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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fabel des Tiers
Eingestellt am 02. 05. 2001 20:16


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masterplan
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2001

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Ein Wolf und ein Hund streiften eine verlassene Strasse entlang, ehe sie der asphaltierte Weg direkt in ein Dorf f├╝hrte. Sie liefen entlang des Mittelstreifens ohne Furcht vor m├Âglichem Verkehr zu haben, sahen sich in verlassenen Gesch├Ąften am Stra├čenrand um und schn├╝ffelten in den einsamen Ecken von Hinterh├Âfen. Alle diese Ortschaften hatten eines miteinander gemeinsam: Nirgends war auch nur eine Menschenseele zu finden. Alles war tot und leblos. Nur der einsame Herbstwind und die eine oder andere Ratte verirrten sich in die staubige St├Ątte.
"Wolf", fragte der Hund, "wo sind all die Menschen hin?"
"Nun, hier wirst du keine mehr finden. Der Ort ist leer", antwortete der Wolf und stie├č mit seiner Schnauze einen Zuckerbecher von dem Tisch eines Cafes.
Das Porzellansch├╝sselchen zerschellte am Boden und der Zucker verteilte sich auf dem Gehsteig. Der Hund sah den Wolf daraufhin nachdenklich an. "Sind sie tot?"
Der Wolf schn├╝ffelte gerade an dem Zucker als er zu lachen begann. "Nein, nein. Die Menschen sind nicht tot. Sie sind nur fortgezogen, in eine andere Stadt."
"Warum?"
Der Wolf schleckte bereits den Zucker auf. "Wenn du mir noch mehr Fragen stellst ist bald kein Zucker mehr f├╝r dich da."

Einige Zeit sp├Ąter, als beide an einem alten, kaputten Auto, das mitten auf einer Kreuzung stand, vorbeigingen, begann der Hund wieder Fragen zu stellen: "Sie sind doch tot, stimmts?"
Der Wolf seufzte. "Na gut, dann erz├Ąhle ich dir eben die Geschichte der Menschen." Er kratzte sich mit der linken Hinterpfote am Genick und setzte sich mitten auf die Stra├če. "Vor Jahren, als ich noch ein kleiner, unschuldiger Wolf war beschlo├č die Regierung der Menschen st├Ąrker geschlossene Gemeinschaften zu bilden. Die zwanzig gr├Â├čten Metropolen der Erde sollten zu multikulturellen Megazentren umgebaut werden. Supergro├če Festungen mit mehr als zweihundert Millionen Menschen in jeder dieser St├Ądte. Wichtig f├╝r die Regierungen war die einzigartige Kontrolle die man mit diesem Projekt ├╝ber die Planetenbewohner haben w├╝rde. Menschen w├Ąren vereint und nicht verteilt, Kontakte zu anderen Kulturen w├Ąren leichter zu erreichen, Kriege zwischen den V├Âlkern w├╝rde es nicht mehr geben. Einige dieser Superst├Ądte w├Ąren unter Anderen das neue Tokio, Mexico City, Sao Paolo, New York, Hongkong oder Moskau. Die Menschen mussten ganz einfach alles in ihrem Kleinstadtleben liegen lassen und in eine dieser Metropolen ziehen. So ist es auch mit diesem Dorf geschehen. Die Menschen sind weggezogen, in die gro├če Stadt."
"Und sie kommen nie wieder zur├╝ck?"
"Na ja. Sie haben wohl keinen Grund mehr zur├╝ckzukehren", antwortete der Wolf, "in den Zentren gibt es alles was sie sich je gew├╝nscht haben, damit keiner auch nur die Gedanken an einen Widerstand hegen w├╝rde."
"Alles?"
"Ja, bevor sie wegzogen durften sie Listen mit W├╝nschen und Forderungen an die Weltregierung schicken. Diese musste diese wohl erf├╝llt haben. Kein Mensch ist in den D├Ârfern der Welt geblieben, wenn ich meinen Wolfsfreunden der anderen Rudeln glauben darf. Sie haben dort alles was die Menschen sich je gew├╝nscht haben. Erfolg, Freunde, Spa├č, Frieden, Wohlstand und Ausgeglichenheit."
"Wieso gibt es f├╝r uns Tiere so etwas nicht?"
Der Wolf dachte nach. "Hmm, wir Tiere sind wohl zu unterschiedlich, eine gemeinsame Gesellschaft zu bilden. Manche von uns hassen sich gegenseitig, manche von uns k├Ânnen gar nicht anders als gegeneinander zu k├Ąmpfen. Wir sind triebgesteuert und k├Ąmpfen bis aufs Blut um Weibchen und Besitz."
Der Hund sah den Wolf traurig an. "Warum sind wir so anders als die Menschen? Warum k├Ânnen wir nicht so schlau wie sie sein, damit auch unsere Tr├Ąume erf├╝llt werden?"
"Ach, ich wei├č nicht, Hund. Wir sind frei und k├Ânnen tun und lassen was wir wollen. Au├čerdem haben wir uns beide doch. Sind wir nicht wirklich dicke Freunde?"
"Ja, ich glaube schon." Der Hund seufzte. "Verstehen sich die Menschen in einer dieser St├Ądte auch mit den aus den anderen gro├čen Ortschaften?"
"Die Regierung hat dazu extra superschnelle Gleis-, Stra├čen-, Wasser- und Luftverbindungen zwischen den Zentren bauen lassen, damit sich die Bewohner st├Ąndig besuchen k├Ânnen. Au├čerdem gibt es ein sogenanntes Interreales Netzwerk mit dem man eine Verbindung zu den Menschen aus den anderen St├Ądten schaffen kann und sich mit ihnen unterhalten kann, als w├Ąren sie in der selben Wohnung mit dir."
"Wow", der Hund staunte, "wirklich toll was sich die Menschen da haben einfallen lassen."
"├ťber diese Netzwerke kann man noch mehr Sachen machen", der Wolf fuhr fort. "Es ist zum Beispiel m├Âglich sich eine Landschaft aus einer beliebigen Stelle des Planeten einfach in das Wohnzimmer zu holen. Das Gef├╝hl mu├č fast perfekt sein habe ich geh├Ârt."
"Huii", der Hund geiferte bei dem Gedanken wieder in dem warmen See zu schwimmen, wie er es fr├╝her tat, als er noch ein junger Welpe war. Damals lernte er unter der leichten Anziehungskraft der Fl├╝ssigkeit das Schwimmen und bewunderte die Beherrschung und Kontrolle seiner Mutter in dem Na├č. "Warst du schon einmal in so einer Stadt?"
"Ich bin davor gestanden. Es ist ein wirklich riesiger Bau."
"Ich m├Âchte auch dorthin, an diesen Ort. Ich m├Âchte die immergl├╝cklichen Menschen sehen wie sie sich ihres Lebens freuen und Spa├č miteinander haben. Das m├╝ssen die sch├Ânsten zwanzig Pl├Ątze der Erde sein." Der Hund sprang wild im Kreis und verfolgte vor Freunde seinen Schwanz.
"Das ist weit weg. Aber auf dem H├╝gel dort oben k├Ânnen wir in der weiten Aussicht des Landes eine dieser St├Ądte in der Ferne erkennen." Der Wolf deutete mit der Schnauze auf einen H├╝gel im Osten der sich hinter der Silhouette der kleinen Ortschaft aufrichtete.
"Ich will sie sehen, ich will sie sehen."
"So soll es sein."

