Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5551
Themen:   95247
Momentan online:
309 Gäste und 11 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Es
Eingestellt am 06. 04. 2013 18:07


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Biillii
Festzeitungsschreiber
Registriert: Apr 2013

Werke: 5
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Biillii eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Es

Ein winzig kleines, erbĂ€rmlich dasitzendes Wesen. Zwei gesunde Ärmchen, zwei gesunde FĂŒsschen, ein gesundes Köpfchen. Und trotzdem kann es mit seinen Ärmchen keine Berge versetzten. Trotzdem kann es mit seinen Beinchen nicht ĂŒber seinen eigenen Schatten springen. Trotzdem kann es mit seinem Köpfchen keine Wunder mehr glauben. Es sitzt einfach da und vegetiert vor sich hin.

„Mama?“, hört man durchs ganze Haus hallen, „wo sind meine Balletschuhe?“. „Die sind schon in deiner Tasche, mein Schatz.“. Ein flĂŒchtiger Abschiedskuss und schon rennt die Kleine zur Bushaltestelle. Ich grinse. Jeden Dienstag dasselbe mit ihr. Ich war genauso als ich klein war. Ich musste immer rennen um den Bus noch zu erreichen. Und das veranlasst mich zu einem Grinsen. Doch ein zufĂ€lliger Blick auf die Wanduhr ĂŒber dem KĂŒhlschrank holt mich wieder aus meinen Gedanken zurĂŒck. In einer halben Stunde kommen Mann und Sohn nach Hause. Dann hĂ€tte ich gerne das Abendessen fertig vorbereitet. Also ran an die Arbeit. Wie gerne ich dies doch erledige, wenn ich daran denke was fĂŒr ein schönes und erfĂŒlltes Leben ich habe: einen mich liebenden und verehrenden Ehemann, zwei gesunde und muntere Kinder, ein eigenes kleines HĂ€uschen in einer ruhigen und sicheren Gegend und sogar wieder einen fantastischen Teilzeitjob. „Was fĂŒr ein herrliches Leben“ denke ich mir und atme tief durch.

Es atmet tief durch. Das einzige was seine Ärmchen noch verrichten können, ist ein Messer zu bedienen. Doch auch dies funktioniert nur unter einem leichten Zittern. Das einzige was seine FĂŒsschen noch verrichten können, ist seinem Körper zu helfen durch diesen Raum zu schlendern. Ein selbstbewusstes durchs Leben gehen funktioniert schon lange nicht mehr. Und das einzige was sein Köpfchen verrichten kann, ist sich Fantasiewelten auszudenken. Es schaut sein Messer an, dann wandert der Blick zum Toastbrot, dann zur Butter, und schliesslich wieder zurĂŒck zum Messer.

„Yeah, endlich das Medizinstudium beendet“ sag‘ ich leise zu mir selbst. Sechs lange Jahre sass ich nun beinahe Tag fĂŒr Tag in dieser Uni und nun habe ich das Diplom in meiner Hand. Es ist ein ĂŒberwĂ€ltigender Moment, hier vor der Uni zu stehen, das Diplom fest in den HĂ€nden zu halten und dem noch vor mir liegenden Lebensabschnitt positiv gestimmt entgegen zu schauen. Nun werde ich drei weitere Jahre als AssistenzĂ€rztin arbeiten mĂŒssen, um dann selbstĂ€ndig praktizieren zu dĂŒrfen. Aber was soll’s. Ich geniesse mein Leben. Ich habe es geschafft. Ich werde vielen Leuten helfen können. Sicherlich gibt’s auch viele, welchen ich nicht werde helfen können. Doch ich kann einigen Leuten eine Hilfe sein. Ich kann Dinge in ihrem Leben Ă€ndern, die fĂŒr sie Berge bedeuteten. Berge von Problemen. Ich kann Berge versetzen.

Laut seinen teils noch unverheilten Wunden, teils schon Narben, wird es das Messer wohl kaum zum Butterstreichen benutzen. Wieso sollte es auch? Das ist doch ĂŒberhaupt kein Buttermesser, nein, es ist vielmehr ein Taschenmesser. Ein stets gut geschliffenes Schweizer Taschenmesser. Ausserdem wird sein Bauch nicht mit Brot gefĂŒllt, sondern mit roten, brĂ€unlichen und weissen Strichlein. Diese kommen eigentlich nicht von aussen, sondern von innen. Und zwar von ganz tief innen. Von da aus, wo das Wesen zu einem winzig kleinen und erbĂ€rmlich wirkenden Wesen gemacht wird. DafĂŒr ist kein Messer verantwortlich. DafĂŒr sind keine Ärmchen verantwortlich. DafĂŒr ist etwas ganz anderes verantwortlich.

Was fĂŒr ein Stress, jetzt wĂ€hrend den JahresprĂŒfungen. Die Arbeiten zweier Klassen habe ich bereits verbessert, doch zwei weitere muss ich auch noch verbessern. Und die Zeit drĂ€ngt. Bereits morgen Abend muss ich die Resultate im Notensystem eingetragen haben. Alle meine SchĂŒler haben das Recht, rechtzeitig zu erfahren, ob sie das vergangene Schuljahr bestanden haben. Aber trotzdem, zuerst gönne ich mir nun eine kleine Mahlzeit. Ich habe einen BĂ€renhunger. Am KĂŒhlschrank werfe ich einen kurzen Blick auf die dort hĂ€ngenden Fotos. Eines meiner Lieblingsfotos zeigt einen jungen Mann, der braungebrannt in die Kamera lĂ€chelt. Ich liebe ihn so sehr. Und auch wenn wir keine Kinder haben, wir haben ja einander. Doch ich musste mich sehr ĂŒberwinden, auf eine Beziehung einzugehen. Es war anfangs alles andere als einfach. Doch ich habe mich ĂŒberwunden. Ich bin ĂŒber meinen eigenen Schatten gesprungen.

