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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Erwachsen werden
Eingestellt am 07. 12. 2016 11:03


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InselmÀdchen
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Dec 2016

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Neubeginn

Eisige Luft zwickt in die Nase, der Wind blĂ€st dĂŒnn, aber stetig und zieht unangenehm durch alle Ritzen der dicken Winterjacke und findet seinen Weg in die Hosenbeine hinein, so dass es eine GĂ€nsehaut an den Beinen gibt.

Der Tag wirkt weiß, was sich seltsam anhört. Aber an diesem Sonntagmorgen Ende November wirkt alles hell und trist und farblos, weiß eben. Es ist ganz still, kein Mensch unterwegs, nur vereinzelt fĂ€hrt ein Auto an der Bushaltestelle vorbei, an der ich auf den Bus warte.

Jetzt biegt er um die Ecke, fast lautlos, anscheinend leitet die kalte Luft die GerÀusche nicht gut. Ich steige in den Bus, bin der einzige Fahrgast. Zwei, drei, vier Stationen, dann steige ich aus.

Mein Weg fĂŒhrt mich weiter durch die menschenleere Einkaufsstraße, vorbei an geschlossenen LĂ€den und schließlich durch eine FußgĂ€ngerunterfĂŒhrung unter den S-Bahn Gleisen hindurch. Auch hier ist kein Mensch zu sehen. Die UnterfĂŒhrung ist dunkel, ein dunkler, zugiger Tunnel. Es gibt hier einen Kiosk, der Tag und Nacht geöffnet ist, aber es ist noch kein Kunde da.

Gleich daneben ist noch ein Blumenladen, der erst spĂ€ter am Vormittag öffnet. Alles wirkt trostlos, öde und erzeugt ein GefĂŒhl großer Einsamkeit. Meine Schritte hallen laut in dem Tunnel, ich gehe schnell hindurch, an den beiden verwaisten GeschĂ€ften vorbei, denn ich bin in Eile.

Als Konfirmandin im zweiten Jahr gehe ich zusĂ€tzlich zum wöchentlichen Konfirmationsunterricht jeden Sonntag zum Gottesdienst. Ich gehe immer allein in die Kirche, meine Familie hat keine Zeit und Freunde habe ich nicht, die mich begleiten wĂŒrden. In der Kirche setzte ich mich dann auch ganz nach hinten, in die letzte Bank, so dass mich noch gerade die Frau Pastorin sehen kann.

Mit den Mitkonfirmanden habe ich keinen Kontakt, sie sitzen vorne in der Kirche und albern herum. Aber ich gehöre nicht dazu, ich gehöre niemals dazu, in der Schule nicht und auch hier nicht. Die Orgel dröhnt ĂŒber meinem Kopf und die Besucher des Gottesdienstes stimmen mit ihrem Gesang ein. Ich halte das Liederbuch in der Hand, aber ich brauche es nicht aufzuschlagen. Ich kenne alle Lieder, die regelmĂ€ĂŸig im Gottesdienst gesungen werden, auswendig. Ich singe die Liedertexte leise mit. Die Frau Pastorin redet, aber ich höre kaum hin. Dann ist der Gottesdienst vorbei, die Frau Pastorin geht durch das Kirchenschiff zum Ausgang, um die Besucher des Gottesdienstes zu verabschieden. Ich warte, bis alle an mir vorbeigezogen sind und trotte dann der Scharr der KirchgĂ€nger langsam hinterher. Am Ausgang gebe ich der Frau Pastorin die Hand und schlĂŒpfe schnell aus dem Gotteshaus, um mich auf den Heimweg zu machen.

Die Luft ist immer noch kalt und schneidend. Der Himmel zeigt ein milchiges, helles blau und die Sonne steht als kalte weiße Scheibe ĂŒber dem Horizont.

