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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Erledigt
Eingestellt am 14. 09. 2003 23:58


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Yoanna
???
Registriert: May 2003

Werke: 8
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"Wo bleibt mein Abendessen, was treibst du denn da schon wieder?"

Diese Stimme. Ich kann sie nicht mehr h├Âren. Schrill und gellend s├Ągt sie sich in meine Ohren, wo jedes ihrer herrisch herausgespuckten Worte mit einem unangenehmen Knacken beantwortet wird.

"Und vergiss nicht meine Medikamente, du wei├čt schon, die starken Tropfen f├╝r Abends und eine von den blauen Pillen."

W├Ąhrend ich den Teebeutel im hei├čen Wasser der gef├╝llten Kanne versenke, f├Ąllt mein Blick auf das Fl├Ąschchen mit den Tropfen und die danebenliegende Tablettenpackung. Nat├╝rlich werde ich deine Medikamente nicht vergessen, du wirst alles bekommen, was du brauchst. Ich stelle einen Suppenteller aufs Tablett, gie├če die hei├če Suppe hinein, lege zwei St├╝ck Brot und ein St├╝ck K├Ąse dazu, stelle ein Joghurt daneben. Dann greife ich zu den Tropfen. Eins, zwei, drei … Fasziniert betrachte ich meine Hand, die, ohne zu zittern, die zehnfache Dosis ins Glas tr├Ąufelt. Jetzt Orangensaft dazu und die Tabletten darin aufgel├Âst. Ich stelle das Glas neben den Joghurtbecher und trage alles hin├╝ber ins Wohnzimmer.

Reine Routine. Nichts ist anders als sonst. Wie jeden Abend hockt sie unbeweglich da und starrt aus dem Fenster, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. In ihrem mir zugewandten R├╝cken konzentriert sich ihr ganzer Ekel vor der Welt, ihr Abscheu vor dem bisschen Leben, das ihr noch verg├Ânnt ist, vor den Lebensbrocken, die zu ihren abgestorbenen F├╝├čen liegen und nach denen sie mit ihren gel├Ąhmten Fingern nicht mehr greifen kann. Ihren t├Ąglich neu aufgestauten Hass l├Ąsst sie an mir aus, mit ihrer kreischenden Stimme, die mich herumzukommandieren versucht, mich schikaniert, und die mich bis in das hinterste Eckchen unseres hellh├Ârigen H├Ąuschens verfolgt. Bestimmt dringt ihre schrille Stimme durch s├Ąmtliche H├Ąuserw├Ąnde unserer Siedlung und l├Âst bei unseren Nachbarn nicht nur Unwillen, sondern auch Mitgef├╝hl f├╝r mich aus. Vielleicht w├╝rden sie sogar Verst├Ąndnis empfinden, wenn sie mich bei meinem Tun beobachten k├Ânnten.

"Wurde aber auch Zeit, jetzt versch├╝tte blo├č nicht wieder alles wie heute Morgen!"

Schweigend nehme ich eine der Papierservietten aus der bereitstehenden Schachtel und binde sie ihr im Nacken fest. Dann halte ich ihr das Glas an die Lippen. Gierig l├Ąsst sie die Fl├╝ssigkeit in ihren Mund laufen und schluckt laut. Essen und Trinken sind die einzigen T├Ątigkeiten, die ihr noch m├Âglich sind. Sie trinkt und schluckt, bis das Glas leer ist. Ob ich sie noch lange f├╝ttern muss, bevor es so weit ist?

"Nun gib mir schon was von der Suppe, oder ist sie wieder so brennend hei├č?"

Aha, sie scheint nichts bemerkt zu haben – ich greife zum Suppenl├Âffel - aber die Wirkung l├Ąsst auch noch auf sich warten. Oder etwa nicht? Sehen die Augenlider nicht schon ein klein wenig schwerer aus, der Blick glasiger? Ja, doch, sie kann kaum noch schlucken, murmelt etwas Unverst├Ąndliches vor sich hin …

Da hockt sie in ihrem Rollstuhl am Fenster und schweigt. F├╝r immer. Wohltuende Ruhe breitet sich im Haus, in der ganzen Siedlung aus. Jetzt an die Arbeit, der letzte Akt beginnt, ich muss mich sputen, wenn ich mein Flugzeug nicht verpassen will. Wie gut, dass ich letzten Sommer noch den Schrank im Heizungskeller ausger├Ąumt habe, da passt sie genau hinein. Bis sie da jemand findet, bin ich l├Ąngst ├╝ber alle Berge und habe s├Ąmtliche Spuren hinter mir verwischt.

