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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Espresso und Kognak
Eingestellt am 18. 08. 2009 18:56


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Grand
Hobbydichter
Registriert: Jun 2009

Werke: 8
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Die singenden Mandolinen rĂŒhren sich im duftenden FrĂŒhlingshauch. Ihr Klang bezittert die lange Straße hoher BetonhĂ€user, ihre Fenster starren blind in den sonnigen Himmel. Sie blenden.
Das Himmelblau spiegelt sich wider, doch seine Augen verbleiben dunkel. Schallendes GelÀchter und berauschender Frohgemut der schnatternden Frauen wollten ihn nicht zerbrechen. Die zu ihm aufschlagenden langen Augenwimpern mochten seine Aufmerksamkeit nicht aufhÀngen, obschon er ihnen ein kleines LÀcheln gönnt. Ihre Röcke wehen, so sie sich von ihm wenden.
Doch in den Scherben der Blumentöpfe schmiegen sich Akeleien seinen Schultern an.
Zwischen schmĂ€chtigen Fingern rollen sich trĂ€ge qualmende Zigaretten, ihre Asche glĂŒht rötlich in jedem Atemzug. Leere Worte schmauchen aus roten MĂŒndern und vergehen im Äther.

Er wartet. Schaut ungeduldig auf die tickende Uhr, die Zeitung raschelt. Sie ist zu spĂ€t, wie immer. Von den knospenden KirschblĂŒten ruft feierlich der Kuckuck. Ein herbes LĂ€cheln verzerrt ihm die GesichtszĂŒge.
Die mittÀgliche Pause wollten sie gemeinsam verbringen. Hier im Kaffeehaus.
Sein Mandant wĂŒrde ihm schon bald in der Kanzlei aufwarten. Betrug, TĂ€uschung, lautet die Anklage.
Die dunklen, zusammen gezogenen Augen reflektieren sich kalt im randlosen, geschliffenen Brillenglas. Sie glitzern gleich staubigen Splittern. Schwarzer Espresso raucht neben ihm auf dem Tisch.

Da kommt sie endlich! Die hohen AbsĂ€tze verkĂŒnden hohl ihren Besuch. Der schwarze Rock wiegt im aufreizenden Gang hin und her, die wohlgeformten weißen Waden liegen bloß und die geschmeidigen Knie blitzen auf. Knapp verschließt sich die weiße Bluse nur, der Knopf zur VerhĂŒllung der Brust ist abgesprungen. Ihre Augen verbergen sich hinter dunklen SonnenglĂ€sern und das LĂ€cheln windet sich mĂŒhselig in ihrem Antlitz, gequĂ€lt und kĂŒnstlich. Gerade noch hat der altrosa Lippenstift sich entfĂ€rbt, er schimmert bloß noch dunkel an den HerzenssĂ€umen. Ausgetrocknet.
ER: Du hast ihn weggegeben
 sicherlich nicht beim LĂ€cheln. Töte mich, ehe ich dich töte.
Trotzdem er sich hinter den hohen BlÀttern der Zeitung verbirgt, verfolgt sein Auge sie. Es ist schmal. Managerin, schnaubt er. Eine geschickte TÀnzerin.
Unruhig richtet er sich in dem harten Stuhl auf, herrschaftlich.

Sie sieht ihn. Sieht sein Bildnis durch die Presse hindurch.
Seine Erscheinung ist elegant, der hoch gewachsene Leib eingekleidet in einem schwarzen Designanzug und die Beine schlagen sich selbstsicher ĂŒbereinander. Die harte Brust verschleiert sich vage hinter einem weißen Hemd, so die glĂ€nzenden Knöpfe den Hals einschließen und ein dunkelblauer Binder mit helllichten Karos ihn erstickt. Seine Lippen ziehen eine stramme Linie und unlĂ€ngst schmecken die kleinen Muttermale an Kinn und Mundwinkel nach kleinen, faulen Kirschkernen. Streng schmiegen sich die dunklen, kurzen Haare der Kopfhaut an und der haselnussbraune Blick schlĂ€gt insistent hinter feinem, dĂŒnnem Glas hervor; er schneidet scharf und gestreng in die Seele ein. In einer dunklen Wolke verbirgt sich seine Seele.
Sie kauert sich innerlich zusammen.
SIE: Besser ich töte dich, ehe du mich tötest.
Heiß spĂŒrt sie noch die leidenschaftlichen KĂŒsse auf ihrer Haut.

