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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
FINE
Eingestellt am 09. 10. 2015 11:37


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Haarkranz
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Registriert: Oct 2006

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Fine.

„Fine, press, press“! drĂ€ngt Anna, die Hebamme.
Fine beißt in das Schweißtuch auf ihrem Gesicht, ballt die FĂ€uste und presst, sich, das Baby, ihr Gekröse, all das, was da unten raus will, ihr diesen unvorstellbaren Schmerz macht.
„Gut so, gut, weiter so, Fine;“ hört sie Anna, von ganz weit her. Die steht auf nem Berg, die Anna und winkt. Fine will dahin, zu ihr auf den Berg, da ist kein Weh. Annas Gesicht ist so ruhig, sie lĂ€chelt. Nein tut sie nicht, die reißt das Maul auf und schreit: Press! Oh, ich kann doch nicht mehr, nicht noch mehr. Anna drĂŒckt auf meinen Bauch und drĂ€ngt: „Noch mal Fine, noch mal! Ich seh dat Köppken, gleich ist et vorbei“!
Noch mal, wie oft hat sie dat schon gesagt. Also, noch einmal, vielleicht ist dann allet vorbei, noch ein aller, aller letztet Mal!.
Fine holt Luft, bis ihr schwarz vor Augen wird. Presst und schreit, scharfzĂ€hnig schrill, alles aus sich raus und stĂŒrzt gleichzeitig in herrliche Erleichterung, als Anna mehr singt als spricht: „En MĂ€dchen, Fine, en wunderschönet MĂ€dchen, dazu unterm Helm!“
Gott sei Dank, en MĂ€dchen. Vor Fine dreht sich ein buntes Kirmesrad. All die jungen MĂ€nner die drĂ€ngen und schubsen. Jeder will neben ihr stehen, ihr ne Blume schießen. Unterm Helm ist der Hauptpreis. Dreimal hinter einander die Zwölf.
Ich hab den Hauptpreis. An sich egal, mit oder ohne Helm, Hauptsache gesund und en MĂ€dchen.
Der Jupp wird sich freuen. Beim nÀchsten Mal wird et vielleicht en Jung, dann hat er den Stammhalter, der ganz sein ist.
Als der mich fragte, ob ich ihn nÀhm, wusste der, ich bin schwanger. War lieb zu mir der Jupp. Hat mich geschont, et mit der Liebe langsam angehen lassen. Er liebt mich, ich glaub et ihm, so oft wie der dat sagt.
Der Andere war anders, ganz anders. Der hat fast nix gesagt, mich angeguckt bis mir das Herz im Hals schlug, dann lag ich da, einfach so. Dat ging lang, bis dat Kind unterwegs war. Da kam er nicht mehr, doch einmal noch, nach vier Wochen. Er hĂ€tt en Vater, wenn ich mit macht. Soll mich am Sonntag nach der Messe unter die alte Linde auf’m Kirchplatz stellen. Einfach so rum stehen. Wie bestellt und nicht abgeholt, ging et mir durch der Kopp. Na ja, hab mich hingestellt. Wer kam, war der Jupp. Ich kannt dem nich, war nich von Gerresheim. Der stand erst da, ging dann in die Kirch, las den Aushang.. Ich war mir nicht sicher, ob er et war. Hab nicht hingeguckt. Kam mir vor, wie'n StĂŒck Vieh auf’m Markt..
Dann ging et ganz schnell. Jupp kam direkt auf mich zu, blieb vor mir stehen und fragt: Bist du die Fine?. Ich nick, weiß et noch genau, mein Mund pulvertrocken.
Ich bin der Jupp, sagt der, komm wir gehen en StĂŒcksken spazieren. HĂ€lt mir der Arm hin, ich hĂ€ng mich ein.
Jupp kam sofort zur Sache. Er wĂŒsst vom Herbert, bei mir wĂ€r wat unterwegs. Beschwere ihn nicht, alle Kinder sind Gotteskinder, und ob ich wat an ihm auszusetzen hĂ€tt? Nö, sag ich, hab ich nich, und ihn fest angesehen. Gut, der Jupp, dann lass uns NĂ€gel mit Köpp machen.