Es wird aufgefressen. Ganz tief innen drin ist alles schon zerfressen und auch weiter nach draussen ist es schon angeknabbert. Das reicht sogar so weit, dass sich dieses innerliche Zerfressen auf seinem Bauch widerspiegelt. Es wird langsam aber sicher aufgefressen. Seine Ärmchen, seine FĂŒsschen, sein Köpfchen, alles wird immer funktionsunfĂ€higer. Es wird aufgefressen.

Ich starre auf das kleine, vergitterte Fenster. Es ist das einzige Fenster in diesem Zimmer. Wie lange bin ich hier wohl schon drin? Ein paar Stunden? Ein paar Tage? Wochen? Monate? Oder gar Jahre? Werde ich je wieder entlassen? Wann erklĂ€rt man mich fĂŒr gesund? Wer erlaubt sich mein Zustand als krank zu definieren? Wieso soll ich krank sein, wenn ich doch gar nichts getan habe? Ich konnte mich immerhin nicht selbst schlagen, ich konnte mich nicht selbst misshandeln, ich konnte mich nicht selbst in den Keller sperren, ich konnte mich nicht selbst vergewaltigen. Ich halte das nicht mehr aus. Das frisst mich auf. Es ist ein Teil von mir. Ich fresse mich selber auf. Ganz langsam. Aber sicher. Tief innen drin hat’s angefangen. Und nun arbeitet es sich in aller Ruhe weiter vor in meinem Körper. Die Seele ist kaum mehr ansprechbar. Sie wurde fast schon vollstĂ€ndig aufgefressen. Meine Fantasiewelten von einem schönen Leben, einer geglĂŒckten Ausbildung, einer Familie, einer Arbeit. Sie werden immer seltener. Meine Ärmchen, FĂŒsschen und auch mein Köpfchen. Sie werden immer tauber. Mein Bauch funktioniert noch. Aber auch nur als Bildschirm fĂŒr die Geschehnisse tief in mir drin. Ich werde aufgefressen. Ich fresse mich selber auf. Ich darf mich nicht mehr “ich“ nennen. Das habe ich nicht verdient. Ich bin nur noch “es“.

Es sitzt einfach da und vegetiert vor sich hin. Es hat inzwischen realisiert, dass es im Leben nie etwas erreicht hat, und auch nicht mehr erreichen wird. Es hat versagt.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


sharks.sharks
Hobbydichter
Registriert: Aug 2013

Werke: 1
Kommentare: 4
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um sharks.sharks eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Also die idee, verschiedene LebenstrĂ€ume der Protagonistin zu beschreiben und dann immer ein 'es' dahinzusetzen, was (wie ich annehme), zeigt, wie sie sich wirklich fĂŒhlt und wie es um ihr seelenleben bestellt ist, finde ich wirklich gut.

Was mich gestört hat ist, dass die Sprache oft sehr Hölzernd war.
Die ielen erniedlichungen bei den ES passagen kamen bei mir nicht gut an, ich finde, sowas sollte man sparsam einsetzen, und auch die anderen passagen

Passagen wie:

>>Was fĂŒr ein Stress, jetzt wĂ€hrend den JahresprĂŒfungen. Die Arbeiten zweier Klassen habe ich bereits verbessert, doch zwei weitere muss ich auch noch verbessern. Und die Zeit drĂ€ngt. Bereits morgen Abend muss ich die Resultate im Notensystem eingetragen haben. Alle meine SchĂŒler haben das Recht, rechtzeitig zu erfahren, ob sie das vergangene Schuljahr bestanden haben<<

Da finde ich wĂ€re es besser gewesen, eine Sprache zu wĂ€hlen, die man wirklich nutzen wĂŒrde, um solche dinge zu erzĂ€hlen.
Als wĂŒrde die Protagonistin mit uns sprechen.
Dann wĂŒrde man auch mehr emotionalen Kontakt zu ihr aufbauen und wĂ€re om ende, wo sie offenbar von dem mann vergewaltigt worden ist, eher berĂŒhrt.

Cool hĂ€tte ich es gefnden, wenn man die Protagonistin quasi in abstĂ€nden 'trifft', diese einem ein lĂŒgenmĂ€rchen auftischt, bis man sie am ende in der psychiatrie trifft und sie endlich zugibt, dass das alles nicht wahr war und zu eine katharsis kommt und ihrem leben jetzt in#s auge sieht.

SIe könnte dabei auch mit sich selbst reden, oder am besten sogar zu dem ES.

So jedenfalls suggerierte die sprache viel zu stark, dass man doch bitte mitfĂŒhlen soll
Emotionale begriffe wie die erniedlichungen, sĂ€tze wie 'Wie gerne ich dies doch erledige, wenn ich daran denke was fĂŒr ein schönes und erfĂŒlltes Leben ich habe'

Das wĂ€re es mit 'Ich erledige die Arbeit gern fĂŒr meinen Mann und meinen Sohn, ich liebe meine Familie' besser gelaufen, finde ich.

Bearbeiten/Löschen    


1 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung