Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92201
Momentan online:
293 Gäste und 6 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Humor und Satire
Es spricht MdB Dr. Hühnerbein
Eingestellt am 03. 07. 2003 13:06


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Lambertus
Manchmal gelesener Autor
Registriert: May 2002

Werke: 11
Kommentare: 4
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Lambertus eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Bundestagsdebatte zum Thema Arbeitslosigkeit. Präsident Hirse verkündet wichtig und mit Entschiedenheit: „Das Wort hat der Abgeordnete Dr. Hühnerbein“.

Der so Aufgerufene betritt mit einem bedrohlichen Haufen Papier das Rednerpult. Hühnerbein ist fraktionsloser MdB ( Mitglied des Bundestages). Direkt gewählt in Asch-Geigenhausen für die SPD, - ausgetreten, weil er sich an einem Müntefering-Zigarettenautomaten die Finger klemmte. Wandte sich dann der CSU zu, trat aber wegen unüberbrückbarer Differenzen über das richtige Zapfen von Hefeweizenbier und nach einem One-night-stand mit Schwester CDU wieder aus und hospitierte danach bei der FDP. Auch hier hielt es ihn nicht lange, weil er nicht davon abrückte, dass Möllemann in seinem Flyer doch irgendwie auch etwas Wahres gesagt hatte. Der Versuch, bei der PDS zu landen, endete mit einem Knochenbruch, als er auf einer glitschigen Biskin-Spur ausrutschte. Die Grünen schließlich lehnte er für sich kategorisch ab, weil die ihn wegen seiner Vita sowieso nicht haben wollten, und das will was heißen! – Hühnerbein ist 44 Jahre alt, hat dem Vernehmen nach nur eine Frau aber zwei Hunde.

Hühnerbein ordnet seine Unterlagen, während die übrigen Abgeordneten zu Zeitungen oder Butterbrotdosen greifen. Als es keiner so recht erwartet, erschrickt er das hohe Haus mit seiner donnernden Stimme:

„Meine sehr geehrten Damen und Herren! – Arbeitslosigkeit... Ja, was ist eigentlich Arbeitslosigkeit? – Was besagt dieses Wort? – Es besagt doch, dass es Menschen ohne Arbeit gibt, - und auch dass es für Menschen keine Arbeit gibt. – In unserem Land herrscht Arbeitslosigkeit, - also gibt es hier scheinbar nichts zu tun, keine Probleme, keine Aufgaben. Alle sind wunschlos glücklich. – Wie kommt es aber, dass ich beim Rundgang durch Stadt oder Land überall dringend notwendigen Aufgaben begegne? - Aber keiner packt sie an. Das ist unser Problem! – Wir stolpern lieber über unerledigte Dinge als sie aufzuheben, solange uns niemand mit EURO-Scheinen dazu ermuntert. Wir leiden also nicht an Arbeitslosigkeit, sondern an Arbeitswilligkeit.“

(Zögernder Beifall von rechts; Gemurmel in der Mitte; Gelächter von links. „Narr“, ertönt es von irgendwo.)

„Narren und Kinder sagen die Wahrheit“, erwidert Hühnerbein, „und wenn das Sprichwort stimmt, Herr Kollege, können Sie niemals Kind oder Narr gewesen sein“.

(Bundestagspräsident Hirse gerät in nervöses Grübeln über den möglichen Hintersinn und ob da vielleicht etwas zu rügen sei, lässt es aber lieber; wer nichts tut, macht keine Fehler.)

„Drüben der Bau ist mit Graffiti verschmiert, im Park wimmelt es von alten Plastik-Bechern, Dosen und anderem Müll. Keine Frau kann mehr gefahrlos durch den Stadtwald gehen, ohne belästigt, beraubt oder vergewaltigt zu werden. Die Achsbruchstraße besteht nur noch aus Schlaglöchern. Die städtische Kläranlage stinkt täglich etwas intensiver. Papiercontainer werden nicht rechtzeitig geleert, der Mist verteilt sich auf der ganzen Straße. An den Schulen fällt Unterricht wegen Lehrermangels aus. Dringende Gebäudereparaturen werden nicht durchgeführt. In den Krankenhäusern sind Ärzte und Pflegepersonal bis an die Grenze des Erträglichen überlastet. Kulturstätten verkommen oder werden geschlossen. In Geschäften findet man immer weniger Fachberatung. Jugendliche gammeln auf der Straße herum, gelangweilt, perspektivlos, ohne Leitbilder, ohne Vorbilder, ohne einen Lebenssinn, - die Jugend, die Zukunft von morgen, - wir lassen sie allein, wir lassen sie verkommen wie unsere übrige Umwelt auch ! – Ist daran Arbeitslosigkeit Schuld? – Nein! – Wir haben Arbeitslosigkeit, weil wir diese dringenden Aufgaben nicht anpacken, meine Damen und Herren.“

