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Leselupe.de > Fantasy und MĂ€rchen
Fabeltiere
Eingestellt am 28. 04. 2018 17:18


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Nicole Daniela
Hobbydichter
Registriert: Apr 2018

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Glauben

Da sitze ich also. Alleine. Und kann selbst nicht glauben was ich hier tue. Ich bin auf den Spuren eines Hirngespinsts. Nicht einmal meines eigenen. Obwohl. Naja, irgendwie ja doch. Das ist ja der Grund, wieso ich hier sitze. Ich schlinge meine Arme um meinen Körper. Es ist nicht kalt. Nur der trostlose Anblick vor mir lĂ€sst mich frösteln. Und die Dunkelheit. Und die Einsamkeit. Der Wind streift sanft durch die kahlen Zweige der BĂ€ume und BĂŒsche, welche den Garten jeden Sommer in saftigen GrĂŒntönen erstrahlen lassen. Die schönsten BlĂŒten in den traumhaftesten Farben. Kraftvoll und gesund hat er immer ĂŒber alle anderen GĂ€rten der Nachbarschaft gestrahlt. In den Blicken der Nachbarn ĂŒber den Gartenzaun fand man stets sehnsuchtsvollen Neid. Doch das ist jetzt nicht mehr so. Seit mein Freund, meine Tochter und ich gemeinsam hier wohnen. Eine kleine Familie. Eine kleine neue Familie.
Tom lernte ich erst vor zweieinhalb Jahren kennen. Er ist sehr erfolgreich und korrekt. Auf ihn kann ich mich ganz und gar verlassen. Nicht so auf Julias biologischen Vater. Meine erste große, unvernĂŒnftige Liebe. Jetzt ist er das natĂŒrlich nicht mehr. Ich habe ihn verlassen. Was blieb mir auch anderes ĂŒbrig? Das Leben ist nicht nur Spaß und Spiel. Und nicht nur Traum. Und so bin ich eben gegangen. Mit einem kleinen Kind lebt man nicht nur von Liebe allein. Ich bin eigentlich fest davon ĂŒberzeugt, mich richtig entschieden zu haben. Und Tom tut Julia richtig gut. Er bringt ihr vieles bei. Wie zum Beispiel nicht an das Hirngespinst zu glauben, hinter dem ich jetzt her bin. Hier in meinem neuen, alten Heim. Neu, weil Tom so viel frischen und anderen Wind in das Haus meiner Großeltern bringt. Alt, da ich hier schon lĂ€nger wohne. Als ich Hals ĂŒber Kopf meinem Ex davonlief, hat mein Opa mich herzlich aufgenommen. Ich bin ihm so dankbar. Wieder hat er mich aufgefangen. Wieder hat er mich getröstet. So wie damals, als meine Eltern mich verlassen haben. Mein Vater ist in den Himmel gegangen, meine Mutter in eine psychiatrische Klinik. Opa hat auf seine Urenkelin aufgepasst und ich konnte arbeiten gehen. Bis vor kurzem. Er ist im Garten gestolpert. Es war nur ein Beinbruch. Nur eine Operation. Er ist nicht mehr nach Hause gekommen. Er fehlt mir sehr. Und er fehlt diesem alten Haus. Und er fehlt dem Garten und er fehlt Friedl. Friedolin. Das kleine Wesen, welches seit jeher ĂŒber den Garten vor mir wacht. So hat es jedenfalls mein Opa erzĂ€hlt. Immer und immer wieder. Der Garten war das HerzstĂŒck des Hauses und wir haben unendlich viel Zeit hier verbracht. Bis zu dem Zeitpunkt als die Schaufel im Weg lag und der Krankenwagen vorfuhr.
Ich und Julia haben dann statt Opa die Obstschnitze in den Garten gebracht. Ich habe ihm versprochen damit weiter zu machen. Doch Tom hat mich ĂŒberzeugt es Julia zuliebe nicht lĂ€nger zu tun. Es ist nicht vernĂŒnftig. Sie ist jetzt natĂŒrlich sauer. Denn sie glaubt fest an Friedl. Tom hat sie heute erwischt, als sie heimlich Obst in den Garten bringen wollte. Sie hat jetzt Hausarrest. Nun redet sie auch mit mir nicht mehr. Aber Tom hat Recht. Ich muss strenger sein. Korrekter. HĂ€rter. Wie gut, dass ich ihn habe. Wie gut, dass er nicht zu Hause ist. Denn ich sitze hier im Mondschein, habe ApfelstĂŒcke in der Hand und warte auf Friedolin. Das kleine Wesen, welches auf den Garten achten sollte. Doch tut er es jetzt nicht mehr. Was natĂŒrlich Unsinn ist. Friedl gibt es nicht. Der Garten ist nur deshalb kahl, weil mein Opa einen grĂŒnen Daumen hatte und ich nicht. Es ist Zufall, dass der Garten erst zerfĂ€llt, seit wir keine Apfelschnitze mehr in den Garten zum Brunnen bringen. Ganz eindeutig. Ich mache etwas falsch. Nur was ich falsch mache, weiß ich noch nicht.
