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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Es ist vorbei...
Eingestellt am 30. 11. 2004 08:44


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Petra Pauls
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Nov 2004

Werke: 3
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Es ist wie ein bitterer Seifengeschmack, der sich nicht auswaschen lässt.
„Was willst du von mir?“, fragte ich meine Erinnerung und wie ein kleines Kind hob sie ihr Haupt und ich sah in zwei dunkle, verweinte Augen, die mich aufschrecken ließen. Zaghaft reichte sie mir ihre kleinen Hände und führte mich in die Tiefe.
Es war an einem sonnigen Wochenende, irgendwann im Frühjahr. Auf der Wiese vor unserem Haus blühten wunderschöne Krokusse in den herrlichsten Farben. Die Luft roch nach Regen und Blumen und ein milder Wind wehte durch mein Haar.
Ich liebte die kleinen Blätter an den Zweigen, wenn sie sich langsam ausrollten und die vielen Knospen in den Hecken und Sträuchern, wenn sie sich langsam aus dem Nichts entfalteten.
„Komm’ mit.“
Meine Erinnerung, die ich fast vergessen hatte, zog mich hinab. Es waren Stufen aus Stein - grau, glatt und hart. Mein Herz fing an zu pochen und Angst brach über mich wie ein tobendes Unwetter herein. „Du brauchst keine Angst haben, ich bin bei dir. Siehst du die Tür dort unten?“
Vorsichtig öffnete ich die schwere Holztür, die plötzlich zu schweben schien.
„Sie ist nicht schwer zu öffnen, nicht wahr? Und abgeschlossen ist sie auch nicht, oder?“
Ich verstand nicht, was meine Erinnerung mir sagen wollte.
In den Tagen meiner Kindheit war diese Tür stets abgeschlossen und wenn ich den Weg ans Licht gefunden hatte, überkam mich jedes Mal ein tiefes Entsetzen, - ich bekam den Schlüssel nicht umgedreht, mein Hals röchelte, mein Herz raste. Und dann? Meine Erinnerung war verschwunden.
Hatte sie es etwa gewagt, den Keller zu betreten? Mich schauderte bei diesem Gedanken. Es waren nicht die Spinnen in den Ecken, vor denen ich mich fürchtete. Auch nicht die dunklen Kellerasseln, die an den Wänden hingen.
Der Gang war dunkel, so wie ich ihn immer kannte, doch in der Ferne konnte ich einen kleinen Lichtstrahl durch die Kellertüren, die mit Holzlatten und dicker Pappe verkleidet waren, entdecken. Neugierig öffnete ich die Tür - nur einen Spalt - aber der genügte, um meine Erinnerung da sitzen zu sehen.
„Warum bist du hierher zurückgegangen, ich dachte, diesen Ort gibt es nicht mehr?“
„Du selbst hast mich hierher geschickt, Stück für Stück in die Tiefe gedrängt, so dass ich mir nicht anders zu helfen wusste, als dich hierher zu führen. Ich bin mit dir in die Tiefe gegangen, damit du sehen lernst, riechen und spüren kannst.“
Ich verstand meine Erinnerung nicht, aber im gleichen Augenblick stieg mir ein Duft empor, der mir so vertraut war. Irgendwann hatte ich diesen köstlichen Duft verloren, ich wusste nicht einmal mehr, woher er kam. Die kleinen Hände reichten mir eine zertretene Pralinenschachtel, die mit kostbarem weichem Stoff überzogen war. Ich hielt mein Gesicht ganz vorsichtig daran und ließ den Geruch durch meine Nase, durch meinen Mund, durch jede Pore meines Körpers strömen. „Es waren Pralinen, - es ist der Duft dieser Pralinen gewesen, die meinen kleinen Körper...“ Ich wurde bleich bei diesem Gedanken und legte hastig die Schachtel zurück.
