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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Erinnerungen und Versprechen
Eingestellt am 04. 09. 2009 13:46


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Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

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Erinnerungen sind aus wundersamen Stoff gemacht - trügerisch
und dennoch zwingend, mächtig und schattenhaft.
Es ist kein Verlass auf die Erinnerung, und dennoch gibt es keine
Wirklichkeit außer der, die wir im Gedächtnis tragen.

Klaus Mann


La Defense

„ Kannst du dich noch daran Erinnern?“. Seine Stimme suchte einen Weg durch ihren verträumten Blick. Und noch einmal…
“Kannst du dich erinnern?“
Sie blickte durch ihn hindurch. Seine Gegenwart lag außerhalb ihres Ereignishorizonts musste er feststellen. Er lächelte wegen des Vergleichs aus der Experimentalphysik. Der Kellner trat an ihren Tisch und schenkte Wein nach; einen Languedoc mit hervorragender Muskatnote. Karl hielt inne, lächelte sein Ingenieurlächeln, und orderte einen süßen Wein zum Dessert.
Katrin war immer noch verschwunden. Natürlich sah er sie ganz deutlich vor sich. Sie hatte noch immer dieses gewisse Etwas an das er sich gewöhnt hatte. Während er versuchte sich genau zu erinnern was es war, stellte er ernüchtert fest, dass es ihm nicht gelang den Ort der Erinnerung zu finden. Aber Karin war eingetaucht in das Paris ihrer ersten Jahre.
Er räusperte sich.
„ Also trinken wir auf uns, ja?“
Sie erwachte aus ihrer örtlichen Betäubung.
„ …was?“ Sie sah sein erhobenes Glas. „Ja auf uns.“
„ Ich sprach gerade von früher. Du weißt schon.“
„ Ja früher“, wiederholte sie und meinte doch etwas anderes.
„ Diese dumme Geschichte. Ich meine, schließlich war ich unschuldig…“
„Ach das“, unterbrach sie ihn. Ihre Stimme war ungeduldig. „ Ich will nicht darüber reden…!“
Reden, dachte Karl,das war seine Stärke. Aber da war dieser Kloß im Hals. Der Korken auf dieser alten Sache.
Er versuchte es mit einem Schluck Languedoc.
„ Ich meine ja nur..“
Wie das klang. Selbst als Erstsemestler hatte er nie so gestammelt. Aber da ging es noch um Fakten, um die sichere Seite. Überprüfbar, verifizierbar, singulär.
Keine Auslegungsmöglichkeiten, das war sein Wahlspruch.
Dann hatte er Karin kennen gelernt. Eine Kommilitonin aus einem unteren Semester . Das war auf der Diplom-Feier gewesen. Heiratsmarkt hießen solche Veranstaltungen in Physiker Kreisen. Er hatte gelacht. Und jetzt war er der Einzige, der eine von den damals anwesenden Damen geheiratet hatte.
„Nächste Woche fahre ich nach Zürich“, erklärte Karl, „ich hatte dir davon erzählt?“
Karins Augen. Irgendwo waren sie verschwunden auf der Suche nach einem Bild in ihrem Kopf.
„ Wie lange ist es nun her“. Sie suchte nach einer Zahl. „Eine Ewigkeit. Aber jetzt. Es ist wie eine Zeitreise.“ Sie lächelte wieder.
„ Wir waren jung“, fuhr sie fort, „und anders.“
