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Leselupe.de > Erzählungen
Falsche Begleitung
Eingestellt am 21. 10. 2014 20:31


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Circulo
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Falsche Begleitung

Irgendwann hatte mein männlicher Begleiter mir einen Zettel gezeigt, worauf stand: „Am 20. Februar 2013 große Eröffnungsfeier im MÖBELHAUS HOFMEISTER, 10:00 – 14:00“; dann stand da noch etwas von den Dingen, die da bei der Eröffnung für die anwesenden Menschen möglich seien, was ich aber alles schon wieder vergessen habe. Da, als mein männlicher Begleiter mir den Zettel zeigte, worauf das stand, war mir gar nicht aufgefallen, dass das der Tag des Frühlingsanfanges ist. Ich muss dazu sagen, dass ich nie ganz bei mir selbst sein konnte, wenn mein männlicher Begleiter in meiner Nähe war. Bei meiner weiblichen Begleiterin war das anders. In ihrer Nähe war ich ausgesprochen gerne. Früher hatten wir in der Küche, wenn er nicht in der Nähe war, oft und intensiv über die Bibel gesprochen. Sie war sehr angetan von dem, wie ich die Dinge, die da in der Bibel stehen, gedeutet hatte. Meine beiden Begleiter waren schon irgendwie gut zu mir. Sie gaben mir am Morgen – immer genau dann wenn die Sonne aufging – etwas Geld in die Hand, damit ich mir über den Tag etwas zu essen und zu trinken kaufen konnte. Und ich ging gern ins Theater. Wenn ich sie für Geld um das Theater bat, gaben sie mir immer welches, und wenn ich zurückkam, fragten sie: „Und wie war es?“ Früher hatte ich dann immer angefangen, etwas zum Inhalt des Stückes zu sagen. Das hatte sie aber eigentlich nicht interessiert. Darum sagte ich mit der Zeit nur noch „gut“ oder „schlecht“. Jedenfalls fiel es mir nicht auf, als mein männlicher Begleiter mir den Zettel zeigte, dass der 20. März 2013 der Tag des Frühlinganfangs ist. Mein männlicher Begleiter schimpfte dann darüber und fragte mich (aber er fragte mich eigentlich nie wirklich, sondern er fragte irgendwie nur lustig): „Wozu denn das ganze Affentheater! So ein riesiges Möbelhaus ist doch Idiotie, oder nicht?!“ Ich legte den Zettel, auf dessen Vorderseite ein Bild war, beiseite, und antwortete (obwohl ich eigentlich auch nicht antwortete, sondern nur so): „Ja.“ Es war da, glaube ich, der 17. März 2013. Und die Entscheidung, ob man gemeinsam, also mein männlicher Begleiter, meine weibliche Begleiterin und ich zu der Eröffnung mit dem Auto hinfahren sollte, um dort zu sein und an der Eröffnung teilzunehmen, lag noch in relativer Ferne.

Gestern war ich mit meinem männlichen Begleiter in der Stadt. Ich war es, der da hin wollte. Und mein männlicher Begleiter sagte, er fahre mit. Ich wollte mir in der Stadt, also in der Stadtbücherei, den Film „Topaz“ von Alfred Hitchcock ausleihen. Dazu muss ich erklären, dass ich eigentlich an so etwas wie kosmische Harmonie glaube. Zumindest wäre es sehr schön, wenn es so etwas gäbe. Und als ich vorgestern mit meiner weiblichen Begleiterin in ihrem Auto in die Stadt fuhr, las ich auf einem Stromkasten das Wort „Topas“ geschrieben. Dann wollte ich den Film sehen, um den Bezug zu meinem phänomenalen Erlebnis herzustellen. Zuerst hatte ich am Abend in der Fernsehzeitung nachgesehen, ob der Film nicht zufällig lief (denn wenn man etwas wirklich will, sagte meine weibliche Begleiterin immer, dann gebe es keinen Zufall.) Im Fernsehen lief der Film nicht; und eigentlich ist es ja auch blöd, einen Film zu wollen. Und ich zweifelte. Dann aber erinnerte ich mich daran, dass ich ja nicht bloß den Film wollte, sondern den Film, weil ein Mensch – aus welchen Gründen auch immer – das Wort „Topas“ auf einen Stromkasten geschrieben hat, und ich im Augenblick des Vernehmens dieses Wortes von irgendwoher einen Wink erhalten hatte. Deswegen also wollte ich am nächsten Tag, also gestern, in die Stadt. Mein männlicher Begleiter ließ mich immer gern fahren, wobei er mir vom Beifahrersitz aus immer wieder Hinweise gab, wie ich meinen Fahrstil verbessern, ja perfektionieren könne; vor allem dozierte er über die Handhabung der Gangschaltung, und darüber, dass ich meine Augen auf das Tachometer richten sollte. Irgendwann machte ich mir auf einer langen, geraden Landstraße einen Spaß und sah wirklich eine Zeit lang nur auf das Tachometer. Er bemerkte es aber nicht. Irgendwann jedoch muss ich von der Mitte der Straße abgekommen sein; und jetzt, da ich genau 100 km/h fuhr, ermahnte mich mein Begleiter, ich solle mich mittig halten, weswegen ich wieder auf die Straße achten musste.