Ich betrete die TunnelunterfĂŒhrung und ziehe die Kapuze meiner Jacke enger, weil die Zugluft mir eisig entgegenschlĂ€gt. Aber der Tunnel ist nicht mehr menschenleer, im Kiosk haben sich die Stammkunden eingefunden und lachen und erzĂ€hlen sich laut. Im Blumenladen herrscht richtig Betrieb, bestimmt sechs oder sieben Kunden warten auf Bedienung.
Die Ladeninhaberin ist schon Ă€lter, mit Ihrem fröhlichen Lachen, einem netten Wort fĂŒr Jedermann passt sie eigentlich gar nicht in so einen dunklen Tunnel. Sie trĂ€gt einen dicken Rollkragenpullover und eine grĂŒne GĂ€rtnerschĂŒrze und packt geschĂ€ftig die gewĂŒnschten Blumen in Seidenpapier ein. Dabei schwatzt sie ununterbrochen. Ihre freundliche Stimme hallt durch den Tunnel und ich muss einfach stehen bleiben, um mir die Auslagen vor dem GeschĂ€ft anzuschauen. Da erscheint es mir, als wĂ€re ich gerade erst erwacht.
Hier liegen auf ausgelegten Kartons und aufgestellten Holzkisten AdventskrĂ€nze. Mit vollem Schmuck, wundervolle Tanne in saftigem GrĂŒn mit weißen oder roten Kerzen. GeschmĂŒckt mit liebevoll gebundenen Schleifen, mit kleinen Fliegenpilzen und goldenen Sternchen verziert. Sie erscheinen mir wunderschön. Da kamen mir die Predigtworte ins GedĂ€chtnis, heute ist der erste Advent.

Es hĂ€mmert in meinem Kopf, der erste Advent, der erste Advent. Zuhause war in diesem Jahr noch nichts vorbereitet, kein Adventskranz, keine Kerzen, gar nichts. Meine Mutter ist wohl nicht dazu gekommen. Ich ĂŒberlege, krame dann in meinen Taschen. Ja, ich habe genug Geld dabei. Ich werde aufgeregt, ich werde einen Adventskranz kaufen, werde heute Nachmittag die erste Kerze anzĂŒnden, wir werden alle am Kaffeetisch sitzen und zusammen Kuchen essen.

Mein GefĂŒhl der Einsamkeit ist wie weggeblasen. Die Frau aus dem Laden kommt heraus, lacht mich freundlich an und fragt nach meinen WĂŒnschen. Ich suche einen Adventskranz aus, mit dicken roten Kerzen und goldenen Schleifen, bezahle und trage den Adventskranz wie einen wertvollen Schatz vorsichtig zur Bushaltestelle. Mein Herz klopft wie wild, ich denke an die zurĂŒckliegenden Monate seit dem letzten Weihnachtsfest. Die Eltern hatten seit Monaten keine Zeit mehr fĂŒr mich gehabt, meine Ă€ltere Schwester war ausgezogen, wohl zu einem unpassenden Partner, es hatte viel Streit und TrĂ€nen gegeben. Viele GesprĂ€che zwischen meiner Mutter und meiner Schwester, von denen ich nichts wissen sollte, viele Geheimnisse, die ich nicht verstand. Unserer Ă€lterer Bruder war weit weg gezogen, auch dies hatte meinen Eltern wohl viel Kummer bereitet, was ich nicht verstehen konnte, da die Geschwister doch schon lange erwachsen waren. Meine Gedanken drehen sich um die hĂ€uslichen Probleme, wĂ€hrend meine HĂ€nde das PĂ€ckchen mit dem Adventskranz umklammern. Da endlich kommt der Bus, ich steige ein und male mir aus, wie sich meine Mutter freuen wird.
Sie wĂŒrde den Adventskranz bewundern und ihn dann an seinen Platz stellen. Es wĂŒrde wie jedes Jahr werden zur Adventszeit, mit warmem Kerzenschein und lustigen Kaffeerunden. Dann ist meine Haltestelle da, ich hĂŒpfe aus dem Bus und laufe nach Haus. Den eisigen Wind spĂŒre ich nicht mehr. Ich klopfe an die HaustĂŒr, eine Klingel haben wir nicht und ich besitze noch keinen HausschlĂŒssel. Meine Mutter öffnet die TĂŒr, ihr Haar ist wirr, wie an jedem Sonntag, wenn sie kocht. Sie schaut erstaunt auf das in Seidenpapier gepackte Mitbringsel. Ich trete ein, lege das PĂ€ckchen auf den Tisch und löse stolz die Verpackung.
Die roten Kerzen kommen zum Vorschein, die grĂŒne leuchtende Tanne, die goldenen Schleifen.

Ich drehe mich zu meiner Mutter um, aber die erwartete Freude zeigt sie nicht. Sie wirkt eher Ă€rgerlich, warum weiß ich nicht. Ich bin verwirrt und versuche zu erklĂ€ren, dass wir doch noch keinen Adventskranz haben, obwohl heute der erste Advent sei. Aber sie meint nur, dass sie schon noch fĂŒr einen Adventskranz gesorgt hĂ€tte, so wie jedes Jahr. Aber ich weiß, dass das nicht wahr ist, denn es sind keine Kerzen im Haus, die Tanne ist nicht geschnitten und Schmuck fĂŒr den Adventskranz ist auch nicht vorhanden.

