehen. Diesen Gefallen tat er ihnen nie. Er stand die Pr├╝fungen durch. Gleichzeitig reifte in ihm der Entschluss, nach den drei Jahren Jura zu studieren, um die Schwachen gegen die Starken zu verteidigen und Menschen in Not zu helfen. Drei Jahre musste er dienen, um zum Studium zugelassen zu werden. Er biss die Z├Ąhne zusammen und vertraute sich keinem an, denn Spitzel lauerten ├╝berall. Nebenher besorgte er sich B├╝cher, las und schrieb viel. Er sichtete in Frage kommende Universit├Ąten, die zum einen weit entfernt vom Machtbereich seines Vater liegen mussten, und um zum anderen nah genug, um bei Sylvia zu sein. Oh ja, Sylvia seine damalige h├╝bsche Freundin. Zu diesem Zeitpunkt konnte er nicht ahnen, dass er nur aufgrund seines Status als Offiziersanw├Ąrter repr├Ąsentabel war. Aber auch diese Lektion sollte er bald lernen. Au├čerdem musste der Studienort ├╝ber M├Âglichkeiten zu Gelegenheitsjobs verf├╝gen, denn er war sich dar├╝ber im klaren, dass sein Vater keine m├╝de Mark Unterhalt zahlen w├╝rde. Es kam jedoch so, wie es kommen musste. Geheimnisse gibt es in einer Mannschaftsbaracke nicht und eines Tages wurde er in die Wachstube zitiert. Als erstes sah er seinen Vater, voll von kaltem Zorn, in seiner Uniform mit allen Orden, als zweites die Kommandopapiere nach Berlin. Wie sein Vater erkl├Ąrte zu einer Dienststelle mit ordentlichem aktiven Dienst, wo Wolfgang keine Zeit f├╝r solche Flausen haben w├╝rde. Man schrieb den 13.07.1961. Diese Entscheidung sollte Johannes sein Leben lang bereuen, denn die einen Monat sp├Ąter Berlin auf den Kopf stellenden Ereignisse pr├Ągten Wolfgang f├╝r sein ganzes Leben lang. Am 12.08. mussten damals alle in der Kaserne befindlichen Soldaten und Rekruten ausr├╝cken. Niemand wusste etwas, aber Bedrohliches lag in der Luft. Abends bezog Wolfgangs Kompanie Stellung vor dem Brandenburger Tor und am 13.08.1961 wurde die Grenze zwischen dem Ostsektor und den Westsektoren abgeriegelt. Diese Ereignisse hat er nie vergessen. Die Teilung der Stadt teilte Menschenschicksale: Familien wurden getrennt, Tausende verloren ihre Arbeit, zwischenmenschliche Ost ÔÇôWest ÔÇôBeziehungen gekappt. Kinder wuchsen teilweise nur mit einem Elternteil auf, da der andere im falschen Sektor wohnte. Familienzusammenf├╝hrungen waren nicht immer erfolgreich. In den Tagen darauf wurde Schie├čbefehl ausgegeben. Jedem war der Inhalt und die Auswirkungen des Befehls bewusst. Wer noch zweifelte, dem wurden Parolen eingeimpft: jeder, der von Ost nach West fl├╝chtete, war ein Republikfl├╝chtling, ein Klassenfeind, ein Vaterlands- und Hochverr├Ąter, der eliminiert werden musste. Das betraf nicht nur M├Ąnner, sondern auch Frauen, Kinder und Alte. Und es wurde geschossen. Die Blitze aus den Gewehrm├╝ndungen brannten die Bilder unausl├Âschlich in sein Ged├Ąchtnis ein. Noch heute hat er Alptr├Ąume. Er sah Kinder, deren V├Ąter oder M├╝tter einfach umfielen und die dies nicht verstehen konnten. Er sah M├╝tter, die sich ├╝ber ihre von Kugeln getroffenen Kinder warfen und abgef├╝hrt wurden. Er sah, dass Menschen wie Hasen gejagt wurden. Aber er schwieg und f├╝hrte seine Befehle aus, da er genauso viel Angst hatte wie die Menschen vor ihm: Angst vor dem ber├╝chtigten Arrest oder Schlimmeren.
Wolfgang hat nie dar├╝ber gesprochen.
Nach drei Jahren ÔÇô 1963 ÔÇô quittierte er den Dienst. Sein Vater tobte, aber durch das Erbe m├╝tterlicherseits war Wolfgang einigerma├čen finanziell unabh├Ąngig um seine Ideen zu verwirklichen. Auch die Wahrheit ├╝ber Sylvia kannte er, aber zu diesem Zeitpunkt hatte er schon seine liebreizende Henriette kennen gelernt, die es wie durch ein Wunder auch schaffte, Vater und Sohn einigerma├čen zu vers├Âhnen.
Wolfgang fluchte leise vor sich hin. Die Zigarette hatte seine Fingerkuppen verbrannt. Seine Gedanken kehrten in die Gegenwart zur├╝ck. Er konnte nur hoffen, dass seinem Sohn solche Erfahrungen erspart blieben und dass er erkennen w├╝rde, worin wirkliche Ehre und Heldenmut besteht: im Dienst an den Menschen selbst. Es gibt immer jemanden, der schw├Ącher ist und die Hilfe anderer ben├Âtigt.

__________________
syl

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