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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Falsche Ansage
Eingestellt am 05. 11. 2013 11:56


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Arno Abendschön
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Registriert: Aug 2010

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Seine Stimme klang nach American Dressing: sehr cremig. „Und jetzt hat unser Hörer Holger Kloß aus Hildesheim eine Üüüüüberrraschung für seine liebe Frau Mareike. Sie feiern nämlich heute ihren dreiundzwanzigsten Hochzeitstag … Sicher haben Sie beide in dreiundzwanzig Jahren einen Schatz an Erinnerungen angehäuft – beneidenswert. Also nun für Frau Mareike Kloß den dritten Satz des Violinkonzerts von Jean Sibelius. Ich verabschiede mich schon jetzt von Ihnen, liebe Zuhörer. Nach den Nachrichten führt Sie Walter Sauerbrey durch den Rest des Nachmittags …“

Er überraschte sie jedes Jahr mit einem von ihr vorher ausgesuchten Musikstück. Selber etwas Passendes für sie auszuwählen, dazu würde er nie imstande sein. Was hörst du denn gern in letzter Zeit, fragte er sie genau zwei Wochen vor dem Termin, scheinbar beiläufig. Sie hatte es sich jeweils schon längst überlegt. Ohne es noch verabreden zu müssen, saßen sie dann nachmittags zur richtigen Zeit am Kaffeetisch und er stellte das Klassikprogramm ein, das er sonst mied wie der Hund das Stachelhalsband.

War das überhaupt Sibelius? Sie zweifelte schon nach zwei, drei Takten. Eine gewisse Verwandtschaft war zu erkennen – und doch war es eine ganz andere Musik, zur gleichen Zeit ursprünglicher und raffinierter. Nein, nie im Leben Sibelius. Hatte er etwas Falsches notiert? Und dann –

„Das ist es nicht. Nicht von Sibelius. Und es ist nicht mal die Violine.“

„Aber ich habe es doch genau so formuliert: Sibelius, Violinkonzert, dritter Satz. Die werden sich doch nicht vertun …“

„Es ist keine Violine, es ist ein Cello!“

„Bist du sicher?“

Ihr furchtbarer Blick traf ihn. Er sagte nichts mehr. Dachte: Sie hält mich wieder einmal für amusisch. Und diese quälende Erinnerung war wieder da: Vor der Hochzeit hatte sie ihn Klaviermusik von Schubert anhören lassen und er hatte raten sollen, vermutlich den Komponisten, wie er heute annahm. Stattdessen hatte er etwas sehr Törichtes gesagt: Wird irgend so eine Sinfonie sein. – Ihr Lachen war wie Glockenklang gewesen – wenn die Glocke einen Sprung hat. Sie hatten dennoch geheiratet. Musste Liebe gewesen sein.

Eigentlich gefiel ihr diese Musik noch besser als die von Sibelius. Und sie war neu für sie. Ein beständiges Sehnen, ein kraftvolles Brausen, die Motive rangen miteinander, bäumten sich gegeneinander auf und sanken sich dann in die Arme. Oder sonst wohin. Verschmolzen auf höherer Ebene. Es war erreicht. Jubel über Jubel. Frenetisches Ausatmen. Ein Kraftakt des Glücks – vorbei.

Jetzt eine nüchterne Frauenstimme aus den Lautsprechern: „Aufmerksame Hörer machen uns darauf aufmerksam, dass es sich bei der soeben verklungenen Musik nicht um das Violinkonzert von Sibelius gehandelt hat. Leider wissen wir nicht, was wir da gerade gesendet haben. Zurzeit ist niemand im Funkhaus, der es herausfinden könnte. Bitte rufen Sie nicht mehr an. In zehn Sekunden die Nachrichten. Im Anschluss daran eine Unwetterwarnung …“

Wenn nicht durch Zufall wird sie Titel und Komponisten nie erfahren. Das Stück kam ihr im Rückblick bereits so verheißungsvoll vor wie eigenes Leben früher einmal, zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt. Was bleibt in solchen Fällen: ein rein abstrakter Eindruck von vergangenem Glück. Gut möglich, dass sie die Musik, wenn sie erneut irgendwo erklingt, nicht einmal wieder erkennt.

„Diesmal war es jedenfalls wirklich eine Überraschung. Danke, vielen Dank.“

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