Tante Berta, mein Ziehmutter, hat den Jupp von unten bis oben gemustert. Angefangen bei die Schuh, langsam auf sein Gesicht, unterwegs immer wieder stopp, am liebsten hĂ€tt die den Stoff von sein Anzug zwischen die Finger gerieben. Dann standen die Beiden sich lang Aug in Aug gegenĂŒber, ich wollt eben sagen: Jetzt is et aber gut, da meint sie:
„Die Fine, ist mir wie eigen Kind. Hab dat arme Dierken vom ersten Tag an int Herz geschlossen. Die Mutter oder wer, hat et auf'm Dörpel vorm Pastorat abgelegt, geschellt und is weggelaufen. Pastor Schulte hat et mir am selben Abend gebracht und versprochen, er wĂŒrd mithelfen beim Großziehen. Hat geklappt mit dem Großziehen, und schön ist et geworden. Heiratet man gern, son SchmuckstĂŒck. Fragen muss ich, wie ist dat mit der Pinke? En Familie wird schnell groß. Zweimal Ostern und Weihnachten, da kannze schon zu Viert sein und damit hört et noch lang nich auf.
Der Jupp sagt nix, nimmt sein Brieftasch außem Überzieher, zieht en Stuhl unterm Tisch vor, fragt, darf ich und setzt sich. Dann fingert er en SchriftstĂŒck aus der Brieftasch, gibt et der Tante: „Mein Gewerbeschein.“ Die Tante hat sich auch gesetzt, schickt mich ihre Brill holen. Liest, nachdem sie sich dat Spekuliereisen umstĂ€ndlich auf die Nas gesetzt hat.
Joseph Drahten, Nachfolger, Spedition. Transporte aller Art, innerhalb des Deutschen Reiches, sowie ins benachbarte Ausland.
Tante Berta liest langsam, halblaut, legt dat Papier auf der Tisch, fixiert den Jupp und fragt: „Joseph Drahten, sind sie?“
„Nein,“ der Jupp, " mein Vater und der Großvater, der unser GeschĂ€ft 1863 gegrĂŒndet hat. Ich heiße auch Joseph, genannt Jupp und bin jetzt der Chef.“ „Der Chef,“ wiederholt die Tante, lĂ€sst ihre Zunge ĂŒber die Lippen spitzeln, klappt die Lider runter, scheint nachzudenken und sagt: „Also, Herr Drahten, wenn sie mein Finchen heiraten wollen, bist du ab sofort der Jupp, ich fĂŒr dich die Berta.“ Der Jupp lacht ĂŒbert ganze Gesicht, schnappt mich um die Taille und kĂŒsst mich fest mitten auf die SchnĂŒĂŸ. Die Berta kriegt en Schmatz auf die Stirn.
Ich darf den Jupp nicht in Frage stellen, der freut sich auf dat Kleine. Dat mit dem MĂ€dchen is mein Gedanke. Jedenfalls ist ein selbstgemachter Stammhalter besser. Ist schwer sich vorzustellen, wie der Jupp is. Nie schlecht gelaunt, auch in der Firma immer ruhig, nie GebrĂŒll. BrĂŒllen tut Prokurist Leo Jansen, dat Faktotum. Herr Jansen darf brĂŒllen. Jupp ruft den Onkel Jansen und Herr Jansen sagt zum Jupp, Joseph und du.
Bald bin ich wieder zu Haus. Is merkwĂŒrdig dat ZuhausgefĂŒhl. Bin seit sechs Monaten Frau Drahten, schon wird Tante Berta Vergangenheit. Werd sie dat nich fĂŒhlen lassen. Brauch die, wenn ich erst mit dat SchĂ€tzken allein bin. Gott sei Dank gibet kein Schwiegermutter, Jupp ist seit zehn Jahren Vollwaise. Herr Jansen und Jupp, sind wie Tante Berta und ich. Mein Gott bin ich mĂŒd. Anna zeigt mir mein Kleinet, schon fertig gewickelt. Sie meint ich soll schlafen, tĂ€t mir und der Milch gut. Die hat gut reden, ich hab Euter wien Kuh. Ob mein BrĂŒste je wieder in Ordnung kommen? Tante Berta lacht, das wĂ€r dat aller Unwichtigste. Die hat gut Reden. Et schneit, schön wie die Flocken tanzen. Schön im warmen Bett.

FĂŒnf Jahre spĂ€ter.

Gestern haben die, die letzten sechs Pferde abgeholt. Requiriert sagt man dazu. Ne Quittung mit Daten, wie alt, Wallach oder Stute, Farbe, Typus etc. Stempel und Unterschrift.
