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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fabelhafte Literatur
Eingestellt am 15. 07. 2003 23:33


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Galimathias
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jul 2003

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„Ich habe es so satt“, seufzte eines Tages der große deutsche Gegenwartsroman in dem edlen blauen Einband, der ganz hoch oben in dem riesigen, mit BĂŒchern vollgestopften, Regal des Arbeitszimmers stand und langsam einstaubte.
„Vier ganze Jahre stehe ich nun schon hier und gelesen wurde ich bis heute nicht. Noch nicht einmal richtig durchgeblĂ€ttert hat man mich. Ich könnte schon lange auf dem gemĂŒtlichen NachtschrĂ€nkchen im Schlafzimmer liegen. Satt dessen stehe ich hier, eingepfercht und wohl lĂ€ngst vergessen.“
„Vier Jahre sind doch keine Zeit, ich stehe schon seit zehn bereit“, meldete sich da der Gedichtband zu Wort, der nur etwas weiter links in der Reihe stand und fĂŒgte hinzu: „Nur dann und wann wird hier mein Leder abgestaubt mit einer Feder.“
„Ihr GedichtbĂ€nder versteht das auch nicht. Ich bin schließlich ein Bestseller“, erklĂ€rte der WĂ€lzer. „Dann hast du ja deinen Zweck voll und ganz erfĂŒllt“, mischte sich das Handbuch der zynischen SprĂŒche ein.
„Wir BĂŒcher mĂŒssen der RealitĂ€t ins Auge sehen: Rechne damit, dass du geschrieben wirst, hoffe darauf, dass du gekauft wirst, erwarte bloß nicht, dass du gelesen wirst“
Da drang die Stimme eines anderen Buches zu ihnen herauf, allerdings so leise, dass sie kaum etwas von dem verstanden was es zu sagen hatte. „Du musse lauter rede, wir verstehe hier obe keine Worte“, rief ein vergilbtes Sachbuch zum Thema Italienische Rotweine herunter.
„Ich sagte, ihr habt es gut, weil ihr keine Geschenke von Freunden seid so wie wir hier, ganz unten im Regal. Wenn ihr sehen könntet, wie lieblos wir hier ĂŒbereinander
gestapelt wurden.“
„DafĂŒr werdet ihr aber jedes mal wieder vorgekramt, wenn diese Freunde zu Besuch hier sind. Und noch dazu gut sichtbar platziert“, echauffierte sich eines der beiden mĂ€chtigen WörterbĂŒcher. Es war fĂŒr die Buchstaben L bis Z zustĂ€ndig.
„Als ich das letzte mal aus diesem unsĂ€glichen Holzkasten gezogen wurde, war das um das Wort „PromiskuitĂ€t“ nachzuschlagen. Dabei habe ich viel nĂŒtzlichere Sachen zu bieten. In mir und meinem Bruder ruht schließlich das Wissen der gesamten Welt.“ Die nicht minder imposante A-K Ausgabe pflichtete seinem Pendant bei und fĂŒgte hinzu, dass diese Worte mal gesagt werden mussten.
“Es wird Zeit, dass wieder eine Frau ins Haus kommt, die gute Literatur zu schĂ€tzen weiß“, rief ein Fantasy – Roman und alle stimmten zu, bis auf einen knallharten
Krimi – Bestseller in einem Schneeweißen, auffĂ€llig unbenutzten Schutzumschlag, der seine Bedenken Ă€ußerte.
„Erinnert ihr euch an die letzte Frau im Haus? Von ihr stammte die Idee, man könne sich meine Geschichte ja auch auf Video besorgen. Im Gegensatz zu den meisten von euch hat man aus meinem Stoff einen Film gemacht. Und meine weibliche Hauptperson wird von einer PopsĂ€ngerin gespielt. Eine PopsĂ€ngerin! Der Film lief hier ĂŒbrigens schon sechsmal. Also habe ich doch wohl die geringste Chance von euch allen, jemals gelesen zu werden. Ich will ja nicht sagen, dass alle Frauen fĂŒr uns gefĂ€hrlich sind, aber seht die Sache doch mal so: bei einem Film können sie das machen, was sie kuscheln nennen. Mit einem von uns in der Hand geht das schlecht. Wir verlangen eben zuviel Aufmerksamkeit. Eine Filmszene sieht man sich wieder und wieder an. An diesem blöden Videorecorder sind ja diese Tasten zum zurĂŒckspulen. Aber wie oft liest man eine gute Textpassage? Wir haben nun mal keinen Knopf zum Spulen. Wenn erst einmal kuscheln angesagt ist, landen wir sowieso in irgendeiner schĂ€bigen Ecke.“
Also gut. Eine Frau wĂŒrde das Problem wohl nicht lösen, darĂŒber waren sie sich jetzt einig geworden. Es musste doch aber noch andere Möglichkeiten geben zu seinem
guten Recht als Buch zu kommen, egal ob dick oder dĂŒnn, Sachbuch, Trivialliteratur oder Historienschinken. Also sammelten sie VorschlĂ€ge. Das gestaltete sich allerdings schwierig, denn natĂŒrlich waren ihnen von Natur aus zwar nicht die HĂ€nde, wohl aber die Seiten gebunden. Schließlich meldete sich eine alte, in feines Leder gehĂŒllte Bibel zu Wort. Sie war der Meinung, dass ihnen alleine der bedingungslose Glaube in ihrer Situation helfen könne. Nur der Glaube wĂŒrde alles zum Guten wenden.
Diese Einstellung wurde allerdings von einer Nietzsche – Gesamtausgabe aufs heftigste kritisiert. Eine bessere Lösung hatte sie allerdings auch nicht parat.
Schließlich mussten sie einsehen, dass sie hilflos dem Menschen ausgeliefert waren, der sie besaß und der sie als unbenutzte Statussymbole in einen modrigen Holzschrank ihrem Schicksal ĂŒberließ.
So bleibt den BĂŒchern nichts anderes ĂŒbrig als sich jede Nacht aufs Neue ihr Leid zu klagen.
Und abzuwarten.