Gestern aber wollte er mit seinem Auto fahren, und in seinem Auto darf nur er selbst fahren. Ich fragte ihn, warum wir nicht mit dem Auto meiner weiblichen Begleiterin fuhren (ich stellte meine Fragen noch so als echte Fragen gemeint.), worauf er antwortete: „Weil die Batterie fast leer ist. Die Spannung muss wieder aufgeladen werden.“, wobei er, nachdem er das Wort „Spannung“ gesagt hatte, kurz innehielt, als überlegte er, ob dieses Wort auch das richtige sei. Mein männlicher Begleiter fährt sehr selten mit seinem Auto. Deswegen, also wegen der Batterien, fuhren wir mit seinem Auto in die Stadt, und ich durfte nicht fahren, obwohl ich gestern gern gefahren wäre, weil es ja sozusagen mein Film war, den ich wollte. Jedenfalls habe ich in der Stadtbücherei dann den Film „Das Schweigen“ von Ingmar Bergman, „Topaz“ von Hitchcock und das Buch „Aufbau der Physik“ von Carl Friedrich von Weizsäcker ausgeliehen. Mein männlicher Begleiter hatte unterdessen in der Stadt Kaffee-Pads für die Kaffeemaschine gekauft. Wobei das meiste Elektronische im Haus, also auch die Kaffeemaschine, seines ist. Für seine Kaffeemaschine also. Jetzt fällt mir gerade ein, dass das, was ich eigentlich wegen der Eröffnung des Möbelhauses sagen wollte, gar nicht gestern sondern vorgestern passiert ist. Auf so etwas muss ich, vor allem wenn ich schreibe, besser aufpassen.

Vorgestern. Da war ich mit meinem männlichen Begleiter im Auto meiner weiblichen Begleiterin auf dem Weg nach Hause von einem großen Warenhaus. Diesmal fuhr er, weil ich vorgestern keine Lust hatte zu fahren. Und vorgestern lag die Entscheidung, ob wir gemeinsam zum Möbelhaus und dessen Eröffnung fahren sollen, auch noch in größerer Entfernung. Auf dem Heimweg nach Hause sagte er also: „Die da das Möbelhaus gebaut haben, haben das gut organisiert. In 15 Monaten (mir ist gerade ein witziger Schreibfehler unterlaufen: „Minuten“ und „Monaten“ trennen nur die Vokale i-o und u-a. Doch das nur so.) war das fertig gebaut. Anders als bei Stuttgart 21 oder dem BER in Berlin. Oder auch in Hamburg die Elbphilharmonie da.“ Und ich dachte irgendwie an Raum und Zeit.