Es ziehen Wolken ĂŒber den Himmel und das FlĂŒstern des Windes wird allmĂ€hlich zu einem konstanten Pfeifen. Ich versuche die GĂ€nsehaut auf meinen Armen zu vertreiben und stehe auf. Spaziere langsam und vorsichtig durch die Schatten. Ich will nicht stolpern. So wie Opa. Der Vollmond steht hoch ĂŒber mir, ist jedoch hinter Wolken versteckt. Vielleicht kommt er deshalb nicht heraus. Weil der Mond nicht hell genug scheint. Friedl muss Mondlicht tanken. Er braucht das. Direktes Sonnenlicht vertrĂ€gt er nicht. Deshalb wohnt er unter der Erde. Nur das Mondlicht ist in Ordnung. Das braucht er um Energie zu gewinnen. Und mit dieser lĂ€sst er den Garten blĂŒhen. So hat mir Opa die Geschichte erzĂ€hlt, als ich ein kleines MĂ€dchen war und es hat mir damals gefallen. Ist es denn so schlimm daran zu glauben? Kann es denn nicht sein, dass es ihn wirklich gibt? Es ist doch egal, wer die ObststĂŒcke isst, die Friedolin so gerne hat. Wenn es denn ein anderes Tier glĂŒcklich macht, ist es doch in Ordnung. Oder? Aber wahrscheinlich hat Tom Recht. Erfindungen wie das Christkind und der Osterhase oder Friedolin sind nicht gut fĂŒr vernĂŒnftige Menschen, die etwas im Leben erreichen wollen. Ich bin so froh, dass ich ihn habe. Ich bin so froh, dass er sich in mich verliebt hat. Er hilft mir gegen mein inneres Chaos anzukĂ€mpfen. Meine Unbeschwertheit, die nur im heute lebt. Deshalb bin ich so frĂŒh schwanger geworden, sagt Tom. Deshalb habe ich mein Leben ruiniert, sagt er. Wahrscheinlich hat er Recht. Doch ist es wirklich so schlimm, manchmal das Leben zu genießen? Zu sagen: „So wie es kommt, ist es in Ordnung.“ Jule ist doch das Allerbeste in meinen Leben. Sieht er das denn nicht? Aber doch. Er sieht es. Deshalb hilft er mir auch mit der Erziehung. So wie er erzogen wurde. So wie es richtig ist. So wie es sich gehört. Immer auf den Verstand hören. Und nicht auf das Herz.
Julia hat mich beim zu Bett bringen angeschrien. Ich soll wieder ihre Mama werden. So wie es richtig ist. So wie es sich gehört. Und auf mein Herz hören, nicht auf den Verstand. Ich hĂ€tte ihn doch auch gesehen. Ich selbst hĂ€tte es ihr erzĂ€hlt. Als sie das sagte, habe ich geschimpft und bin aus dem Zimmer geflohen. Und jetzt stehe ich hier im kahlen Garten. Der Garten, der bis vor kurzem noch satte grĂŒne BlĂ€tter getragen hat. Und BlĂŒten. BlĂŒten in jeder Form und Farbe. Auch der Brunnen ist total versifft. Es stimmt hier einfach gar nichts mehr. Vielleicht hat ja Julia Recht und Friedl ist traurig. Weil er glaubt, wir haben ihn vergessen. Dabei muss er doch seine hĂŒbschen, silbergrĂŒnen BlĂ€tter auf seinem RĂŒcken aufstellen und Mondlicht speichern. Und er muss niedlich durch das Gras trippeln mit seinen kleinen, krummen Beinchen. Wie ein kleiner Igel. Oder ein Maulwurf. Und er hat ein winziges Geweih, das aussieht wie kleine Zweige. Doch er kann es bewegen, wie Antennen. Er hat mich an gestupst. Wir waren Freunde. Er war fĂŒr mich da, als meine Eltern es nicht waren. Aber natĂŒrlich hab ich mir das eingebildet. Kummer malt Menschen komische Dinge in den Kopf. Nur eines macht mich eben stutzig. Mein Opa hat mir nie gesagt wie Friedolin aussieht. Er wollte immer, dass ich ihn selbst sehe. Und das Gleiche hat er mit Julia gemacht. Bis es eines Tages soweit war. Mit fieberhaft geweiteten Augen flitzte sie an mir vorbei und rief nach ihren Uropa. „Ich hab ihn gesehen! Opa, ich hab ihn gesehen. Er ist rausgekommen.“ Und sie hat ihn genauso beschrieben, wie ich ihn in Erinnerung habe. Ist es alles doch war? Gibt es ihn? Dann bin ich schuld, dass Friedl glaubt, dass er ganz alleine ist. Dass niemand mehr an ihn denkt. Nein! Eine eisige KĂ€lte packt mein Herz. „Friedl, es tut mir Leid!“ Die Apfelschnitze fallen mir aus den Fingern. Direkt neben meinen Lieblingsfliederbaum. Er ist verdorrt. Wie alles hier und es ist meine Schuld. Alles ist meine Schuld. „Friedl, bitte komm zurĂŒck.“ TrĂ€nen verschleiern meine Sicht. Ich halte es hier draußen nicht mehr aus. Laufe lieber wieder in das Haus. Verkrieche mich im warmen Bett. Versuche vor meinen Gedanken zu fliehen. Verspreche mir selbst, es wieder gut zu machen. Alles.

Beim Kochen vergesse ich meine gestrige Melancholie und kann darĂŒber schmunzeln. Gott sei Dank hat mich niemand im Garten gesehen. Man wĂŒrde mich sofort einliefern lassen. Wie konnte ich mich nur so gehen lassen? Wie konnte ich nur eine Sekunde an diesen Blödsinn glauben? Lachend schalte ich die Herdplatte mit dem Nudelwasser ein. Spaghetti Bolognese mag Jule am liebsten. Vielleicht versöhnt sie sich wieder mit mir. Ich hole gerade das Hackfleisch aus dem KĂŒhlschrank, als das kleine brĂŒnette MĂ€dchen in die KĂŒche stĂŒrmt. „Mama, Mama komm ganz schnell, das musst du sehen!“ Sofort laufe ich mit ihr in den Garten und lasse mich von ihr zum Fliederbaum fĂŒhren. Er blĂŒht.


Version vom 28. 04. 2018 17:18

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flammarion
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