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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Es ging ihm gut
Eingestellt am 30. 03. 2013 13:29


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Maribu
???
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ES GING IHM GUT

Schwester Doris st├╝rmte herein und rief: "Wer hat die Tageszeitung? - Ach Sie, Herr M├Âller. Ich muss sie Ihnen einen Moment entf├╝hren. Wir m├╝ssen etwas nachpr├╝fen." Sie riss sie ihm fast aus der Hand.
Herr M├Âller protestierte, weil er sie eben erst vom Tisch genommen hatte. Die Schlagzeile hatte ihn ber├╝hrt und sofort die Seite drei mit dem Artikel 'Missstand in Pflegeheimen'
aufschlagen lassen. Die Schwester l├Ąchelte und sagte beruhigend:
"Sie bekommen sie gleich zur├╝ck."
Er sa├č, ungeduldig auf die R├╝ckgabe der Zeitung wartend, in seinem Rollstuhl am Tisch der Besucherecke und bl├Ątterte
desinteressiert in den zerfledderten Zeitschriften. Die Rollstuhlfahrer hatten sich im Aufenthaltsraum verteilt.
Zwei, die sich gegen├╝ber standen, unterhielten sich so laut, als w├╝rden sie streiten. Eine Frau sa├č mit zur├╝ckgelehntem Kopf und offenem Mund neben ihnen und konnte trotzdem schlafen.
Einige blickten erwartungsvoll durch die ge├Âffnete T├╝r und verfolgten die Bewegungen auf dem Gang. Andere starrten auf die Mattscheibe und lie├čen Landschaftsbilder, untermalt von dezenter Musik, an sich vorbeiziehen.
Schwester Doris kam zur├╝ck. "So, Herr M├Âller, hier haben Sie die Zeitung wieder", sagte sie und l├Ąchelte freundlich, wie gewohnt. Er versuchte sofort die Seite drei aufzuschlagen und rief der Schwester hinterher: "Das habe ich mir gedacht! Bitte kommen Sie nochmal!" Sie stellte sich hinter seinen Rollstuhl. "Da, sehen Sie selbst!" Er wedelte mit dem Hauptblatt hin und her. "Nach Seite zwei kommt Seite f├╝nf. Sie haben eine Doppelseite herausgenommen!"
"Ich nicht!" antwortete sie. "Das hat die Heimleitung entschieden!"
"Sie k├Ânnen diesen Artikel doch nicht einfach unterschlagen!" entr├╝stete er sich.
"Doch", antwortet sie ruhig und zeigte wieder ihr L├Ącheln. "Es ist ja nicht Ihre Zeitung. Unser Heim hat sie abonniert. Wir sind f├╝r sie alle verantwortlich. Dieser Bericht ist verlogen und w├╝rde Sie nur unn├╝tz aufregen!"
"Unn├╝tz aufregen?" wiederholte er. "Ich reg mich nur auf, wenn es einen Grund daf├╝r gibt! Glauben Sie etwa, dass in diesem Heim alles in Ordnung ist, wenn Sie diese Seiten verschwinden lassen?"
Sie zuckte mit den Schultern und antwortete schnippisch:
"Da stehen noch so viele interessante Dinge auf den anderen Seiten, mit denen Sie sich besch├Ąftigen k├Ânnen!" Sie wandte sich zum Gehen.
"Will ich aber nicht!" antwortete er und warf die Zeitung w├╝tend auf den Boden. Einige Heimbewohner hatten f├╝r Momente die Apathie ├╝berwunden und dem Wortwechsel gelauscht. Schwester Doris hatte das registriert und drehte sich um, bevor sie auf den Gang hinaustrat und rief: "Ich wei├č gar nicht, was Sie wollen! Ihnen geht es doch gut!"
Herr M├Âller dachte dar├╝ber nach. Wie kann es einem im Heim gut gehen? Jetzt wurde schon die Zeitung zensiert, weil man einen offensichtlich kritischen Artikel nicht widerlegen konnte. Nicht dieser Bericht, ihr Schlusssatz war verlogen und zynisch. Wenn sie ehrlich w├Ąre, h├Ątte sie sagen m├╝ssen:
"Ihnen ging es doch gut!"
Ja, das konnte er von sich behaupten! Es ging ihm gut! Ella und er hatten letztes Jahr die diamantene Hochzeit im Verwandten- und Freundeskreis feiern k├Ânnen. Kinder waren ihnen leider nicht beschieden. Ella hatte immer zu ihm gehalten, ihn verw├Âhnt und nicht freiwillig verlassen. Gegen
Bauchspeicheldrüsenkrebs sind die Ärzte immer noch machtlos.
Wenn er nicht vor einem halben Jahr die Treppe hinuntergest├╝rzt w├Ąre, h├Ątte er sich in seiner Wohnung noch behelfen k├Ânnen.
