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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Es war eine bewusste Entscheidung
Eingestellt am 18. 04. 2003 21:05


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Corinne
???
Registriert: Feb 2003

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Es war eine bewusste Entscheidung


Lange ist es her, wirklich lange, da bin ich mit meinem Mann und meinen Kindern spazieren gegangen.
Da hab ich sie dann das erste Mal gesehen. Diese Frau. Sie ist einfach nur auf einer Bank gesessen, hat in der Gegend herumgeschaut, die Sonne genossen, den V├Âgeln zugeh├Ârt.

Ich bin mit meinem Mann spazieren gegangen. Er war schlecht gelaunt, meine Kinder m├╝de. Sie haben gestritten, haben geschrien, haben sich gegenseitig gekratzt und gebissen. Ich hab auch geschrien, die Kinder angeschrien. So was hab ich eigentlich nie gemacht. Wirklich nicht. Nein, wirklich nicht! Ich hab meine Kinder nicht oft angeschrien. Aber sie waren nervig, mein Mann schlecht gelaunt und ich........ich hab geschrien. Fr├╝her hab ich das nie getan. Ich war ein ruhiger Mensch, gelassen. Wirklich gelassen. Aber ich hab mich ver├Ąndert. Ich habe geschrien.

Kurz hab ich wieder zu dieser Frau geschaut. Zu dieser Frau auf der Bank. Sie ist immer noch dagesessen, hat uns nicht beachtet, hat nicht die Kinder beachtet die sich geschlagen und gebissen haben, hat nicht mich beachtet wie ich geschrien hab. Sie ist einfach nur dagesessen und hat in die Luft geschaut, den V├Âgeln zugeh├Ârt, die Sonne genossen.

Pl├Âtzlich, ganz pl├Âtzlich, ohne Vorwarnung, ohne einen Grund hat sie zu lachen angefangen. Ganz laut hat sie gelacht. Immer weiter hat sie gelacht und gelacht und gelacht. Sie ist aufgestanden, hat angefangen zu tanzen und hat gelacht. W├Ąhrend sie zum Himmel hinaufgeschaut hat, die H├Ąnde gestreckt und herumgeh├╝pft ist, hat sie gelacht, einfach nur gelacht. Und getanzt.

Meine Kinder haben Angst bekommen, mein Mann hat bl├Âd geschaut. Hat uns gedr├Ąngt, dass wir doch endlich weitergehen sollen. Weg von dieser Verr├╝ckten, weg von dieser Irren.

Diese Frau war wirklich verr├╝ckt, wirklich irre. Das hab ich auch noch von anderen geh├Ârt. „Die ist verr├╝ckt“, hat es gehei├čen, „Die ist irre“.

Ich glaub da ist der Gedanke das erste mal aufgetaucht, einfach so. Aber ich wei├č es nicht mehr so genau. Vielleicht war es auch ein anderes Mal.

Jedenfalls ist er dann immer wieder gekommen. Nicht mehr weggegangen. Dieser Gedanke.
Am Anfang, glaub ich, hab ich sogar noch ├╝ber ihn gelacht. Gelacht, aber nicht unbedingt aus Belustigung. Nein, ich glaub das war eher Angst. Ja, Angst war es. Angst vor diesem Gedanken. Bl├Âd, hab ich mir gedacht. So bl├Âd. Was denkst du nur f├╝r Bl├Âdsinn? – Ja, so war es am Anfang.

Doch diesen Gedanken konnte ich irgendwie nicht wegbekommen. Er ist gr├Â├čer geworden, dieser Gedanke, und ist dann schlie├člich zur Idee geworden. Diese Idee tauchte dann immer wieder in meinem Kopf auf. Pl├Âtzlich war sie wieder da. Ich hab versucht gegen sie anzuk├Ąmpfen. Ja das hab ich wirklich! Ich hab es versucht. Aber es ist mir nicht gelungen.

Am Anfang schon noch, doch. Ich hab sie immer wieder weggeschoben. Hab mit meiner kleinen Tochter gespielt. Ja, mit meiner Tochter hab ich gespielt, mit meinem Sohn nat├╝rlich auch, nat├╝rlich. Und w├Ąhrend ich mit meinen Kindern gespielt hab, hab ich diese komische, bl├Âde Idee immer wieder weggeschoben. Hab weiter mit meinen Kindern gespielt.