Irgendwann rĂĽckte die Entscheidung, ob wir gemeinsam zur Eröffnung des Möbelhauses hinfahren sollten oder nicht, um an ihr teilzunehmen, näher, und heute Morgen stand es natĂĽrlich felsenfest fest, dass wir hinfahren. Nur was das „wir“ umfasst, war noch das Problem. [dieser eigentlich ĂĽberflĂĽssige Satz ist Max Frisch gewidmet ]. Wie ich das hier schreibe, merke ich, dass ich die meiste Zeit ĂĽber mich selbst geliebt habe. Gestern Abend, nachdem ich „Das Schweigen“ gesehen habe, war das auch wieder ein- oder zweimal mal irgendwie in mir. Dass bloĂźe Selbstliebe Tod ist, weiĂź ich. Oder besser gesagt: Ich empfinde noch irgendetwas, wenn ich diesen Satz vernehme. Ich habe zu diesem Satz eine lockere Beziehung, könnte man sagen. Als ich heute Morgen aufgewacht bin, wollte ich nicht zur Eröffnung. Ich wusste schon, als ich mich im Bad frisch machte, dass unten diese Frage lauerte: „Und kommst Du mit?“ Und ich wusste auch, dass ich „Nein“ sagen wĂĽrde. Mein männlicher Begleiter wĂĽrde dann irgendwo im Raum fragen: „Wieso?“ (Und das war eine Art von ihm zu fragen, die sehr ernst wirkte.) Dann wĂĽrde ich sagen: „Aus dem Grund, den Du bereits nanntest: An diesem Affentheater will ich nicht teilnehmen. Und zudem“, wĂĽrde ich hinzufĂĽgen, „beschweren wir uns alle, dass lauter so blödes Zeug in unserer Stadt gebaut wird; aber die ganze Stadt rennt hin, in diese Leere, in dieses Nichts, und begrĂĽndet so selbst dieses wĂĽste Zentrum!“ Dass ich den letzten durch Nebensätze verschachtelten Satz nicht sagen wĂĽrde, war klar. So lange wĂĽrden meine Begleiter mir zum Einen gar nicht zuhören, und zum Anderen fehlte mir noch absolut die Kraft dafĂĽr, fĂĽr so einen Satz dann danach auch gerade zu stehen. In der KĂĽche fragte mich meine weibliche Begleiterin dann in Wirklichkeit: „Kommst Du mit?“ Es war klar wohin: Der Zettel, die Zeitung, die Stadt. Die Entscheidung heute Morgen konnte nur in eine Richtung gehen. Ich fragte trotzdem: „Wohin?“, setzte dann aber von selbst hinzu: „Zum Hofmeister?“ Sie: „Ja.“ Ich: „Nein.“ Dann mein männlicher Begleiter vom FrĂĽhstĂĽckstisch her: „Wieso?“ Und ich wie oben im Bad, nur dass ich den „Und zudem…“-Satz weglieĂź. Mein männlicher Begleiter wollte dann erst zornig werden, sagte dann aber nur: „Musst Du wissen! Wenn Du nichts erleben willst!“ Irgendwohin nicht mitzugehen, habe ich ja schon x-mal versucht. Und mein männlicher Begleiter wusste durch lange Erfahrung, dass ich immer wieder komme; jeden Morgen pĂĽnktlich zum Sonnenaufgang komme ich, er wĂĽrde mir wie immer das Geld geben und mein Haar streicheln. Nach dem FrĂĽhstĂĽck ging ich mit einer Tasse Kaffe hinauf auf mein Zimmer. Ich schlug wahllos in Nietzsches Buch „Morgenröte“ einen Aphorismus auf. Es war die Nummer 114. Während und nach dem Lesen leuchtete in mir wieder der Zettel, wo auf der Vorderseite ein digitales Bild von dem Möbelhaus, lauter silberne Autos und Menschen, wie man die auch auf der StraĂźe gehen sieht, auf. Wenn ich denke, dachte ich, kann ich mitmachen. Und so entschloss ich mich, doch mitzugehen. Ich legte auch in den CD-Spieler die „Matthäus-Passion“ von Bach ein; musste aber nicht weinen.

Im Bad wusch ich mich, putzte mir die Zähne und legte mein Haar irgendwie zurecht. Deo besitze ich selbst keins. Ich verwende immer entweder das von meinem männlichen Begleiter oder das von meiner weiblichen Begleiterin; je nachdem welches Badezimmer gerade frei ist; denn beide besaßen ihr eigenes Badezimmer. Wenn beide Zimmer frei waren, ließ ich das in mir entscheiden, was ich „Raumlust“ nenne. Unten im Wohnzimmer teilte ich meinem männlichen Begleiter mit, dass ich mitginge. Es war ja klar wohin. Er nickte das überlegen ab.