Wie schwer sie ist! Kein Wunder, sie hat in letzter Zeit ja nur noch gegessen und keine Bewegung gehabt. Auf dem R├╝cken kann ich sie die Kellertreppe nicht hinunteragen. Ja, so gehts, ich greif' ihr unter die Arme, ein letztes Mal sozusagen, hihi, und lasse die Beine einfach hinterherschleifen. Marta, ein letztes Mal schwitze ich f├╝r dich, schwei├čgebadet bin ich schon, so, und jetzt da hinein, die Knie gebeugt, Marta, ein letztes Mal, du sp├╝rst es ja schon lange nicht mehr, nun die Schrankt├╝r zu, verdammt, es geht nicht, sie ist doch zu gro├č f├╝r diesen Schrank. Egal, bleibt die T├╝r eben offen, Hauptsache, ich verpasse den Flug nicht. Schlie├člich kommt sowieso vorl├Ąufig niemand in den Heizungskeller.

Ich muss unbedingt duschen, damit ich nicht so abgehetzt aussehe. Oh Gott, wie sehe ich nur aus? Entsetzen springt mir aus dem Spiegel entgegen, so geht das nicht, ich muss ruhiger werden, mich entspannen, konzentriere dich auf was Sch├Ânes, denke an den Flug, die Wolken, die h├╝bschen Stewardessen, die dir einen Whiskey anbieten werden. Vielleicht l├Ąsst sich mit einer ja etwas anfangen, w├Ąre doch nicht schlecht als Einstieg ins neue Junggesellendasein.

Ja, so geht es besser. Frisch rasiert und duftend, niemand kann mir mehr was ansehen. Gut, dass mein Gep├Ąck schon am Flughafen wartet. Ich schlendere jetzt einfach ganz entspannt aus dem Haus, halt, nicht abschlie├čen, schlie├člich soll es so aussehen, als ginge ich nur mal kurz weg. Was macht denn die Hausmeistersfrau da mit dem Kerl im Blaumann? Langsam, nicht laufen, ich versuch's mal mit Pfeifen, so ein harmloses Vor-Mich-Hintrillern –

"Ah, guten Abend, Herr M├╝ller, Sie wollen weg? Ich habe hier unseren Heizungsinstallateur dabei, Sie wissen schon, wegen der allj├Ąhrlichen ├ťberpr├╝fung der Heizungsanlagen in der ganzen Siedlung, hatte ich im Rundschreiben letzte Woche ja geschrieben, haben Sie's vergessen? Na, macht nichts, gehen Sie ruhig, ich habe doch den Universalschl├╝ssel, wir kommen schon hinein, und den Weg zum Heizungskeller finden wir auch ohne Sie. Wie geht es denn Ihrer Frau? Ich sehe sie gar nicht an ihrem Fensterplatz sitzen, hat sie sich schon hingelegt? Was ist mit Ihnen, Herr M├╝ller, ist Ihnen nicht gut, na, kein Wunder bei diesem Wetter, aber was soll man machen, ich sage immer, am Wetter kann man nichts ├Ąndern, das ist so wie bei …"

Ihr Redefluss pl├Ątschert an meinen Ohren vorbei, ich kann die einzelnen Worte nicht mehr voneinander unterscheiden. Sie werden ohnehin vom H├Ąmmern meines Herzens ├╝bert├Ânt. Schon wieder schie├čt mir der Schwei├č aus den Poren, dabei habe ich mich doch soeben erst gewaschen. Sie werden mich doch noch duschen lassen, bevor sie mich abf├╝hren?


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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

Werke: 21
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Ich bin ein bi├čchen ├╝berrascht, da├č es bis jetzt noch keine Reaktion auf deine Geschichte gab. Vielleicht liegt das daran, da├č Lob schwieriger zu formulieren ist als Kritik?

