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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Europa eine grosse Heimat?
Eingestellt am 30. 09. 2004 20:06


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Aurelio
AutorenanwÀrter
Registriert: Sep 2004

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Gedanken ĂŒber Europaland



Die neuen Besen unseres alten Vaterlandes, frisch gebunden und voller Energie, bepackt mit TrĂ€umen von einem neuen, noch nie dagewesenen Multi-Kulti-Patriotismus, geblendet von bisher noch nie erreichten Zielen werden sich mit vielen Frischlingen der Mutter Globalisierung ĂŒber meine Zeilen Ă€rgern. Schon das Wort “FrĂŒher“ wird viele von ihnen auf die Palme bringen. Aber wiederum nur diejenigen, die dort auch wirklich hingehören.

Endlich hat man den hörigen BĂŒrger soweit, dass er nicht mehr von seinem Geburtsort, dem Kreis, Kanton, Gau oder gar vom Staat als seine Heimat spricht, da kommt einer wie ich und macht sich ĂŒber ein paar Quadratmeter Hinterland wichtig, tut so als wĂ€re dieser winzige Fleck Erde irgend etwas Besonderes, nur weil er selbst und einige Wenige das Heimat nennen.

Aufwachen ihr Hinterweltler hallt es von den Palmen, raus aus euren engen Nestern, werdet flĂŒgge -Europa wartet - Europa heisst eure neue Heimat !

Jahrelang hat man uns das eingetrichtert. Sogar amerikanische PrĂ€sidenten sind gebeten worden, in Zukunft doch “Isch bin ein EuropĂ€a“ zu sagen, nicht mehr “Ich bin ein Berliner“. Und sogar der kleine Josef hat es schon begriffen. Hat er sich verlaufen und es fragt ihn jemand, wo er her ist und wo er wohnt, dann sagt er nicht mehr “I wohn bei meiner Mama da drĂŒben irgendwo“. Nein er sagt “Ich wohne in Europa - gleich neben der Molkerei.“ Und so soll es auch sein - oder ?

Ich bin nicht gegen Europa, doch animiere ich zum RĂŒckblick, getraue mich auch die Palmen zu schĂŒtteln, verweise auf ein kleines Fleckchen gewachsener Erde das im Matsch der flĂŒchtenden Massen noch als Oase herausragt und meine Heimat heisst und ist - noch !
In einer Zeit der Eingemeindungen, Gebietszusammenlegungen, der Flurbereinigung und schon wieder Renaturierungen und vor allem der Globalisierung wohl nicht mehr lange.

Gut, ich bin fĂŒr Viele ein Grufty, habe wohl den Einstieg ins High-Tech - Zeitalter verschlafen, das Internet sprich die gesamte virtuelle Welt ignoriert, vielleicht aber auch einfach nicht erfassen wollen oder können. Oder beim EinfĂ€deln in diesen Schlange der RealitĂ€tsflĂŒchtlinge hat ein Blick in den RĂŒckspiegel eine Gefahr sichtbar gemacht - mich gebremst ?

