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Leselupe.de > Science Fiction
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Eingestellt am 26. 01. 2003 20:35


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Amadis
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Ich hoffe, die Story ist nicht zu lang ...
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Werner Martens, Fluglotse am Flughafen Frankfurt Rhein/Main, trank einen Schluck Kaffee aus seiner Tasse. Er verzog das Gesicht, denn das Gebräu war fast kalt. Es würde seine letzte Tasse sein für diese Schicht, denn er erwartete in fünfzehn Minuten die Ablösung durch einen Kollegen. Obwohl um diese Uhrzeit – es war gerade kurz vor sechs Uhr Morgens – der Flugverkehr noch nicht so dicht war, wie es in zwei Stunden sein würde, hatte Martens natürlich immer ein waches Auge auf seinen Bildschirm. Neben jedem der grünen Punkte, die sich über den Überwachungsschirm bewegten, stand eine kurze Bezeichnung, die angab, um welchen Flug es sich handelte. Martens machte den Job schon seit über zwanzig Jahren. Er stellte die Tasse mit dem kalten Kaffee auf den Tisch und schob sie ein Stück nach hinten.

Plötzlich merkte er auf. Von rechts oben – von Nordosten – war ein neuer Punkt mit außergewöhnlich hoher Geschwindigkeit auf dem Schirm erschienen, hatte dann abgebremst und näherte sich nun langsamer in etwa fünftausend Metern Höhe. Der Flug war nicht gemeldet, hatte keine Kennung. Martens drehte sich um und winkte seinen Supervisor, Hartmut Konetzke, heran. Der kahlköpfige Konetzke kam sofort, stellte sich neben Martens und beugte sich über den Schirm. Martens machte ihn auf den so unvermutet aufgetauchten grünen Punkt aufmerksam.
„Was macht denn der da? Hast du ihn schon angerufen?“
„Nee, wollte ihn dir erst mal zeigen.“
„Ruf ihn an, der soll sich identifizieren.“

Martens stülpte das Kopfgeschirr über und rief das unbekannte Flugzeug an. Nachdem er auf seinen ersten Anruf keine Reaktion erhielt, versuchte er es erneut. Eine Antwort blieb auch diesmal aus. Allerdings erfolgte die Reaktion – wenn es denn eine Reaktion auf den Anruf war – auf andere Art: der grüne Punkt auf dem Bildschirm beschleunigte mit wahnwitzigen Werten und war binnen weniger Sekunden aus dem Radarbereich verschwunden.

Martens und Konetzke schauten sich mit weit aufgerissenen Augen an.
„Hast du so was schon mal gesehen?“, fragte Konetzke mit schwacher Stimme.
Martens schĂĽttelte den Kopf.
„Nee, so beschleunigt nicht einmal ein Kampfjet der Luftwaffe. Haben die Amis vielleicht was neues?“
„Ein Jäger, der fast rechtwinklig aus seinem Kurs ausbricht und mit solchen Werten beschleunigt? Das kannst du mir nicht erzählen.“
„Also war es ein ...“, Martens ließ das Ende das Satzes bewusst offen.
„Hast du sie noch alle?“, fragte ihn sein Vorgesetzter aufbrausend, woraufhin sich mehrere der anderen Fluglotsen zu den beiden umdrehten. Konetzke senkte seine Stimme. „Wenn wir das melden, sind wir morgen beide im Frühruhestand, mein Lieber! Sag Sigi, er soll das Gerät checken lassen, wenn er dich gleich ablöst. Und kein Wort mehr davon!“

„Wahrscheinlich hast du recht. Kann eigentlich nur ein technischer Fehler gewesen sein.“ Martens lächelte unsicher.

Fünf Minuten später wurde Martens von Siegfried Lauer abgelöst. Die Geschichte mit dem merkwürdigen Radarkontakt ging ihm noch ein paar Stunden im Kopf herum, danach vergaß er sie.


*

Kommandofrau Sista befahl fĂĽr diesmal die RĂĽckkehr zum Mutterschiff, das sich hinter dem einzigen Mond des dritten Planeten verborgen hielt. Die Kommandofrau lehnte sich in ihrem Sessel zurĂĽck. Diese Bewegung wirkte ausgesprochen menschlich, obwohl sie alles andere war als das.