Der Jupp ist schon seit einem Jahr im SchĂŒtzengraben. Als der Krieg anfing, durfte er noch bleiben, der Betrieb war kriegswichtig. Im Herbst fĂŒnfzehn war dat vorbei, jetzt war der Jupp kriegswichtig. Ich hab mit sechs Pferden und Herrn Jansen, noch ein bisschen Spedition gemacht, auch vorbei. Herr Jansen hat mich im Arm genommen und geschluchzt, wenn nur dem Joseph nix passiert, alles andere kriegen wir hin. Ich hoff et, im Moment ist et zappenduster, zwei Kinder und zwei Erwachsene zu fĂŒttern, is nich einfach. Herr Jansen wohnt jetzt bei uns, mit dem kleinen Betrieb konnt ich sein Gehalt nich mehr zahlen. Da hat er vorgeschlagen: Fine, lass mich in der Kammer schlafen, ich kĂŒndige mein Wohnung, die Möbel werden verhökert. Schlafen und zu essen, genĂŒgt mir. Jetzt sind die letzten Pferde weg. Mal sehen wie dat weitergeht.
Herr Jansen ist eine große Hilfe. Ohne den mĂŒssten wir oft Kohldampf schieben. Is immerzu unterwegs sein Futterkontakte pflegen, wie der dat nennt. Kommt nach Haus mit en paar Kartoffeln oder Eier. Mal en halbe Wurst oder Speckschwarten zum ausbraten. Jedenfalls leiden wir kein schwarzen Hunger, wie die meisten Leut in diesem SteckrĂŒbenwinter. Er hat immer schon gegessen. Fine sagt er, ich kenne die Leut seit Jahrzehnten. Die haben uns in Friedenszeiten Pferdefutter, Stroh und alles wat man fĂŒr son Stall voll Tiere braucht geliefert. Ich richte das immer so ein, das die beim Essen sitzen, wenn ich aufkreuz. Sind mir nich bös, die wissen wat ich will, drĂŒcken uns die Daumen, dat der Joseph den Schlamassel ĂŒbersteht.
Letztes Jahr Weihnachten hatte der Jupp Urlaub. Auch schon wieder zehn Monate her. Wenn wir GlĂŒck haben, kommt ab und zu en Feldpostbrief. Steht nie viel drin. Geht et euch gut? Habt ihr genug zu essen? Onkel Jansen sorgt fĂŒr euch, dat beruhigt mich. Ich muss schließen, seit alle umarmt und gekĂŒsst, Joseph.
Komisch die Briefe, fast alle gleich. Auch im Urlaub war dat nich der fröhliche Jupp. Saß den geschlagenen Tag auf'm Sofa, stierte Löcher in die Luft. Im Bett war dat schlimm. Als ich zu ihm rĂŒber rutschte, ihm in der Arm nahm, tat sich nix. Dann die TrĂ€nen, kein Schluchzen oder Weinen, nur TrĂ€nen ĂŒber TrĂ€nen, dat Kopfkissen völlig durchweicht.

Weihnachten 1917. Jupp ist tot. Gefallen. Gefallen? hat Herr Jansen geschrien. Geschlachtet, hingemordet, haben die dĂ€ Jung. Mein Gott, nĂ€ dich gibet nich, kann dich nich geben, alles gelogen. Kaiser von Gottes Gnaden! Mörder muss dat heißen, Mörder von Gottes Gnaden! Gott! Herrje wie du mich ankotzt! So hat der stundenlang gewĂŒtet, dann in sein Kammer hat er schrecklich geweint.
Ich steh einfach neben mir. Nehm die Kinder abwechselnd auf der Schoß und bete. Komm ClĂ€rchen, HĂ€nde falten, was musst du beten? Ist der Papa tot, will sie wissen?
Der Papa ist im Himmel, wenn du mit ihm sprechen willst, musst du die HĂ€ndchen falten und beten. Ich will aber nicht mit ihm sprechen. Kommt ich bring euch nach Bett. Seltsam, sonst ist Schlafengehen en Prozedur. Heute, beide ohne Fisematenten in die Heija.
Weiß nich was mit mir ist. Kann nich toben, nich weinen, nix. Laufe zwischen Schrank und Herd hin und her. Der Jupp is nich bei mir. Kein Schmerz, kein Trauer. Irgendwas muss ich doch tun. Leer bin ich und mĂŒd. Als ich am nĂ€chsten Morgen wach werd, is et noch dunkel. Ich horch. Nichts tut sich, weder im Haus noch bei mir. Jupp, ich stell ihn mir vor. Da steht er, nicht der von frĂŒher, der vom letzten Urlaub, der Fremde. Jetzt hab ich et gedacht. An sich nich erst jetzt. Als er auffem Bahnsteig seinen Tornister aufschnallte, mich im Arm nehmen wollt und nur "so Fine" raus brachte, hat et knack gemacht.
