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Fahrenheit 2797
Eingestellt am 21. 03. 2014 16:42


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Shinji-chan
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Fahrenheit 2797


Sie war bei 67% ihres t├Ąglichen Updates, als sie sich entschloss, das Buch zu holen.

Es spukte schon eine Weile in ihrem Kopf herum. Sie selbst verstand eigentlich gar nicht, warum es sie so faszinierte. Ihr Vater hatte eine riesige Sammlung an Dingen aus der Vergangenheit - ÔÇ×Antiquit├ĄtenÔÇť nannte er sie, wie es auch auf dem verrosteten Messingschild stand, dessen Hologramm er in die gl├Ąserne Eingangst├╝r zum Sammlerzimmer eingravieren lassen hatte. Aber bisher hatte sie das immer nur am Rande mitbekommen. Wenn er ein neues St├╝ck ergattert hatte, erz├Ąhlte er davon, sie h├Ârte h├Âflich zu, und dann war das Thema f├╝r sie auch schon wieder abgeschlossen. Das Sammlerzimmer betrat sie eigentlich nur, wenn sie ihren Vater holte, der sich dort gerne mehrere Stunden am St├╝ck aufhielt.
Doch mit dem Buch war es anders. Er hatte es bei einer Online-Auktion auf der anderen Seite der Welt ersteigert, f├╝r eine Summe, die ihr fast die Tr├Ąnen in die Augen trieb, obwohl auch ihr eigenes Einkommen weit ├╝ber dem Durchschnitt lag. Es dauerte nur weniger Stunden, bis der Spezialkurier mit dem kleinen P├Ąckchen vor der T├╝r stand. Ihr Vater war vor einigen Minuten aufgebrochen, um ein wichtiges Kundengesp├Ąrch zu f├╝hren, daher hatte er ihr den Auftrag erteilt, die Sendung entgegezunehmen.
F├╝r seine geringe Gr├Â├če war das Paket ziemlich schwer. Dies lag vermutlich an der mehrere Zentimeter dicken Stahltruhe, in der das Objekt verpackt war. Schlie├člich wollte man nicht riskieren, dass es bei einem eventuellen Absturz des Hochgeschwindigkeitsjets besch├Ądigt wurde. Ein Jet oder sein elektronischer Pilot konnten leicht ersetzt werden, doch dieses als ÔÇ×BuchÔÇť titulierte Objekt war einmalig und unersetzbar.
Sie trug das Paket zum Sammlerzimmer und legte es dort, nach Anweisung ihres Vaters, in den Safe mit noch nicht katalogisierten St├╝cken. Sie stand schon wieder vor der automatischen Eingangst├╝r, die gerade ihre DNA scannte, um ihre Durchgangsberechtigung zu ermitteln, als die Neugier sie ├╝bermannte.
Sie hatte schon mehrere Male ein Objekt f├╝r ihren Vater angenommen, aber es hatte sie noch nie so sehr interessiert, dass sie es selbst ausgepackt h├Ątte. Doch diesmal konnte etwas in ihr der Versuchung nicht widerstehen. Mit ein paar schnellen Anweisungen an das Robotersystem war die Stahlschatulle auch schon ge├Âffnet. Das Buch selbst war nur einen knappen Zentimeter dick und kaum gr├Â├čer als ihre Handfl├Ąche. Es war in einer durchsichtigen Plastikfolie eingeschwei├čt. Vorsichtig nahm sie es in die Hand.

FAHRENHEIT 451
Ray Bradbury


stand in dicken roten Buchstaben auf der Vorderseite. Darunter war ein zweidimensionales Bild von einem lodernden Feuer gedruckt, in dessen Rauchschwaden eine menschliche Figur zu erkennen war.
Die R├╝ckseite war mit einem mehrzeiligen Text versehen. Sie starrte einen Moment darauf, bevor sie merkte, dass keine automatische Stimme ihr Bilder dazu in den Kopf versetzte. Langsam begann sie zu lesen.
Feuerwehr, B├╝cher, Salamander, Videow├Ąnde...
Es war eine seltsame Welt, die dort beschrieben wurde. Sie drehte das Buch wieder herum. Welchen Zweck es wohl erf├╝llte? Mit einem Schulterzucken ├╝berlie├č sie es dem automatischen Katalogisierer.