Ihre Haut hatte einen zarten, lindgrünen Ton. Sista war schlank und feingliedrig und wäre die Farbe der Haut und der Orangeton der Augen nicht gewesen, man hätte sie ohne weiteres für eine besonders schlanke und großgewachsene Menschenfrau halten können. Die schrägstehenden, orangeroten Augen und der kahle Schädel verliehen ihr einen ausgesprochen exotischen Touch. Bekleidet war Sista mit einem enganliegenden Overall, der in verschiedenen Violettönen schillerte, und weichen Stiefeln aus ganz ähnlichem Material.

Steuermann Sorto lenkte das kleine Beiboot geschickt aus der Atmosphäre des dritten Planeten, in die sie heute erstmals vorgedrungen waren, nachdem sie in den vergangenen zwei Sonnenumläufen die Eingeborenen des Planeten eingehend studiert hatten. Sie waren heute von den recht primitiven Ortungsgeräten der Planetenbevölkerung erfasst worden, man hatte sie sogar mittels Funkwellen angerufen. Es war allerdings noch nicht soweit für den Erstkontakt.

Nachdem das Beiboot eingeschleust war, begab sich die Kommandofrau umgehend zu Ratsmann Sunto. Der Rat wĂĽrde noch in dieser Hellperiode zusammentreten um den Zeitpunkt fĂĽr den Erstkontakt zu beschlieĂźen.

*

Der Schiffsrat bestand traditionell aus sieben Personen. Ratsmann Sunto hatte den Vorsitz.
„Der Zweck unserer heutigen Ratssitzung dürfte jedem von Ihnen bekannt sein. Es geht darum zu bestimmen, ob der Zeitpunkt für einen Erstkontakt mit den Bewohnern des dritten Planeten, die sich selbst Menschen nennen, gekommen ist.“

Ratsfrau Surta meldete sich zu Wort.
„Ich habe wie wir alle die Planetenbewohner in den letzten beiden Sonnenumläufen ihres Planeten beobachtet und erforscht. Ehrlich gesagt halte ich sie nicht für reif, bereits Kontakt mit einer Lebensform aufzunehmen, die nicht von ihrer eigenen Welt stammt. In vielen Gegenden des Planeten gibt es Kriege, die Menschen töten sich gegenseitig. Andere Gegenden sind von Nahrungsmangel gekennzeichnet; dort lebende Menschen sterben daran. Es existieren eine ganze Reihe von Krankheiten mit den unterschiedlichsten Ursachen, gegen die man noch kein Mittel entdeckt hat. Ich könnte diese Aufzählung beliebig lange fortsetzen.“

Ratsfrau Siata widersprach:
„Aber genau diese Missstände wären wir doch zu beheben in der Lage! Wir könnten alle Krankheiten heilen, die man momentan auf dem Planeten kennt. Mit unseren Mitteln wäre es kein Problem, alle Menschen ausreichend mit Nahrung zu versorgen. Das könnte die Menschen zu wertvollen Verbündeten machen.“

Surta wiegte den Kopf hin und her.
„Das mag alles sein, aber sie sind weder in punkto Intelligenz noch Reife dazu in der Lage, diese Gaben entsprechend einzuschätzen und vor allem nicht dazu, mit ihnen auf gleicher Ebene Gespräche zu führen. Ich würde nicht ausschließen, dass man uns sogar angreift.“

Ratsmann Solto schlug in die gleich Kerbe.
„Die Menschen setzen einen Großteil ihrer geistigen und wirtschaftlichen Kapazität in der Konstruktion von neuen Waffen ein. Dafür werden derart viele Ressourcen verbraucht, dass allein damit die Menschen schon in der Lage sein müssten, zumindest für die ausreichende Versorgung aller Menschen mit Nahrungsmitteln Sorge zu tragen. Die Menschen sind aggressiv und gefährlich.“

Ratsmann Suxto, das älteste Ratsmitglied, lächelte versonnen.
„Man sollte es ihnen nachsehen. Sie sind eine junge Rasse, die aber mit unserer Hilfe durchaus in der Lage sein sollte, einen enormen Sprung nach vorn zu machen.“

Die Diskussion währte noch eine ganze Weile. Die Hellperiode neigte sich bereits dem Ende entgegen, als der Rat zur Abstimmung kam. Sie endete mit vier zu drei Stimmen für eine sofortige Kontaktaufnahme mit den Menschen.