Ja knack, ich war froh als ich aufhören konnt zu winken. Da war kein GefĂŒhl mehr.
Dat GefĂŒhl fĂŒrn Jupp ist auf einmal da gewesen. Nicht weil er son liebe Mensch war. Dat eher nich. Jedenfalls war ich von heut auf morgen rattendoll auf dem. So richtig, dat dir der Atem weg bleibt, wenn er dich anguckt. Jeder Tag fĂŒr mich, wie Rodonkuchen mit Rosinen. Tante Berta hat dat sofort spitz gekriegt. Kind, du wirst mit jedem Tag schöner, wie Milch und Honig, hat se gemeint. Ist da wat unterwegs? Da konnt ich se beruhigen, wir ließen nix unversucht, aber noch tat sich nix.
Am 15 Mai 1914, kam ich mit Joseph IV nieder. Wir wussten ja nicht wat et werden wĂŒrd. Jupp wollt in meiner NĂ€he bleiben, Anna hat den regelrecht aus dem Haus getrieben. Der wollt nich gehen. SpĂ€ter ist ihr Mann gekommen, der hat ihn mit inne Kneipe geschleppt. Der Jupp hat an nem Bier genĂŒggelt, war zu nix zu gebrauchen. Tante Berta taucht in der Beiz auf, der Jupp sie sehen und weg war er. En JĂŒppchen, hat sie ihm hinterher geschrien. Der stĂŒrmt int Zimmer, legt seinen Kopf ganz behutsam neben meinen und lispelt ganz leise: Dat war et letztemal, MĂ€uschen. Ich versprech et dir. So wat hĂ€lt kein Mensch aus, ich dacht et zerreißt mich, dabei musstest du dat aushalten.
Ja, so war der Jupp. Mein Jupp. Der Scheißkrieg hat alles kapput gemacht. Verbrecher die Großkopferten, alle wie se da sind. Da hat der Leo recht. Herr Jansen, ist jetzt der Leo fĂŒr mich. Fine, hat der Heiligabend gesagt, Fine jetzt gibet et nur noch die Kinder, dich und mich. Wir mĂŒssen dem kleinen Jupp en Zukunft bauen. Jetzt wo ich dat erinnere, muss ich kichern. Zukunft bauen, hat sich wat.
Und Fine, bitte, sag Leo zu mir. Als Herr Jansen, fĂŒhl ich mich ohne den Joseph nicht zu Haus.
Und weiter: Wir mĂŒssen da durch. Den Krieg verlieren wir, danach kommen andere Zeiten. Pferdespedition ist vorbei, in Zukunft geht alles per Auto. Da mĂŒssen wir gerĂŒstet sein. Ich hab vor zwanzig Jahr, en Beutel mit Goldmark in der untersten Schublad von mein Schrank versteckt und einfach vergessen. Die GoldfĂŒchs könnten der Anfang sein.
SchrotthÀndler Albus kauft Schrottlastwagen vom Heer, will die spÀter reparieren. Hab ich mir angesehen. Aus drei oder vier Wagen einen machen, manche sind kaum gefahren. Irgend wat funktionierte nicht, und weg damit. Ich bleib da dran, wir haben die StÀlle, die werden Lager. Die Autos brauchen kein Stall. Wir machen da weiter, wo wir aufgehört haben. Transport ist immer gefragt.
Zu keinem ein Wort. Ich sag et dir, damit du weißt: Drathen hat Zukunft, wenn JĂŒppchen IV groß ist, kann der richtig loslegen.
Der Alltag kriegte Leo nicht klein. Die Nazis haben et geschafft, dat wollt ihm nicht in der Kopp. Gesetze gelten fĂŒr jeden ohne Ausnahme, hat der den dicken BĂ€umer angeschrien, als der ihm vorschreiben wollt, fĂŒr wen wir nicht fahren dĂŒrften. Ich seh dat feiste Schwein, in seine gelbgoldene Verkleidung vor mir, als ob et gestern wĂ€r. Hat bös fĂŒr ihn geendet. Als die ersten Bomben fielen, die angeblich nie fallen wĂŒrden, hat et den erwischt. Nich weit von der ausgebrannten Synagoge, die er mit angesteckt hat, is er verblutet. Dem hat niemand ne TrĂ€ne nach geweint.