Wir fuhren selbstverständlich in seinem Auto. Meine Begleiterin, die sehr nach Parfum roch, ließ mich wie immer vorn sitzen. Ich glaube, es ist für meinen Begleiter immer etwas ganz Besonderes zu so einer Sache zu fahren, wie die ist, wohin wir heute Vormittag fuhren. Ich erinnere mich schwach an diese Stimmung, weil ich sie auch hatte, besonders als ich acht oder neun Jahre alt war. Dann hat das in mir irgendwann aufgehört. Mein männlicher Begleiter ist aber auch Ingenieur oder so etwas; da ist das vielleicht anders, und es hört nie auf, und man freut sich immer irgendwie sein ganzes Leben lang, wenn man zu so etwas hinfährt, was auf einem Zettel stand, der in den Briefkasten geworfen wurde (obwohl da steht: Keine Werbung.) Meine weibliche Begleiterin wurde katholisch erzogen. Da freut man sich vielleicht immer, wenn irgendetwas ansteht. Auf der Hinfahrt wurde irgendetwas geredet, was ich aber alles wieder vergessen habe. Von dieser Fahrt weiß ich nur noch, dass ich bei mir so Sätze wiederholte: „Bloße Selbstliebe ist Tod.“ Und: „Liebe Anderes! Das Sein! Hab endlich den Mut zu transzendieren! Und bleibe in dem Mut zu Anderem! Bleib wach!“ Und in Erinnerung an Nietzsches Aphorismus, der ja in mir nachwirken sollte: „Lass den Schmerz zu!“ Das Erste, woran ich mich sonst erinnere, war das Parkhaus. Dort standen überall Männer und Frauen in gelben Westen herum. Ich dachte an Gelb und Krankheit. So irgendwie Thomas-Mann-mäßig. Verwarf den Gedanken aber in einer Unsicherheit wieder, weil ich mich selbst noch nie dazu entschlossen hatte, was die Farbe Gelb für mich eigentlich ist. Mein männlicher Begleiter gab besonders Acht auf die Führer in den gelben Westen, und ließ sich von ihnen den Weg weisen. Einmal wollte er eine Art Eigeninitiative ergreifen und links abbiegen; ein gelber Führer vor ihm fuchtelte aber mit seinen Armen nach rechts und er bog also rechts ab. Dann, das fand ich irgendwie gemein, und ich litt ein bisschen mit meinem Begleiter, wurde ihm ein Parkplatz zugewiesen, in den er unmöglich mit einmaligen Einschlagen hineinkonnte. Er würde zurückfahren müssen, nochmal nach vorn und dasselbe wahrscheinlich wiederholen müssen. Von hinten sagte meine weibliche Begleiterin: „Fahr doch dahin! Da kommst Du viel leichter rein.“ Und tatsächlich waren dort in der Tiefe eine Handvoll Parkplätze, die ohne umständliches Vor- und Zurückfahren erreichbar gewesen wären. Aber da waren ja die gelben Führer, die meinen Begleiter für diesen Parkplatz bestimmt hatten; die saßen ihm jetzt irgendwie im Nacken, obwohl die Führer selbst wahrscheinlich schon gar nicht mehr an ihn dachten. Mein Begleiter erwiderte: „Nein, ich parke hier!“ Es war ja schließlich sein Auto. Als es beim zweiten Vor- und Zurückfahren noch immer nicht gelang das Auto in der Parklücke zu positionieren, schwenkte er rasch aus und fuhr in die Tiefe des Raumes. Die Begleiterin sagte: „Was machst Du?“ Er: „Ich nehme den Parkplatz dort. Da kommt man ja viel besser hin.“ Mit diesem „ja viel besser“ rächte er sich wohl noch irgendwie an den dämlichen Verfügungen der Führer und bemächtigte sich zugleich wieder vollkommen des Wesens meiner Begleiterin, die hinter mir saß. Meine Begleiterin fragte dann, als wir ausstiegen, was die roten Nummern auf den Parkplätzen bedeuteten. Das war eine blöde Frage, worauf mein Begleiter seiner wieder mächtig antwortete. Und da tat mir meine Begleiterin leid.

Vor den zwei Aufzügen stand ein Pärchen und wartete. Es gab rechterhand Treppen. Es mögen etwa zwanzig Stufen gewesen sein. Wir stellten uns selbstverständlich zu dem Pärchen an die verschlossene Aufzugtür und warteten mit. Ich hielt mich provokant an der linken Tür, obwohl ich ahnte, dass die rechte sich öffnen würde. Und es öffnete sich tatsächlich die rechte, und ich fühlte mich mächtig.