*

Kommandofrau Sista erfuhr noch vor der Dunkelperiode von der Entscheidung. Ihr Mentor, Ratsmann Sunto, suchte sie in ihrem Quartier auf, um ihr die Neuigkeit zu berichten.

Nach dem Ende der neunstĂĽndigen Dunkelperiode wĂĽrde ein Beiboot unter dem Kommando von Sista zum Planeten starten. Auch Sunto wĂĽrde an diesem Flug teilnehmen.

Für die Landung hatte man eine dichtbesiedelte Region in einer der gemäßigten Klimazonen des Planeten ausgesucht, die gleiche, über der das Beiboot vor wenigen Stunden von den Ortern der Menschen erfasst worden war.

Sista konnte in dieser Dunkelperiode lange nicht einschlafen. Es wĂĽrde ihr erster Erstkontakt sein.

*

Das Beiboot drang in die oberen Regionen der Atmosphäre des dritten Planeten ein. Kommandofrau Sista saß in ihrem Kommandosessel, während sich Ratsmann Sunto im Hintergrund hielt. Seine Aufgabe würde erst nach der Landung beginnen. Alle Besatzungsmitglieder – insgesamt nahmen fünf Personen an der Landung teil – waren in der im Landegebiet vorherrschenden Sprache geschult worden und beherrschten sie fließend und akzentfrei.

Diesmal hatten sie den Ortungsschutz aktiviert, um keine feindseligen Aktionen der Planetenbewohner zu provozieren. Erst nach der Landung wĂĽrde das kleine Boot fĂĽr die Fremden sichtbar sein.

*

Elfriede Sukrow war mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt. Bevor um sieben Uhr die Türen des Supermarktes geöffnet wurden, musste sie die soeben gelieferten Backwaren in die entsprechenden Körbe, Regale und in die Theke einsortiert haben. Aus dem Radio drang die Musik von HR3 und die zweiundvierzigjährige Frau summte mit, während sie ihrer täglichen Arbeit nachging.

Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Es war sechs Uhr achtundvierzig. Die meisten Backwaren waren bereits einsortiert und Elfriede Sukrow zündete sich eine Zigarette an. Während sie rauchte, schaute sie hinaus auf den fast leeren Parkplatz des Supermarktes. Der in endlos scheinenden Schnüren vom grauen Himmel fallende Regen sammelte sich in flachen Pfützen. Auf manchen trieben gelb verfärbte Blätter wie kleine Boote.

Die Zigarette war aufgeraucht und Elfriede Sukrow drĂĽckte den Rest in einem Aschenbecher aus. Versonnen schaute sie noch einen Moment auf den Parkplatz hinaus.

Sie wollte gerade damit beginnen, die restlichen Backwaren einzusortieren, als in der Mitte des Parkplatzes plötzlich ein merkwürdiger Gegenstand erschien. Er sah aus wie ein überdimensionales, mit silberner Farbe lackiertes Ei, das auf der Seite lag und auf vier Beinen stand.

Elfriede Sukrow stieß einen leisen Schrei aus und trat hinter ihrer Brottheke hervor. Auf der spitzen Seite hatte das Ei einige Fenster. Die Frau schätzte die Gesamtlänge des seltsamen Dings auf fünfzehn bis achtzehn Meter, bei einer Dicke von zehn oder zwölf Metern.

Die Bäckereifachverkäuferin stand wie erstarrt. In diesem Moment fuhr draußen der erste Wagen auf den Parkplatz. Die Fahrerin, eine Frau Anfang dreißig, schaute den Gegenstand auf der Parkplatzmitte interessiert aber ohne großes Erstaunen oder gar Angst an und stellte ihr Auto in unmittelbarer Nähe ab.

Elfriede Sukrow umrundete die Theke und trat bis zur Glastür vor. In diesem Moment kam Manfred Steierling, der Marktleiter, ein Mann von Ende dreißig im dezenten, dunkelgrauen Anzug mit weißem Hemd und Krawatte, um die Türen aufzuschließen. Er begrüßte die Frau kurz und schloss dann die insgesamt sechs Schlösser auf, die die Glastür sicherten.