P.S.: Ich war nicht sicher, in welche Kategorie ich diesen Text stellen sollte. Ich hoffe hier ist er richtig.
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Das Leben so kurz, so lange zu lernen die Kunst. Die MĂŒhe so hart, so ĂŒbermĂ€chtig der Sieg! (Chaucer)

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Inselparadies
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Also die Idee fand ich ja nicht so schlecht - BĂŒcher als Sprachrohr ĂŒber die Problematik von heutigen Lesemuffeln. Aber die wehleidigen Beschwerden waren doch etwas ĂŒbertrieben. (meine Meinung - nicht böse sein)
Außerdem finde ich es unfair, dass unbedingt eine Frau vorgeschlagen hat, das Video zu kaufen. Warum sind nur immer die Frauen der SĂŒndenbock? Adam-sein-guter-Mann-Eva-sein-böse-Frau lĂ€sst grĂŒĂŸen!
Ich bin ja nur froh, dass in dem BĂŒcherregal nicht auch "Das Schweigen der LĂ€mmer" lebendig geworden ist! *gg*

Ciao und lass dich nicht von mir entmutigen, denn dein Stil und deine Idee sind nicht von schlechten Eltern!
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Jeder sucht einen Sinn im Leben - doch keiner denkt darĂŒber nach, warum er ihn sucht

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Galimathias
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Hallo Inselparadies!
Keine Angst, ich halte schon was aus in Sachen angemessener Kritik. Ich dachte mir aber die Tatsache, daß ein Mann als Besitzer der unglĂŒcklichen BĂŒcher schon eine Aussage genau entgegen deiner Vermutung ist. Der Mann, der als Sammler zufrieden ist zu besitzen und mehr nicht. Mir wĂ€re nie in den Sinn gekommen fĂŒr diesen Part eine Frau zu nehmen. Weil es unglaubwĂŒrdig wĂ€re. Deshalb denke ich nicht, daß ich das angesprochene Adam-Eva-Klischee bediene. Und es ist ja auch nur von der "letzten Frau im Haus" die Rede. Ist ja nicht reprĂ€sentativ gemeint...
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Rainer
???
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hallo galiamathias,


goldrichtig ist dein text hier. goldrichtig.
es hat mich sehr gefreut ihn zu lesen, und ich muß noch immer ĂŒber die unterhaltung der bĂŒcher schmunzeln.