Der Ober brachte das Dessert. Crepes Surprise nach Art des Hauses. Karin drehte wie ein junges Mädchen den vollen Löffel mit Vanilleeis im Mund herum und zog ihn langsam mit gepressten Lippen wieder heraus. Sie kicherte, dann fing sie mit einem Finger einen Tropfen Vanilleeis auf und leckte ihn genüsslich ab.
Karl zog die Augenbrauen hoch.
„ Also Zürich“, wiederholte er. „Da ist dieses Symposium. Hawkins und Penrose kommen auch….“
„Jetzt“, Karin schlug etwas zu fest mit der Hand auf den Tisch.“ Jetzt fällt mir alles wieder ein.“
Sie zeigte beinahe erleichtert auf den letzten Rest Crepes auf ihrem Teller.
„ Wir saßen zwei Tische weiter, hinten rechts, aber da gab es diesen Mauerdurchbruch noch nicht. Und hier sind neue Bilder an der Wand. Aber dieses eine, das mit dem Mann der ein wenig wie Charlie Chaplin aussieht ist noch da. Und“, sie zeigte auf den Kronleuchter in der Mitte des Raumes, fast so als wäre es Ihr Gral, „dieser Leuchter hängt noch an seinem Platz. Aber die Tische haben Sie verrückt…“.
Sie holte Atem, ignorierte den irritierten Blick ihres Mannes.
„Am Tisch direkt unter dem Leuchter saß damals dieses Pärchen, aus Wien glaube ich.“ Sie nickte, “genau aus Wien. Die waren auch auf Hochzeitsreise.“
Jetzt sah Karin ihren Mann zum ersten Mal an. Es war ein Bild aus der Vergangenheit. Sie sah einen Mann von dreißig Jahren; kurze schwarze Haare, feingliedrige Finger, ein schwach ausgeprägtes Grübchen unter dem Kinn. Ein jugendliches Gesicht, von der Zeit verschont, alles verloren, bis auf die dunklen Pupillen, die sich aber schon seit Jahren hinter einer Brille verstecken mussten.
Eine Wärme stieg in ihr auf, färbte ihre Haut rosa, glättete die Falten um ihre Augen und lies sie ihre rechte Hand auf seine legen, die sie dann einen Moment lang streichelte, bis Sie die Abwesenheit seines Eheringes spürte.
„ Wir wollten dir schon so oft einen Neuen gemacht haben,“ sagte sie leise.
Karl schaute auf den Ringfinger. Lange war die Stelle um den Ring heller geblieben. Aber nun war von seiner Haut die Erinnerung an den Ehering verschwunden.
Irgendwo im Mittelmeer, an der Küste Formenteras, wartete ein Stück Weißgold darauf wieder gefunden zu werden.
„ Wieso wolltest du nie einen Neuen bekommen?“
„ Das ist so nicht richtig. Es gab nur nie eine passende Gelegenheit.“
Der Versuch energisch zu sein scheiterte kläglich. Verlegen zog er seine Hand zurück.
In seinem Kopf strudelten die Gedanken um diese Singularität aus der Vergangenheit. Seine Erinnerung war schemenhaft. Er konnte nichts fassen. Was war passiert, dass er die Ursachen nicht benennen konnte, dass da nichts war außer einem Ereignishorizont hinter dem sich alle Ursachen verbargen.
Fast bedauerte Karl ihre Rückkehr nach Paris. Er schluckte hart und schob seine Gefühle zur Seite.
„ In Zürich könnten wir die Abende zusammen verbringen“, sagte er. Es sollte Vorfreude in seinen Worten mitschwingen, aber seine Stimme war flach und kühl.
„ Die Symposien sind nur tagsüber! Wenn du willst, wie gesagt, ein paar schöne Abende?“
Und wieder schweiften seine Gedanken ab.
Während er grübelte, versuchte er seinem Gesicht, in Erwartung einer positiven Antwort, einen gewissen Glanz zu verleihen.

