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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Erinnerungen an einen wahren Freund
Eingestellt am 26. 12. 2001 22:46


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kosta
Hobbydichter
Registriert: Nov 2001

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Erinnerungen an einen wahren Freund

Obwohl es nun schon fast sieben Jahre her ist, dass ich ihn zum letzten Mal gesehen habe, denke ich heute noch sehr oft an Sokrates. Damit meine ich nicht etwa den ber├╝hmten Philosophen aus der Antike, sondern meinen besten Freund aus meiner Milit├Ąrzeit. Ich habe nur sechs Monate gedient und die meiste Zeit davon war ich auf der griechischen Insel Samos, die gerade mal 800 Meter vom t├╝rkischen Festland entfernt ist. Es war eine schwierige, aber auch wundersch├Âne Zeit, die ich niemals vergessen werde. Mein Vater hat mir damals immer gesagt, dass man beim Milit├Ąr vom Kind zum Manne wird, aber ich wei├č heute, dass diese Einstellung in der heutigen Zeit etwas veraltet ist. Wenn man mich fragt, was f├╝r mich die wichtigste und beste Erfahrung ist, die ich dort gemacht habe, w├╝rde ich ohne zu z├Âgern sagen, dass ich dort gelernt habe, was wahre Freundschaft bedeutet. Niemals wieder habe ich so einen Zusammenhalt und eine so innige Freundschaft erlebt, wie dort. Ich lernte Sokrates kennen, der mich nie bei meinem richtigen Namen, sondern einfach nur ÔÇ×SpaceÔÇť genannt hat und er hat mir gezeigt was es hei├čt, wenn es immer jemanden gibt, der f├╝r einen da ist, egal wie schlecht es einem geht. Wir sind zusammen durch dick und d├╝nn gegangen und haben monatelang unsere freudigen, als auch unsere traurigen Momente miteinander geteilt. Im Sommer des Jahres 1994 haben wir uns zum letzten Mal gesehen. Wir haben uns voneinander verabschiedet und ich habe ihn seitdem nie wieder gesehen. Es gibt Momente, wo ich mir Vorw├╝rfe mache, dass ich ihn zum Abschied nicht umarmt habe, denn er war wie ein Bruder f├╝r mich. Manchmal denke ich dar├╝ber nach, was es eigentlich war, das uns im Laufe unserer gemeinsamen Zeit sosehr zusammengeschwei├čt hat und merkw├╝rdigerweise komme ich immer zum selben Schluss: Wir konnten so wunderbar miteinander Schweigen. Oftmals vergingen wirklich Stunden, wo wir zusammen Ausgang hatten und einfach nur in einem Stra├čencafe sa├čen und unsere Freizeit genossen haben, ohne auch nur ein einziges Wort miteinander zu wechseln. Wir schwiegen, aber die Ruhe war keinesfalls unbehaglich, ganz im Gegenteil. Nat├╝rlich unterhielten wir uns auch oft. Wir konnten manchmal tagelang ├╝ber nichts anderes als beispielsweise die kalten Winter in Deutschland, oder andere ÔÇ×typisch deutscheÔÇť Dinge unterhalten, wie Weihnachtsm├Ąrkte, Jahrm├Ąrkte, oder Schnitzel... Er ist in Dachau, ein paar Kilometer au├čerhalb von M├╝nchen aufgewachsen und manchmal machten wir uns einen Spa├č daraus Deutsch zu reden, wenn andere dabei waren, die uns nat├╝rlich nicht verstehen konnten.
Es gibt so viele Dinge, die ich von ihm erz├Ąhlen k├Ânnte, aber ich habe mich entschieden es nur bei einer kleinen Geschichte zu belassen. Sie hat sich im Fr├╝hsommer jenen Jahres zugetragen und ich werde sie niemals vergessen. Es hei├čt immer, dass wahre Freunde erst dann erkannt werden, wenn es einen Mal richtig schlecht geht und genau da war damals bei mir der Fall. Eines Tages stand ich auf einmal ohne Geld da. Ich hatte meine Finanzen einfach ├╝bersch├Ątzt und obwohl ich Geld aus Deutschland erwartet habe, kam nichts. Irgendwann hatte ich tats├Ąchlich nur noch ein paar M├╝nzen in der Tasche und sonst nichts. Als ich dann irgendwann Ausgang hatte, konnte ich mich nicht so recht dar├╝ber freuen, denn ich hatte Hunger, wollte zu Hause anrufen und mich einfach mal irgendwo hinsetzen, um Mal bei einem k├╝hlen Glas Bier etwas auszuspannen, aber das war v├Âllig unm├Âglich. Zu allen ├ťberfluss kam dann auch noch mein Ausbilder an und musterte mich misstrauisch. Er begutachtete meine Frisur und ich ahnte bereit nichts gutes als er mit seiner Hand ├╝ber meinen Nacken strich um die Korrektheit meiner Haarl├Ąnge zu ├╝berpr├╝fen.