Mein Leben war an sich nur Kampf, an sich Krieg. Kaum hatten wir uns en bissken hochgerappelt, ging dat schon wieder los. Jupp IV war 39 mal eben zwei Jahr verheiratet, die Else kriegt dat ZwillingspĂ€rchen, da knallt et schon wieder. Diesmal mit Polen, en Woch spĂ€ter, wie im ersten Krieg mit Frankreich und England. Werden die Menschen nie schlau? Werden se nich. Sind en Fehlversuch. Sollt et Gott geben, hat der mit uns nix am Kopp. Der muss die Schöpfung vor uns beschĂŒtzen. Gibt ja nix, wo wir unsere gierigen Finger nich drin haben. Wat wir mit die Tiere machen, Nutztiere nennen wir die, unbeschreiblich. Allein dafĂŒr bleibt uns das Paradies fĂŒr immer verschlossen.
Komisch, nĂ€chste Woch werd ich Neunzig. Merk dat kaum, sicher die Beine wollen nicht mehr so richtig, dafĂŒr hab ich der Rollator. Sonst quitschfidel. Schad dat der Leo so frĂŒh sterben musst, neunundsiebzig ist doch kein Alter. Der hat sich alles zu sehr zu Herzen genommen. Wenn ich dran denk, wie der um den Jupp getrauert hat, noch kurz bevor er starb hat er zu mir gesagt, dat hĂ€tt ihn in Wirklichkeit von die Beine gehauen. Ab da, war Leben nicht mehr wat et mal war.
War ne Arbeitsmaschine der Leo. Wie der uns in den Zwanzigern durch die Inflation geschleust hat, Hut ab! Als die, die Rentenmark eingefĂŒhrt haben, der Milliardenspuk vorbei war, stand Drathen da wie ne eins! Noch verrĂŒckter, dem Leo gehörte nix. Der hat sein Goldmarie int GeschĂ€ft gesteckt, ohne jede Sicherheit. Wir haben et ihm gedankt, Jupp IV und ich. Bis er die Augen zumachte, war er der Chef. Auch als schon lang klar war, et wird nix mehr, stand der Jupp jeden Morgen zum Rapport an sein Bett.
In der ersten Zeit, nach dem mein Jupp gefallen war, gab et Gemunkel.
Sonntags ging ich mit Leo zur Messe, Tante Berta kam und blieb bei die Kinder. Leo ging auf die MÀnnerseite, ich bei die Frauen. Wir haben uns nix dabei gedacht, wie sollten wir auch, der Leo hÀtt mein Vater sein können.
Eines Abends geht die Klingel, der Leo war unterwegs Fourage machen. Vor der TĂŒr steht der klein, strubbelige Kaplan, fragt ob er rein kommen dĂŒrft. Sicher sag ich, worum geht et denn? Da steht dat MĂ€nneken und druckst, macht en Gesicht, ich weiß nicht wie, ich vergess ihm en Stuhl anzubieten. Endlich kommt er zu Potte, fragt, ob der Herr Jansen nicht da wĂ€r? Ich sag nĂ€, wat wollen sie von dem, vielleicht kann ich helfen?
Der guckt mich an, tritt von einem Fuß auf der Andere und ringt sich en: Ja, Frau Witwe Drathen, das könnte möglich sein.
Ich, dann mal raus mit der Sprach, wat in meinen KrÀften steht, wird gemacht.
Also Frau Drahten, wir von Petrus Canisius, ihrer Pfarrgemeinde wollen sie unterstĂŒtzen.
UnterstĂŒtzen? frag ich. Da rennen sie bei mir offene TĂŒren ein, vor allem was Verpflegung angeht. En Liter Milch jeden Tag fĂŒr die Kinder. Die Bauern, die ja fleißige KirchgĂ€nger sind, tĂ€ten uns damit schon sehr unter die Arm greifen. HĂ€tten wir den Herrn Jansen nicht, der seine Freunde von vorm Krieg zur Ader lĂ€sst, wĂŒsst ich nicht was wĂŒrd. Leider schafft der kein Milch ran. Herr Kaplan, da bin ich dankbar und erstaunt, wie sie sich in die Sorgen von ner Familie rein denken.
Frau Drathen, er hebt die Hand, sagt noch mal Frau Drathen und dann: Familie, weil wir bei der Familie sind, möcht ich drauf zu sprechen kommen.
Ich, wie meinen sie dat?
Der Kaplan kriegt son Schimmer von rot auf die Backen, holt tief Luft und meint: Ihr VerhÀltnis zu Herrn Jansen.