Ich stehe da und weiß nicht, was ich sagen soll. Schließlich stellt meine Mutter den Adventskranz ohne weiteres Wort an seinen Platz auf dem kleinen Tischchen, um dann in der KĂŒche das Essen vorzubereiten. Ich gehe in mein Zimmer, fassungslos und enttĂ€uscht. Draußen scheint die blasse Wintersonne, draußen ist das weiße, kalte Licht. DĂŒnne Schleierwolken ziehen ĂŒber den Himmel, noch immer ist kaum ein Auto, kein Mensch ist auf der Straße zu sehen. Ich spĂŒre, wie die Kinderzeit verrinnt, wie ich erwachsen werde. Jede Minute scheine ich zu wachsen, werde ich ernsthafter und ruhiger. Ich wehre mich gegen das GefĂŒhl der EnttĂ€uschung und besiege das GefĂŒhl der kindlichen Freude.

Meine Mutter ruft zum Essen, der Tisch ist sonntĂ€glich gedeckt, es gibt Braten und Soße mit KartoffelklĂ¶ĂŸen und GemĂŒse. Meine Eltern und ich essen schweigend. Die Geschwister fehlen, es ist nichts mehr wie vorher. Es ist still im Zimmer, nur das Klappern des Bestecks auf den Tellern ist zu hören. Der Raum erscheint mir plötzlich fremd, alles wirkt neu und unbekannt. Ich bin eine Fremde. Die Eltern gehören zusammen, ich gehöre nicht mehr dazu. Ich bin eine Fremde, eine erwachsene Person in einer Familie, zu der ich nicht mehr gehöre, die es so nicht mehr gibt. Mein erwachsenes Ich wird unaufhörlich stĂ€rker. Die Entfremdung von den Eltern wird immer mĂ€chtiger. Das Essen ist vorbei, ich helfe den Tisch abrĂ€umen und gehe in mein Zimmer. Ich schaue wieder aus dem Fenster, die Wolken haben sich verdichtet, der Himmel ist jetzt stahlgrau, die Sonne ist nur noch als matte Scheibe hinter den Wolken zu erahnen. Die Farbe gefĂ€llt mir, mein Herz fĂŒhlt sich wie Stahl an, ich habe keine TrĂ€nen, keine Trauer.

Alles scheint um mich herum zu zerbrechen, scheint zu zerfallen, eine neue Welt entsteht, eine Welt der StĂ€rke, eine Welt der Erwachsenen, eine Welt eigener Entscheidungen, eigener Verantwortung. Spontan verlasse ich mein Zimmer, ziehe die warme Winterjacke an und verlasse das Haus. Ich gehe durch die Straßen, gehe an den Orten der Kindheit vorbei, die plötzlich kleiner, immer kleiner werden. Es dunkelt, in den GĂ€rten funkeln die Lichterketten. In den Fenstern leuchtet Weihnachtsbeleuchtung, Kerzenschimmer ist ĂŒberall zu sehen. Ich werde immer Ă€lter, die Kindheit ist vorbei. Es ist dunkel geworden, ich gehe nach Hause, klopfe energisch an die TĂŒr. Meine Mutter öffnet die TĂŒr, ich trete ein, mein Schritt ist fest und fordernd. Ohne Worte trete ich in das Wohnzimmer, nehme mir die Streichhölzer und entzĂŒnde die erste Adventskerze. Die Flamme brennt ruhig und gleichmĂ€ĂŸig, die Eltern sitzen schweigend im Wohnzimmer beim Adventskranz, bei meinem Adventskranz. Es duftet intensiv nach Tanne, nach Kerze, nach Weihnachten, nach Vorfreude. Ich setze mich dazu, wir sitzen still beisammen, aber es gibt keine Gemeinsamkeit mehr.

Wir sitzen schweigend und die Zeit vergeht. Unsere Wohnzimmeruhr tickt, die Kerze brennt, ich gehe in die KĂŒche und hole Kaffee fĂŒr meine Eltern und Kakao fĂŒr mich. Der Nachmittag vergeht, wir löschen die Kerze. Nichts ist mehr wie zuvor.


__________________
InselmÀdchen

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