Erst dann fiel sein Blick auf den Parkplatz. Seine Augenbrauen hoben sich vor Erstaunen.
„Woher kommt denn das Ding?“, fragte er verblüfft.
„Es war auf einmal da, Herr Steierling“, stammelte die immer noch fassungslose Verkäuferin. „Von einer Sekunde zur anderen einfach aus der leeren Luft aufgetaucht.“
„Nana, Frau Sukrow, jetzt regen Sie sich mal nicht auf“, beruhigte Steierling die Frau lächelnd. „Wahrscheinlich sind Sie für ein paar Minütchen eingenickt, kommt ja vor. Merkwürdig ist das allerdings schon. Normalerweise werden solche größeren Werbeaktionen von der Zentrale angekündigt, damit wir rechtzeitig die Medien unterrichten können.“ Er schüttelte den Kopf und machte Anstalten, auf den merkwürdigen Gegenstand zuzugehen.

Auf dem Parkplatz standen inzwischen sechs bis sieben Autos. Die meisten Passanten gingen nach einem kurzen Blick auf das Riesenei auf den Markteingang zu.

Friedhelm Kunze, Stammkunde des Marktes seit vielen Jahren, der auf dem Weg war, sich wie jeden Morgen zwei Salamibrötchen und zwei Croissants zu kaufen, stoppte den Marktleiter auf halbem Wege.

„Na, Herr Steierling, meinen Sie nicht, es ist noch etwas früh für die Osterdekoration?“ Er lachte und deutete mit dem Daumen über seine Schulter auf das Riesenei.

Der Marktleiter lächelte etwas verlegen.
„Sie werden lachen, Herr Kunze, mir war von der neuen Deko auch nichts bekannt.“

Kunze stieß ein heiseres Lachen aus und ging weiter. Steierling blieb im Abstand von etwa zwei Metern vor dem Ei stehen und musterte es. Viel war außer den Fenstern nicht zu erkennen. Der Marktleiter trat näher und versuchte, durch die Fenster ins Innere des merkwürdigen Gegenstandes zu blicken, was ihm aber nicht gelang.

Er kratzte sich am Kopf und wollte sich gerade abwenden, als ein Zischen ertönte und direkt neben ihm ein etwa anderthalb Meter breiter und gut zwei Meter hoher Teil der Außenwand des Eis herabklappte und eine kleine Treppe mit drei Stufen ausfuhr. Steierling sprang erschrocken einen Meter zur Seite.

Wenige Augenblicke später – inzwischen standen neben und hinter dem Marktleiter etwa sieben oder acht Menschen – trat eine merkwürdig anmutende Gestalt die drei Stufen herunter und blieb vor Steierling stehen.

*

Kommandofrau Sista hielt nach einem Landeplatz Ausschau. Die Ansiedlung, die unter ihnen lag, war die größte, die sie in dieser Region erkennen konnten. Zwar gab es in relativer Nähe auch eine Art Raumhafen, auf dem große Mengen der auf diesem Planeten üblichen, primitiven Atmosphärenflugkörper starteten und landeten, aber Ratsmann Sunto hatte davon abgeraten, dort zu landen, da der Flugverkehr derart dicht war, dass eine gefahrlose Landung nicht gewährleistet werden konnte.

Daher hatte Sista diesen großen freien Platz vor dem größten Gebäude in diesem Stadtbezirk ausgewählt. Wahrscheinlich handelte es sich bei dem Gebäude um eine Art Regierungspalast.

Sie gingen nieder und deaktivierten den Ortungsschutz. Seltsamerweise dauerte es sehr lange, bis sich jemand um das kleine Beiboot kümmerte, wirkte es doch in dieser Umgebung sehr auffällig. Sista führte das auf die fremde Mentalität der Eingeborenen zurück.

Als endlich eine kleine Gruppe von Eingeborenen, von denen einer aus dem großen Gebäude gekommen war, während alle anderen mit erdgebundenen Fahrzeugen eingetroffen waren, sich dem Beiboot näherten, beschloss Ratsmann Sunto, die Kontaktaufnahme einzuleiten.

Er ordnete das Ă–ffnen der Schleuse an und trat als erster den Fremden entgegen.