ÔÇ×Du must zum Friseur, sonst setzt es was! Wenn ich dich morgen fr├╝h immer noch mit diesem Kopf sehe, bekommst du zwei Wochen Ausgangssperre aufgebrummt, kapiert? Wenn du unbedingt wie Bob Marley aussehen willst, hast du hier nichts zu suchen!ÔÇť
Ich nickte kurz und rief ein lebhaftes ÔÇ×Jawoll!ÔÇť. Was sollte ich jetzt machen? Ich hatte nicht einmal Geld um mir eine T├╝te Kartoffelchips zu kaufen damit ich etwas im Magen habe und der Kerl kommt daher und verlangt von mir, dass ich zum Friseur gehe! Ich h├Ątte ihm am liebsten hinterhergerufen, ob er den Arsch auf hat, aber dann h├Ątte ich erst recht ├ärger bekommen.
Somit stand ich also da und befand mich in einer Situation, vor der ich immer Angst hatte. Ich musste irgendwie an Geld kommen und das Naheliegenste war es nat├╝rlich, meine Kameraden zu fragen, ob sie mir nicht f├╝r ein paar Tage etwas Geld leihen k├Ânnten. Ich habe es auch getan und seit jenem Tag wei├č ich, dass es nichts entw├╝rdigenderes gibt, als andere Leute um Geld anzubetteln. Man kommt sich dabei wie der letzte Dreck auf Erden vor. Ich habe mehrere Leute gefragt, aber alle haben mich nur kurz abgeschaut und mit dem Kopf gesch├╝ttelt. Einer von ihnen ist sogar richtig b├Âse geworden und rief, was mir denn ├╝berhaupt einfiele ausgerechnet ihn nach Geld zu fragen, wo ich doch genau w├╝sste, wie schlecht es ihm in dieser Beziehung ginge. Schlie├člich viel mir keiner mehr ein, den ich noch fragen k├Ânnte und ich hatte bereits begonnen mich damit abzufinden, dass mein Magen leer bleiben w├╝rde und ich bestraft werde.
Nachdem ich mich umgezogen und die Kaserne verlassen hatte, wusste ich nicht was ich tun sollte. Ich war in einer kleinen Gruppe von etwa f├╝nf bis zehn Leuten und ich hatte jeden von ihnen bereits gefragt. Da begegnete mir auf einmal Sokrates. Er sa├č auf einer Bank in der N├Ąhe des Dorfplatzes und war anscheinend mit Nichtstun besch├Ąftigt. Es grinste fr├Âhlich als er mich sah und winkte mir zu, dass ich mich zu ihm setzen soll. Das tat ich dann auch und nach ein paar Minuten fragte ich: ÔÇ×Du h├Âr mal Sokrates, mir geht es im Moment nicht so toll. Ich bin v├Âllig pleite und bekomme eine Strafe aufgebrummt, wenn ich mir nicht die Haare schneiden lasse. ├ähm... k├Ânntest du vielleicht... ich meine...ÔÇť
Es schaute mir einen Augenblick lang tief in die Augen und holte seine Geldb├Ârse hervor. Er drehte sich ein St├╝ck von mir weg und kramte eine Weile darin herum. Schlie├člich drehte er sich wieder in meine Richtung um und gab mir einen Tausenddrachmenschein, der damals etwa 6,50 DM Wert war. Ich habe mich herzlich bei ihm bedankt und lief gleich darauf los um zum Friseur zu gehen. Dort angekommen, lies ich mir nur den Nacken ausrasieren wof├╝r ich freundlicherweise nichts zu bezahlen brauchte. Gleich darauf lief ich zum n├Ąchsten Kiosk, wo ich zuerst zu Hause angerufen habe, um meine Eltern um etwas Geld zu bitten. Das ganze Gespr├Ąch hat nicht l├Ąnger als ein paar Sekunden gedauert, denn ich hatte Angst, dass das Geld sonst nicht reichen k├Ânnte. Ich muss meinen armen Vater zu Tode erschreckt haben, aber was h├Ątte ich machen sollen? Als ich aufgelegt hatte, reichte es tats├Ąchlich noch f├╝r eine Tafel Vollmilchschokolade und eine Schachtel Zigaretten. Ich schlang die Schokolade in mich hinein und rauchte danach eine Zigarette, w├Ąhren ich mich wieder auf den Weg zur Bank machte, wo Sokrates auf mich wartete. Er l├Ąchelte wieder, als er mich sah. Aus irgendeinem Grund, setzte ich mich nicht gleich neben ihn, sondern blieb erst einmal stehen und unterhielt mich mit ihm. Ich glaube, ich war unentschlossen, ob ich bei ihm bleiben sollte, oder ob ich nicht vielleicht losziehen w├╝rde, um ein paar andere Typen zu finden, die mich auf ein paar Bierchen einladen konnten.