(Angelique Meckel beträufelt ihre Stirn mit Kölnisch-Wasser, und von der Zuhörertribüne schreit ein Amerikaner – seinen Bush vergessend – euphorisch: „Hehhhh - Hjunerbein for president!“)

„Arbeit“, fährt Hühnerbein fort, „Arbeit, davon gibt es also überreichlich in unserem Land. An allen Ecken und Kanten wartet Arbeit darauf, getan zu werden. Und warum packen wir’s nicht an? – Unser Finanzminister Eichen predigt dazu immer wieder die vermeintlich schlüssige Antwort: Dafür, liebe Landsleute, haben wir kein Geld! – Wir können nicht mehr ausgeben als wir einnehmen.“

(Zwischenruf des Finanzministers: „Sehr richtig“)

Hühnerbein ist verärgert. „Ach, seien Sie doch still, Herr Eichen! Ihr Kanzler lädt doch schon zum Casting für Ihren Nachfolger ein ...“

(Tumult im Regierungslager. Die Grinser vom Dienst – Schmitze-Ulla, Trittzu, Eichen und der Kanzler blicken telegen zur Kamera. Stäuber aus Bayern klatscht einsam vor sich hin. Hirse lässt sich derweil nach kurzem Nickerchen erklären, was da eben los war.)

„Alle Finanzminister haben bisher mehr Geld ausgegeben als sie hatten!“ ruft Hühnerbein ins aufgebrachte Parlament. „Alle sollten zur Verantwortung gezogen werden. Was diese Herren Kreditaufnahme nannten, war doch stets nichts anderes als eine unverantwortliche Schuldenmacherei! – Wer seriös einen Kredit aufnimmt, der gibt an, zu welchen Konditionen er ihn bis wann zurückzahlt. Und er zahlt ihn zurück. – Das aber ist nie die Absicht gewesen von Schulden machenden Finanzministern! – Nach mir die Sintflut – denn darin ersaufen ohnehin nur andere. Das ist doch die Devise gewesen.“

(Teile der SPD-Fraktion verlassen den Saal, es ist ohnehin gleich Mittag. Der Grüne Ströbelchen lächelt beglückt in sich hinein. Friedrich April von der CDU schüttelt mal wieder mechanisch den Kopf)

„Nun nimmt dieser Staat doch tatsächlich Jahr für Jahr effektiv mehr Geld ein,“ fährt Hühnerbein ungerührt fort, „alles Geld, das er dem Bürger aus dem Portemonnaie gesteuert hat. Und Jahr für Jahr bleibt für die sogenannten Staatsaufgaben immer weniger übrig. Wer ist Schuld? – Natürlich die Arbeitslosigkeit, - also die Tatsache, dass vorhandene Arbeit nicht angepackt wird, solange dafür nicht der EURO sprießt. –

(Ein gewerkschaftlicher Hinterbänkler – darunter versteht man die besseren Leute auf den schlechteren Plätzen – motzt: „So ist es. Ohne Kohle nix zum Wohle!“ – Sein Nachbar findet das komisch und bricht in schallendes Gelächter aus)

„Staatsaufgaben, meine verehrten Damen und Herren, bestehen darin, dringend notwendige Maßnahmen auf den Weg zu bringen. Dass es – wie nach der Wiedervereinigung – dafür auch mal mit der Finanzierung knapp wird, - einverstanden. Dann müssen Prioritäten gesetzt und ggfl. Kredite aufgenommen werden. Aber ich betone: Kredite, die nach Plan zurückgezahlt werden und keine Schuldenmacherei. – Zuvor aber sollten Sie sich doch fragen, was Sie, Herr Eichen, alles als Staatsaufgaben ansehen. Mir wird schwindlig, wenn ich sehe, für was Sie die mühsam erarbeiteten Steuergroschen hinauswerfen. – Bevor der Staat davon auch nur einen Cent ausgibt, muss das Verursacher-Prinzip greifen. Wer hat die anstehenden Kosten verursacht? – Und wer sie verursacht hat, der muss sie mit allen Konsequenzen auch bezahlen. – Wer auf öffentlichen Straßen eine Massenveranstaltung durchführt, muss für die Kosten von Schäden, von Polizeischutz, eventuellem Polizeieinsatz, von Versicherungskosten und Müllbeseitigung in voller Höhe aufkommen. Das gilt für Fußballspiele ebenso wie für die Bayreuther Festspiele.“