Denn mir gef├Ąllt der Text sehr gut; fl├╝ssig geschrieben, angenehme Sprache, nachvollziehbare Handlung. Dadurch, da├č der Protagonist auch gleichzeitig Erz├Ąhler ist, wei├č man als Leserin zwar sehr viel ├╝ber das zuk├╝nftige Geschehen, aber zum Schlu├č hin wird dennoch Spannung aufgebaut - man ahnt ja, da├č irgend etwas schief gehen mu├č.

Beim Anfang fehlt es ein wenig an der Spannung (handlungsbedingt) und wird an einer Stelle leider auch sprachlich nicht aufgefangen: wenn er im dritten Absatz seine Handlung beschreibt, ist es zuviel Aufz├Ąhlung. Vielleicht k├Ânntest du da ein bi├čchen umschreiben.

Wenig gef├Ąllt mir auch eine Stelle im vierten Absatz:
"In ihrem mir zugewandten R├╝cken konzentriert sich ihr ganzer Ekel (Ekel in einem R├╝cken konzentriert? die Formulierung wirkt schief; oder konzentriert sich sein ganzer Ha├č und Ekel vor ihr auf diesen R├╝cken? Zumindest das Bild erschiene mir plausibler) vor der Welt, ihr Abscheu vor dem bisschen Leben, das ihr noch verg├Ânnt ist, vor den Lebensbrocken (ui, jetzt wird's arg pathetisch. Pa├čt nicht so recht zum Stil des restlichen Textes), die zu ihren abgestorbenen F├╝├čen liegen und nach denen sie mit ihren gel├Ąhmten Fingern nicht mehr greifen kann. Ihren t├Ąglich neu aufgestauten Hass l├Ąsst sie an mir aus, mit ihrer kreischenden Stimme, die mich herumzukommandieren versucht, mich schikaniert, und die mich bis in das hinterste Eckchen unseres hellh├Ârigen H├Ąuschens verfolgt."
Du wirst darin r├╝ckblickend erkl├Ąrend, w├Ąhrend du sonst eher die Handlungen beschreibst und den Leser selbst Schl├╝sse ziehen l├Ą├čt. Vielleicht w├╝rde der "Erl├Ąuterungston" entfallen, wenn das Ich seine Frau gedanklich direkt anspricht, also wie im dritten Absatz schon.

Aber das sind auch schon Ausnahmestellen. Im allgemeinen mag ich deinen Text sehr.
__________________
Andrea Rohmert

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Yoanna
???
Registriert: May 2003

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Pathetisch

Hallo Andrea,
na, das freut mich aber, dass ich doch noch eine Antwort auf mein Geschichtchen bekomme. Und dass es Dir im gro├čen und ganzen gefallen hat, erst recht. Ich glaube, ich muss Dir wohl zustimmen, dieser Satz passt wirklich nicht ins Ganze. Aber ich wollte mal e i n m a l ein wenig kreativer mit Sprache umgehen, und gleich ist's negativ aufgefallen! Vielleicht lass ich das in Zukunft lieber.
Nochmals vielen Dank und beste Gr├╝├če!
Yoanna

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

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Hallo Yoanna,

ich habe deine Story nach Krimi verschoben , obwohl sie nicht "nur" ein Krimi ist. Wir sind immer bem├╝ht, das Kurzgeschichtenforum zu entlasten; ich hoffe, es ist dir recht.

Gru├č,
Gabi

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Yoanna
???
Registriert: May 2003

Werke: 8
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Dann w├Ąr' das ja erledigt

Hallo Gabi,
nat├╝rlich war das Verschieben richtig, hatte ich mir sp├Ąter auch gedacht. Vielen Dank!
Gru├č,
Yoanna

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Michael Schmidt
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2002

Werke: 43
Kommentare: 1979
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Hallo Yoanna,

ich finde auch, der Anfang zieht sich, man ahnt, es kommt noch was, aber trotzdem.
Ich w├╝rde die Einleitung, in der du dich ja auf ihr Ableben konzentrierst, mehr oder minder radikal k├╝rzen, statt dessen einen Schwerpunkt auf seine Hoffnungen in der Zukunft legen, dann h├Ątte die Geschichte immer noch eine respektable L├Ąnge, w├Ąre aber unterhaltsamer.

Bis bald,
Michael

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