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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Erlösung
Eingestellt am 14. 03. 2013 07:33


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killsbugsfast
Hobbydichter
Registriert: Mar 2013

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Erlösung



Ein Tag ohne Schmerzen... ein guter Tag!

Ein guter Tag?
Um was zu tun?

Ich wälze mich aus dem Bett und schleppe mich in mein Badezimmer.
Wie schon seit Monaten sind die Nächte unruhig und wenig erholsam.

Mechanisch absolviere ich mein tägliches Programm, das ich mir in den letzten Jahren so zu eigen gemacht habe -
ohne das auch der Rest meiner verbleibenden Selbstbeherrschung wohl sehr schnell ein Ende finden dürfte.

Ich habe kaum Appetit. Das üble Gefühl in meinem Bauch läßt mir nicht mehr viel Spielraum... vielleicht noch für einen Kaffee?

Es ist ein guter Tag.
Ich frage mich immer noch... um was zu tun?

Ich bin allein!

Auch die letzten Spuren familiären Lebens wurden im Laufe der vergangenen Jahre Stück für Stück ausgelöscht,
ausradiert, als wären sie niemals vorhanden gewesen.
Niemand der mich tröstet, wenn ich mir die Seele aus dem Leib kotze oder vor Schmerzen schreiend erwache.

Ein guter Tag?

Ein Tag im Mai.
Es ist diese kühle, feuchte Morgenluft, die mich ein klein wenig meine Agonie vergessen läßt.

Ich habe es immer schon geliebt, wenn der Duft frisch gemähten, feuchten Grases in der Luft liegt.
Langsam geht die Sonne auf und ein zarter, leicht rötlicher Schimmer erleuchtet die satten, grünen Wiesen.

Diese Stille... ein leichter Hauch... nur eine Ahnung einer kühlen Brise, streicht durch das geöffnete Fenster und umspielt meine Haare.
Zumindest diese sind mir noch geblieben.
Das letzte bisschen Stolz und Lebensfreude hat sich schon vor Monaten von mir verabschiedet.

Ein rauer, kehliger Laut entringt sich mir... Es sollte wohl so etwas wie ein Lachen werden.
Zumindest eine Andeutung davon. Ich lächle vor mich hin.

Ein guter Tag?
Ich glaube schon.

Mein Blick fällt aus dem Fenster... auf diese Schönheit, die geduckt in meiner Einfahrt kauert.
Lauernd... bereit, all ihre Kraft in Sekunden zu entfalten.

Mich zusammen mit ihren 1,5 Tonnen Gewicht aus Stahl, Aluminium und Kunststoff zu beschleunigen.

Ein 68er Dodge Charger, mit seinem 426er HEMI, mit 425 PS aus 7 Litern Hubraum,...
Schwarz, glänzend... ein Anblick, der mich ein wenig erschauern läßt. Ein Monster.
Meine letzte, meine einzige Liebe!

Ich mache mich langsam auf den Weg.
Es wird Zeit.
Doch ich bin nicht in Eile.

Zeit für was?

Ein guter Tag?

Heute reise ich mit leichtem Gepäck. Alles, was ich brauche, habe ich dabei.
Der Brief, den ich erhalten habe liegt neben mir... eine kurze Nachricht... ein Ergebnis... Unspektakulär und doch so endgültig.
Zeit, meine Schuld zu begleichen.
\"Quid pro quo\"-ein Leben für ein anderes...

Nicht mehr lange...

Niemand, der mich vermissen wird, niemand, der um mich trauern oder um mich weinen wird.
Es erleichtert mir den Abschied.
Keine Schmerzen mehr.

Ich lasse mir Zeit.
Das satte Schmatzen der Fahrzeugtür beim Zuschlagen ist einfach wunderbar.
Autos einer vergangenen Epoche. Als groß, breit und schnell noch Attribute waren die dem Käufer das Geld aus der Tasche gelockt haben.

Warum hat die Industrie nur aufgehört solche Fahrzeuge zu bauen?
Kurze Zeit denke ich darüber nach. Aber nur kurz.

Es ist bedeutungslos.

Meine Hände liegen ruhig auf dem Lenkrad.
In Gedanken gehe ich noch einmal meine Checkliste durch.
Der Tank ist randvoll!
War nicht ganz billig, der Spaß. Aber das ist es mir wert.