einzige anmerkung meinerseits (nur ein vorschlag):
das wörterbuch. deine bĂŒcher sind ja fast wie menschen: jeder redet in seinem "naturgegebenen" stil und ĂŒber das, wovon er am meisten zu verstehen glaubt. entweder ich bin zu doof (was ich im falle des falles nicht abstreiten will), oder beim wörterbuch klemmt es ein bisschen: es ist der wörterbuch-band l bis z. in seiner rede kann ich aber kein "wörterbuchtypisches" wort finden, welches mit einem buchstaben zwischen l und z beginnt; platziert ist da zu schwach. jetzt kommt meine schnapsidee: nimm "drapiert" und lasse dieses den ersten band sagen. das ist zwar falsch, da man eigentlich nur stoffe drapieren kann, aber das weiß dieser band nicht, da der buchstabe s ja in seinem bruder steht. der bruder, also der leisere, kann sich ja dann mit "promiskuitĂ€t" als der bessere erweisen.
ist aber nur eine idee - auch so wie er jetzt ist, bekommt der text von mir volle punktzahl.

viele grĂŒĂŸe

rainer


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ist meine, und damit nur EINE Meinung

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Galimathias
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Hallo Rainer,
besten Dank fĂŒr dein Lob und fĂŒr deinen Vorschlag, der auf jeden Fall eine Überlegung wert ist. Man mĂŒsste es vielleicht mit mehreren Worten von A-K, bzw. L-Z ĂŒberzeichnen damit es klar wird. Es stimmt wohl, daß bei den Fremdworten das "typische" fehlt. Mal sehen, was man da machen kann. Danke fĂŒr den Vorschlag.

GrĂŒĂŸe,

Galimathias
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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

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Die Idee ist sehr gut, und ĂŒber weite Strecken gefĂ€llt mir auch der Text ausgezeichnet, da er wunderschöne Wortspiele bietet (etwa „denn natĂŒrlich waren ihnen von Natur aus zwar nicht die HĂ€nde, wohl aber die Seiten gebunden“). Er leidet jedoch unter einem schwachen Ende, das nicht erst mit dem „schließlich mussten sie einsehen“ einsetzt, sondern bereits dort, wo das GesprĂ€ch der BĂŒcher in indirekte Rede ĂŒbergeht, etwa ab: „Also sammelten sie VorschlĂ€ge.“ Hier solltest du direkter bleiben und Wörter wie „schließlich“ radikal streichen.

Vorschlag:
„Also gut“, seufzte [irgendein Buch]. „Eine Frau wird das Problem wohl nicht lösen, darĂŒber sind wir uns wohl einig. Es muss doch aber noch andere Möglichkeiten geben zu seinem guten Recht als Buch zu kommen (, egal ob dick oder dĂŒnn, Sachbuch, Trivialliteratur oder Historienschinken.) Irgendwelche VorschlĂ€ge?“
Danach könntest du dann Bibel und Nietzsche-Ausgabe zu Wort kommen lassen, nach deren Äußerungen alle BĂŒcher in Schweigen ausbrechen, bis eines von ihnen (vielleicht der Bestseller vom Anfang?) resigniert die Zusammenfassung gibt: „Wie mĂŒssen wohl einsehen, dass wir...“ Dann nochmals auf die Resignation eingehen und dann deinen PrĂ€sensschluß.

Ganz befriedigend finde ich das immer noch nicht, aber mir fĂ€llt auch kein besseres Ende ein, und so bliebe zumindest die Form geschlossener, als bei einem Ende in indirektem GesprĂ€ch. Ansonsten solltest du mit der Edit-Funktion noch einmal ĂŒber den Text gehen und die AbsĂ€tze mitten im Satz aufheben. Aber ansonsten steht der Text hier schon sehr gut; bis auf das Ende halt..

__________________
Andrea Rohmert

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Galimathias
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jul 2003

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Hallo Andrea,

danke fĂŒr deinen Vorschlag.
Ich bin begeistert wie sehr man sich hier mit den Texten auseinandersetzt. Deine Idee wĂŒrde die Geschichte wirklich runder machen. Da kann ich ja mal rumprobieren. Und die Textgestaltung muss ich hier noch ein wenig ĂŒben. Kommt noch... besten Dank.

Galimathias
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