Oben war alles irgendwie so wie auf dem Zettelbild, wenn man sich an das Tote erinnerte, das dieses Bild ausstrahlte. Erinnerte man sich an das Gefühl der lebendigen Hoffnung, welches dieses Werbebild vermittelte, war alles anders, und zumindest ich wurde enttäuscht. Meine weibliche Begleiterin hatte ihre Hoffnungsstimmung schon, glaube ich, vergessen, weil sie sich bereits zu laut mit einer Dame unterhielt, die ihr im Eingang begegnete. Es tummelten sich viele Menschen. Man stand, nachdem man durch eine Tür ging, deren Beschaffenheit ich vergesse habe, direkt in einem riesigen Raum, ohne weitere Türen oder kleinere Räume; in der Mitte drehte sich ein Rundgang in die Höhe, der wohl die einzelnen Stockwerke miteinander verband. Vor mir im Eingang waren Blumen, die verkauft wurden. Natürlich wussten wir nicht, wo wir in diesem Raum hingehen sollten. Wir wollten ja nur an der Eröffnungsfeier teilnehmen. Wobei eigentlich ich nur da war, um das Denken zu versuchen; mein männlicher Begleiter wahrscheinlich aus purer Langeweile und Sensationslust, oder um dabei zu sein, wie er vielleicht sagen würde. Und meine Begleiterin, die noch nie durfte, was sie eigentlich wollte, hätte dann auch den Weg vorgegeben, wenn nicht ich mich ziel- und zwecklos von der mich umgebenden Stromrichtung hätte mitziehen lassen. Bald befanden wir uns auch schon auf jenem Rundgang nach oben. Von der von mir gewollten Strombewegung vorangetrieben, spürte ich plötzlich, dass meine Begleiter nicht mehr in meiner Nähe waren. Ich drehte mich um. Und da sah ich, wie meine Begleiterin ein wenig unter mir stehend, mit dem Finger auf etwas zeigte. Ich sah gar nicht in diese Richtung, weil ich eh nicht verstanden hätte, was sie da anzeigte und wozu. Beide waren schon wieder in Richtung nach unten und von mir weg begriffen, als ich mich zu erkennen gab. Da zog mich mein Begleiter an sich und sagte: „Komm! Unten gibt’s Tassen umsonst!“ Und schon im Vorwärtsgehen: „Nimm Dir auch eine.“ Natürlich war ich erstaunt, dass es bei dieser Kehre nur um eine Tasse ging; aber es war nun ganz gleich wie ich mich entschied. Zu dieser Zeit, an diesem Ort war jede Entscheidung falsch. Das schien auch die Angestellte gespürt zu haben, die mir zusah, wie ich mir eine Tasse nahm, wobei ich mir wie ein Dieb vorkam. Leise sagte ich: „Danke.“, was sie aber nicht zu interessieren schien. Nur ein junges Mädchen, welches bei irgendeiner Tätigkeit mithalf, schien wirkliche Freude an der Sache zu haben. Ein paar Männer in Anzügen sahen sehr beschäftigt und auch bedeutend aus. Einer von ihnen, der gerade zufällig in meiner Nähe stand, bat mich höflich weiterzugehen, da ich zu lange an den Blumen am Eingang verweilte. Ich versperrte den anderen Eröffnungs- also eigentlich Festteilnehmern den Zugang zu den Blumen.