Egal. Geld ist bedeutunglos, wie so vieles andere auch.

Alles relativiert sich sehr schnell, wenn man es aus dem entsprechenden Blickwinkel betrachtet.

Mein Blick fällt auf den roten Knopf am Schalthebel.
Ein kurzer Druck... und die 7-Liter-Maschine erwacht blubbernd und schnaufend zum Leben.
Ich höre, wie sie gierig die Luft ansaugt, bereit, ein Inferno zu entfesseln.

Meinen Lieblingssong lasse ich auf Dauerrepeat im MP3-Player laufen.
\"To sick to pray\"
Ein Wahnsinns-Song.

Ich lege den Gang ein und lenke dieses Monster langsam die Einfahrt hinab.

Der Wagen gleitet mit einem tiefen Grollen der Maschine über die Landstraße.
Der Fahrtwind streicht mir durch das geöffnete Fenster über das Gesicht.
Es tut gut, diese frische Luft tief einzuatmen.

Ich trete das Gaspedal bis zum Anschlag durch und mit einem Aufheulen macht der Wagen einen Sprung nach vorne.
Die Reifen protestieren mit einem Kreischen, das in einer Rauchwolke erstickt, als die entfesselte Kraft des Motors am Gummi zerrt und reisst.
Die Beschleunigung drückt mich in den Sitz und ich ringe nach Luft.

Ich habe kein Ziel. Lasse mich treiben und genieße dieses vergängliche Gefühl.
Am Horizont tauchen die ersten Berge auf.

Um diese Zeit ist kaum Verkehr auf der Straße.
Viele genießen den freien Tag mit ihrer Familie, mit ihren Kindern beim Frühstück oder bleiben einfach nur lange im Bett liegen.
Umso besser für mich.
Die Straßen sind frei.

Ich genieße es. Vergesse alles um mich herum. Konzentriere mich nur auf dieses Fahrzeug.
Felswände gleiten an mir vorbei.
Ich bin zu schnell, um Einzelheiten erkennen zu können.

Mein Fuß drückt das Gaspedal bis zum Anschlag auf das Bodenblech. Ich weiss, dass ich zu schnell bin.
Mein Blickfeld verengt sich.
Ich nehme nichts mehr um mich herum wahr.
Da ist nur diese Felswand am Ende der Spitzkehre.
Ich werde das wohl nicht mehr schaffen.

Scheiß drauf.

Ich bemerke nicht mehr, wie sich mein verkrampfter Gesichtsausdruck langsam lockert, wie die Anspannung von mir abfällt.
Wie das Zittern meiner Hände, das sich schon so viele Jahre als treuer Begleiter erwiesen hat, mich verläßt.
Ich bin ganz ruhig.
Ich höre nur noch das gleichmäßige Schlagen meines Herzens und das gleichmäßige Vibrieren und Grollen der Maschine.

Ich zähle die Sekunden bis zum Aufprall.

21...22...23...

Das Sterben hatte ich mir anders vorgestellt...
Keine bilder aus dem vergangenen Leben, kein helles Licht...
Was bleibt...

Diese graue Felswand, die sich beängstigend schnell nähert.

Ich kann jeden Stein, jede Flechte und jeden Kieselstein genau erkennen.
Es kommt mir vor als würde ich die Welt um mich herum durch ein gigantisches Vergößerungsglas betrachten!

Die ultimative Gewissheit... ich werde es nicht schaffen!
Aber es ist gut so, wie es ist.
Alles hat seine Zeit. Auch das Sterben.

Ich bin vollkommen ruhig und entspannt.

Das Ende, die Erlösung?

Das letzte Bild... brennt sich so scharf wie ätzende Schwefelsäure in mein noch intaktes Gehirn.

...AUS


Meine Existenz endet in einem Aufprall, in einer Explosion aus grellem Kreischen, wenn Stahl zerissen wird und aus hellem Licht, wenn das Benzin im Tank sich entzündet und in einem Feuerball erlischt auch mein letzter Gedanke.

Stahl, Blut, Fleisch und Knochen verschmolzen zu einer einzigen Masse!

Auch die letzten Spuren meines Lebens werden von der verzehrenden Hitze des Feuers ausgelöscht.

Ein guter Tag?

Ich weiss jetzt für was... ERLÖSUNG

\"Quid pro quo\"

Ein guter Tag zu sterben.



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