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Leselupe.de > Horror und Psycho
Erlösung
Eingestellt am 09. 04. 2019 15:43


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Kayl
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Erlösung

„Herr Jesus blutet!“ Der Küster stürzte in die Sakristei. „Der Herr Jesus blutet! Ein Wunder!“ Pfarrer Schneider klappte sein Brevier zu und folgte dem aufgeregt fuchtelnden Küster ernsten und gesetzten Schrittes ins Kirchenschiff der Dorfkapelle.
Küster Kunkel hastete voraus, die Stufen zum Altar hoch, sank in die Knie und deutete mit zitterndem Finger auf das Kruzifix.
Pfarrer Schneider sah es auch im Dämmerlicht. Das Kruzifix über dem Altar hatte schon immer gemalte Blutspuren aus der Dornenkrone über Gesicht und Brust, aber jetzt rann zusätzlich etwas Dunkles vom Kopf herab. Und es rann immer noch auf Leib und Lendenschurz.
Auch ihn erfasste eine wundersame Beklemmung. Heute war Karfreitag, der Tag, an dem man der Kreuzigung des Heilands gedenkt.

Eine fremde Kraft zerrt Walter durch den Tag, eine Gewalt, die ihm bewusst ist, der er aber nichts entgegensetzen kann. Er kann nicht ausweichen, wie Wasser in der Leitung. Ist es sein Vater oder der Arzt, die mit ihren Tentakeln nach ihm greifen, nicht mehr loslassen und ihn führen? Warum kann er nicht aus eigenem Entschluss Holz sägen, spalten, Kühe füttern, ausmisten, melken, auf die Weide treiben?
Aysa ist Befreiung. Mit ihr will er zur Kirchweih gehen. Er wäscht sich den Stallduft ab mit dem Wasserschlauch, zwängt sich in den Sonntagsanzug, kratzt das Schwarze unter den Fingernägeln aus.
Am Heim treffen sie sich, Aysa in weißer Bluse, blauem Rock und schwarzen Lackschuhen, frisch und sauber. Auf dem Weg zum Festzelt versucht er, seinen Arm um ihre Schultern zu legen, sie dreht sich heraus und lacht. Ihre Hand darf er nehmen, auch als sie nebeneinander im Zelt sitzen. Ihre Nähe lenkt ihn ab, die pfeilspitzen Blicke der Bauern treffen ihn nicht mehr. Die Musik ist laut, ihm ist es recht.
Abends kehren sie heim zum Gehöft. Kaltes Licht einer Neonröhre fällt aus der offenen Stalltür auf den Hof. Die Kühe stehen mit starrem Blick, als wären sie nicht hier, dunkelbraune zerbrochene Kotkrusten auf dem Fell. Das Muhen wie Rufe nach einer anderen Welt.
Sein Vater drängt sich im geflickten Monteuranzug zwischen den Tieren hindurch aus dem Stall, steigt in Stiefeln durch den verstreuten Mist, breitbeinig, dickbäuchig, eine Bierflasche in der Hand. Wortlos weist er mit ihr auf Aysa und dann zur Hofausfahrt.
Walter geht ins Haus. In seiner Kammer im Schrank unter der Schublade weiß er ihr Foto. Er nimmt es immer heraus, wenn er schlafen geht, und nimmt es mit ins Bett. Dann denkt er an sie und fühlt seine Erregung. Aber die Angst! Das Fenster ist voll grauem Staub. Trotzdem könnte jemand herein sehen, durch die Bretterritzen und das Schlüsselloch, oder gar herein kommen. Ja, sie kommen herein. Wenn er schläft, kommen die Fratzen mit hoch erhobenen Stühlen auf ihn zu und lassen ihn schweißnass aufschrecken.
Wenn er aber morgens die Schweine auf den Hof treibt, hört er gern die Glocken. Ihr Klang hat etwas Erlösendes, weil er ihn an sein Versteck erinnert, den heimeligen Ort im Kirchturm.
Vielleicht hat er Glück und würde heute zur Kapelle nicht verfolgt. Walter sieht sich unauffällig um. Niemand hinter ihm. Aber hinter jeder Gardine, jeder Häuserecke wird er beobachtet. Er fühlt es. Ihm wird aufgelauert. Hinter allen Türen sein Vater, der mit einem Stuhl auf ihn eindrischt, sein wutverzerrtes Gesicht mit blauer Gurkennase im Bierdunst. Walter hat sein Brüllen im Ohr: „Türkenpack, Türkenpack!“ Der Stuhl war auf Walters Schädel zerbrochen.
Er geht durchs Dorf, leise und verstohlen. Keine Verfolgung auslösen! Es ist ruhig an diesem Karfreitag, verdächtig ruhig. Er geht wie eine Marionette, an Fäden gesteuert von einem Wesen, das im Dunkel bleibt, vorbei an den Gehöften. Jedes Tor ein Schlund ins Verderben, jedes Fenster ein Auge des Bösen.
Er ist sich nie sicher, weiß nur einen Ort, an dem er nicht verfolgt wird, den Glockenturm über der Kapelle. Hier kann er eins werden mit der Düsternis, dem alten, staubigen Gebälk, dem vertrauten toten Holz.
Über eine brüchige Leiter steigt er an den Glocken vorbei bis zur Luke, kann weit hinunter sehen auf die Dächer des Dorfs, die Häuschen mit winzigen Fenstern. Die Dämonen sind weit weg. In seinem Versteck würde ihn niemand entdecken, angreifen, schlagen. Der Pfarrer hat ihn ausgewählt, das Schlagwerk der Turmuhr und die Elektromotoren mit dem Kettenantrieb der Glocken zu schmieren und ihm einen Schlüssel zur Sakristei gegeben. Seitdem ist hier sein liebster Ort. Diese starken Balken schützen ihn, sie hören ihn, wenn er die Briefe an Aysa liest. Die Balken antworten nicht, sie sind da.
Er zündet die Kerze an. Das sprühende Aufflammen des Zündholzes gefällt ihm. Der Blick in die Flamme lässt ihn vieles vergessen. Sie wird sterben, wenn das Wachs verbraucht ist. Eine tröstende Vorstellung.
Er nimmt die Blechdose aus der Balkennische, öffnet sie, nimmt Zettel, Briefe, die er nie weggeschickt und ihr auch nicht gebracht hat, weil er im Schreiben nicht sicher ist. „Liebste Aysa, ich denke oft an dich. Ich kann nicht anders. Ich muss an dich denken, sonst holen mich die Geister.“ Er nimmt einen Brief nach dem anderen, liest leise und stockend im Halbdunkel des Turms. „Mein Liebes, ich würde so gern zu dir ins Heim kommen.“ „Aysa, ich rieche so gern deine schwarzen Haare, streichle so gern deine Ohren.“
Das Lesen nimmt etwas von seiner Angst. Seine Stimme ist ein Fels im böse tosenden Meer.
Als er die Briefe zurück legt, fällt sein Blick auf die kleine Pappschachtel. Immer schon will er herausfinden, wozu diese Tabletten gut sind. Aber niemand sagt es ihm. Lithium ist darin, so ist es aufgedruckt. Was ist Lithium? Ein Betäubungsmittel? Man will ihn betäuben, das weiß er, seit der Arzt ihn mit bohrendem Blick untersucht hat. Er soll betäubt werden, dass er sich nicht wehren kann, wenn alle über ihn herfallen. Deshalb nimmt er diese Tabletten schon lange nicht mehr.
Sie stecken alle unter einer Decke, sein Vater, die Nachbarn, der Arzt, die Schwester. Aysa haben sie ihm weggenommen. Ihr Lachen hört jetzt ein anderer in einer fernen Stadt, die er nur vom Hörensagen kennt.
In den vergangenen Tagen hat er weit unter sich die Gläubigen singen gehört zum klagenden Ton des Harmoniums. „O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn.“ Das Lied hört er gern, weil es ihn versinken lässt in das Leid des Gottessohns. Warum nicht ihm folgen? Flüchten in den befreienden Tod.
Keine hässlichen Verfolger mehr! Nein, nein! Frei, nichts als frei. Die Glocken, die heute zum letzten Mal läuten würden und dann nach Rom aufbrechen, würden seine Seele mit auf die Reise nehmen, zum Vatikan, zum Papst. Dessen ist er sicher.
Er sieht seinen Ausweg: sein Ende. Das Ende der Verfolgung, Beobachtung, des Zwangs, des Müssens. Er lacht. Endlich wäre er erlöst. Der Vater hat ihn geschlagen und die Nachbarn hatten weggesehen, wenn er so lachte.
Er nimmt eine der Glockenleinen vom braunrostigen Haken. Sie hängt schon lange an der Turmwand. Bis heute ist sie nicht mehr gebraucht worden. Sie hat auf ihn gewartet, auf ihren Einsatz, deshalb hängt sie da.
Er knotet das Seilende an die Sprosse der Leiter, das andere Ende schlingt er um seinen Hals.
Er springt in die Freiheit, in die Erlösung, Aysa winkt ihm zu.
Ein kurzer Moment schwerelos, das Paradies? Ein Ruck am Hals, ein Krachen und Splittern, die Sprosse bricht aus der Leiter, wirbelt durch die Luft.
Mit dumpfem Klang schlägt sein Kopf an die Glocke. Benommen fällt er in den Kettentrieb.