Nachdem wir unsere drei Hofmeister-2013-Tassen in einer Jutetasche verstaut hatten, drehten wir im Erdgeschoss eine Runde ums Zentrum, ohne in die Tiefen der Gänge zu gehen, die vom Zentrum wegführten; denn wir wollten ja heute gar keine Möbel oder so kaufen. Dann trafen meine Begleiter plötzlich neben den Tassen auf einen Mann und eine Frau, die wohl verheiratet waren. Man kannte sich und reichte sich die Hand. Als Drittes reichte der Mann, dessen Zähne etwas voneinander abstanden und spitz waren mir die Hand. Er lachte, und sein Lachen erinnerte mich an das Lachen meiner Begleiter als ich einmal plötzlich mit langen Haaren vor ihnen stand. Sie sagten erst nichts, und auch nicht zu mir. Ich stand dann in der Küche, und als ich mir gerade eine Scheibe Brot schmierte, lachten sie hinter mir ganz gräulich. So wie die Alten in der Limo in dem Film „Mulholland Drive“. Und ich hatte diese Szene nie verstanden; da, als meine Begleiter hinter meinem Rücken sich über mein Haar zulachten, begriff ich diese Szene gründlich, und hatte Angst. Die Frau von dem Mann mit den spitzen Zähnen war irgendwie nicht mehr in meinem Blickfeld. Alle redeten über irgendetwas. Mein Begleiter sagte dann: „Da gibt es Gratis-Tassen!“, worauf der Mann mit den spitzen Zähnen sagte: „Ah, da muss ich hin!“ Er war dann schon auf dem Sprung, und es schien so, als sei ihm das jetzt notwendig. Dann drehte er sich aber wieder um. Ich hatte mich aber meinerseits selbst bereits umgedreht um weiterzugehen, und meine beiden Begleiter waren mir gefolgt. Man bemerkte dann das gegenseitige Umdrehen und verabschiedete sich kleinlich in der Ferne zwischen irgendwas. Der Mann ging dann wohl zu den Tassen und wir im Kreis auf dem Boden weiter. In der Mitte dieses Kreises standen übrigens Gartenmöbel. Immer wieder gab es Gänge, die wie Strahlen vom Zentrum weg in die Tiefe führten. Immer wartete ich fast wie ein Hund, ob meine Begleiter in die Gänge gehen wollten; da wollte aber auch außer uns sonst kaum ein Mensch hin. Und so gingen wir weiter im Kreis. Der Mann mit den Zähnen schien durch mein jeweiliges Zögern an den Gängen wieder auf uns aufgeholt zu haben. Diesmal war er aber ohne Frau. Er schaute mich an. Ich erwiderte seinen Blick. Er hatte etwas Schalkhaftes im Gesicht. Ich erkannte aber sofort: er war einfach alt und verzweifelt. Dann sagte er zu meinen Begleitern, oder zu mir: „Ah, das ist er also! Man merkt sofort, dass er von euerm Schlag ist!“ Leere Stille. Nochmal er: „Ja, ganz euer Schlag!“ Dann nochmal er: „Wir kennen uns schon lange.“ Mit dem „wir“ meinte er sich, und meine Begleiter. Ich fragte: „Woher?“ Als ob er mit keinem Wort von mir gerechnet hätte, verstand er mich nicht, und fragte: „Was?“ Ich daraufhin noch einmal etwas näher zu ihm hin gebeugt: „Woher? Aus der Arbeit?“ Meine Begleiterin: „Nein, aus der Kirche.“ (Später erfuhr ich, dass meine Begleiter gar nicht wussten, was er genau arbeitete, obwohl mein Begleiter und er über Jahrzehnte in derselben Firma tätig waren.) Ich dann: „Ah.“ Dann habe ich vergessen, was ich sonst noch gesagt habe. Erinnern tue ich mich wieder daran, wie er zu meiner Begleiterin sagte: „Er hat uns für die katholische Kirche beten lassen.“ Entsetzen! Erst bei ihm, dann auch bei meiner Begleiterin. Er dann weiter: „und nicht für die christliche!“ Ich verstand nicht, was gemeint war. Wahrscheinlich irgendein regionaltheologisches Problem; vielleicht sogar auch eine kirchengeschichtliche Grundfrage. Jedenfalls hat er dann nach diesem Dilemma wohl einen Brief nach Berlin geschrieben. Und wie er das sagte, fühlte sich das an wie ein Punkt nach einem komplizierten Satz. Ich musste unterdessen an den Anfang des Filmes „Er“ von Luis Bunuel denken, wo den Kommunionskindern die Füße gewaschen und geküsst werden, um ihrer Wege zu gehen. Um uns herum lauter Festgäste. Später als wir längst auf dem Rundweg nach oben waren, bestätigte mir mein Begleiter eine Ahnung, die mich hier unten bei dem Mann mit den spitzen Zähnen schon ergriff: „Dies Möbelhaus“, sagte mein Begleiter oben, „wurde in 15 Monaten gebaut. Das ist eine Spitzenleistung! Wenn das hier dann nicht mehr läuft, wird es an einen anderen Ganoven verkauft, der dann seine Entourage ihr Geld hier waschen lässt, bis dieser Standort völlig verwüstet ist. Aber das dauert noch mindestens zehn Jahre!“ Ich verstand das Ökonomische nicht gut genug, um seiner Argumentation folgen zu können. Ich dachte darum eher an Krimis und TV-Serien, wo das Geld, welches durch Prostitution oder Drogenhandel oder so eingenommen wird, in irgendwelchen Hotels oder sonstigen Immobilen gewaschen wird. Aber ich selbst habe noch nie Geld gewaschen; deswegen weiß ich eigentlich nicht wie genau das funktioniert. Aber das ein Mann in so einem dämlichen Möbelhaus an dessen Eröffnungstag über Gott und die katholische Kirche zu sprechen begann, war im Prinzip dasselbe, dachte ich. Eigentlich wollte ich mich vor allem von solchen Sätzen des Mannes wie: „Der Junge geht ganz nach euerm Schlag.“ Oder: „Wer heut studiert, nach Heidelberg marschiert!“ befreien. Aber irgendwie gelang mir das nicht so gründlich; denn schließlich war ich ja immer noch hier.