Warum nur sind wir beide ein Paar, fragte er sich. Was ist die Kraft die uns miteinander verschränkt.
Natürlich, er liebte Katrin. Aber war das nicht nur ein anderes Wort für eine unbekannte Wechselwirkung?
Gibt es kleinere Bestandteile, einen Aufbau, vielleicht auf subatomarer Ebene?
Liebe ist so wenig fassbar, vielleicht nur ein Resultat mehrerer chemischer und psychischer Vorgänge, die Möglichkeiten der Bestimmung offen lies. Und diesem Phänomen kann ich mich nur nähern, wenn ich die Parameter zu ihrer Bestimmung in Unschärfe lasse. Wie bei der Bahn eines Elektrons um den Kern. Bei dem Versuch den genauen Ort und die exakte Geschwindigkeit zu messen, ist ein Scheitern unumgänglich.
Aber ich kenne zumindest die Parameter dieses winzigen Objektes.
Was aber sind die Parameter der Liebe, fragte er sich.
„ Siehst du“, unterbrach Katrin seine Gedanken, „ jetzt machst du selbst schon ein komisches Gesicht. Vielleicht fragst du dich selbst was ich in Zürich soll!“
Sie sprach leise, fast beruhigend. Es war kein Vorwurf in ihrer Stimme.
„Warum sagst du nicht einfach was du willst!“
Sie schaute in sein Gesicht. Da war ein Ausdruck der Entfernung.
„Hörst du, warum sagst du nicht was du willst.“
Wachgerüttelt schüttelte Karl energisch mit dem Kopf.
„Das galt nicht dir“, sagte er eine Spur zu hastig. „ Ich war mit meinen Gedanken woanders.“
Katrin blickte ihn neugierig an.
„ Ich dachte gerade an Elektronen und ihre Bahnen. Über die Kraft der Wechselwirkung zwischen den kleinsten Teilen.“
Katrin lachte.
„ Ist schon seltsam an welche Dinge du denkst hier in Paris. In dem Paris unserer ersten Zeit.“

2

Sie liefen den Boulevard herunter. Arm in Arm. Ihre Schatten schwankten leicht unter dem Licht der Laternen, mal waren sie grotesk verzerrt, ein anderes Mal erkannte man das genaue Abbild einer dreidimensionalen Wirklichkeit.
„ Diese Schatten sind wie die Wahrheit“, sagte Karl nachdenklich. „Je nach dem unter welchem Winkel man Sie beleuchtet erscheint sie anders. Aber alles was wir haben sind nur diese wechselnden Schatten!“
„ Sprichst du über Menschen oder über Physik“, fragte Katrin nach.
Dann hielt sie an und zog ihn vor ein Schaufenster.
Neugierig betrachtete sie die Auslage eines Juweliergeschäftes. Ihr Blick wurde gehalten von einer hübsch aufgestellten Reihe von Eheringen.
„ So ein Zufall“, sagte sie. „ Schau nur diese Ringe. Hier der obere ist sogar aus Weißgold.“
Ruhig betrachtete sie den Ring im Fenster und dann den an ihrer rechten Hand.
„ Verblüffend diese Ähnlichkeit. Fast identisch.“
Sie schaute Karl mit großen Augen an.
Karl konnte ein Gähnen nicht unterdrücken und schaute verlegen zur Seite.
Sie zeigte auf das Öffnungsschild.
„In Paris hat alles länger auf. Wir könnten doch kurz hineinschauen und uns den Ring aus der Nähe betrachten.“
Sie machte eine kurze Pause und schob sich ihr blond gefärbtes Haar aus dem Gesicht.
„Ganz ohne Zwang. Nur so.“
„ Es ist schon spät“, antwortete Karl mit einem kurzen Blick auf seine Armbanduhr. „Schon so spät!“
Er versuchte mit seinem Blick zu fliehen. Er mied ihr Gesicht. Aber er fand keinen festen Punkt. Keinen Halt.
„Diese Ähnlichkeit wirklich so was“, begann Karin erneut.
Immer noch hielt sie seine Hand fest, die allmählich ihre Wärme absorbierte.
„Eheringe sehen sich immer ähnlich. Das ist kein Zufall. Es liegt in der Natur ihrer Form…“
Karl zuckte zusammen. Er hätte sich am liebsten selbst für diese besserwisserische Antwort geohrfeigt.
Karin lächelte spöttisch, drückte ihm einen leichten Kuss auf die Wange und flüsterte „Romantiker!“ in sein Ohr.
Das muss Liebe sein, dachte Karl. Seinen Wangen röteten sich. Da war keine Unschärfe.
Er fühlte sich schäbig, wollte etwas Nettes sagen und schwieg doch.
„ Wir werden Paris nicht verlassen“, sagte Karin. Ihre Stimme war warm. „Wir werden Paris nie verlassen ohne einen Ring! Niemals!“
Diese Bestimmtheit. Sie ließ keine Zweifel aufkommen.
Karl seufzte. Paris hört niemals auf, dachte er. Wie oft war er nachts hierhin zurückgekehrt. Immer auf der Suche nach Antworten auf diese schreckliche Sache von damals. Was vermochte ein Ring daran zu ändern?

