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Erstes Sterben
Eingestellt am 19. 10. 2015 17:18


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Claustrophob
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Registriert: Sep 2015

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Erstes Sterben

Am Tag, als ich zum ersten Mal sterbe, scheint die Sonne. Es ist wohl Mitte der 50er Jahre, genau wei├č ich es nicht.

Heute, Samstagnachmittag, verlassen wir das Haus. Wir gehen die Bahnhofstra├če hinunter, an den Hallen des Obstgro├čmarkts vorbei und erreichen nach zehn Minuten den Rand des Dorfes. Hinter dem Haus des Tierarztes ├╝berqueren wir die Bahnlinie. Dort steht das winzige Bahnw├Ąrterhaus und die geteerte Stra├če setzt sich als Feldweg fort. Noch ein paar Schritte den Bahndamm entlang, dann biegt der Weg in die Weinberge ab.

Wir sind mit einer Familie aus dem Dorf verabredet. Mein Herz h├╝pft. Der Gro├čvater von Sigrid, einer Freundin meiner Schwester, vielleicht ihre beste, hat etwas au├čerhalb des Dorfes inmitten der Reben, ein Paradies geschaffen ÔÇô f├╝r mich das Paradies. Es ist umz├Ąunt und hat eine Eisent├╝r, die mit einer massiven Kette gesichert ist. Der Teufel selbst w├╝rde sich die Z├Ąhne daran ausbei├čen. Kein wachender Engel mit dem Flammenschwert verteidigt den Eingang. Gott Gro├čvater selbst schlie├čt das schwere Vorh├Ąngeschloss auf und l├Ąsst uns ein.

Kaum habe ich die magische Pforte ├╝berquert, bin ich schon in einer anderen Welt. Im ged├Ąmpften Licht des m├Ąchtigen Dschungels von Sonnenblumen, mehr als doppelt so hoch wie der Knirps, der ich bin, stelle ich mich mit dem Stecken, meinem Schwert, den Wilden zum Kampf und erlege, nur mit Pfeil und Bogen bewaffnet, den Tiger, der hungrig auf Menschenfleisch durch die gr├╝ne H├Âlle schleicht. Gleich neben dem Dschungel hat Gott Gro├čvater in weiser Voraussicht ob der lauernden Gefahren einen h├Âlzernen Aussichtsturm errichtet, auf dessen Plattform, fast in den Wolken, ich nur ├╝ber die leicht zu verteidigende Leiter gelange. Von dort aus trotze ich den St├╝rmen um mich herum und halte in dem un├╝bersichtlichen Gel├Ąnde Ausschau nach den Feinden. Die Burg, ein verwinkeltes Wochenendhaus mit Dachterrasse. Hinter dem Gartenhaus der Ozean, ein Geviert aus Beton mit blaugr├╝nem Wasser. Das geheime Versteck mit der Waffenkammer, ein verwunschenes Gartenhaus mit geheimnisvollen Ger├Ątschaften. Die Plantage von Obstb├Ąumen, Gem├╝sebeeten B├╝schen und mannshohen Sonnenblumen, das Dschungellabyrinth, in dem sich die Feinde verbergen. Neben meinem Wachturm die Schaukel. Nein, nicht so eine f├╝r kleine Kinder. Diese hier ist von atemberaubender H├Âhe. Eine, die im ganzen Dorf, wahrscheinlich in der ganzen Welt nicht ihresgleichen hat. Eine f├╝r mutige Kerle. Sie verursacht wohlige Schauer von Angst und Erregung. Am h├Âchsten Punkt, wenn sie kurz still steht, hebt es mich fast aus dem Sitz; jedes Mal stockt mir der Atem und meine H├Ąnde krallen sich wie Schraubst├Âcke in die eisernen Stangen, die Gott Gro├čvater in seiner unendlichen Weisheit anstelle weicher Seile benutzt hat. ├ťberall Aufregung und ├ťberraschungen. Das Paradies eben. Nur ├╝ber den Apfelbaum mit der Schlange bin ich bei all meinen Erkundungen nie gestolpert.

Als ich zum ersten Mal sterbe, bin ich gerade mal vier oder f├╝nf. Ich sterbe im Paradies. Gerade noch greife ich nach meinem selbstgebauten Katamaran aus Korken, Draht und einem Stofffetzen, der auf dem kleinen Becken schaukelt und meiner Reichweite zu entschwinden droht und dann, im n├Ąchsten Moment, ohne ├ťbergang, Stille - um mich herum absolute Stille, tiefes, dunkles, blaugr├╝nes Nichts (Noch heute liebe ich dieses ruhige, endlos-ozeanische Blaugr├╝n). Nur traumhaftes Schweben und ma├čloses Staunen. Keine Angst, keine Panik, kein Zappeln, kein K├Ąmpfen. Wozu auch? Die Stille umarmt mich. Die Schwerelosigkeit tr├Ągt mich. Das Nichts hei├čt mich willkommen. Die K├Ąlte des Wassers? Ich sp├╝re sie nicht. Ich wei├č nicht, dass ich dabei bin zu sterben.

Die freundliche Betonmauer versucht zu helfen und schiebt sich zwischen mich und die Erwachsenen, die in ihren Korbsesseln vor dem Gartenhaus am Tisch mit der wei├čen Tischdecke sitzen, heiter plaudernd ihren Tee trinken und mein Sterben nicht bemerken. Nein, nicht freundlich, heimt├╝ckisch und niedertr├Ąchtig w├╝rden die Erwachsenen sagen. Mein Vater zieht an seiner Zigarre, bl├Ąst den Rauch nach oben, um die anderen nicht zu bel├Ąstigen, und streift die hellgraue Asche am Rand des Aschenbechers ab. Aber "die mich zur Welt brachte" folgt einem pl├Âtzlichen Gef├╝hl der Unruhe, steht auf und schaut ├╝ber die Kante der Mauer, st├╝rzt mit einem Ausruf des Schreckens zum Rand des Schwimmbeckens, an dem ich noch kurz zuvor mit meinem Schiffchen das Weltmeer bezwungen habe, bevor ich in Seenot geriet, kniet an den Beckenrand, zieht mich, wehrlos wie ich bin, heraus - und macht alles kaputt.

Jedenfalls stehe ich pl├Âtzlich im Gartenhaus auf dem Tisch, werde ausgezogen, abgerubbelt und in eine Decke geh├╝llt, w├Ąhrend meine Schwester bereits zu Fu├č unterwegs ins Dorf ist, um mir von zuhause trockene Kleider zu holen. Das Gl├╝ck der unendlichen Ruhe bleibt mir an diesem Tag verwehrt. Seltsamerweise schimpft auch niemand mit mir, nicht einmal "die mich zur Welt brachte", die sonst nicht nur eine lockere Hand, sondern auch eine unerbittlich tadelnde Zunge hat.

Muss ich eben warten!

__________________
Am Abend wird der Flei├čige faul.
(Claustrophob)

Version vom 19. 10. 2015 17:18

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