„Setz’ dich ruhig. Es ist eine lange, traurige Ge-schichte, die ich dir zu erzählen habe, aber du hast in all den Jahren nie aufgehört danach zu fragen. Deshalb werde ich sie dir nun erzählen, mit all den Tränen, mit all dem Schmerz. Ja, mit all dem Wissen, das mir blieb, um dir eine Antwort auf all deine Fragen zu geben. Denn ich wusste, dass du mich eines Tages suchen und finden würdest.
Da saß ich nun im dunklen, kalten Keller - allein mit meiner Erinnerung. Ich versuchte den leisen Worten zu lauschen, die von einem überaus heftigen Schluchzen begleitet wurden. War ich es oder war es meine Erinnerung, die der Schmerz so quälte? Unter meinen Füssen lag die zertretene Pralinenschachtel und vorsichtig trat ich noch einmal darauf, um sicher zu gehen, dass sie endlich kaputt war. Rosafarbener Taft bedeckte die Schachtel von innen und außen und mir fiel ein, dass sie meiner Mutter gehört hatte. Heimlich stahl ich mir ab und zu ein kleines Stück von zarter Schokolade eingehülltem Glück und dann - meine Erinnerung schüttelte den Kopf.
„Schweif’ nicht ab, bleibe hier bei mir und sieh dich um. Was siehst du noch, außer Dunkelheit und Staub?“
Ich erblickte die Kerze, deren Schein mich hierher gelockt hatte. Sie brannte wie immer auf einem alten Holzschrank oder einem Tisch; ich konnte das in der Dunkelheit nie richtig erkennen. An den Wänden standen Regale, irgendwo lag Werkzeug, unter meinen Füssen spürte ich Nägel und in einer Ecke stand eine Kartoffelkiste aus Holz. Alte Flaschen, staubige Gläser, hier und da ein Spielzeug, von dem ich dachte, es existiert nicht mehr. Mir war unheimlich zu Mute, als das Kerzenlicht anfing zu flackern.
„Dein Gefühl stimmt, wir sind nicht allein hier.“
Bei diesen Worten erfasste mich Panik, die mich am ganzen Körper lähmte.
„Die Tür ist offen. Wenn du willst kannst du weglaufen oder du kannst bei mir bleiben, damit ich die Geschichte zu Ende erzählen kann. Du kannst dich entscheiden.“
Sollte ich jetzt wirklich vor meinen Erinnerungen weglaufen?
Hatte ich diesen langen mĂĽhseligen Weg hierher gemacht, um jetzt davon zu laufen?
„Gut, ich werde bleiben“, entschloss ich mich und fühlte gleichzeitig zwei Hände in der Dunkelheit, die nach mir griffen. Ich bin doch nur wegen der Pralinenschachtel hierher gekommen oder? - dachte ich und fühlte die Tränen, wie sie über mein Gesicht liefen. Ein Ekelgefühl drückte sich vom Magen bis hin zum Hals hinauf und mein ganzer Körper fing an zu zittern.
Diese ekelhaften dicken, kurzen Finger - wie hasste ich sie.
„Mama.“
Herz verkrampfte sich. Jede Faser meines Körpers wurde zu Stein. Gerade in dem Augenblick größter Not, sah ich meine Erinnerung in der Ferne, wie sie mir die Hand reichte.
„Komm’, flüsterte sie leise und ich sah, wie die helle Mittagssonne an einem wunderschönen Frühlingstag durchs Kellerfenster schien und ich spürte, wie ich mich löste und anfing zu schweben - mitten durch die vielen kleinen Gitter über mir. Ich konnte endlich fliegen, einfach davon fliegen.

Irgendwann habe ich aufgehört, davon zu fliegen.
Den bitteren Seifengeschmack spĂĽre ich manchmal noch, wenn kleine, dicke Finger mich berĂĽhren.
Aber dann höre ich meine Erinnerung irgendwo in der Ferne und ich weiß - es ist vorbei!





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