Karin zog ihn vom Fenster weg und schlug den Weg den Boulevard herunter ein; vorbei an den großen Autohäusern, den Modehäusern und den Boutiquen. Hand in Hand gingen sie und ihr gemeinsamer Schatten schwankte leicht auf dem Bürgersteig.
„ Lass uns doch zum Sacre Coer hinaufgehen“, sagte Karin. „ Ganz hoch über Paris. Der Blick so über allem, hinunter auf das Lichtermeer. Das wäre ein schönes Ende.“
„ Eigentlich bin ich sehr müde“, sagte Karl.
Er traute sich nicht in ihre Augen zu schauen. Wieso nur konnte er dieser Bitte nach Gemeinsamkeit nicht nachkommen.
„Vielleicht morgen. Bevor wir abreisen.“
Er versuchte ein Lächeln.
„Ich bin einfach zu müde. Du weißt schon, das viele Essen.“
Er fasste sich an den Bauch. Karins Blick suchte das Weite. Am Ende der Straße war der Place de la Concorde mit dem Obelisken. Ein erleuchteter Zeigefinger in der Nacht.
„ Ich könnte auch alleine gehen.“
Karin war stehen geblieben. Das Licht einer Laterne schien beiden ins Gesicht.
„ Sacre Coer also“, sagte Karl mit einem Blick auf seine Armbanduhr.
„ Ich kann auch alleine gehen.“
Er nickte.
„ Natürlich kannst du das.“
„ Ist ja auch gar nicht gefährlich.
Karl nickte wieder. Monoton, als wäre das Nicken die einzige Bewegung, die ihm geblieben war.
„ Was soll schon passieren.“
Hatte er das gesagt? War es Karin? Das Gesagte war schon verflogen und er konnte sich nicht mehr erinnern.
Er suchte nach einem Ausweg, einem anderen Ausgang. Was sind Gemeinsamkeiten fragte er sich? Sind sie unendlich teilbar, wie ein Meter in immer kleinere Einheiten zerlegt werden kann? Oder gibt es eine kleinste Größe. Das Unteilbare.
„ Wir könnten auch gemeinsam ins Hotel gehen. Eine Flasche Wein trinken, zusammen auf dem Balkon“, hörte er sich sagen.
Er horchte dem Klang seiner Stimme nach.
Karin lächelte.
„ Welcher Balkon ? Unser Zimmer hat keinen.“
Sie lächelte immer noch.
„ Das gleiche Zimmer wie damals.“
Natürlich, Karl musste lachen .Sie hatten damals kein Geld für ein Zimmer mit Balkon.
„ Weißt du“, sagte Karin. Es ändert sich nie wer wir sind. Nur was wir sind. Nur das können wir ändern.“
Sie senkte ihren Blick.
„ Ich werde zum Sacre Coer gehen. Ganz kurz, nur auf einen Sprung. Du öffnest schon mal die Flasche Wein und bereitest alles vor.“
„ Ja, so machen wir es“, sagte Karl erleichtert. „ Das wir da so eine Sache raus machen. Ist schon komisch. Ich bin nur ein wenig müde.“
Er blickte in ihre Augen. Er erinnerte sich daran, dass er in diesen Augen früher so oft versunken war, dass ihr warmer Blick eine Zeit lang eine poetische Ader in ihm geweckt hatte. Ein heiterer melancholischer Strom lies seine Hände warm werden.
Karin erwiderte seinen Blick. Er fragte sich, was sie gerade sieht. Ob in seinen Augen auch eine Erinnerung für sie verborgen lag.
Sie lächelte, wie so oft, und Karl glaubte, dass auch sie nun etwas sah, dass früher einmal lebendig gewesen war.
„ Jeder wird irgendwann müde“, sagte sie. „Jeder.“