ÔÇ×Sag' malÔÇť, sagte ich nach einer Weile, ÔÇ×warum sitzt du eigentlich hier alleine 'rum und bist nicht bei den anderen?ÔÇť
Er schaute mich auf seine Art an und das hei├čt konkret, dass sein Blick eine Mischung aus naiver Verschlagenheit und Begeisterung war. Eigentlich sagte dieser Ausdruck, den er regelrecht abonniert zu haben schien, nichts ├╝ber seinen wahren Charakter aus, der eher zur├╝ckgezogen und still war.
ÔÇ×Och... mir war nur nicht danach mich in irgendeine Bar zu setzen und da dachte ich, dass ich vielleicht ein bisschen in der Sonne bade. Ich habe es n├Âtig.ÔÇť Er grinste breit und blinzelte mir dabei in die Augen. Pl├Âtzlich, wie aus heiterem Himmel wurde mir alles klar. Ich schaute ihn an und wusste sofort den wahren Grund f├╝r seine pl├Âtzliche Lust auf in Sonnenbad, bei dem sich dieser schlohwei├če Junge wahrscheinlich nur einen schmerzhaften Sonnenbrand geholt h├Ątte. Er hatte kein Geld mehr! Er hatte mir seinen letzten Tausender gegeben und war jetzt selber v├Âllig pleite.
ÔÇ×Du hast mir doch nicht etwa dein letztes Geld gegeben, Sokrates?ÔÇť, fragte ich ungl├Ąubig. Mit jedem Wort, was ich sagte, schien sein L├Ącheln freundlicher zu werden.
ÔÇ×Nein! Ich habe noch... warte mal...ÔÇť, er schien scharf nachdenken zu m├╝ssen, ÔÇ×genau! 35 Drachmen.ÔÇť
40 Pfennige... Da stand ich also, mit meinem neuen Haarschnitt, meinem vollen Magen und ich konnte ihm nicht einmal eine Zigarette anbieten, da er Nichtraucher war. Er hatte mir alles gegeben was er hatte, damit es mir nicht schlechter ging als ihm. Ich setzte mich neben ihn und wir verbrachten den ganzen Tag miteinander. Ich suchte nach den richtigen Worten, um meine Dankbarkeit ausdr├╝cken zu k├Ânnen, aber er hat jedesmal abgewunken und gesagt, dass es schon in Ordnung sei, schlie├člich w├╝sste er, dass ich es auch f├╝r ihn getan h├Ątte. Wir plauderten ├╝ber alles m├Âgliche, oder wir schwiegen einfach und lie├čen die Sonne unsere Gesichter w├Ąrmen. Bis heute ist mir jener Tag als einer der allersch├Ânsten beim Milit├Ąr in Erinnerung geblieben. Es war in sch├Âner Tag, der uns endg├╝ltig zusammengeschwei├čt hat. Er ist f├╝r mich nicht mehr einfach nur ein Freund, er ist wie ein Bruder f├╝r mich und das sage ich nicht, weil es so sch├Ân klingt, sondern weil es die Wahrheit ist.
Seit jenem Tag, bis einschlie├člich heute frage ich mich immer wieder, ob ich f├╝r ihn das gleiche getan h├Ątte und ich bin nicht in der Lage eine Antwort darauf zu finden. Sicher ist, dass ich es seitdem tun w├╝rde, aber damals? Ich wei├č es nicht! Sokrates war sich sicher, dass ich es getan h├Ątte, aber ich bin es nicht! Manchmal, wenn es mir nicht so gut geht, denke ich an ihn und bin ├╝berzeugt, dass ich einen so netten Kerl wie ihn gar nicht als Freund verdient habe...

Etwa zwei Jahre sp├Ąter, als ich schon l├Ąngst aus dem Milit├Ąr entlassen war, holte ich meine Jeansjacke aus der Waschmaschine und bemerkte einen harten Gegenstand in der linken Brustasche. Ich ├Âffnete sie, steckte meine Hand hinein und wurde auf einmal unendlich traurig. Eine Welt brach f├╝r mich zusammen, denn ich hatte einen Menschen f├╝r immer verloren. Einen Menschen, der mir sehr viel bedeutet hat. Es war mein Taschenkalender, mit allen Adressen und Telefonnummern meiner Freunde und Bekannten. Auch Sokrates' Telefonnummer aus Athen war dabei. Sie ist f├╝r immer verschwunden und ich wei├č, dass ich ihn nie wiedersehen werde, denn ich kenne seine Adresse nicht. In der Zwischenzeit war ich wieder in Deutschland und er w├╝rde mich niemals finden, wenn er mich mal suchen w├╝rde.
Ich vermisse dich, mein alter Freund. In meinem Herzen wird es immer einen Platz f├╝r dich geben.

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Kosta

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