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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Essay zum Zeitgeist
Eingestellt am 06. 05. 2008 14:57


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gonrom
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2008

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Automythomanie

Wenn als Mythomanie (nicht Methomanie) die krankhafte Lügensucht, etwa bei Psychopathen, bezeichnet wird, dann wäre die krankhafte Sucht, sich selbst zu belügen eben Automythomanie. Diese Sucht scheint mir, was noch nicht hinreichend untersucht worden ist, bei „den Deutschen“ (oder denjenigen, die etwas Deutschartiges oder -tümelndes zur Identitätsfindung benötigen) extrem ausgeprägt zu sein im Umgang mit der eigenen Geschichte und mit sich selbst. Wobei Aussagen über die oder den Deutschen immer üblen Belag unter der Zunge hinterlassen.
Schon bei den eigenen Eltern konnte man (ausnahmsweise sei dieses konsenserschleichende, eingemeindende „man“ heideggerschen üblen Gedenkens hier mal gestattet) feststellen, wie sie sich etwas einredeten und dann, gegen alle Vernunft und Erfahrung, daran festhielten, nämlich: Opfer zu sein der Katastrophe, des Zusammenbruchs, der Niederlage, der Vertreibung, des Verlusts ihrer Besitztümer und so fort – weswegen der unterschwellige Hass auf die Juden ungeschmälert und verbissen fortdauert, weil die Juden ja als die wirklichen Opfer den sich selbst eingeredeten Opferstatus der Deutschen verlogen aussehen lassen, gewissermaßen ihn relativieren ins Unglaubwürdige. Alles Relative, so auch Einstein, war und ist den Nazis suspekt, aber wahrscheinlich ist ihnen auch suspekt suspekt.
Dass der „Untergang“, die „Flucht“, die „Gustlow“, „Dresden“ und Hitler in der Tarnung von Nasen wie denen von Helge Schneider und Bruno Ganz wieder ganz schrecklich präsent sind, hinzugenommen noch Guido Knopps bekloppte Nostalgie-Features im Fernsehen, dass das alles ein Zeichen der ständig eingeklagten „Normalität“ wäre, das glaubt doch nur der, der es sich, typisch automythomanisch eben, ständig einredet.
Häufig ist Automythomanie auch festzustellen bei der Selbstmedikation bei älteren Patienten, die die Schuld am Versagen des eigenen Körpers, aber auch des Geistes, mit Vorliebe auf die Medikamente schieben – und die deshalb ab einem bestimmten Zustand von Demenz ihre Medikamente nicht mehr selbst verwalten können. Als nächstes wird die Schuld am eigenen Verfall den Ärzten, dann den Mitbewohnern usw. angelastet, bis irgendwann paranoide Vorstellungen auftauchen, nach denen der Rest der Welt sich gegen sie verschworen habe.
Selbst Schulkinder praktizieren schon die automythomanische Ableitfunktion, um ihre eigene Schuld, woran auch immer, dadurch, dass die anderen ja auch schuldig wären, die machen es ja alle, von sich zu weisen versuchen. Eingemeindung in ein Kollektiv der Opfer entlastet ungemein. Die Invasion von tauben Nüssen und gefickten Eichhörnchen im Alltag kommt leider nicht aus den Tiefen des Weltalls, sondern ist hausgemacht (homegrown stuff).
Auf ähnlichen psychischen Wegen entfaltet sich der geistige Müll der Nazis in deutschen Kalk- Kohl- und Kahlköpfen, nistet sich dort gemütlich ein und dient dann dazu, die eigene Stellung in der Welt und in der Geschichte herauszustreichen – etwas, was mit den kompensatorischen Mittelalterkonstruktionen bereits in der Romantik zu wirken anfängt. Langsam wurde hier die mediterrane Kultur der Antike, der Griechen und Römer, verdrängt durch das so genannte Altdeutsche und später durch das germanische Walalaweia.
Allerdings scheint der psychische Mechanismus (oder Apparat) der Automythomanie sehr allgemein verbreitet zu sein bei Handlungsschwachen und Verlierern, weswegen denn auch bei Leuten, die Opfer einst waren oder sich das einreden wollen oder daran glauben, die Behelfs-Konstruktion von Sündenböcken wie geschmiert läuft. Man kann an den „Protokollen der Weisen von Zion“ dem Hauptbuch des Antisemitismus, das auch heute wieder massiv in der islamischen Welt verbreitet wird, erkennen, wie diejenigen, die nie eine Aufklärung im Sinne der europäischen Moderne erlebt haben (Trennung von Staat und Kirche, Herausbildung des Individualismus usw.) die sich heute zurecht als rückständig empfinden, weil sie politisch und gesellschaftlich rückständig sind wie in den orientalischen Despotien seit Olims Zeiten, der Antisemitismus sofort Fuß fassen kann.
Bei den Deutschen, deren Geschichte ja keine wirklich heroische Vergangenheit kennt, hat sich der Nationalismus erst als gleichsam künstliches Produkt nach der Französischen Revolution entwickelt (Kluges dazu bei Isaiah Berlin), daher wohl auch das Überbetonen der Differenz und der eigenen Wurzeln (dabei war, wird und ist der Mensch keine Mohr- oder Runkelrübe, die feststeckt in der Erden).
Ähnlich die wurzeligen „Palästinenser“, die es als „Nation“ ja wohl im osmanischen Reich überhaupt nicht gab, die erst in jüngerer Zeit sich als Nation anfingen zu begreifen im Kampf gegen Israel, gegen die Juden, gegen den zivilisierten Rest der Welt. Ob daher die Faszination eines Teils der 68er-Linken, ihr Verrat an den kosmopolitisch aufklärerischen Zielen kam, die Faszination, bei den MLern und RAFlern, für die Palästineser (die während der Nazizeit, als es sie als Palästinenser noch nicht gab, in Gestalt des Muftis von Jerusalem mit den Nazis stramm paktierten) und die Faszination für deren Kopftücher und für den Stalinismus, der ja nichts anderes, überspitzt formuliert, war als Nationaler Sozialismus (Sozialismus in einem Land – statt der permanenten Revolution Trotzkis), ob das alles daher kam, das würden Sie doch gewiss auch gerne wissen? Wenn ja, lesen Sie den Satz noch einmal und beantworten ihn sich je nach einschlägigen Erfahrungen selbst oder auch nicht. Spitz klär du die Welt auf, resignierte schon Jean Paul aus Bayreuth, bevor dort der Hügel sich erhob, zu dem die Elite der deutschen Arschgesichter nun schon seit Jahrzehnten pilgert, um gesehen zu werden. Da wirft sich selbst Claudia Roth noch den schicksten Schal um die Halsschrunden und die Kanzlerin schleppt den Gatten an.
Wichtig scheint es, Automythomanie, das Sich-selbst-in-die-Tasche-des-eigenen- Gehirns-lügen (hier geht der Bindestrich gewissermaßen auf dem Strich) als psychischen Defekt, sowohl auf individueller wie auch auf gesellschaftlich/historischer Ebene zu erkennen und zu untersuchen. Dazu bedürfte es einer Fortführung der Sozialpsychologie, wie sie etwa Peter Brückner in Hannover betrieben hatte, und wie sie bei Arno Gruen und auch bei Götz Eisenberg (Amok – Kinder der Kälte) sich noch finden lässt.
Vielleicht ließe ja auch aus der Automythomanie von Literaturbeflissenen und -kritikern heraus sich erklären, wieso eher schwächelnde Romane, bildungshubrige und prätentiös aufgemotzte wie „Spieltrieb“ von Julie Zeh und Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“ so maßlos von vielen überschätzt wurden und wohl auch noch werden. Warum wollen sie sich einreden, das seien wichtige Werke der modernen Literatur, der zeitgenössischen? Ganz zu schweigen von der Müllrutsche, die die Spiegel-Besten-Liste eifrig beliefert. Dank hier an Denis Scheck! Was und wer bedient nicht alles den Zeitgeist jenseits aller Hirne?
Automythomanisch wäre es, mir einzubilden, mit diesem Eintrag aus meiner Sammlung von Widerwärtigkeiten (Odiosa) im Bereich der Fiktur und ihrem Anhang im Wirklichen etwas Bemerkenswertes von mir gegeben zu haben. Aber, wie der Weise grunzt: „Es geht auch ohne“.