Sie sitzen im Schatten, die Sonne scheint abseits von ihnen.
SIE: „GrĂŒĂŸ dich, mein Liebster.“
Sie legt eine schwarze Dokumentenmappe auf das weiße Spitzendeckchen und beugt sich zu ihm vor, ihr ParfĂŒm erhĂ€ngt sich schwer im Äther, herb wĂŒrgt der MĂ€nnerschweiß.
ER: „Guten Tag, Geliebte.“
Sein LĂ€cheln biegt sich steif und die Muttermale blinzeln schwarz zu ihr hinauf. Sie zuckt zurĂŒck, setzt sich rasch und verbirgt das Auge hinter dichten Wimpern.
Sie verlangt hochmĂŒtig einen Cappuccino, ihre Stimme ist fest, doch ihr Herz zittert. Er kann es sehen, legt die Zeitung beiseite und wendet sich ihr zu. Ihre langen, zierlichen Finger ziehen die getönten GlĂ€ser von den Augen und sie hebt den Spiegel vor ihr Gesicht. Erfahren reiben die Kuppen ĂŒber den Lidschatten, entfernen die schwarzen Schatten des zerlaufenen Mascaras und Licht kommt in ihre dunklen Augen ein. Sie klappt endgĂŒltig den Spiegel zu.
Stille.
Sie schweigen sich an, er schaut sie an, wehmĂŒtig, wĂ€hrend sich ihr Blick im Horizont verliert, sehnsĂŒchtig. Die Basisfunktion der Kommunikation versagt. Der Garçon bringt den Cappuccino.

Sie nippt an ihrem Cappuccino, wachsam, und ihre Augen weichen nicht von ihm. Die Zunge fÀhrt in den Kaffee ein und der Milchschaum hÀngt ihren Lippen an. Wie der Sahnerahm den Schnurrhaaren einer hungrigen Katze.
Er schließt den Zeigefinger um die zerbrechliche Tasse und nimmt einen schwarzen Schluck vom bitteren Espresso. Letztlich soll das Herz ihm nicht erkalten. Es schlĂ€gt. Die Hitze zerschellt an der kalten Wand.
Kognak, denkt er. Kognak. Er lĂ€chelt ihr zu, flĂŒchtig. Die Mundwinkel hĂ€ngen sich auf, sie fallen in sich zusammen. Er neigt den Kopf ab. Und verbirgt die HĂ€nde. Sie könnten erzittern.
Sie schaut ihn kaum an, das Haar hĂŒllt ihr das Angesicht ein und die Augen tasten nun die Bilanzen in ihrer Dokumentenmappe ab, sie sind nicht ausgeglichen. Es fehlt ihnen an Eigenkapital.
Ihre Stirn wölbt sich vor. Wir gehen mit jedem Jahr mehr verlustig, sagt sie, ihre Stimme ist nĂŒchtern. Analytisch. Dirigistisch.
Du wirst einen Anwalt brauchen, merkt er an, lehnt sich im Stuhl zurĂŒck. Er nimmt die autoritĂ€re, dĂŒnne Brille von seinen Augen und sie schauen innig, lĂ€chelnd. Haselnussbraun und schmal, kleine LachfĂ€ltchen schimmern um die Winkel. Charmant.
Nein, Paweł, erwidert sie frigid, ihr Angesicht hebt sich ihm nicht einmal entgegen, ich will uns nicht retten. Es ist vorbei, alle Sanierungen werden scheitern. Eine erneute Finanzierung lohnt nicht, lass uns so verbleiben.
Das LĂ€cheln in seinem Gesicht erzittert, es will zusammen brechen, doch es kann nicht. Seine Zunge klebt ihm wie eine trockene Feige am Gaumen fest, doch er kann sie nicht verschlucken. Er zieht den Kopf durch die Schlinge und das Auge hebt sich zum strahlenden Himmel auf. Wie ein Vorhang ziehen sich die Wolken zurĂŒck.

Die Anklage:
Ich schauderte dein RĂŒckgrat hinunter. Du wusstest es. Du hast mich nicht erwartet. Wie konntest du es tragen, mich in deinem Territorium zu sehen, in deinem Leben?
Du fĂŒrchtest dich.
Ich muss es nicht sehen. Ich weiß es.
Deine Lippen sind angeschwollen, die Beine noch gespreizt. Du brauchst das Feuer, um mich zu verbrennen. Du bist eine LĂŒge.
Aber ich werde es dir nicht sagen.
Ich steige ins Auto ein. Harre einen Augenblick fest. Im Fensterglas entdecke ich den Geist, der ich geworden bin.

Sie packt ihre Dokumentenmappe ein, wirft das Geld auf den Tisch und beugt sich zu ihm. Ihre ausgeblichenen Lippen rĂŒhren seine Stirn kaum an, ihr Atem weht unnahbar an ihm vorĂŒber. Aufgefangen und fortgetragen von der frĂŒhsommerlichen Brise.
Sie verlĂ€sst ihn. Ihre schmalen, hohen AbsĂ€tze schlagen unbarmherzig in den spiegelnden Steinfliesen ein. Passanten eilen an ihm vorĂŒber, sie sehen ihn nicht.
Er seufzt. Hebt die Zeitung zu sich auf.
ER: Ich denke, es ist nichts geschehen.
Noch einmal hebt er die Espressotasse an seine Lippen, lĂ€chelt und schlĂ€gt befreit die Beine ĂŒbereinander. Das Verlangen nach Kognak verfließt in sich und er reißt sich den engen Hemdkragen auf. Keine dunkle Wolke schiebt sich vor sein Auge.
Er lÀchelt, so sie im Sonnenlicht dahinschwindet.

Das Urteil:
Wenn ich nicht mehr bin, wirst auch du dich nicht mehr wieder finden.

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Marschiere oder stirb

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