"Hallo Karl!" Die Stimme einer Frau riss ihn aus seinen Gedanken. Er schaute auf die Uhr. Heute kommt sie schon eine halbe Stunde fr├╝her! ├Ąrgerte er sich, und dann noch mit ihrem Sohn im Schlepptau! Sie nahmen gegen├╝ber am Tisch Platz.
"Du hast mich wohl noch nicht erwartet?"
Er blickte an ihr vorbei und sagte unfreundlich: "Wer sind Sie?"
Sie lachte gezwungen. "Nun machst du wieder einen deiner Scherze! Ich bin Hertha, deine Schw├Ągerin, die Frau von deinem verstorbenen Bruder Harald."
"Was wollen Sie?"
"Nun h├Âr aber auf, Karl! Jetzt f├Ąngst du schon an mich zu siezen. Ich war doch letzte Woche erst bei dir. Ich komme doch jeden Mittwoch, um dich zu besuchen."
"Ja, Mittwoch", antwortete er. "Heute ist Donnerstag. Ich habe gestern auf dich gewartet! - Und wer ist der Mann da?"
Sie verdrehte die Augen und sagte betont ruhig: "Das ist doch Sven, mein Sohn und dein Neffe!"
Er antwortet nicht. "Wir sind heute zu zweit gekommen, um dich zu ├╝berzeugen. Wir m├Âchten deine Einwilligung haben f├╝r ein anderes Heim. Wir haben doch letztes Mal schon dar├╝ber gesprochen. Erinnerst du dich daran?" Sie gew├Ąhrte ihm eine Denkpause. "Ich wei├č, dir gef├Ąllt es hier, aber dieses Heim ist zu teuer! Dein ganzes Geld w├╝rde mit der Zeit draufgehen!"
Er antwortete wieder nicht. "Karl, ich bitte dich, sag etwas!" beschwor sie ihn und blickte ihren Sohn dabei an.
Der sagte auch nichts, hatte seinen Onkel noch nicht mal begr├╝├čt, grinste nur und tippte sich an die Stirn. "Ja",
seine Mutter nickte, "es wird immer schlimmer mit ihm!"
Als wollte ihr Schwager das best├Ątigen, sagte er: "Das muss ich erst mit meinen Enkelkindern besprechen!"
"Deine Enkelkinder?" wiederholte seine Schw├Ągerin erstaunt.
"Aber Karl, deine Frau bekam doch gar keine Kinder! Wie k├Ânnt ihr dann Enkelkinder haben? Wir sind deine einzigen noch lebenden Verwandten und tragen die Verantwortung!"
"Alle wollen sie Verantwortung tragen", antwortete er gereizt. "Und keiner unternimmt etwas!"
"Doch, wir!" entgegnete sie. "Wir werden ein billigeres Heim f├╝r dich aussuchen, wo du auch gut aufgehoben bist."
"Diese Entscheidung m├╝ssen meine Enkels├Âhne treffen!" antwortete er bestimmt.
"So, deine Enkels├Âhne. Wie hei├čen die denn?"
Er ├╝berlegte einen Augenblick und sagte: "Max und Moritz."
Sie lachte aus vollem Halse. "Ist das komisch! Hast du das geh├Ârt, Sven? Deine erfundenen Gro├čcousins haben sogar Namen!" Sie betrachtete ihren Schwager, der keine Miene verzogen hatte, einen Moment schweigend und sagte dann: "Entschuldige bitte, dass ich so direkt werde, Karl! Aber du bist krank! Das ist ein schleichender Prozess. Dein Gehirn ist angegriffen! Du hast keine Enkelkinder! Max und Moritz existieren nur in deiner Phantasie!"
Ihr Sohn grinste immer noch oder schon wieder und dr├╝ckte den linken Zeigefinger gegen die Schl├Ąfe. "Ja, du hast recht", best├Ątigte seine Mutter, und dann leiser werdend, "wenn wir noch was retten wollen, m├╝ssen wir ihn entm├╝ndigen lasssen!"
Sie standen auf und sie sagte: "Tsch├╝ss, Karl!"
Er reagierte nicht, ├╝bersah ihre dargebotene Hand und verfolgte die beiden mit den Augen bis zum Ausgang, an dem sie kurz stehen blieben und fr├Âhlich winkten. Er hob auch seine Hand, aber die Finger ballten sich zur Faust und er rief: "Ihr werdet mir weder meine Ersparnisse noch meine Phantasie nehmen!" Das konnten sie aber nicht mehr h├Âren.



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Maribu
???
Registriert: Jun 2012

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Hallo Ciconia,

danke f├╝r die Kritik und die Berwertung!

Ja, du hast recht; ich h├Ątte ├Âfter mit der direkten
Rede kommen k├Ânnen.

Lieben Gru├č
Maribu

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