Das Schild einer Metro-station leuchtete über ihren Köpfen.
Eine Weile standen sie nur da, hielten sich an den Händen fest und beobachteten die Menschen auf dem Weg in die neon beleuchtete Pariser Unterwelt. Aus der unterirdischen Ferne drangen die Geräusche der Züge zu ihnen herauf, die sich hier oben mit dem Lärm der vorbeifahrenden Autos zu einem unmusikalischen Hintergrundrauschen vermischten.
„ Du musst mir versprechen dir nachher ein Taxi zu nehmen“, sagte Karl, „ du weiß ja wie schnell heute etwas passieren…“
Er kam nicht weiter. Karins Hand war aus seiner geglitten und baumelte haltlos, wie ein abgestorbener Ast, neben ihrem Körper.
„ Ich meine ja nur“, fügte er hastig hinzu.
Sie drehte sich herum, lief die Treppen herab und verschwand im ausgefransten Neonlicht der Station. Karl stand nur da und horchte in sich hinein. Er horchte und hoffte eine innere Stimme würde zu ihm sprechen. Aber da war nichts. Nur eine Anspannung, die unangenehm auf seinen Lungen drückte.
Er holte tief Luft, atmete ein und aus und lief die Treppen zur ersten Untergrundebene hinab.
Auf der letzten Stufe blieb er stehen und suchte mit seinen Augen nach Karin, die doch schon längst in der Menschenmenge verloren gegangen war.
So stand er noch eine Weile da, beobachtete die Menschen, die Züge und die Lichter.
Alles war in Bewegung. Nur er traute sich keinen Schritt vor und keinen zurück.



3


Karin stieg am Pigalle aus der Metro.
Sie kannte den Weg. Sie war ihn damals in jener Nacht schon einmal gegangen. Sie wollte Lächeln, aber es gelang ihr nicht. Dies ist also mein Paris dachte sie, während an ihren Augen das Viertel mit den einschlägigen Etablissements vorbeizog. Sie ging langsam, das Mulin Rouge hinter sich lassend hinauf zum Mont Martre.
Die Kirche mit ihrer weißen Kuppel lag weiß und mächtig auf dem Berg. Während sie mit der Zahnradbahn hinauf fuhr vergrößerte sich Stück für Stück ihr Horizont.
Erst erkannte sie das Viertel um den Mont Martre mit seinen bunten Lichtern, dann die großen Gebäude, der Gare du Nord, das Centre Pompidou, der Louvre, das Pantheon und natürlich der Eiffelturm.
Ganz oben sah sie dann den Grand D´ Arc und das neue Rathaus, den Palast aus schwarzem Glas, sogar in der Ferne den Eiffelturm überragend.
Das ist also das neue Paris, dachte sie, La Defense, der Ort der damals noch nicht existierte. Sie suchte nach einem Bild in ihrer Erinnerung. Aber es gelang ihr nicht eines zu finden.
Da war nur ein dunkler Fleck damals, dachte sie, und jetzt schimmert dort das Licht einer neuen Welt.
Sie setze sich auf eine der Stufen, die hinauf zum Eingangsportal der Kirche führten. Um sie herum Jugendliche, die meisten schauten, wie sie in die Ferne, andere sprachen leise in unbekannten Sprachen oder sangen zu den Klängen von Gitarren, Lieder aus den sechziger und siebziger Jahren.
Karin war eingetaucht in diesen Klängen, beobachtete gedankenverloren das Treiben um sie herum und wartete auf den Zeitpunkt, der es ihr ermöglichte wieder zurück in das Hotel zu kehren.
Glaubte sie tatsächlich ihn hier wieder zu treffen?
Du bist eine Närrin, dachte sie. Ich weiß nicht einmal mehr seinen Namen. Wollte ich damals wirklich fliehen. Gab es diesen Moment, an dem alles möglich schien wirklich?. Oder bin ich nur eine melancholische alte Frau?
Sie schüttelte sich. Ihre Augen suchten nach dem Hotel, in dem Ihr Mann auf sie wartete.
Es blieb im Dunkeln verborgen.
Langsam erhob sie sich und ging die Stufen hinauf zur Kirche.
Auf der Plattform in Höhe des Portals standen auf kleinen Staffeleien einige Portraits von den vielen Besuchern, die hier herauf gekommen waren. Neugierig schaute sie sich die Malereien an und erschrak.

Da war ein Bild einer jungen Frau. Sie war vielleicht zwanzig.
Schritt für Schritt ging Karin darauf zu, magisch angezogen von diesem vertrauten Lächeln. Ihr Blickfeld verengte sich bis dieses Gesicht alles ausfüllte.
Kein Zweifel, dachte sie, das bin ich. Sie atmete kräftig durch, blieb dann stehen und lies die Vergangenheit emporsteigen.
Ein Mann in mittleren Jahren unterbrach die aufkommende Erinnerung, holte sie zurück auf den Vorplatz der Kirche.
„ Vous etes francaise“, fragte er.
Karin drehte sich zu ihm herum und schüttelte den Kopf.
„ Je suis allemands“, sagte sie. „ Ich bin Deutsche.“
„ Das ist kein Problem. Mein deutsch ist ganz gut.“ Er lächelte und schwieg.
Karin blickte wieder auf das Portrait. Damals hatte sie lange blonde Haare. Aber ihre Augen lagen noch nicht hinter blau gefärbten Kontaktlinsen verborgen. Auf eine zeitlose Art, habe ich keine Ähnlichkeit mehr mit diesem Bild, dachte sie, und war darüber erleichtert.
Es liegt auch schon eine Ewigkeit dazwischen, flüsterte sie, und fühlte doch das das nicht die richtige Antwort war.
„ Eine gute Arbeit“, sagte sie knapp.
„ Schön, dass sie ihnen gefällt.“
Aus den Augenwinkeln heraus musterte sie den Mann. Er hatte kurz geschorene Haare, die schon stark ergraut waren. Um seine Lippen herum war ein spöttischer Zug und in seine Augen funkelte ein nur mühsam verborgener Geschäftssinn.
War das der Mann? War das wirklich sie auf dem Bild?
Sie konnte sich nicht erinnern gemalt worden zu sein.
„ Dieses Bild hat Ähnlichkeit mit jemandem den ich früher einmal kannte“, sagte sie. „Solche Zufälle sind manchmal beunruhigend.“
Der Mann nickte.
„ Ich verstehe“, erwiderte er .Doch Karin bezweifelte das.
„ Ist verdammt lange her, dass ich es gemalt habe. Eigentlich ganz untypisch für mich. Ich hatte nämlich niemals die Gelegenheit es zu verkaufen.“
Er lächelte und entblößte eine Reihe vergilbter Zähne.
„ Schließlich lebt man doch vom Verkauf.“
Nachdenklich schaute er zu Boden.
„ Was hat es denn mit diesem Bild auf sich?“
Karin versuchte ihre Neugier zu verbergen. Gelang es ihr? Sie war sich nicht sicher.
„ Ach, das war eine harmlose Geschichte.“
Er holte einen Tabaksbeutel heraus und drehte sich eine Zigarette. Er steckte sie sich an, inhalierte tief und lies den Rauch in kleinen Ringen heraus.
„ Diese Frau war damals ganz aufgelöst. Irgendetwas war passiert. Wohl mit ihrem Mann.“
Er kicherte und zeigte dabei wieder seine ungepflegten Zähne.
„ Wie dem auch sei. Wir kamen ins Gespräch. Diese Frau,“ er kratzte sich am Kopf, „ ich kann mich an den Namen nicht mehr erinnern, war irgendwie hilflos. Sie können sich ja vorstellen. Eine Frau, jung, allein abends hier oben. Wir kamen ins Gespräch, und, na ja, wir tauschten ein paar Zärtlichkeiten aus.“