Der Fremde, der aus dem großen Gebäude gekommen war, schien der Anführer zu sein, weswegen Sunto auf ihn zutrat und die Arme ausbreitete, ein Gruß, der bei allen humanoiden Völkern von Friedfertigkeit kündete. Der Fremde – offenbar ein männliches Exemplar – zögerte zunächst, trat aber dann auf Sunto zu und sprach ihn an.
„Ich bin Marktleiter Steierling“, hörte er den Fremden sagen. „Ich wurde von Ihrer Anwesenheit nicht unterrichtet.“

Sunto war etwas verblüfft. „Marktleiter“ war ganz offenbar der Titel des Fremden, mit dem er sich als Führer der kleinen Begrüßungsgruppe vorstellte. Wer allerdings den Fremden von seiner – Suntos – Ankunft hätte unterrichten sollen, war dem Ratsmann nicht recht klar. Er beschloss, zunächst den Gruß des Fremden zu erwidern. Vielleicht handelte es sich lediglich um ein merkwürdiges Begrüßungsritual.

„Ich bin Ratsmann Sunto vom Wissenschaftsrat der alphanischen Union“, stellte er sich vor. Er gab Sista das Signal, ebenfalls auszusteigen. Die Kommandofrau trat Augenblicke später neben ihn. „Und das ist Kommandofrau Sista, die Kommandantin unseres Bootes.“

Beim Auftauchen der großen, schlanken Frau ertönte irgendwo aus der Gruppe, die inzwischen aus etwa fünfzehn Fremden bestand, ein schriller Laut, den Sunto nicht zuordnen konnte. Der „Marktleiter“ schien von seiner Vorstellung nicht verblüfft zu sein, sie schien im Gegenteil Heiterkeit bei ihm hervorzurufen.

„Das ist wunderbar“, sagte der „Marktleiter“ wobei er unentwegt lachte. „Da hat die Zentrale aber mal einen tollen Werbegag ausgedacht: ein Osterei aus dem Weltraum!“

*

Steierling war wirklich begeistert. Da hatte man sich in München wirklich einmal etwas einfallen lassen. Die beiden großgewachsenen, sehr schlanken „Außerirdischen“ waren derart realistisch, dass er dem „Ratsmann“ seine Geschichte beinahe abgekauft hätte. Seine Begleiterin war bestimmt ein Fotomodell. Sie war sicher über einsneunzig groß, sehr schlank und hatte unendlich lange Beine, die in Schaftstiefeln steckten, die der Frau bis zu den Knien reichten. Den ersten anerkennenden Pfiff hatte Steierling auch schon gehört.

Der „Ratsmann“ lächelte jetzt ebenfalls, seine Begleiterin schloss sich an. Diese grüne Hautfarbe hat schon etwas, dachte Steierling bei sich, als er die exotische Schöne anschaute und fühlte ein Kribbeln in der Lendengegend. Vielleicht ließ sich mit dieser „Alienlady“ nach Feierabend ein kleines Date ausmachen.

„Sind Sie handlungsberechtigt?“, erkundigte sich der männliche „Besucher“.
„Natürlich, ich bin der Marktleiter“, antwortete Steierling. „Ich muss aber jetzt wieder an die Arbeit gehen. Sie werden sicher wissen, was Sie zu tun haben. Wenn Sie etwas benötigen – vielleicht Kaffee oder etwas zu essen –, wenden Sie sich an meine Assistentin, Frau Schreiner.“ Mit einem kurzen Kopfnicken zu Sunto und einem langen Blick in Richtung der langbeinigen Frau, deren angeblichen Namen er schon wieder vergessen hatte, wandte sich Steierling um und ging zurück in Richtung Markt. Auch die anderen schienen genug gesehen zu haben und beschlossen, jetzt ihre Einkäufe zu tätigen.

*

Sunto und Sista schauten sich verblüfft an, als sich der Marktleiter plötzlich verabschiedete und auch die anderen Fremden ihnen den Rücken wandten, um in dem großen Regierungspalast zu verschwinden. Hatten sie ihn mit irgendetwas beleidigt? Oder zogen sie sich nur zu einer Besprechung zurück?

Auch Sista war ratlos. Sie hatte bemerkt, dass der Fremde AnfĂĽhrer ihr ein besonderes Interesse entgegenbrachte. Welcher Art es war, konnte sie allerdings bisher nicht ergrĂĽnden.

„Lass uns ein wenig die Gegend erkunden, während wir warten“, schlug sie Sunto vor.