Wir gingen dann weiter, nachdem wir uns zum zweiten Mal verabschiedet hatten. Mein Begleiter stellte sich unmittelbar an einen Stand, wo man Gewinnspielkarten ausfüllen konnte, weil er wusste, dass meine Begleiterin da immer unheimlich gerne mitmacht. Und das ließ er auch zu. An solcherlei Zugeständnisse hatte er sich sogar schon gewöhnt. Ich stand unterdessen wie ein Hund im Raum, und als ich bemerkte, dass meine Begleiterin einen Zettel vor den Zettel hielt, den sie sich auszufüllen anschickte, wusste ich genau, was sie tat, lehnte mich über ihre Schulter, sah den Anfang meines Namens mit Bleistift in der schönen Handschrift meiner Begleiterin auf einen solchen Gewinnzettel geschrieben und entriss ihn ihr. Während sie mich oder den Raum oder sonst wen fragte: „Wieso?“ zerknüllte ich den Zettel und steckte ihn in meine Hosentasche, worin er sich bis jetzt befindet.
Dann musste noch aus einem Schnapsbecherchen etwas Prosecco getrunken werden. Dabei fiel mir nun auf, dass meine Begleiterin, nachdem sie eine halbblinde Bekannte getroffen hatte, meinen Begleiter fragte, was das für Sekt sei, was diesem jedoch sehr egal war. Er hielt bereits Ausschau, wo man die Becher entsorgen konnte, obwohl er noch gar nicht getrunken hatte. Auf einem Wasserspender standen solche Becher. Er drückte seine Vermutung aus, ob diese nicht zum Wasserholen da seien. Ich wusste nicht, ob die Frage ernst gemeint war; hatte aber dieselbe Vermutung. Meine Begleiterin klärte uns dann auf; dies sei durchaus der Platz für die leeren Becher, worauf mein Begleiter meine Begleiterin, glaube ich, in den Hintern zwickte; aber das sah ich nicht so genau. Wasser, jedenfalls, sollte heute hier wohl eher keins getrunken werden.

Zuletzt mussten noch Orchideen gekauft werden; dann würden wir gehen können. Mein Begleiter ging nach links, meine Begleiterin nach rechts. Ich blieb in der Mitte zurück, und ich fühlte einen Augenblick nach, ob ich erlöst war. Ich war es nicht. Am Besten schien es mir, ich stellte mich zu den Blumen. Da stand ich – wahrscheinlich im Wege rum. Die bedeutend gekleideten Männer waren auch wieder da. Vielleicht sagte mir auch jetzt erst einer oder wieder, ich solle weitergehen, und nicht einschlafen. Ihn zu fragen, wohin ich denn gehen solle, wäre natürlich blöd. Er hätte gesagt: „Na weiter oder geh raus!“ Und das wäre auch eine sehr klare Antwort gewesen, wie man sie von einem der bedeutenden Männer am Eröffnungstag hätte erwarten können. Vielleicht hätte er mich auch nur kurz angeschaut und innerlich abgewunken, indem er zu sich selbst sagte: „Dem ist nicht zu helfen. Aber da sind die Menschen! Hinein in den Menschenpark!“ Jedenfalls griffen Frauen nach Blumen, stellten einige wieder weg, griffen nach Anderen; darunter auch irgendwo meine Begleiterin. Bald stand mein Begleiter neben mir und sagte, während er in ein Meer von lila Blütenblättern zeigte: „Die sind auch schön!“ Und weiter: „Für 2 Euro auch ganz billig, oder?“ Dann zahlte meine Begleiterin, und man traf noch irgendeinen Mann, den ich nur noch verschwommen sah, und den ich mit irgendjemand anderem verwechselt habe, wie ich später beim Mittagessen bei einem Glas Wein erfuhr. Wir gingen dann gemeinsam raus. Mein Begleiter, meine Begleiterin und ich. Alles in mir neigte sich schon Richtung Aufzug. Ich ging aber zu den Treppen. „Wir können doch…“ sagte irgendwie ich jetzt ganz schwach, und wir stiegen die 20 Treppenstufen hinab, auf denen irgendeine Leiter stand, worauf ein oder zwei Männer standen. Ich weiß es nicht mehr genau. Unten dann wieder die roten Farbflecken. Mein Begleiter: „Wo Ausgang?“ Meine Begleiterin: „Ich meine, wir haben doch hier irgendwo geparkt.“ Er: „Nein (blöde Kuh), das Auto steht doch da!“ Ich sah dann das Ausgangsschild, fasste ihn mit meiner rechten Hand an seiner Hand und wies mit meiner linken auf das Schild. Er: „Jaja.“ Dann stiegen wir ein. Fuhren los und folgten den Ausgangsschildern. Mein Begleiter sagte indessen irgendetwas von sehr weißen Wänden und guter Beleuchtung. Meine Begleiterin, dass der Strom doch auch wohl sehr viel Geld koste. Mein Begleiter dann wieder, dass sie das ja mit ihren Orchideen bezahle, worauf sie noch sagte: „Musst Du immer so etwas sagen?“ Da, wo dann der Ausgang nach draußen sein sollte, hockten ein paar Handwerker herum und es war das Tor heruntergelassen, und es waren auch keine gelben Führer mehr da. Dann als meine Begleiter ihre Arme über den Kopf warfen, (weil wir hier nicht rauszukommen schienen,) sagte ich plötzlich: „Dreh um!“

