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Leselupe.de > Kurzprosa
Erst sitze ich am See, dann gehe ich woanders hin.
Eingestellt am 03. 05. 2005 01:51


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nachtsicht
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Registriert: Jan 2005

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Der schwarze See zittert im Dunkeln. Ich schließe meine Augen um mich zu konzentrieren, es gelingt mir trotzdem nicht, etwas zu empfinden. Nur die KĂ€lte. Auf dem Steg, nachts, allein, an einem Freitag. Man könnte weggehen, in die Stadt. Feiern, nur weiß ich nicht was. Es ist im Grunde gar nicht so verkehrt, niemanden mehr zu kennen. Diesen Gedanken jedoch kenne ich schon lĂ€nger, vielleicht hat er mich gerettet, vielleicht auch dazu beigetragen, dass ich kein BedĂŒrfnis nach NĂ€he in mir finde. Man kann einfach abwarten, den Rest erledigt die VergĂ€nglichkeit. Essen und trinken, scheißen und pissen, schlafen und wachsein ewig im Wechsel. Die Frage nach dem Warum ist zu naiv.

Seit ein paar Tagen kein Orgasmus, meine Fantasie ist tot, ich habe alles durch. Hinter dem Horizont ist die Sonne vergraben und nach wenigen ZĂŒgen wird mich die letzte Zigarette verlassen, es ist gewiss auch ohne auszuhalten. Schweigen. In solchen Momenten gibt es keine Angst, alles ist in seiner Ordnung. Ganz nah vor mir treibt ein Fisch auf dem Wasser, wahrscheinlich wurde er von einem grĂ¶ĂŸeren angegriffen, seine hintere HĂ€lfte ist zerfleischt, eher zerfischt, einige Organe sind erkennbar, aber nicht mehr benennbar. Ein Artgenosse schwimmt aufgeregt um ihn herum, möglich, dass es ein guter Bekannter war. Ich werfe den Zigarettenstummel ins Wasser und bilde mir ein kurzes Zischen ein, das tote Tier habe ich verfehlt.

Auf dem Weg zurĂŒck ins Haus zertrete ich ein paar Blumen, nichts passiert. Nichts passiert, denke ich noch mal, weil mir nichts anderes einfĂ€llt. Ohne Zuschauer konnte ich nie einen Grund dafĂŒr finden, beim Laufen meine Arme selbst zu bewegen, wozu soll das gut sein. Sie hĂ€ngen genauso traurig und nutzlos herunter wie mein Schwanz. Mittlerweile ein Reservist der Sperma-Armee, er könnte genauso gut an einem Baum kleben oder an Rainer Calmund, nur mĂŒsste ich mich dann eben hinsetzen beim Pissen.

Den grĂ¶ĂŸten Teil meines Lebens verbrachte ich auf der Jagd nach den modischsten Trends und der trendigsten Mode. Mein Feldstecher die Zeitschriften, mein Gewehr das Geld. Was ich davon habe? Beachtlich viele CDs zum Beispiel, ohne mich erinnern zu können, welche von denen man gut finden soll, ich selbst mag Musik nicht besonders. Das war im Grunde auch nie ein Problem, der Tausch (das ZurĂŒckstellen) eigener, sowieso stĂ€ndig fluktuierender Meinungen gegen gesellschaftliche Beförderung ist kein schlechter. Das ist ja der Sinn von Meinungen: da sie sowieso keinen Anspruch auf Wahrheit haben, sondern einzig die KomplexitĂ€t ertrĂ€glich machen sollen durch oft idiotische Verallgemeinerungen und Verzerrungen, muss das einzige Kriterium fĂŒr die Auswahl eigener Ansichten der Nutzen fĂŒr das eigene Leben sein. In dem Fall, dass etwas mit Ernsthaftigkeit behauptet wird, macht man sich so lange ĂŒber einen Ausspruch lustig, bis er derartig verclownt jeden Restwert verliert.

Auf diese Weise fiel es mir nicht schwer, breite Stimmungsschwankungen mit der Walze der Belanglosigkeitszerredung zusammenzupressen zu einem neutralen, sorglosen GrundgefĂŒhl. Große Begeisterungen, große Qualen und großer Einsatz fĂŒr irgend etwas wurden als Peinlichkeiten verworfen, Emotion und Standpunkt bietet AngriffsflĂ€che, ich wollte unanfechtbar sein, ĂŒber den Dingen stehen. Heute stehe ich neben Dingen, neben mir, denn die Walze kam nie zum stehen. Angetrieben von der Angst, ausgelacht werden zu können hat sie alles zerstört und eine Öde hinterlassen, im Inneren und um mich herum ist es sehr still geworden.