Der Ratsmann ĂĽberlegte eine Weile, willigte aber dann ein. Sie unterrichteten den Rest der Besatzung von ihrem Vorhaben und machten sich auf den Weg.

Die Mentalität der Fremden schien von der ihren sehr weit entfernt zu sein, so ähnlich man sich körperlich auch war. So gab es zum Beispiel im direkten Umfeld des Regierungspalastes Wohnungen. Auf den Welten der alphanischen Union waren die Städte ganz anders aufgebaut. Da gab es Regierungs- und Wohnviertel, die streng voneinander getrennt waren. Solche Zwänge gab es hier offenbar nicht. Direkt neben dem Regierungspalast spielten Kinder, es gab keinerlei Bewachung, was vor allem bei dem aggressiven Potential, das man im Laufe der Beobachtung bei den Eingeborenen entdeckt hatte, doch sehr verwunderte.

Die Kinder kamen heran. Sie waren unterschiedlichen Alters. Sista schätzte nach alphanischen Maßstäben die Ältesten auf zwölf bis fünfzehn Sonnenumläufe. Die Kleinsten waren höchstens fünf bis sechs Umläufe alt. Einer der Kleinsten, ein offenbar männliches Kind, wagte es zuerst, die Fremden anzusprechen.
„Seid ihr Vulkansier?“, nuschelte er mit seiner piepsigen Stimme und blinzelte zu den Fremden hoch.

Sista ging in die Hocke und schaute dem Kleinen lächelnd ins Gesicht.
„Ich weiß nicht, was du meinst. Wir kommen von einem Raumschiff. Man nennt uns Alphaner.“ Der kleine Junge schaute sie verständnislos an.

Einer der Größeren kam jetzt näher. Er hielt einen stabförmigen, weißen Gegenstand in der Hand, der offenbar an einer Seite brannte. Jedenfalls stieg von dort leichter Rauch auf. Der Junge saugte an den weißen Stäbchen, das daraufhin vorn aufglühte. Kurz Zeit später stieß der Fremde eine Rauchwolke in Richtung der Alphanerin aus. Der Gestank war so unerträglich, dass Sista einen Schritt zurück machte. Offenbar inhalierte dieser Halbwüchsige das Verbrennungsprodukt des weißen Stäbchens. Sie konnte sich allerdings nicht vorstellen, welchen Sinn das haben könnte.
„Drogen“, sagte Sunto auf Alphanisch. „Diese Wesen nehmen Drogen zu sich.“

Sista war schockiert. Sie hatte ja schon gehört, dass viele der Fremden von den verschiedensten Drogen abhängig waren und dass auch Kinder davon nicht ausgeschlossen seien, aber gleich einem solchen Drogenkonsumenten zu begegnen und das in direkter Nähe zum Regierungsgebäude war doch ziemlich schockierend. In der alphanischen Union war Drogenkonsum schon seit vielen hundert Umläufen verpönt. Diese Fremden waren rückständiger, als sie gedacht hatte, wenn sie schon ihren Kindern erlaubten, sich mit diesen Substanzen zu zerstören.

Der Halbwüchsige mit dem Drogenstäbchen schob sich zwischen den Kleinen und die beiden Alphaner. Er hob eine seiner Hände und spreizte jeweils zwei Finger auseinander.
„Lebe lange und in Frieden!“, grüßte er zur Verblüffung der beiden Alphaner und brach gleich darauf in schallendes Gelächter aus. „Lass dir von denen nichts erzählen, Yannik“, sagte er dann an den Kleinen gerichtet. „Die drehen hier einen Film oder das ist irgendein Werbegag. Vulkanier gibt’s nur im Fernsehen.“ Er warf den beiden Alphanern einen eindeutig abfälligen Blick zu.

Sista und Sunto wandten sich ab und setzten ihre Erkundung fort.
„Lasst euch doch von Scotty hochbeamen“, rief ihnen der Halbwüchsige spöttisch hinterher. Weiteres Gelächter folgte.

