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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Erster Nutznießer
Eingestellt am 05. 03. 2009 11:10


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Sta.tor
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Erster Nutznießer

26.10.89
Berlin Alexanderplatz. Bowlingabend mit meinen Arbeitskollegen. Kultur und Sport funktioniert noch im Kollektiv. Das Geschehen verlagert sich jedoch schon frühzeitig an den Biertisch. Hitzig wird die derzeitige Situation im Land diskutiert. Emotionen kochen hoch. Wut und Bier verbünden sich im Bauch und drehen dem Gehirn die Sicherungen heraus.
0:00 Uhr. Ausschankschluss. Jetzt nach hause gehen? Oder in den Westen? Richtig spektakulär? Direkt durchs Brandenburger Tor? Abwägung möglicher Gefahren nicht mehr möglich. Der Magen hat die Motorik übernommen.
Alleine Unter den Linden dem grünen Tor entgegen. Die Quadriga als Licht am Ende des Tunnelblicks. Ungelenkes Übersteigen der Straßensperre vor dem Pariser Platz. Sehr weit komme ich nicht. Rufe, Befehle, rennende Menschen vor mir, hinter mir. Grüne Uniformen, Felddienstuniformen, schmerzende Schultergelenke von nach hinten gedrehten Armen. Kalaschnikows, Pistolenhalfter, alles durcheinander, keine Gegenwehr. Das Unterbewusstsein bestätigt alte Vermutungen.
Hohenschönhausen, Bautzen? Gleichgültigkeit. Dreckschwein höre ich. Trotzdem keine Panik. Hab ich noch Zigaretten dabei? Meine Hauptsorge.
Mit Brachialgewalt wieder über die Straßensperre. Vorwärts nimmer… Hineingezwängt in einen der drei bereits bereit stehenden Funkwagen. Die Polizisten eher gelangweilt. Wo soll er hin? Blutprobe? Also Charité.
Lange, helle Krankenhausgänge. Hinsetzen! Nein, kein Telefonieren!
Eine Ärztin kommt. Richterlicher Beschluss zur Blutentnahme? Nein? Dann darf sie nicht.
Oh, denke ich, die sieht gut aus. Lange, blonde Haare verschwinden.
Wieder in den Funkwagen.
Ich werde wach gemacht. Vor der Frontscheibe ein riesiges, graues Tor, das sich langsam öffnet. Fahrt in einen kleinen Innenhof. Aussteigen, lange, graue Gänge, Treppen steigen. Dann ein Raum, sehr hell, völlig undekoriert. Nur Stühle. Ein paar junge Männer. Keine Frauen. Ey, haste Zigaretten dabei? Ich teile großzügig aus. Auch Feuer? Hab ich.
Zwei Polizisten räumen auf und nehmen mir die Schachtel weg. Ich soll mitkommen.
Ein Dienstzimmer, mehrere Zivilisten. Die Zigarette hat mich neu benebelt. Ich soll den Republikfluchtversuch zugeben. Ich will meine Frau anrufen. Nein! Ich werde bockig. Ohne Anrufen keine Aussage. Noch mal raus zum Überlegen. Ich will telefonieren. Nein!
Inhaftieren! Gürtel und Schnürsenkel abgeben!
Lange Gänge, dunkle Treppen, graue Stahltüren. Eine offen. Meine. Mir egal. Ich bin nur noch müde. Rein, rauf auf die Pritsche, den Donnerhall der ins Schloss fallenden Tür ignorierend. Nur schlafen. Irgendwo schreit noch einer erbärmlich.
Erwachen.
Mir geht’s dreckig. Die Stahltür geht auf. Ein Gefängnisaufseher kommt mit einem Frühstückswagen vorbei und überreicht mir ein Tablett mit Brot, Marmelade und einem Becher Tee.
Kommentarloses Verschwinden.
Ich kippe den Tee hinunter und klopfe an die Tür. Ein Wachmann öffnet und ich frage ihn, in welchem Gefängnis ich mich befinde und ob ich telefonieren darf. Ich erfahre, dass es keine Auskunft gibt.
Warten in der Zelle. Kopfschmerzen.
Endlich öffnet sich die Tür. Mitkommen!
Endlose dunkle Gänge. Treppen hoch und runter. Labyrinth des Grauens in grau.
Dann ein Büro. Auch dunkelgrau. Nur ein Tisch und zwei Stühle. An der Wand ein Kalender. Mein Gegenüber bietet mir an Platz zu nehmen. Ein hagerer Mann in grauem Anzug. Das einzig Auffällige an ihm ist sein glänzendes Parteiabzeichen am Revers.
Mein Name stimmt? Ja, stimmt. Meine Absicht, Republikflucht? Verlegendes Kopfwippen.
Nun, was?
Alkohol.
Bewertung der Sache an sich? Vorschlag, alles als groben Unfug zu betrachten.
Der Mann zieht den schmallippigen Mund in die Breite. Groben Unfug?
Hätte ich die Tat vollendet, wären die Sicherheitskräfte nicht eingeschritten, fragt er.
Von der Antwort hängt wahrscheinlich mein weiteres Schicksal ab.
Weiß nicht.
Die Frage wird wiederholt.
Ich will vorher telefonieren. Nein!
Ich denke an Frau und Sohn.
Die Frage wird noch mal wiederholt.
Ach, scheiß egal. Ja!
Der Mann grinst. Natürlich. Die Antwort war offensichtlich richtig.
Wie viele Jahre, frage ich mich. Kann ich jetzt wenigstens telefonieren?
Das ist nicht nötig, sagt er. Irritation.
Unsere Staats- und Parteiführung hat heute Nacht eine Amnestie für Republikflüchtlinge erlassen. Ich bin der erste Nutznießer. Ungläubiges Erstaunen.
Er gibt mir die Hand. Grinst und meint, meiner Frau glaubhaft zu machen, wo ich die Nacht verbrachte, wäre nun wohl mein größtes Problem.