Küster Kunkel kniet auf den Stufen, starrt mit gefalteten Händen murmelnd auf das Kruzifix. „Vater unser…“, „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade…“
Hinter ihm stemmt Pfarrer Schneider die Fäuste in die Seiten und schüttelt den Kopf. „Ich hole die Stehleiter, will doch mal sehen, was sich hinter diesem Wunder verbirgt!“
Küster Kunkel bekreuzigt sich erschreckt, als der Herr Pfarrer die Leiter vor dem Allerheiligsten aufstellt, seine Soutane rafft und beherzt zum Heiland aufsteigt. Ein Sakrileg! Nun tupft er dem Gekreuzigten gar das wundersame Blut von der Wange. Frisch und rot. Kein Öl vom Uhrwerk oder vom Kettentrieb der Glocken! Woher kommt es? Pfarrer Schneider sieht zur Decke, den Dielen über dem Altar.
Vor einigen Minuten, bevor es geklingelt hatte und der Küster zur Sakristei herein gekommen war, hatte er das Messbuch hinein getragen. Da war dieser eine dumpfe Klang gewesen, das Knacken vor dem ersten Glockenschlag.
Er steigt von der Leiter und tippt seinem Küster auf die Schulter. „Kommen Sie, ich erkläre es Ihnen später.“

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