SchlĂŒssel rein, SchlĂŒssel drehen, TĂŒr auf, Haus betreten. Erschöpft lĂ€uft mein Körper auf die Couch zu und setzt sich vor den Fernseher, ich habe nichts dagegen. Erst nach ĂŒber einer Stunde bemerke ich, dass er nicht angeschalten ist, daran hat meine Gewohnheit dieses Mal nicht gedacht. Auf dem Tisch liegen alte, bröselige Kekse, aber die kann man ja immer essen. Zwei davon in den Mund, sie schmecken kaum, wahrscheinlich haben sie das auch nie, na ja es sind bloß Kekse, da ist es egal. Blick nach rechts, Blick nach links, nichts bietet sich an, was die Stunden bis zum Einschlafen ĂŒberbrĂŒcken könnte. Doch noch in die Stadt? Ja. Auch wenn keine Entscheidung wirklich von Bedeutung ist, so muss man manchmal “so tun als ob“ und Strukturen schaffen, denn Chaos wĂŒhlt auf und das ist bekanntlich fĂŒr gar nichts gut.

Also wieder heraustreten, TĂŒr zu, SchlĂŒssel rein, SchlĂŒssel drehen. Der Taxifahrer grĂŒĂŸt murmelnd und lĂ€sst erahnen wie viele Fahrten er diese Nacht hinter sich gebracht hat, zu viele jedenfalls, um Ruhe bewahren zu können. Wo ich hin will möchte er wissen und ich auch. Da ihm die Antwort “in die Stadt” zu unkonkret ist, stellt er die gleiche Frage einfach noch mal, allerdings wesentlich erboster. Sein Gesicht verzieht sich so stark, dass die Brille fast herunter fĂ€llt. “Weberplatz” sage ich, er nickt, setzt den ZĂ€hler an und wir fahren los. “Wir”, fĂ€llt mir dabei auf, habe ich seit Monaten nicht mehr benutzt, schade dass es jetzt gedanklich mit einem unangenehmen Taxifahrer entjungfert wurde. Meine Augen richten sich auf ein schwarzes Gemisch hinter dem Beifahrerfenster.
1. WIR gibt es nicht, denn unsere Körper sind getrennt, vorrĂŒbergehende neuronale Assoziationen zwischen ICH und einem anderen Menschen existieren nur im Kopf, sie sind nicht zwischen UNS messbar sondern bloßer Ausdruck des BedĂŒrfnisses eines Einzelnen mit seinen nach und nach verkĂŒmmernden Organen nicht allein auskommen zu mĂŒssen
2. WIR gibt es, denn nach dem Sterben zerfallen unsere Körper und vermischen sich ununterscheidbar (entweder direkt im Massengrab, oder indirekt ... die KreislÀufe der Natur)
3. Aus 1 und 2 folgt: WIR leben und sterben allein und sind zusammen tot.
“Was reden Sie denn fĂŒr Mist?” höre ich meinen Chauffeur raunzen, wenn man oft mit sich selbst spricht kann sowas vorkommen. Er stellt das Radio lauter, ich das Nachdenken ein. 30 Minuten spĂ€ter ist es kurz nach 2.00 Uhr, ich werde ihn sicher nie wieder sehen, sage aber trotzdem etwas Ă€hnlich klingendes.