Ehrlich, ich hab dat zuerst nich geschnallt, frag noch mal, wat soll dat?
Der Kaplan: Sie leben seit Jahren unter einem Dach, Frau Drathen.
Da geht mir en Stalllatern auf. Der wollt uns nicht helfen, der unterstellte mir und dem Leo en VerhĂ€ltnis. Nicht nur der, dat MĂ€nneken hĂ€tt sich dat allein nicht getraut, da steckte ganz sicher HochwĂŒrden hinter!
Ich guck mir dat KaplĂ€nchen von oben bis unten an, ganz langsam ohne ein Wort. Dann mach ich die HaustĂŒr auf, pack den beim Schlaffitchen und schieb ihn nach draußen. TĂŒr zu, fertig.
Die Kirch hab ich nie wieder betreten, dem Leo und Tante Berta nix davon erzÀhlt. Dat Berta guckt en bisschen gestochen, als ich am Sonntag sag: Berta geh du mit dem Leo zur Messe, ich bleib bei die Kinder.
Richtig GlĂŒck, hatte mein ClĂ€rchen. Wie die sich durch et Leben laviert hat, Hut ab. Fing mit dem Gymnasium an, da wollte dat unbedingt drauf. Kind, sag ich, meinste du schaffst dat? Von uns kann dir niemand helfen. Griechisch, Latein, Englisch oder HebrĂ€isch musst du lernen. Doktor Mendel meint, dat sei schwer, sehr schwer. ClĂ€rchen lacht, ich weiß Mama, dazu noch Mathe, Physik, Chemie und Gott weiß wat. Doch wat kann mir passieren? Wenn ich et nicht schaff, hab ich et wenigstens versucht, die heutige Frau Doktor Claire Drahten. FachĂ€rztin fĂŒr Frauenheilkunde, steht auf dem Schild an der Praxis. ClĂ€re mit ai. Bin mĂ€chtig stolz auf mein MĂ€dchen, ist allein meins. Seit Berta tot ist, mein alleiniges Geheimnis, obwohl Tante Berta konnt schweigen wie en Grab. ClĂ€rchen kommt so gar nicht nach Drathen, grĂŒne Augen, roter Schopf. Der, von dem se dat hat, liegt auch in Frankreich.


Ne zeitlang dacht ich, allet wĂŒrde gut werden. Nicht mit der Familie, dat lief so einigermaßen, nĂ€ mit der Welt. Doch nach dem zweiten Krieg und dem wat da passiert is, war die Hoffnung gleich null. Was wir mit die Menschen gemacht haben, unvorstellbar! Dat waren nich nur die Nazis, dafĂŒr gab et nich genug. Alle mĂŒssen wir der Kopp dafĂŒr hin halten. Seit 38 der Mensch von der Botschaft in Paris erschossen wurd, gab et nix mehr zu beschönigen. Dat war der letzte DrĂŒcker. Seit dem sind wir Schuld, jeder! NatĂŒrlich nicht die Kinder, aber wir Erwachsenen, ich, der Leo, die Nachbarn, die Verwandtschaft, Lehrer, Pastöre, Beamte alle miteinander, schuldig!
Raubgesindel brach in HĂ€user ein, warf Möbel und Menschen außem Fenster, steckte Kirchen in Brand. Ich weiß, et waren Synagogen, ist dat selbe wie Kirchen.
War der Anfang vom Ende, unser Ende als zivilisiertes Volk. Ja wir haben bereut, gebĂŒĂŸt, aber wat soll dat? Wir sind und bleiben die Steinherzen, die Erbarmungslosen. Sind die Kinder groß, tragen die mit dran. Dat dauert, so lange Geschichte dauert. Karl der Große is ĂŒber 1200 Jahre her, noch immer verleihen wir der Karlspreis. Unsere großen Dichter und Musiker lebten vor zweihundert Jahren, voll Stolz sprechen wir von denen.
Der Krieg is mal eben vierzig Jahr vorbei, die davongekommenen Opfer leben noch, da quillt aus manche Hohlköpp, die dumm freche Forderung vom Schlussstrich, wir und unsere Kinder sind et ja nich gewesen. Eiskalte Herzen. Da werden sich kein Gedanken gemacht, kein TrĂ€n verdrĂŒckt. Wir haben Millionen Menschen, wie du und ich, umgebracht. KaltblĂŒtig, in extra dafĂŒr gebaute Fabriken ermordet! Mit GĂŒterzĂŒge aus ganz Europa nach Polen gekarrt. Millionen Menschen! Ich kenn wat von Transport. Dat waren nich ein paar Polizeikommandos, die dat organisiert haben. Hunderttausende waren da dran beteiligt, nach 45 hat keiner wat gewusst. Juden ermordet, so viele? DĂ€ TĂŒn, Tante Bertas Cousin: Sicher ich kannte den Drackel, der war Jud und stolz drauf, wollte nach PalĂ€stina, int gelobte Land. Hab nix mehr gehört von dem.