(Der Abgeordnete Stäuber sinniert, ob damit auch die alljährliche CSU-Gaudi in Willibald-Kräuter gemeint sein könnte. Friedrich April legt die Hand in den Nacken, der vom ständigen Kopfschütteln schmerzt. Guido Osterwoge lächelt und betrachtet liebevoll seinen Orden wider den tierischen Ernst. Hirses Uhr piepst, Zeit für die Ermahnung an den Redner, bald zu Ende zu kommen.)

„Sofort, Herr Präsident. Wir sind ja alle bald am Ende ... – Denn es stellt sich nun mal die Frage, ob ein Volk, das nicht aufhört, auf sein Recht auf Arbeit zu pochen, nicht andererseits auch eine Pflicht zur Arbeit hat. – Wir müssen gründlich umdenken, statt nicht mehr finanzierbare Gewohnheiten oder auf Sand – sprich Schulden – gebaute Privilegien zu verteidigen. Wer von der Allgemeinheit Steuergeld erwartet, von dem muss die Allgemeinheit auch eine Leistung fordern dürfen: nämlich Arbeit anzupacken statt über den Müll zu steigen und stempeln zu gehen ...“

(Tumult bei linken SPDlern. Worte wie „Arbeitsdienst“ – „Bolschewistentum“ – „Nazi“ – „Das hatten wir doch schon mal“ – „Aufhören!“ schallt es wild durchs Hohe Haus – Hirse lässt seine Ordnungsglocke dazu ertönen)

„Dies ist wahrlich kein unangemessener Affront gegen Arbeitsuchende! Im Gegenteil: denn wir können und dürfen nicht den Einzelnen verurteilen, den wir Politiker selbst in eine Struktur verwurzelt haben, aus der er sich allein kaum befreien kann. Es ist an uns, diese Strukturen zu ändern, sie anzupassen an die Erfordernisse der Zukunft. – Dazu müssen wir definieren, was die Zukunft ist, Visionen schaffen, Ziele definieren, an denen sich die Menschen orientieren und mit denen sich die Jugend identifizieren kann. Dazu bedarf es politischer Aufrichtigkeit, Beharrlichkeit und Geduld und sehr viel Mut von uns allen. Aber anpacken müssen den Wandel zunächst wir hier im Saal – anderenfalls versündigen wir uns an unserem Volk. – Ich danke Ihnen.“

(Unter dem Beifall einiger Zuschauer verlässt Dr. Hühnerbein das Rednerpult. Präsident Hirse verkündet eine Mittagspause bis 15.00 Uhr. Schwatzend verlassen die Abgeordneten den Plenarsaal, die Tribüne leert sich ebenfalls. Ein paar Sonnenstrahlen dringen durch die Lichtkuppel. Nach 15.00 Uhr wird alles in gewohnter Weise weiter gehen ...)


© Lambertus Juli 2003

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Lambertus,
eine nette Schilderung über den Tagesablauf im Parlament. Du bist ein guter Beobachter. Ich liebe politische Satire und Humoresken. Hier fehlt mir persönlich ein wenig mehr Biß. Es dürfte ruhig noch schärfer gezeichnet sein. Aber allein für die Idee und die ansprechende Ausführung, hast Du dir bereits meine Punkte verdient.

Gruß
Socke

Bearbeiten/Löschen    


LuMen
Häufig gelesener Autor
Registriert: Jan 2003

Werke: 291
Kommentare: 699
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hallo Lambertus,

ich schließe mich "rote Socke" an. Der Beitrag ist, alles in allem, witzig und amüsant! Die Konsequenzen daraus zu ziehen, wäre allerdings weniger amüsant, dürfte jedoch auch an der Realität, vor allem der Unveränderbarkeit gewisser menschlicher Eigenschaften, scheitern. Aber Satire muß ja - zum Glück des Satirikers - nicht unbedingt "wirklichkeitsnah" sein.

Ein schönes Wochenende wünscht
LuMen

Bearbeiten/Löschen    


Zurück zu:  Humor und Satire Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!