Doch Kinder sind schwierig. Ja, das ist so. Kinder streiten. Sie streiten und schreien und kratzen und bei├čen. Und ich kann sie nicht davon abhalten weiterzustreiten, weiterzuschreien, weiterzukratzen und weiterzubei├čen. Und da ist sie aufeinmal wieder dagewesen. Pl├Âtzlich ist sie wieder zur├╝ckgekommen, diese Idee.
Ich hab immer noch gek├Ąmpft, ja wirklich, ich hab immer noch gek├Ąmpft, immer noch weggeschoben.

Dann ist sie wiedergekommen, diese Idee, wieder so pl├Âtzlich. Ich hab grad telefoniert, mit meinem Mann. Er kommt sp├Ąter, hat er gesagt. Er muss noch was erledigen, hat er gesagt. Und da war sie wieder da, diese Idee.

Ich bin spazieren gegangen, mit meinen Kindern. Wir haben eingekauft und sind dann zum Spielplatz gegangen. Sie haben gelacht. Ich hab, glaub ich, auch gelacht. Es war sch├Ân. Da ist der Gedanke dann mal weggeblieben. Aber nicht lang, nicht f├╝r immer.
Denn da war wieder diese Frau. Es war gleich wie bei der ersten Begegnung. Sie hat getanzt und gelacht und gelacht und getanzt und meine Kinder haben dann wieder gestritten und ich hab wieder geschrien. Das hab ich fr├╝her nicht gemacht, ganz fr├╝her. Da war ich ein ruhiger Mensch, ein gelassener Mensch.

Irgendwann hab ich mir die Idee mal l├Ąnger angeschaut. Hab sie genommen und genau betrachtet. Bis zu dem Zeitpunkt ist sie immer so schnell gekommen und wieder verschwunden, weil ich sie geschoben hab. Doch jetzt wollte ich sie mal anschauen, genauer. Sie ist wieder in meinem Kopf herumgeschwirrt und ich hab sie gepackt. Hab zu ihr gesagt: Jetzt bleib mal stehen! Und da ist sie dann wirklich stehen geblieben. Und ich hab sie mir n├Ąher angeschaut. Sie hat mir gefallen, richtig gefallen. Pl├Âtzlich wollte ich sie nicht mehr wegschieben, nein, ich wollte sie behalten. Nur mal behalten, nicht gleich umsetzen, nein, aber behalten.

Da war sie dann. In meinem Kopf. Sie ist nicht mehr gegangen. Die Idee ist zur ├ťberzeugung geworden.

Ich hab meine streitenden Kinder mit meinem schlecht gelaunten Mann daheim gelassen.

Es war eine bewusste Entscheidung.

Ja, wenn man verr├╝ckt ist, wenn man irre ist dann braucht man nichts zu tun. Man muss nicht den Kindern beim streiten zuh├Âren, muss sie nicht tr├Âsten, muss nicht einkaufen gehen, muss nicht mit dem Mann telefonieren und h├Âren, dass er sp├Ąter kommt. Man sitzt nur auf einer Bank und schaut in der Gegend herum, genie├čt die Sonne und lacht und tanzt und lacht und tanzt und lacht.

Es war eine bewusste Entscheidung.

Seitdem tanze ich auch, seitdem lache ich auch.
Ja ich bin verr├╝ckt, ja ich bin irre.
Das sagen alle: die Ärzte, die Leute, mein Mann. Ja sie haben recht, ich bin verrückt, ich bin irre.
Ich lache, ich tanze, ich lache und tanze weiter.

Es war eine bewusste Entscheidung.


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kaffeehausintellektuelle
Guest
Registriert: Not Yet

Liebe corinne

Zun├Ąchst mal. Die geschichte hat mir gefallen. Sie hat mich ber├╝hrt.
Aber einiges an ihr hat mich auch gest├Ârt.

Es ist schon klar, dass du wiederholungen als stilmittel einsetzt, das mach ich auch gern. Aber ich hab das gef├╝hl, das hast du ein bisschen ├╝bertrieben. Sechs mal geschrie(e)n in einem satz ist mir zu viel. Es erh├Âht einerseits das tempo, aber es macht einen beim lesen auch ganz hektisch und f├╝hrt dazu, dass man nicht genau liest, weil man sich denkt, das wiederholt sich eh nur alles.
Etwas ├Ąhnliches ist es dann beim lachen. Ein bisschen zu viel einfach.
Ein bisschen ruhe t├Ąte der geschichte gut.

