Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92238
Momentan online:
532 Gäste und 17 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
Europa
Eingestellt am 10. 06. 2002 09:26


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Monsieur Foulland
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jun 2002

Werke: 3
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Ich bin hasserfĂŒllt. Ich bin ablehnend, ich bin verneinend. Ich bin gnaden- und reuelos, verachtend und verfolgend, voller Abscheu, voller Ekel. Ich bin inmitten Europas, in ihren erlahmten Eingeweiden, in ihren verstopften, verhĂ€rteten Arterien, zwischen ihren Metropolen, ihren Prachtstraßen, ihren Errungenschaften, den technischen, den ökonomischen, den fortschrittlichen, ihren Fabriken an Fabriken an Fabriken an Fabriken, ich bin zwischen ihren Strukturen und Prozessen, ihrer Mechanik, ZahnrĂ€der und FließbĂ€nder und Lebensarbeitszeiten, ihren blutigen Gesten und blutigen Friedensmissionen und blutigen Machdemonstrationen, ihren Zahlen, Zahlen, Zahlen, ihren Fakten, Fakten, Fakten, ihren Werten, Werten, Werten, dem Warenwert, dem Arbeitswert, dem Lebens-, nein, dem Elendswert, ihren haltlosen GeldflĂŒssen, ihren ökonomischen IrrealitĂ€ten, dem Wachstumsdiktat, dem Anpassungsdiktat, dem Unterwerfungsdiktat: ich bin unter ihrer Logik, unter ihrer Vernunft, unter ihrem Joch, unter ihrer Knute, unter ihrer Demokratie, unter ihrem Allmarkt. Hier esse ich, hier schlafe ich. Hier trinke und hier wĂ€rme ich, hier schöpfe und hier erschaffe ich, hier verteufle und verfluche und verdamme und verabscheue und vernichte ich. Europa, sie ist Industrie. Europa, sie ist arbeiten, sie ist werken, sie ist treiben. Niemals ist sie Schöpfung, niemals ist sie Kreation. Nichts und niemand von ihr kennt Verzweiflung. Nichts und niemand von ihr schwitzt Blut. Nicht eine Frau, nicht ein Mann in Europa, die voller Elend wĂ€ren, die erfĂŒllt wĂ€ren mit UnglĂŒck. Diese fruchtlose Europa, dieser Tage kennt sie keine Plagen, weder Pest noch Cholera, weder Idee noch Seele, kein Verderben, kein Ende. Nichts dergleichen. Europa ist Organisation. Europa ist Form. Europa ist Pflicht. Und Fortschritt natĂŒrlich. Und Reformen. Und Wohlstand. Sie ist satt. Sie ist ohne Verlangen. Sie ist bewusstlos. Nichts von ihr ist dem Tode geweiht. Europa ist voller Leben, natĂŒrlich! Reiches und paarendes Leben, sammelnd und sortierend, anhĂ€ufend und vermehrend, bewegen, bewegen, bewegen, niemals verharren, schaffen, schaffen, schaffen, niemals erschaffen.

Es ist wahr: nichts und niemand in Europa endet. Nichts geht zugrunde. Wenn doch, dann bloß im Geheimen. Hinter dem Betrieb, hinter der GeschĂ€ftigkeit. Dort, wo man ihren Blick nicht spĂŒrt. Noch im Sterben begriffen, ist man schon verlassen, ist man, gleichwohl lebendig, schon dem Toten gleich: in seinem, beim Sterbenden tatsĂ€chlichen, beim Gestorbenen bereits gedachten, Beisein wird die Stimme gesenkt, die Worte sind gedĂ€mpft und phrasenhaft, der Schritt ruhig, die Gesten andĂ€chtig; der Abschied und der Ausschluss, sie sind bereits vollzogen. Alles Weitere ist Ritual.

In der Tat, ich bin inmitten Europas. Doch ich bin nicht von ihr und nicht aus ihr. Dieser Tage bin ich gefasst. Dieser Tage bin ich ruhig. Ich bin mir meiner selbst bewusst. Das Individuelle tritt hervor, grenzt sich ab, entzieht sich; das Gesellschaftliche hingegen tritt zurĂŒck, verlagert sich, wandelt sich zu einem beobachtbaren und fernen Außen.

Nichts anderes ist es, das Sterben.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Kurzprosa Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!