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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Familien Glosse
Eingestellt am 11. 04. 2014 16:10


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Martha Pfahl
Hobbydichter
Registriert: Apr 2014

Werke: 2
Kommentare: 1
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Es gibt Dinge, die begreift man in ihrer ganzen Tragweite erst, wenn man sie erlebt.
Früher dachte ich mir immer, wenn mein Kind in der Öffentlichkeit bockt, bleib ich cool und störe mich nicht an den Blicken anderer Leute.
Das hat bisher eigentlich auch immer ganz gut geklappt.
Aber das erste Erlebnis bei dem ich dann doch an das Ende meiner Coolness kam passierte an einem verhängnisvollen Septembertag.

Mutter und Tochter (fast drei) gehen einkaufen, es ist schon nachmittags, es ist komischerweise viel zu warm. Aber die Stimmung ist gut.
Auf dem Nachhauseweg allerdings wird es dann kippelig. Die Tochter wird knatschig, mag nicht mehr laufen. Mutter schleppt die Einkäufe und will das Kind nicht tragen. Klassischer Interessenkonflikt, für den es in der kindlichen Welt scheinbar nur eine Lösung gibt: Schreien, was das Zeug hält.
Hier beginnt ein Drama, dass dem “Ring der Nibelungen” kaum in Kraft, Lautstärke und LÄNGE nachsteht. Nur die Anzahl der Akteure ist wesentlich begrenzter als bei Wagners Opus Magnum.
Es sind nur zwei.

Akt 1
Mitten in einer Wohnstraße mit Mehrfamilienhäusern sinkt die Protagonistin (natürlich das Kind) schluchzend und voller, für alle Umstehenden spürbarer, Verzweiflung in sich zusammen. Ein hohes „MAMAAAAA – kann nich laufääääään“ hallt durch die Häuserschlucht, während sie sich in stimmliche Höhen aufschwingt, in denen noch nie zuvor ein Mensch gewesen ist. Die Statistin am Rande (natürlich die Mutter), überlegt noch kurz, wie sie nun in dieser Szene agieren soll, denn es wurde vergessen, das Drehbuch an sie weiter zureichen.
Auf den Rängen (also in den Fenstern der umliegenden Wohnungen) und in den Logen (die dazugehörigen Balkone) sammeln sich die ersten Zuschauer, um dem Schauspiel beizuwohnen.

Akt 2
Für einen Moment verstummt das Kind. Hoffnung keimt auf, doch nur um gleich wieder von einem ohrenbetäubenden Schrei wieder zerrissen zu werden! „MAAAMMAAAA AUA!“
Die Mutter versucht, zwischen dem Wehklagen das Kind zu beruhigen und ihren pädagogischen Grundsätzen treu zu bleiben. „Nein, du läufst jetzt noch ein Stück. Ich bin auch vollbepackt und müde. Ich kann dich nicht tragen.“ Dieser Versuch ist selbstverständlich zum Scheitern verurteilt.
Die Zuschauer werden immer mehr, langsam wird es der Mutter doch unangenehm im wörtlichsten Sinne derart von oben herab betrachtet zu werden. Das Kind scheint die wachsende Unsicherheit zu spüren und dreht noch weiter auf.

Akt 3
Die Mutter stellt die Einkäufe ab und geht zu ihrem schreienden Kind, sie versucht es noch mal in nett. „Komm Schatz noch ein Stück, wir sind schon fast zu Hause“. Das Kind schreit. „Ich trage dich jetzt nicht, da kannst du schreien, wie du willst“. Das Kind deutet das offensichtlich als Aufforderung und schreit so viel es will.

Akt 4
Die Mutter gibt auf. Sie nimmt das schreiende Kind auf den Arm, das augenblicklich das Schreien einstellt, aber weiter mitleiderregend schluchzt. Die Mutter hört deutlich die schlechten Kritiken aus dem Zuschauerraum. Sie war schwach und hat sich nicht durchsetzen können, wird da festgestellt.
Trotz der Enttäuschung wird über potenzielle Karrieremöglichkeiten für das Kind nachgedacht. Opern-Diva ist doch bestimmt ein solider Beruf und schließlich soll man doch die Talente des Kindes fördern!

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