Weberplatz. Vereinzelte Menschengruppen laufen zĂ€h aus verschiedenen Bars, meine Entscheidung fĂ€llt auf das “Hotel Seeblick” (es gibt ĂŒberhaupt kein GewĂ€sser in der NĂ€he) mit der Sicherheit, auf nichts blicken zu können, höchstens zu tief in etwas, und zwar in ein Glas. Die Zeit bis zur Bestellung vertreiben mir zwei MĂ€nner am Nebentisch in bunten Hemden, GesprĂ€chsthema: ein Bekannter “sitze” weil er sein Mindestalter fĂŒr die Geschlechtspartnerwahl zu weit herunter geschraubt hĂ€tte, noch dazu sei es die Tochter einer Nachbarin gewesen, vielleicht auch der Sohn, die beiden Weintrinker reden stets von einem “Kind”. Ein Kellner kommt, ich bin bedient. Schluck. Schluck. Stopp. Obwohl sich “Hotel Seeblick” weder als gewöhnungsbedĂŒrftig, noch gewöhnlich oder bedĂŒrftig herausstellt, ist es mir ebenso fremd wie die Kleidungsart meiner Tischnachbarn, im ĂŒbrigen sprechen diese nach wie vor von dem “widerlichen Vorfall”. Dabei schmĂŒcken sie ihn bildlich bis ins Detail aus, ich vermute harte SchwĂ€nze unter ihrer Tischdecke, trotz lockerer Urlaubsoptik traut sich keiner verdeckt Hand anzulegen, und um nicht in Versuchung zu geraten, klammern sich alle zwanzig Finger an zwei halbleeren GlĂ€sern fest. “Ja dann hat er sie gelockt mit ...” Bitte nicht mit SĂŒĂŸigkeiten, dass wĂ€re zu klischiert und ruft das gleiche “Oh nein wie bescheuert” GefĂŒhl herbei wie die verlĂ€sslich stĂŒrzenden, vom Mörder verfolgten Frauen in Horrorfilmen. Durchatmen, es waren keine SĂŒĂŸigkeiten, sondern die ÜberredungskĂŒnste eines “Hilfebenötigenden“. Keller, Schlag, Knebel. Schnitt.

Vor mir liegt die GetrĂ€nkekarte geöffnet, meine Wahl: Sex on the beach, bitte. Wo schon Seeblick versprochen wird, sollte das ja wohl möglich sein, anstelle dessen gibt es einen gleichnamigen Cocktail. Prost. “Zwei MĂ€nner, die gern dabei gewesen wĂ€ren” denke ich, ihre Augen leuchten hinter der Maske der Anklage. Womöglich kommt ihr irgendwann zu eurer Chance, glĂŒcklich, Freunde, wird euch das auch nicht machen. Sex on the beach with a child.

Ich werfe mein Glas um und gehe hinaus, ich bin nun sehr mĂŒde. “Die Welt dreht sich zu schnell, so dass ihr schlecht wird“, kommt es mir hoch, “vielleicht kotzt sie deswegen Menschen aus wie diese MĂ€nner und mich“.

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Marc Lito
Analphabet
Registriert: Sep 2004

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GefÀllt mir gut dein Text.
__________________
Gehen sie mit einem guten Buch ins Bett, oder mit jemandem der gerade ein gutes Buch gelesen hat

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Lemma
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Hallo nachtsicht.

Ich habe jetzt zwei deiner Texte gelesen. Du schreibst gut, ehrlich und radikal. Dass es erschreckt und mich als Leser auch gleich irgendwie kalt werden lĂ€sst, gefĂ€llt mir; erinnert mich ein bißchen an Bret Easton Ellis. Man fĂŒhlt sich sozusagen selber "auf den Schwanz getreten", weil man es kennt, auch wenn man es sich nicht eingestehen will.

Herzliche GrĂŒĂŸe,

Lemma.


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nachtsicht
Manchmal gelesener Autor
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Danke. Ich frage mich, ob der letzte Teil des Textes, der Abschnitt in der Bar, noch zu moralisierend ist, wenn es so wĂ€re, wĂŒrde ich den erhobenen Zeigefinger gern absĂ€gen.

Was sagt ihr dazu?

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Lemma
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Feb 2004

Werke: 5
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Zeigefinger absÀgen

Ich habe jetzt eine Weile ĂŒber deine Frage nachgedacht.
Eigentlich empfinde ich den Schluss nicht als ĂŒbermĂ€ĂŸig moralisierend. Der Text klagt zwar an, ist aber keine Moralpredigt, die dem Leser die ach so schlechte Welt vor Augen halten will. Du beschreibst ja nur, die Übelkeit kommt mir da von ganz allein.

Das einzige, was mich am Schluss ein bißchen stört, ist das "Ich werfe mein Glas um". Es ist mir ein wenig zu pathetisch. Aber das ist Ansichtssache.

Die besten GrĂŒĂŸe.

Lemma

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