In Karin zog sich etwas zusammen. Sie wollte widersprechen. Das war nicht ihre Erinnerung. Aber es war seine Wahrheit.
„ Ich verstehe“, sagte sie bestimmt. „ Ein kleines Abenteuer.“
Der Mann schüttelte mit dem Kopf.
„ Nicht für sie. Ich glaube damals wollte sie alles hinter sich lassen.“
Er lachte, und schnippte die Asche zu Boden.
„ Ist schon verrückt. Was sollte ich tun. Widersprechen? Also lies ich mich auf das Spiel ein.“
Er zeigte mit einer Hand auf Paris.
„ Hier in der Stadt der Liebe:“
Er schwieg einen Moment, kramte in verblassten Erinnerungen. Dann ging ihm ein Gedanke durch den Kopf und er lachte.
„ Ist schon verrückt. Wir hatten uns für den nächsten Tag verabredet. Bin aber nicht hingegangen. Ob sie wohl da war?“
Nein, dachte Karin, diese junge Frau war nicht gekommen. Sie überlegte woran es damals gescheitert war. Dann lächelte sie. Nein, dachte sie, ich hatte mich gar nicht entschieden. nicht dafür und nicht dagegen. Ich bin einfach nicht hingegangen. Eine Entscheidung habe ich nie getroffen. Aber das kann ich nachholen. Zeit bedeutet nichts. Ich kann mich immer noch entscheiden. Und dann ist alles vorbei.
„ Wissen Sie“, unterbrach der Mann, ich denke die Erinnerung ist das einzige Paradies aus dem wir nicht vertrieben werden können.“
Karin schüttelte den Kopf. Der Satz war schön. Aber aus dem Mund dieses Mannes klang es auswendig gelernt.
„Die Menschen leben nicht in Paris“, erwiderte Karin. „ Paradies natürlich!“, verbesserte sie sich selbst.
Sie musste an Karl denken. Das Leben ist eine Aneinanderreihung von unendlich vielen Gegenwarten, hatte er einmal gesagt. Und, hatte er hinzugefügt, nur die Vergangenheit kann der Mensch ändern. Er schafft sie immer wieder neu. Die Gegenwart ist der Architekt der Vergangenheit.
„ Letztlich habe ich dann dieses Bild gemalt“, sagte der Mann, „ganz aus meiner Erinnerung heraus und weil ich ein alter Narr bin nehme ich es manchmal mit hier herauf.“
Karin hatte sich umgedreht und lies ihren Blick in die nächtliche ferne schweifen. Vor ihren Augen entstand ein Bild von dem Maler wie er hätte sein sollen. Aber es blieb unscharf und verschwommen. Das Gemeinsame, das Unteilbare, das bisschen Fleisch das sie verband, wurde von Sekunde zu Sekunde unwirklicher .Als es verschwunden war drehte sie sich um.
Der Mann hatte seine Zigarette aus den Händen geschnippt und die fliegende Glut verschmolz für einen kurzen letzten Moment mit den Lichtern der Stadt.
„ Da drüben bauen Sie ein neues Paris, ein anderes Paris“, sagte er und zeigte in Richtung der verschwundenen Glut. „La Defense, wird mal ein zweites Brasilia!“ Er nickte stumm.
„ Nachts merkt man es nicht. Die Nacht ist ein Mantel, wie die Erinnerung. Und Lichter sind immer schön im Dunkeln. Aber tagsüber…“
Er hob die Schultern.
„ Selbst Paris ändert sich.“