Nach zwei Zeiteinheiten meldeten sie sich wie verabredet über Funk im Beiboot. Sie konnten nichts Positives vermelden. Die meisten der Eingeborenen waren so geschäftig, dass sie die Alphaner ignorierten. Einige gaben spöttische Bemerkungen von sich, andere, vorrangig männliche Planetenbewohner, machten seltsame Bemerkungen über Sistas Körperbau und boten ihr Schlafgelegenheiten an. Nach vier Zeiteinheiten beschloss Sunto die Rückkehr zum Beiboot. Steuermann Sorto, der in Abwesenheit von Sista das Kommando an Bord hatte, meldete, dass sich der Marktleiter noch immer nicht wieder gezeigt hatte.

Sunto beschloss, einen letzten Versuch zu machen und den Marktleiter in seinem Regierungspalast aufzusuchen.

Die weibliche Eingeborene, die offenbar den Eingang bewachte, starrte sie an, als sie durch die gläserne Tür den Palast betraten. Sie trug eine Art Uniform ganz in weiß gehalten. Um sie herum gab es in Behältern und Regalen merkwürdige Gegenstände, die weder Sunto noch Sista identifizieren konnte.

„Wir suchen den Marktleiter“, sprach Sunto die Frau an, wobei ihm der fremde Titel noch etwas holprig über die Lippen kam.

„Sie ... Sie kommen aus dem Weltraum, oder? Ich habe gesehen, wie Ihr ... Raumschiff ... einfach aus dem Nichts aufgetaucht ist.“

Sunto senkte das Haupt, um die Worte der Fremden zu bestätigen. Offenbar hatte man es hier mit erheblich intelligenteren Vertretern dieser Spezies zu tun, als außerhalb des Palastes. Es verwunderte nicht, dass der Marktleiter die Elite um sich versammelt hatte. Sunto war erheblich wohler, als er dem Weg folgte, den die Wächterin beschrieben hatte.

Ein noch junger Eingeborener, der die gleiche weiße Uniform trug wie die Wächterin, begegnete ihnen in unmittelbarer Umgebung des Marktleiterbüros. Sie sprachen ihn an.
„Können Sie uns beim Marktleiter anmelden?“, fragte Sunto freundlich. Der junge Eingeborene hatte nur Augen für Sista.
„Äh ... der Marktleiter? ... ääh ... ja ... einen Moment“, stotterte er und schlug leicht mit einer seiner Hände gegen eine Tür. Von drinnen hörte man eine Stimme. Was sie sagte, konnte Sunto nicht verstehen, aber der junge Uniformierte öffnete die Tür und bat die beiden Alphaner einzutreten.

In dem erstaunlich schlichten Raum thronte der Marktleiter hinter einem Tisch, der mit Papieren überhäuft war. Als er sie sah, stand er auf und kam lächelnd auf sie zu.
„Gibt es etwas, kann ich etwas für Sie tun?“, erkundigte er sich.
„Nun, ich denke, es sind eher wir, die etwas für Sie tun können, Marktleiter“, erwiderte Sunto freundlich. Der Marktleiter schaute ihn erstaunt an.
„Und was wäre das?“, fragte er dümmlich.
„Wir haben Ihren Planeten lange studiert und erkannt, dass es noch viele Probleme gibt: Krankheiten, Drogen, Kriege und Hunger. Wir können Ihnen bei der Beseitigung all dieser Probleme entscheidend helfen. In nur wenigen Umläufen wird es all diese Dinge auf Ihrem Planeten nicht mehr geben.“

Der Marktleiter schaute sie mit einem Gesichtsausdruck an, der sie einen Moment an seinem Verstand zweifeln ließ. Dann wechselte der Gesichtsausdruck. Jetzt sah es so aus, als zweifle der Marktleiter am Verstand der Alphaner. Er lächelte etwas unsicher.
„Äh, meinen Sie nicht, dass Sie Ihre Rolle etwas übertreiben? Mein lieber Mann, sie hätten mich fast schon wieder dazu gebracht, Ihnen zu glauben. Sie müssen sich nicht weiter bemühen. Ich werde nach München melden, dass man Sie jederzeit wieder verpflichten kann. Sie sind sehr überzeugend. Aber jetzt habe ich leider viel zu tun.“

Er drängte die Alphaner zur Tür, öffnete sie und schob die beiden Fremden nach draußen. Dann schloss er die Tür wieder.