Alte Geschichten, im RĂŒckblick sichtbar sind nicht immer ‘Schnee von Gestern‘. Aus vielen dieser Geschehnisse und Anekdoten kann man etwas lernen - wenn man will.
Heute schöpft man aus dem Überfluss - welch eine Kunst - frĂŒher schöpfte man aus dem Fluss - im wahrsten Sinne des Wortes. Man hatte nichts, oder sagen wir - nicht viel - und lebte zufrieden. Ist es ein Wunder, wenn viele Sehnsucht nach FrĂŒher empfinden, weil ihnen die Gegenwart, die Zukunft Angst macht. Ist es so abnormal ?
Sicher neigen viele dazu, die ‘gute alte Zeit‘ in den Himmel zu loben, doch es gibt tĂ€glich genĂŒgend Beispiele dafĂŒr, die diese Lobeshymnen rechtfertigen. War es frĂŒher möglich, dass ein alter Mensch wochen-, ja gar monatelang tot und unbemerkt in seiner Wohnung lag? War es möglich, dass ein kleines Kind halbnackt und ohne Schuhe bei winterlichen Temperaturen zur Einkaufszeit in einer Stadt halb erfroren, zwei Kilometer von seine elterlichen Wohnung endlich aufgegriffen und nach dem Namen gefragt wird? Macht euch darĂŒber Gedanken, liebe FortschrittsrennlĂ€ufer - gross macht anonym. AnonymitĂ€t heisst ohne Verantwortung.
So denke ich kleinkariert an eine Zeit, wo noch jeder jeden kannte, die Ohrfeige noch einfach eine Ohrfeige war und nicht schwere Körperverletzung mit traumatischen Folgen. Es war eine Zeit, da hatte man keine Zeit um Haare zu spalten - man musste Holz spalten.
Vielleicht schreibt die heutige Generation auch einmal ĂŒber “FrĂŒher“. Das sind dann keine Anekdoten mehr, es heisst VergangenheitsbewĂ€ltigung mit Lerncharakteren. Wie aufregend war es doch im Internet zu surfen, und dann der dramatische Tag als der Rechner abstĂŒrzte und keine e-mail verschickt werden konnte. Abenteuerlich! Man musste mit den Menschen wieder reden. Man sass da, konnte keine Pizza und Cola bestellen, weil man nicht auf die home-page des Pizza-Dienstes konnte. GrĂ€sslich, wird es einmal heissen, was wir da mitgemacht haben - ja beinahe verhungert wĂ€ren wir.
Keiner aus einer dieser kleinen Oasen zwischen Nordkap und Sizilien wĂŒrde das je begreifen können.
Menschen, ja Originale haben in diesen kleinen Oasen, in jeder dieser kleinen Heimaten gelebt. Sie konnten nur dort entstehen und sich entfalten. HĂ€tte man sie verpflanzt, sie wĂ€ren untergegangen. Nur hier konnten sie In ihrer eigenen Art wirken, wenn das Ergebnis auch meist unbeabsichtigt war. Alle die dort gelebt haben, heute noch dort leben, wuchsen in dieser einmaligen Umgebung auf, erlernten Sitten und GebrĂ€uche und vor allem den Dialekt, der eine Art Personalausweis war und ist. Sie haben die Erde, die Luft dieser Gegend in sich aufgenommen, wurden ein StĂŒck von ihr. Die Seele, der Körper, die Familie und die Gewohnheiten sind geprĂ€gt durch diese Gegend. Alle sind EuropĂ€er, doch viele, viele sind und bleiben Insulaner. Europa ist zu gross fĂŒr ihr kleines Herz, mit den kurzen Armen nicht umfassbar, mit den kleinen Beinen nicht schnell genug umgehbar um ĂŒberblickbar und wieder zu Hause zu sein. Ihre kleine Heimat ist eine Kuschelecke zu der Mutters KĂŒche, der böse Nachbar und die Dorfratschn gehören. Es ist ein kleines Zimmer, der Turnsaal ‘Europa‘ ist vielen zu gross, macht auch Angst, denn es gab schon Grösseres!
Keines dieser grossen Reiche hatte lange Bestand, scheiterte immer an seiner Grösse und AnonymitĂ€t. Diese herausragenden Typen, diese Originale die wir heute als Vorbilder haben waren Individuen die nie in einem grossen Reich hĂ€tten entstehen und wachsen können. Nur die kleine Gemeinschaft gab und gibt Halt und Sicherheit um in und endlich mit einer grösseren Gemeinschaft - unserer Heimat - bestehen zu können. Und sind wir ehrlich - Europa ist 'IN' , Global denken ist 'IN' - wir sind 'OUT ' weil wir unsere Heimat im Innersten verteidigen, obwohl dies unchick ist. Wir wollen nicht in der gefĂŒrchteten AnonymitĂ€t untergehen der wir derzeit schon ĂŒberall begegnen. Hoffentlich werden alle Globalisierungsfreunde ihre Heimat behalten und gepflegt an ihre Kinder weitergeben. Schaut in den RĂŒckspiegel! Überlebt hat alle Weltreiche immer nur die kleine Gemeinschaft, die kleine Heimat. Ich wĂŒnsche niemandem, dass er einmal so flexibel ist ĂŒberall zu wohnen aber am Ende nirgendwo zu Hause ist.
© ag böck 2004

__________________
Andreas Georg Böck DE-86199 Augsburg

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