© gonrom 2008




__________________
Alles ist Haschen im Wind, Der Koholet

Version vom 06. 05. 2008 14:57

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Penelopeia
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Vielleicht ließe ja auch aus der Automythomanie von Literaturbeflissenen und -kritikern heraus sich erklären, wieso eher schwächelnde Romane, bildungshubrige und prätentiös aufgemotzte wie „Spieltrieb“ von Julie Zeh und Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“ so maßlos von vielen überschätzt wurden und wohl auch noch werden. Warum wollen sie sich einreden, das seien wichtige Werke der modernen Literatur, der zeitgenössischen? Ganz zu schweigen von der Müllrutsche, die die Spiegel-Besten-Liste eifrig beliefert. Dank hier an Denis Scheck! Was und wer bedient nicht alles den Zeitgeist jenseits aller Hirne?

Hallo Gonrom,

der Beitrag hat mit gut gefallen! Kritikpunkte: vielleicht zuviele Namen und Querverweise und zu lange Sätze. Einmal ist von einem "Palästineser" die Rede...

Aber das sind Kleinigkeiten. Insgesamt bin ich Deiner Meinung. Automythomanie ist eine ganz wesentliche Art der Wirklichkeitsbewältigung... Ich glaube allerdings, sie in jeder Gesellschaft und Nation zu finden. Dein Beitrag könnte durchaus im Zusammenhang mit Volker Hagelsteins letztem Essay gelesen werden, auch er widmet sich der Frage: was ist ein Mythos, wie funktionierte er etc. (M.E.: er funktioniert noch, immer und überall, man kann das jedoch nur mit einer antiautomythomanischen Einstellung erkennnen...)

LG

P.

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