Ihr Vater war noch weitere drei Tage unterwegs, um wichtige Gespr├Ąche mit seinen Kunden auf der ganzen Welt zu f├╝hren. Der direkte Kontakt war das Qualit├Ątsmerkmal seines Unternehmens. Obwohl er auch im realen Leben Wert darauf legte, kontaktierte seine Tochter ihn am zweiten Tag per Videobotschaft und gestand das ├ľffnen das Paketes. Statt sich zu beschweren, begann er begeistert von der Alten Welt zu erz├Ąhlen, in der B├╝cher ein Portal in fremde Welten waren.
ÔÇ×Aber es gibt doch schon lange Filme!ÔÇť, wunderte sie sich.
ÔÇ×Oh ja, und davor gab es Theaterauff├╝hrungen. Lange haben gespieltes und geschriebenes Wort koexistiert, beide hatten ihren eigenen Reiz. Aber die Filme waren anders als das, was wir heute kennen. Sie waren keine wortgetreuen Projektionen, sondern vielmehr Interpretationen.ÔÇť Die Stimme des Sammlers war voller offener Begeisterung. ÔÇ×Und ein Buch war auch mehr als nur Stoff f├╝r einen Abend. Manche B├╝cher waren hunderte von Seiten lang, sodass man mehrere Tage daran gelesen hat! Damals hatte die ganze Welt ein anderes Tempo!ÔÇť
Sie schwieg staunend.
Ihr Vater l├Ąchelte. ÔÇ×Ich freue mich, dass du dich mal f├╝r eins meiner St├╝cke interessierst.ÔÇť

Nach dem Telefonat verband sie sich mit dem Nachrichtensystem, um ihr Wissen ├╝ber aktuelle weltpolitische Geschehnisse aufzufrischen. W├Ąhrenddessen dachte sie ├╝ber B├╝cher nach. Sie konnte sich kaum vorstellen, wie Menschen so viel Zeit damit verbracht haben konnten, eine einzige Geschichte zu lesen, die selbst in einem der alten Filme in zwei Stunden gut zusammengefasst werden konnte. Sie empfand Lesen als eine anstrengende und l├Ąstige T├Ątigkeit. Die meisten Texte, die ihr in ihrem Arbeitsalltag begegneten, wurden sofort vom Computersystem in ihr Gehirn eingespeist. Doch mit den vollkommen technologiefreien Seiten der B├╝chern war das unm├Âglich. Jeder Buchstabe, jedes Wort, jedes Satzzeichen mussten von ihr aktiv verstanden und gedeutet werden. Warum tat man sich so viel Arbeit an f├╝r nichts weiter als eine fiktive Geschichte?
Mit einer Mischung aus Unverst├Ąndnis und Neugier betrat sie nach dem Update erneut das Sammlerzimmer. Das Buch war inzwischen in einer Vitrine am anderen Ende untergebracht, an der Fensterfront, die einen Ausblick ├╝ber die Stadt aus Stahl bot. Doch daran war sie nicht interessiert. Sie hatte nur Augen f├╝r das Buch. Um es herauszunehmen, fehlte ihr ein Code, den nur ihr Vater kannte, doch das dreidimensionale Hologramm, das beim Katalogisieren automatisch erstellt wurde, erlaubte es ihr auch so, es von allen Seiten zu betrachten. Nachdem sie den Beschreibungstext gelesen hatte, verstand sie auch etwas besser, was es mit dem Bild auf der Vorderseite auf sich hatte. Es war ein Stapel brennender B├╝cher, da diese in der dystopischen Welt dieser Geschichte verboten waren. Und die Gestalt im Rauch war einer der Feuerwehrm├Ąnner, die f├╝r die B├╝chervernichtung verantwortlich waren. Vielleicht war es Guy Montag, der Protagonist?
Doch der Text beantwortete nicht alle ihre Fragen. Warum mussten die B├╝cher verbrannt werden? Was konnte an einem Stapel Papier schon gef├Ąhrlich sein? Vielleicht verschwendeten die Menschen zu viel Zeit mit ihnen, anstatt sich mit ihren realen Leben oder ihrer Arbeit zu besch├Ąftigen.
Ein kurzer Gedanke gen├╝gte, um sie mit der virtuellen Enzyklop├Ądie zu verbinden. Nat├╝rlich gab es dort die komplette Geschichte zum Download und viele Erl├Ąuterungen und Deutungsm├Âglichkeiten. Nach einigen Sekunden hatte sie Guy Montags komplette Erz├Ąhlung im Kopf. Erst verbrannte er B├╝cher, dann las er sie, dann musste er fliehen. Der Titel spielte auf die Selbstentz├╝ndungstemperatur von Papier an. Und das ├ťbel der B├╝cher lag offenbar darin, dass sie den Menschen eigene Gedanken in den Kopf pflanzten. Sie verbrachte noch ein paar Minuten damit, Interpretationen des Romans zu ├╝berfliegen. Doch nichts davon beeindruckte sie wirklich.