Der Wahnsinn, in Deutschland lebten ne halbe Million deutsche StaatsbĂŒrger jĂŒdischen Glaubens; die sollen den Untergang des Deutschtums zum Ziel gehabt haben. Da packt man sich an der Kopp, aber die Leut haben den Scheiß gefressen! Alle, nicht nur der kleine Mann. Wo waren HochwĂŒrden und Co.? HĂ€tten die am 9 November 38 die Glocken von allen KirchtĂŒrmen im Reich gelĂ€utet, wĂ€r nix passiert. Die Nazis hĂ€tten gekniffen.
Hier liegt der Hase im Pfeffer. Dat kam unseren Honoratioren zu pass. Die Nazis schafften denen die kreative Konkurrenz vom Hals.
Manchmal muss ich so wat raus lassen, kann nich einfach schlucken, wenn von TĂŒrken bewohnte HĂ€user angesteckt werden, Menschen umkommen und unser christlich- abendlĂ€ndischer Bundeskanzler, regiert 60 km entfernt und setzt kein Zeichen! Kondoliert nicht, setzt sich nicht nach Solingen in Marsch! Bodenlos!

Gott sei Dank, gibt et Lichtblicke. Gerda, vom Helene PĂŒtz dat JĂŒngste, hat mich gestern mit ihr Töchterchen besucht. Die stellt mir dat Klein vor, geht schon in die vierte Klass. Gerda sagt: Tante Fine, guck se dir mal an. Tu ich ja, Gerda, et is nich zu glauben, der Helene, dein Mutter, außem Gesicht geschnitten. Auch wie et dich anguckt, fast unheimlich die Ähnlichkeit. Dein Mutter hat dat nich mehr mitgekriegt, nĂ€, dat Klein war ja gerad auf der Welt, als die starb. Aber jetzt ist ein StĂŒck von dir, Helene, wieder bei uns! Ich hab dat extra ein bisken lauter gesagt, man weiß ja nix genaues. Vielleicht steht das Helene als Geist bei uns, freut sich ĂŒber die Ähnlichkeit von ihr Enkelchen.
Is dummes Zeug, ich weiß et, aber in mein Alter darf der Mensch spintisieren. Hast ja sonst wenig. Essen schmeckt nicht mehr wie frĂŒher, ĂŒber die Liebe brauchen wir nich reden, wat bleibt? Spintisieren! Die Erinnerung aufknöpfen. All dat wozu kein Zeit war, oder besser kein Lust. Da heißt et vorsichtig sein, ganz betulich, sonst ertrinkste in dem Schwall.
Ich seh die Vögel, hier auf'em Teich vor mein Fenster. SchwĂ€ne, Enten, GĂ€nse. Die GĂ€nse aus Canada, vom Nil und aus Sibirien. Ob da wat dran ist, ich weiß et nich, ist mir auch egal. Ganz herrlich is, wenn die Hochzeit machen. Bilder sind dat, wenn son Schwarm große Vögel wie wild mit de FlĂŒgel schlĂ€gt, sich langsam vont Wasser löst, in den Himmel aufsteigt. Wenn dann in rasendem Flug, mal dicht ĂŒber Grund, mal hoch in der Luft, die Ganter sich gegenseitig die GĂ€ns abspenstig machen.
Dat geht so ĂŒber Wochen, dann wird et plötzlich still. Nicht total, aber kein Turbulenzen mehr. Wieder nach Wochen, en GĂ€nsepaar, stolz wie Bolle mit vier gelbe, piepsende FederbĂ€llchen, die ohne Ende Gras rupfen. Mama bleibt immer bei ihre Kinder, Papa hockt auf'm Pfahl dicht bei, passt auf, dat nix an sein Brut kommt.
Die Kleinen wachsen schneller alze gucken kannst. Mein Gott, wenn dat mit unsere Pöös auch so schnell ging. Ist Blödsinn, aber zugucken macht Freud. Jeden Morgen der erste Blick, nach mein GÀns.