Nach einer Stunde abwechselndem Laufen und Rennen erreichten beide die mit gr├╝nem Gras bewachsene, relativ ebene Spitze des H├╝gels.
"Wo ist sie, wo ist sie?" Der Hund wurde ungeduldig.
"Dort dr├╝ben, im Norden m├╝sste sie sein, aber..." Der Wolf hielt inne.
"Was ist? Was ist da? Ist sie weg?"
"Nein", er schluckte, "die Stadt ist nicht weg. Aber sie brennt."
Jetzt sah es auch der Hund, der seine Blicke auf eine riesige, schwarze, rauchende S├Ąule am Nordhorizont richtete. "Das kann sie nicht sein. Wieso sollte sie brennen? Warum sollte sie zerst├Ârt werden?"
Ein weiterer Blick von dem H├╝gel aus nach Westen, ├╝ber das kleine Dorf hinweg, zeigte noch etwas weiter weg, noch n├Ąher am Horizont eine weitere Rauchs├Ąule in den Himmel steigen. "Sieh her, Hund. Auch das dort dr├╝ben war einmal so ein Zentrum. Das brennt scheinbar auch."
Der Hund begriff nicht und war total verwirrt. Statt die sch├Ânste und eindrucksvollste Sache seines Lebens zu ersp├Ąhen, sah er nur Tot und Verderben. "Was ist passiert", fragte er besorgt, entt├Ąuscht und erschrocken zugleich.
"Sieht so aus als haben sich die Menschen doch nicht so gut verstanden wie wir dachten." Der Hund setzte sich wieder so hin, wie vorhin noch auf der Kreuzung. "Vielleicht ist andauernder Spa├č und Gl├╝ck nicht der Weg der begangen werden kann. Wom├Âglich brauchen die Menschen auch Feinde und haben ebenso einen Hang zum Hass wie wir Tiere."
"Aber warum denn? Ich dachte die Menschen sind zu schlau und allm├Ąchtig um solche Gef├╝hle haben zu m├╝ssen."
"Ja das dachte ich bis jetzt auch", antwortete der Wolf, "aber warum fragst du mich das? Ich bin auch nur ein Tier."


__________________
Sch├Ân, dass wir einmal dar├╝ber sprechen konnten...

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Andrea
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5 von 10 Punkten

Eine nette Geschichte. Das Ende ist zwar vorhersehbar, und der moralische Zaunpfahl - ach, es ist ja schon ein ganzer Zaun - ist einfach zu aufdringlich (den Mittelteil w├╝rde ich k├╝rzen, da steckt viel ├ťberfl├╝ssiges drin, viele Dinge, die ein Wolf einfach nicht wissen kann). Die Ironie im Schlu├čsatz hingegen trifft m.E. den Ton, den du auch vorher schon angeschlagen hast: nicht dozierend, sondern lenkend.

Eigentlich schade, da├č du dich im Mittelteil in zuvielen Details verlierst. Wichtig ist doch nur folgendes: die Menschen sind weg, weil sie Gl├╝ck und Frieden gefunden haben wollen. Die Natur, trotz ihrer Triebe, lebt ungeachtet ihrer Unterschiede in Harmonie (die Domestiken gleichen sich ihrem wilden "ich" wieder an). Der Mensch scheitert. Das ist alles, was rauskommen mu├č; das Wunschdenken der Menschen, ihre Wege der Kommunikation, die Namen ihrer St├Ądte - das alles ist ├╝berfl├╝ssig.
__________________
Andrea Rohmert

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