PS: Die Geschichte sollte eigentlich in der aktuellen Schreibaufgabe erscheinen, ist dafür aber leider zu lang.
Aber vielleicht hat ja jemand eine kürzere Story anzubieten.
(Thema: 20 Jahre Mauerfall)

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suzah
Guest
Registriert: Not Yet

Erster Nutznießer

hallo sta.tor,

diese geschichte ist sehr gut, leider eben auch zu lang für die geforderten 250 worte.

deshalb ist die idee von e.nachtigal, eigene Prosa-Antho zum Thema herauszubringen, ausgezeichnet.

liebe grüße suzah

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domino
Hobbydichter
Registriert: Jun 2009

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Erster Nutznießer

Hallo, Sta.tor,

man erlebt die Aufbruchstimmung mit: Satzfragmente, aneinandergereihte Nomen sorgen für die passende Unruhe.

Und dann der erleichternde Schluss!

Liebe Grüße
domino

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Chrisch
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2009

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Kommentare: 75
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quote:
Charitè
Ich denke Charité ist richtig.
quote:
Lange, blonde Haare verschwinden
wohin?

Ich finde den Text ausgezeichnet. Ein tolles Erlebnis zwischen "Verschwinden" der DDR und dem Mauerfall. wie man "zwischen den Jahren" versteht.

__________________
"ist wie Schach, nur ohne Würfel" Lukas Podolski

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Sta.tor
Foren-Redakteur
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Hallo Chrisch,

die Charité ging Dir gegen den Strich? Was Dir auch alles auffällt.
Ich habs verbessert.
Die blonden Haare lösen sich im Nichts auf, entschwinden aus dem Wahrnehmungskanal.

Vielen Dank für Deine Anerkennung.

Viele Grüße
Sta.tor
__________________
schlimmer geht immer

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