Ich hatte eigentlich die ganze zeit das gef├╝hl, nicht die frau auf der bank, sondern die protagonistin ist verr├╝ckt. Psychotisch. Wirklich gl├╝cklich kam sie mir nicht vor. Auch nicht in der gegenwart, weil es fehlt ihr die ruhe, die vergangenheit mit ein bisschen distanz zu betrachten. Da wird man n├Ąmlich wie schon erw├Ąhnt, so hektisch durchgetrieben, durch die vergangenheit.

Erw├Ąhnen m├Âchte ich vielleicht noch, dass ich mit psychisch kranken menschen arbeite, und sehr oft das gef├╝hl hab, dass sie nicht nur nicht gl├╝cklich sind, sondern ganz im gegenteil einen massiven leidensdruck haben. Ich wei├č nicht, ob es wirklich jemals eine bewusste entscheidung sein kann, verr├╝ckt zu werden. Es kann h├Âchstens eine bewusste entscheidung sein, nicht mitzumachen bei diesem stress, dieser hektik, dieser normalit├Ąt. Aber deshalb wird man nicht gleich verr├╝ckt.

Wei├čt du was ich meine? Ich meine, wir gesunde k├Ânnen ÔÇ×aussteigenÔÇť. Der unterschied ist, dass ich mich dann freiwillig an den rand bewege. Psychisch kranke ÔÇ×verr├╝ckteÔÇť menschen sind dort nicht aus freien st├╝cken. Du aber stellst verr├╝ckt sein als l├Âsung dar. Tatsache ist, dass verr├╝ckt sein tausend probleme aufwirft. Sie weisen dich in die psychiatrie ein, weil du nicht mehr f├╝r die kinder sorgen kannst. Du verlierst deinen arbeitsplatz, wenn du noch einen hast. Kriegst finanzielle sorgen. Bist innerlich und ├Ąu├čerlich zerrissen.

Ja, dann hat mich noch gest├Ârt, dass du schreibst, die frau w├╝rde ohne grund lachen. Woher wei├čt du das? Du m├╝sstest hier genauer formulieren. N├Ąmlich f├╝r die protagonistin ohne sichtbaren grund. Wer wei├č, woran die frau denkt, woran sie sich erinnert, woran sie sich erfreut. Vielleicht hat sie tausend gr├╝nde, zu lachen.

Ja, und die protagonistin kommt nicht wirklich stark r├╝ber, nicht wie eine frau, die etwas f├╝r sich beschlie├čt. Der beschluss, verr├╝ckt zu werden, so es ihn gibt, ist eine flucht. Aber nicht nach vorne, sondern nach innen. Mutig w├Ąre es gewesen, ihr leben zu ├Ąndern. Den mann zu verlassen, der nur schlecht gelaunt ist oder ihr leben in die hand zu nehmen.

Warum haben kinder angst vor menschen, die herumspringen und sich freuen? Ich glaub eher, dass kinder von so menschen fasziniert und angezogen sind. Weil sie von natur aus noch gerne lachen und einen kindlichen ├╝bermut in sich haben.

Manche bilder fand ich sehr sch├Ân, n├Ąmlich das bild mit dem gedanken, der kommt und den sie aufhalten m├Âchte. Aber auch hier. Ein bisschen too much. Ich glaub, die geschichte w├╝rde noch besser wirken, wenn du da ein bisschen wegnimmst von den massigen wiederholungen.


die k.

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Corinne
???
Registriert: Feb 2003

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Hallo!

Erstmal danke f├╝r deine Beurteilung.

Mit den Wiederholungen hast du eindeutig recht. Die waren immer schon mein Problem. Ich bin von ihrer Wirkung so begeistert, dass ich es einfach nicht lassen kann. :-)
Aber ich werde mich bem├╝hen mich zu bessern.