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Circulo
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Liebes Charibdis,

Wenn ich mich recht erinnere, habe ich das selbst erlebt, mich dann am selben Tag hingesetzt, geschrieben und dann überarbeitet. Also eigentlich etwas Autobiographisch, ein Photo, das möglicherweise verwackelt ist.

Tschaui

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Wipfel
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Hi Circulo,

ich habe deinen Text gelesen. Alles. Und bin ratlos. Klingt nach einer (devoten?) Frau, die beobachtet - und alles, was sie für wichtig hält, mit Worten fotografiert (deine Worte). Ich will nichts lesen, wie es war. Ich will von dir lesen, wie es hätte sein können. Du beobachtest genau - jedoch macht das noch keine gute Geschichte aus. Gut wird sie durch deine Phantasie, durch Wendungen, durch Dramatik, durch Übertreibungen. Keiner will lesen, was wirklich passiert. Schreibe das Unmögliche. Schreibe das Verbotene. Schreibe aus deiner Seele.

GrĂĽĂźe von wipfel

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Circulo
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Liebes Wipfel

Danke fĂĽr Deine Kritik!
Ich möchte zu bedenken geben, dass sich die beiden Seiten der Dichotomie Beseelt-Phantasie-Leben-Sein und Technisch-Real-Körper-Haben nicht klar von einander trennen lassen. Sowohl der Surrealismus beschreibt aus der Wirklichkeit (Breton, H. Miller) wie auch eher Expressionistische Kunst etwa in der Verwendung von Montagetechnik (Döblin) und Dokumentarischen Gehalten (P. Weiss) zwischen Dichtung und Wahrheit liegt. Aus Theoretischer Sicht scheitert die Geschichte also nicht.
Mit Photographie meine ich nicht den technischen Prozess des Abbilden eines Gegenstandes. Das Wort und die Sache bergen größeren Reichtum in sich. Möglicherweise gibt es geheimnisvolles, Beseeltes, was so nahe liegt, dass es Phantasie gar nicht einholen kann
Mit der Umsetzung meiner Geschichten aber bin ich selbst nie wirklich zufrieden. Was nicht heißt, dass sie Verständlicher werden müssen. Möglicherweise ergibt sich hier auch in meiner Auseinandersetzung mit Deinen Texten produktiver Austausch.

Beste GrĂĽĂźe

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Rafi
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Ganz ehrlich – ich versteh's auch nicht so ganz …
Aber ich muss zugeben, dass diese Art „fotografischer Erzählung“ durchaus ihre Reize hat. Obwohl es mir – aber das ist vielleicht auch nur mein persönlicher Geschmack – lieber gewesen wäre, hätte ich verstanden, wer oder was denn eigentlich der Erzähler, die Erzählerin (das Erzählende?) ist. Männlicher und weiblicher Begleiter – sind das die Eltern, Herrchen und Frauchen? Die Szene, in der von den anscheinend plötzlich gewachsenen Haaren und dem darauf folgenden Gelächter erzählt wird, hab ich mal gar nicht kapiert. Auch die Metapher, die dahinterzustecken scheint, entzieht sich mir. Wieso wird das mit dem Gelächter im Möbelhaus gleichgesetzt?
Vielleicht wäre die Geschichte als solche einen Hauch besser, würde sie tatsächlich als „Geschichte“ erzählt. So, wie sie jetzt ist, finde ich sie einfach zu trocknet und zu verwirrend. Aber noch einmal: Den Stil und die Idee dahinter finde ich interessant und reizvoll.

GrĂĽĂźe
Rafi

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