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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Es ist immer noch heiß
Eingestellt am 24. 07. 2014 16:38


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JustForFun
???
Registriert: Jul 2014

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Die Musik in meinen Ohren übertönt den Lärm der Straße, der durch das geöffnete Busfenster hereindringt. Die Gitarrenklänge Ali Farka Tourés verjagen all die Gedanken in meinem Kopf, die sich in den letzten Tagen immer wieder in meine träge Sommerstimmung mischen.
Ich schwitze. Die Innenseiten meiner nackten Oberschenkel kleben aneinander, von meinem Haaransatz strömen kleine Schweißbäche über meine Haut, die ich mit einer müden Bewegung abwische. Erbarmungslos knallt die Sonne auf das Dach des gelb-blauen Stadtbusses, in dem sich die Menschen drängen.
Freitag. Mittagszeit. Die Menschen kommen von der Schule, von der Arbeit, vom Einkauf. Sie wollen nachhause, in die Kühle der Wohnung, wo sie schon heute Morgen die Jalousien herabließen, um die Hitze so weit wie möglich auszusperren.
Ich will nirgendswo hin. Obwohl es schon Dinge gibt, die ich mir schöner vorstelle, als einen schlecht klimatisierten Bus. Ein leckeres Schokoladeneis bei Giannis zum Beispiel. Oder eine Spritztour im Motorboot vor der italienischen Küste. Oder auch einfach nur ein luftiges Sommerkleid, statt meinen Jeanshotpants und dem schlichten Top, das mittlerweile wie eine zweite Haut an meinem Körper haftet.
Ich will weg. Marokko. Oder noch weiter. Chile vielleicht.
Dabei komme ich gerade erst wieder.

„Fotze!“
Schreie. Nur sie dringen heute zu mir durch. Der dünne blonde Typ zwei Reihen vor mir schreit. Das Mädchen neben ihm schreit nicht. Sie weint. Aber vielleicht ist es auch nur der Schweiß, der über ihre Wangen rinnt. Und vielleicht sind es Tränen. Oder beides.
Es ist mir egal. Heute ist mir alles egal.
An der nächsten Haltestelle steht der Typ auf, stößt die Leute zur Seite und springt auf die Straße. Das Mädchen bleibt sitzen.
Ich weiß nicht, was ich denken soll. Ich will nichts denken. Also lass ich es. Heute denke ich an gar nichts.

Mit den ersten Takten von „Soko Yhinka“ erhebe ich mich und bewege mich auf die Tür des Busses zu. Ganz von selbst finden meine Finger den roten Knopf. Gegenüber dem arabischen Schnellimbiss hält der Bus an, die Tür öffnet sich, ich steige aus. Werfe mich der trockenen Hitze entgegen, gebe mich ihr hin, setze mich ihr wehrlos aus.
Ohne zu schauen, ob ein Auto kommt, überquere ich hinter dem Bus die Straße. Ich habe das Gefühl, der Asphalt glüht und heißer Dampf steigt von ihm hoch.
„Elisa!“ ruft mir jemand winkend aus dem Imbiss zu.
Ich bleibe stehen, streife die Kopfhörer ab und grüße zurück. Auf der Terrasse des Imbiss sitzen weißhaarige Männer in halbgeöffneten Hemden, Leinenhosen und Sandalen, die Tassen vor ihnen tauchen die Luft in den schweren Duft schwarzen Kaffees, vermischt mit dem süßlichen Aroma persischen Tees.
Die Straße erscheint mir heute so viel länger als jemals zuvor. Dabei werfen die dreistöckigen Häuser rechts und links wunderbaren Schatten auf den kaugummiverklebten Bürgersteig und die Autos, die an mir vorbeirauschen, erlösen mich immer wieder für Sekunden von der trägen Hitze um mich herum.