4

Karin stieg die Treppen von Sacre Coer hinab. Unten angekommen rief sie sich ein Taxi und lies sich zum Hotel fahren. Der Verkehr hatte sich beruhigt. Und jetzt schien selbst dieser Ort inne zu halten und müde zu werden. Sie dachte an ihren Mann, wie er von der Müdigkeit dieses Ortes übermannt worden war und nun noch halb angezogen im Bett lag und eingeschlafen war. Sie würde ihn nicht wecken, sondern sich neben ihn legen, ihn sanft umarmen und dann selbst einschlafen. Und Morgen würden sie abreisen und der Ring würde auf einen anderen Käufer warten.
Sie lächelte bei diesen Gedanken. Das ist die Wirklichkeit, dachte sie. Aber es beunruhigte sie nicht.
Sie erreichte das Hotel und der Portier öffnete die Tür.
In seinem verschlafenem Gesicht lag eine geheime Freude, die er nur mühsam verbergen konnte.
Karin schaute ihn fragend an. Der Portier lächelte verschmitzt und gab ihr den Zimmerschlüssel.
„ Das ist nicht unser Zimmerschlüssel“, sagte sie mit einem kurzen Blick auf die Nummer.
Der Portier schaute verlegen zur Seite.
„ Doch Madame bestimmt. Ihr Mann, nun ja, wie soll ich sagen“, er zwinkerte mit den Augen, „ aber schauen sie selbst.“
Er ging vor ihr her, hinauf in den zweiten Stock. An einer Zimmertür, die nicht die ihre war, blieb er stehen.
„ Verstehen Sie Madame, ihr Mann hat umgebucht. Ich brauche ein Zimmer mit Balkon hat er gesagt. War ganz aufgeregt. Et voila.“
Er öffnete die Tür. Karin trat langsam über die Schwelle. Hinter ihr fiel die Tür leise ins Schloss.
Karin blieb stehen. Das Licht brannte.
Vorsichtig ging sie vorwärts, betastete dabei die Möbel, als wollte sie sich von deren Echtheit, von der Stofflichkeit des gesehenen überzeugen.
Eine große Flügeltür zu einem barocken Balkon war weit geöffnet. Die Vorhänge flatterten leicht im Wind, der die ersten Boten des anbrechenden Tages in das Zimmer hinein führte.

Draußen auf dem Balkon fand sie Karl. Er saß in einem Stuhl, den Kopf zur Seite geneigt. Sein Atem ging regelmäßig. Er schlief.
Sie setzte sich neben ihn und trank einen Schluck Wein aus einem der gefüllten Gläser.
Dann entdeckte sie neben ihrem Weinglas eine Schatulle. Neugierig nahm sie diese in die Hand und öffnete sie.
Sie hielt die Ringe lange fest, lächelte und schaute abwechselnd auf Karl und das im Dunkeln verborgene Paris. Ein leichter Windstoß weckte ihn auf. Müde rieb er sich die Augen. Er lächelte verlegen. Sie nahm seine Hand, streichelte sie, steckte den Ring auf seinen Finger.
„ Es ist gut“, sagte sie sanft. „Es ist gut.“


__________________
RL

Version vom 04. 09. 2009 13:46

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Ralf Langer
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bin selbst benommen von meiner (eigenen) Geschichte
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