Ich verstehe deinen Einwand, dass du nicht glaubst, dass es eine bewusste Entscheidung sein kann verr├╝ckt zu sein.
Bei so gut wie allen psychisch Kranken war es auch sicher keine. Da geb ich dir vollkommen recht.
Nur hab ich mich in letzter Zeit sehr viel mit der Frage besch├Ąftigt ob es nicht Menschen geben k├Ânnte f├╝r die Verr├╝cktheit eine L├Âsung w├Ąre. Sicher entstehen dadurch andere Probleme, aber k├Ânnte es nicht sein, dass diese Probleme dann kleiner und weniger schlimm w├Ąren wie die Probleme der Normalit├Ąt?
K├Ânnte es nicht sein, dass eine Einweisung in die Psychiatrie als gar nicht so schlimm angesehen wird weil man dort endlich seine Ruhe hat?
Dass eine Arbeitslosigkeit eine Erleichterung ist weil man mit der Arbeit sowieso nicht fertig geworden ist?

Ich hoff du verstehst mich da jetzt nicht falsch, ich bin mir da alles andere als sicher, mir ist es nur so durch den Kopf gegangen.

Zu den Kindern: Meistens ist es schon so, dass sie von fr├Âhlichen, lachenden Menschen angezogen werden doch leider ist es auch so, dass sie sehr auf das Vorbild der Erwachsenen achten. Und wenn diese dann ├Ąrgerlich, vielleicht sogar ├Ąngstlich auf solche "Verr├╝ckte" reagieren kann es leicht sein, dass die Kinder dadurch auch Angst bekommen.
Aber das hab ich bei meiner Geschichte falsch ausgedr├╝ckt.

Jedenfalls danke noch mal f├╝r deine M├╝he, ich werde mich noch mal dransetzen und ├╝berarbeiten.

Lg, Corinne

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Peter Nageda
Leere-Bl├Ątter-Hasser
Registriert: Mar 2003

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Hallo Corinne,

es ist exakt so, wie Du die Geschichte schreibst. Genau die Wiederholungen, genau die, rasen durch den Kopf. Wie soll man den Zustand anders darstellen ? Diese Wellen, die einen dabei ├╝berfluten, beim Gehen auf den Grad des Berges zwischen Normalit├Ąt (Was ist das schon ?) und Irre sein, selbst zu entscheiden, ich la├č mich nach dieser oder jener Seite fallen - oben, angekommen, auf dem Grad des Berges. Zu sp├╝ren und dann beim Blick in den Abgrund zu wissen, die Entscheidung ist endg├╝ltig, so oder so. Dieses Abw├Ągen, aus der Verr├╝cktheit komm ich nie mehr raus aber wird es mir je gelingen, von der "Normalit├Ąt" nochmals auf den Berg, auf den Grad zu kommen?
Ja, da sind auch viele sachliche ├ťberlegungen: Nie mehr selbst Auto fahren d├╝rfen, keine eigenes Geld mehr haben zu d├╝rfen, seine Hobbys, seine Sexualit├Ąt nicht mehr so ausleben zu d├╝rfen oder k├Ânnen und vieles mehr. ...
Es sind so ungeheuer viele ├ťberlegungen, die in rasender Geschwindigkeit auf einen einstr├Âmen und sich hundertfach wiederholen. Abw├Ągen, abw├Ągen abw├Ągen ... Diesen Zwischenzustand, diese Wanderung auf dem Grad des Berges, kann man nicht ewig aushalten. Man mu├č sich entscheiden.
Du hast es gut dargestellt, so ist es, ja. Auch der Weg bis auf den Gipfel, auf den Grad des Berges, ist gut nachvollziehbar. --- Das ist nicht nur Literatur, da├č ist das Leben.
(Oh Gott, so viele Wiederholungen - auch nach dem ├ťberlesen la├č ich sie stehen - seht es mir nach.)

Peter Nageda
__________________
Am Fu├če des Leuchtturms ist es dunkel.

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Corinne
???
Registriert: Feb 2003

Werke: 5
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Hallo Peter!

Danke f├╝r dein Kommentar! Es hat mich wirklich sehr gefreut zu h├Âren, dass dich die Wiederholungen nicht st├Âren.

Ich werd jetzt versuchen ein Mittelma├č zu finden. Nicht zu viele Wiederholungen damit man nicht zu schnell ├╝ber den Text liest und dabei vielleicht einiges ├╝berliest aber auch nicht zu wenige.

Lg, Corinne

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