Mein GĂ€ns, ist nicht ganz so gemeint. Aber ich hab son GefĂŒhl, als ob die mich auch wahr nĂ€hmen. Ich hoff, die haben kein Ahnung davon, wat wir mit ihre zahmen Geschwistern machen.
Papa vom Pfahl, pliert zu mir rĂŒber, mit nem Ausdruck, ich weiß nicht wie. Der hat kein Gesicht wie wir, man nur klitze kleine Augen. Von Mienenspiel kannze nich sprechen. Trotzdem hab ich da en GefĂŒhl, wie soll ich dat beschreiben? Jedenfalls en GefĂŒhl ist da, von mir gefĂŒhlt, oder sagste empfunden? Egal wat und wie, der Ganter und ich haben uns wat zu sagen.
So, jetzt isset raus und auch in Ordnung. Jetzt die SchnĂŒss halten, nix denken, also nix profanes. Profanes, ich mein, nix von dem watte immer denkst, dat AlltĂ€gliche.
Is en GefĂŒhl, ich weiß nicht wie, dat ruhige sitzen, die Vögel gucken und sonst nix, absolut nix. Et verschwimmt dir vor die Augen. Ich mein, et sieht anders aus, watte siehst. Weiß mit viel grau, en Tupfer orange. Allet untermalt mit quak-quak-quak von Mama, die ihre SchĂ€tzkes beruhigt. Vielleicht quakt die, kein Fuchs, kein Habicht, kein Mensch, der Teich direkt neben an. Möglich die findet mich nicht gefĂ€hrlich, ich hock ja still wie en Denkmal.
Doch zurĂŒck. Je lĂ€nger ich in mich geh, kommt hinter dem weiß-grau-orange, wie en Stern, wat rundes blaues auf, wird grĂ¶ĂŸer und grĂ¶ĂŸer und ist ein Ganter Aug. Ich bin nicht mal erschrocken, auch nicht neugierig, mehr so als ob et selbstverstĂ€ndlich wĂ€r, dat dat so kam. En bisken erinnert mich dat, an mein ersten Kuss vom Jupp. Wir waren uns zuerst sehr fremd, ich trug ja dat Kind von nem anderen unterm Herzen. Lach nich, so hieß dat frĂŒher. Warum der Jupp mich geheiratet hat, weiß ich nicht. Geld hatte der, den musste keiner dafĂŒr bezahlen.
Vielleicht weil ich son HĂŒbsche war, du bist en Honigtopf Fine, die Berta. Pass bloß auf, dat keiner sein Zung zu tief reinsteckt! Is dann so gekommen. Deshalb der Jupp. Der war sehr lieb und lustig, ließ mich in Ruh. Wir saßen vorm Haus auffe Bank, manchmal nahm er meine Hand und sagte ganz leise, Finchen. Musstest die Ohren spitzen, um dat mitzukriegen. Ich wurd immer runder, dat ClĂ€rchen wuchs und wuchs. Neben mir der Jupp wuchs mit. Falsch, ich wuchs zu dem rĂŒber, jeden Tag en StĂŒcksken mehr. Dann war et soweit: Der drehte mein Gesicht zu sich hin, tat seine Lippen auf meine, so sacht, kaum dat ich ihm spĂŒrte, blieb so, und ganz langsam, sachte, sachte, wurd dat unser erster Kuss.
Wie komm ich da drauf? War bei dem Ganter, und wie der in mich reinguckt. So, jetzt isset raus, deshalb dat mit dem Jupp. Der Ganter und ich sind ein...ja wat sind wir? Kein Paar, nicht wat wir uns darunter vorstellen, doch wir sind zusammen, irgendwie.
Is en StĂŒcksken GlĂŒck, darf dat keinem erzĂ€hlen. Die Alte spinnt, wĂ€r noch dat Wenigste. Stimmt, erzĂ€hlte mir dat jemand, wĂ€r die spinnt, noch gestreichelt.
Ganter und Fine. En StĂŒck aussem Tollhaus, wĂ€r et nich so herzwĂ€rmend, wunderbar.
Der Vogel sieht dat bestimmt anders. Mehr aus sein Vogelperspektive, darf er, nein muss er.
Wo kÀm wir hin, wir vermischten uns gegenseitig. Geht schon deshalb nicht, weil wir aus verschiedene Ecken kommen. Er vom Dino, ich vom Aap
Jedenfalls freu ich mich jede Nacht auf Morgen. Liegst als alter Mensch oft schlaflos. Da ist der Ganter vom Pfahl, noch vorm FrĂŒhstĂŒck mein HerzwĂ€rmer.

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