Obwohl der Inhalt der Geschichte sie nicht sehr fasziniert hatte, lie├č der Gedanke an B├╝cher und Lesen sie nicht los. Am n├Ąchsten Tag tat sie sogar etwas, das sie noch nie getan hatte: Sie schaltete die automatische Lesevorrichtung an ihrem Computer aus, bevor sie das Dokument ├Âffnete, das sie f├╝r die Arbeit noch durchgehen musste. Und dann begann sie zu lesen. Wie auch beim Klappentext des Buchs war es m├╝hsam, jedes Wort einzeln wahrzunehmen. Doch sie hatte das Gef├╝hl, dass der Inhalt auf einmal bedeutsam erschien. Dort hatte jemand seine Gedanken bez├╝glich eins der firmeneigenen Produkte formuliert, und sie als Qualit├Ątsmanagerin sollte jedes seiner Worte gr├╝ndlich abw├Ągen, bevor sie eine Antwort formulierte. Schlie├člich war Kundenn├Ąhe der Leitwert des Unternehmens! Wie konnte man dem gerecht werden, wenn man in einer Sekunde den gesamten Inhalt verschlang, ohne sich seine Formulierung auf der Zunge zergehen zu lassen? An diesem Tag ging ihre Arbeit langsamer voran als sonst, doch sie hatte das Gef├╝hl, sie zum ersten Mal richtig zu machen.
Auch nach dem Feierabend konnte sie mit dem Lesen nicht aufh├Âren. Sie suchte eine Geschichte heraus, die sie als Kind jeden Abend vor dem Einschlafen eingefl├Â├čt bekommen hatte. Und sie las zum ersten Mal jedes Wort, statt nur einen Film vor Augen zu haben. Jedes Wort war wichtig, um die Geschichte des Hasen her├╝berzubringen, der nicht schlafen konnte. Er konnte die Ratschl├Ąge der Eule und all seiner anderen Freunde nicht herunterladen, sondern musste zu ihnen gehen und mit ihnen sprechen. Es war ein l├Ąngerer Lernprozess und keine pl├Âtzliche Erkenntnis, die ihn schlie├člich einschlafen lie├č. Er lernte dabei seine Freunde zu sch├Ątzen und gewann an Lebenserfahrung.
Bevor sie einschlief, w├╝nschte sie sich, der Hase zu sein. Sie wollte lernen statt wissen.

Es war am n├Ąchsten Morgen, dass sie ihr Update unterbrach, um das Buch zu holen. Der Sicherheitscode ihres Vaters lie├č sich leicht ├╝berwinden, wenn man sich im System auskannte. Und schon hatte sie das Buch in der Hand und die Folie heruntergerissen.
Es war Zeit zu lesen.

Sie hatte bereits, trotz langsamen Lesens, fast die H├Ąlfte erreicht. Ihr Blick schweifte ab, ├╝ber die gro├če Stadt, die sich rundherum erstreckte, ├╝ber gro├če Werbebildschirme an den Fassaden, ├╝ber riesige Videoschirme an den W├Ąnden ihrer Nachbarn, ├╝ber Menschen, die sich im konstanten Strom durch die Stadt bewegten und m├Âglicherweise gerade ihr Wissen ├╝ber die eine oder andere Sache erneuerten, ohne jeglichen Lernvorgang. Und das in einer Welt, in der niemand B├╝cher verboten hatte.
Und sie beschloss, dass etwas brennen musste. Der Schmelzpunkt von Stahl betrug 2797 Fahrenheit.

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