Sunto und Sista schauten sich verblĂĽfft an.
„Es hat keinen Sinn“, konstatierte Sunto enttäuscht. „Wir haben sie offenbar noch nicht lange genug studiert, um ihre Mentalität zu verstehen.“
Niedergeschlagen gab ihm Sista recht. Die Alphaner kehrten zu ihrem Beiboot zurück und stiegen ein. Sunto gab das Kommando zum Schließen des Schotts. Auf dem ehemals freien Platz standen inzwischen unzählige der vierrädrigen Bodenfahrzeuge. Nur wenige Planetenbewohner blieben beim Beiboot stehen, um es näher zu betrachten. Die übrigen waren zu geschäftig, hasteten in das Regierungsgebäude und anschließend gleich wieder zurück zu ihrem Fahrzeug. Sunto gab den Befehl, den Ortungsschutz wieder einzuschalten. Danach befahl Sista, das Boot zu starten.

*

Elfriede Sukrow schaute den beiden Fremden hinterher, als sie zurück zum Raumschiff gingen. Die grünhäutigen Wesen stiegen die wenigen Stufen hinauf. Augenblicke später wurde die Tür wieder nach oben geklappt. Es dauerte dann noch etwa zwei Minuten, bis das kleine Raumschiff genauso verschwand, wie es aufgetaucht war. Nur wenige Menschen auf dem Parkplatz des Supermarktes bemerkten das Verschwinden des Rieseneis. Seltsamerweise empfand die Verkäuferin Bedauern.

*

Sista und Sunto erstatteten dem Rat sofort Bericht, nachdem sie zum Mutterschiff zurĂĽck gekehrt waren. Siata und Solto wackelten mit dem Kopf. Sie hatten nichts anderes erwartet: die Planetenbewohner waren noch nicht reif fĂĽr einen Erstkontakt.

Da die Höchstdauer für eine Observierung ohnehin bereits fast erreicht war, beschloss der Schiffsrat, noch in dieser Hellperiode zur Basis zurück zu kehren. Es wurde in den Unterlagen über dieses System vermerkt, dass in zweihundert Umläufen ein Schiff zurück kehren sollte, um den Planeten erneut zu beobachten. Vielleicht waren die Eingeborenen bis dahin soweit, einen Erstkontakt durchzuführen.

Wenige Zeiteinheiten später beschleunigte das Mutterschiff und verließ sein Versteck hinter dem Mond.

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Waldemar Hammel
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@ Amadis

Einfach zu sagen:
Die story ist nicht zu lang, ganz im Gegenteil, ich wĂĽnschte mir eine Fortsetzung...
Sehr elegant, kurzweilig und spannend geschrieben.

Auch ich in der Jugend ein fanatischer Leser von SF (u.a. als Serie damals "perry rhodan" in den Anfangsjahren/ weiĂź nicht, ob es das heute noch gibt?)

PS: hatte vor Kurzem mal Lust drauf und schrieb hier "die Mission der Henoch", aber heute ist -da die optischen Medien sich der Sache mittlerweile annahmen- textliche SF ein anderes Metier als "zu meiner Zeit".

Wann wird das Projekt S.E.T.I endlich Erfolg haben?......

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Amadis
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hallo waldemar,

vielen dank fĂĽr die netten worte. das macht mir als neuling mut ;-). bisher hab ich ja nur fĂĽr mich selbst und ein oder zwei freunde geschrieben, deren bewertungen ja leider nicht sonderlich objektiv sind.

gruĂź

amadis

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Waldemar Hammel
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Dein Schreibstil ist sehr sauber und klar!
Meine ich im Ernst: Schreib bloĂź weiter.

Und, vielleicht hast Du auch Interesse, Dich einmal in den anderen Genres hier zu versuchen....

Mit war Dein Text -wie gesagt- spannend und kurzweilig.

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Amadis
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hallo,

falls es dich interessiert: ich habe noch zwei weitere texte eingestellt und zwar die story "betriebsprĂĽfung" hier im bereich sf und den prolog zu einem kriminalroman im bereich "krimi".

gruĂź

amadis

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dan
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@ waldemar

hi!

du weisst nicht, ob es perry rhodan noch gibt??? die haben mittlerweile ĂĽber 2100 hefte (2162 um genau zu sein) raus. und jede woche ein neues...

schau mal auf Hier klicken

grĂĽĂźe dan
__________________
(c) by dan

ein gutes buch genĂĽgt

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