Die Tür. Sie ist hoch, grau. Jemand hat sich mit schwarzem und pinkem Spray auf ihr verewigt. Das Schloss ist schon wieder neu. Das Alte war zum fünften Mal in diesem Jahr aufgebrochen worden. Nicht, dass es hier etwas zu holen gibt. Vielleicht hatte nur jemand seine Schlüssel vergessen.
Auf den Schildern neben den Klingelknöpfen sind die Buchstaben verblasst, nur ein einziges kann man entziffern. G. Harthaus. Das G. steht für Gertrude. Sie ist fast tot oder vielleicht ist sie tot. Man hört jedenfalls nichts von ihr. Aber das tut man nie. Nur ihre Katze sieht man manchmal hinter den weißen Spitzenvorhängen im zweiten Stock sitzen.
Ich habe noch nie eine der Klingeln benutzt. Mein Schlüssel hat von Anfang an gepasst. Und das wird er auch heute.
In meinem Rucksack sind leere Tic-Tac-Dosen, ein klebriger Lolli aus der Pizzeria, halbvolle Plastikflaschen, Probiersöckchen aus dem Billig-Schuh-Laden, verknotete In-Ear-Kopfhörer, die graue Strickjacke eines Kumpels, nicht entwertete Fahrkarten, ein zerfleddertes Reclam-Heftchen, Tampons in unterschiedlichen Größen, Glückskeks-Weisheiten, Deo und zu guter Letzt auch mein Handy und die Schlüssel.

In der Wohnung riecht es nach scharfen Gewürzen, Männerparfum und dem Rauch einer Shisha. Es sieht es aus wie immer. Es ist heiß.
Samuel liebt die Hitze. Sie erinnert ihn an seine Heimat.
In der kleinen Küche stapelt sich dreckiges Geschirr, auf dem Tisch stehen noch geöffnete Weinflaschen und ein gefüllter Aschenbecher. Auf der Couch unter dem Fenster räkelt sich Carlo, wackelt mit den Ohren und ignoriert mich ansonsten. Der Hase und ich sind keine Freunde.
Die Tür zum Schlafzimmer ist nur angelehnt, drinnen ist es dunkel. Sie quietscht, als ich sie langsam aufdrücke. Die Luft hier drin ist verbraucht, als hätten mehr als eine Person die Nacht und die Morgenstunden in diesem Raum verbracht.
„Sami?“ flüstere ich.
Ich lausche. Das leise, regelmäßige Atmen zweier Körper dröhnt in meinem Schädel und lässt mich von jetzt auf gleich zu einer hochexplosiven Bombe mutieren.
„Sami!“
Das bin nicht ich, die seinen Namen ausspricht. Und doch kenne ich die Stimme. Kenne sie ebenso gut, wie Sami sie kennt.
„Sami.“
Nun öffne ich die Tür ganz, Licht fällt aus der Küche herein, das große Bett scheint mich so zu blenden, dass ich die Augen zusammenkneife.
Und ich vernehme die Stimme, die ich schon seit Tagen hören möchte. Aber gerade jetzt, wünsche ich, es wäre eine andere, die meinen Namen ausspricht.
„Elisa.“
Eine Stimme, die mir nicht so viel bedeuten würde.
Ich möchte sie nicht hören.
Ich drehe mich um. In der Küche lasse ich mich auf das Sofa fallen. Carlo springt erschrocken auf. Es ist mir egal. Heute ist mir alles egal.

Hinter mir auf dem Fensterbrett liegt eine angebrochene Schachtel Zigaretten. Ich nehme mir eine. Zwischen meinen Fingern, die wütend an ihr herumspielen, wird sie bröselig.
Jemand, Sami, nimmt sie mir weg. Seine Zigaretten sind ihm heilig.
Mit Heiligtümern spielt man nicht. Heiligtümer fasst man nicht an.
Das Sofa sinkt ein Stück ein, als er sich neben mich setzt.
„Elisa.“
Nur mein Name. EIN Name. Ein Name reicht nicht. Ein Name reicht nicht, um sich bei jemandem zu entschuldigen. Ein Name reicht nicht, um jemandem zu sagen, dass man ihn liebt.
„Samuel.“
Ein Name reicht nicht, um jemandem zu sagen, wie enttäuscht man von ihm ist.
Seine Hand greift nach einem meiner Dreads. Lässt sie wieder sinken. Er weiß nicht, was zu tun ist. Ich weiß nicht, was zu tun ist.
Und während wir auf dem Sofa hocken, kommt Malika aus seinem Schlafzimmer, schaut kurz zu uns rüber. Im Flur schlüpft sie in ihre perlenverzierten Flipflops. Dann ist das einzige Geräusch in der nächsten Stunde das Knallen der Wohnungstür.

Am Abend sitzen wir auf den niedrigen Sofas vor dem arabischen Imbiss. Trinken Tee. Essen. Rabih Abou-Khalil spielt im Radio. „A Better Tomorrow“.
Es ist immer noch heiß.

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