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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Familienanschluss möglich?
Eingestellt am 25. 09. 2016 11:40


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Arno Abendschön
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Drei Wochen nach dem Umzug besuchte Ben seine Leute daheim und fühlte sich ihnen schon entfremdet. Wenn sie mit ihm über seine Angelegenheiten sprachen, erkannte er sich selbst kaum wieder. Sie legten Gewicht nur auf die für ihn nebensächlichsten Dinge und was ihm selbst bedeutend erschien, konnte er ihnen nicht mitteilen.

„Ulf wird vielleicht einmal mit hierherkommen“, sagte er. Da gab er nun doch etwas über den neuen Kollegen preis.

„Oh, ich habe es ja gewusst“, sagte die Großmutter, „in Stuttgart wirst du dich einleben. In der Fremde ist ein treuer Freund Gold wert. Halte ihn dir warm.“

Am Sonntag darauf durfte er Ulf mit Eltern auf einem Ausflug begleiten. Sie fuhren am späten Vormittag ab, Ulf am Steuer, ihr Ziel ein altes Städtchen im Unterland. Dort lebte ein Kriegskamerad von Ulfs Vater, sie hatten sich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Der Schuster belebte sich immer mehr, je näher sie dem Ziel kamen.

Der Kamerad war schon Rentner. Er wohnte mit seiner nur wenig jüngeren Frau in einer gepflasterten Gasse, die vom Marktplatz abging. Sie aßen bald zu Mittag. Auf die Vorbereitung des Mahles war viel Mühe verwendet worden, die Hausfrau schien ein wenig erschöpft. Ulfs Mutter lobte alles und erkundigte sich nach den Rezepten. Die beiden älteren Männer setzten mehrmals dazu an, sich den Verlauf ihres Lebens seit dem Krieg zu erzählen, und kamen über Ansätze nicht hinaus. So viel Entscheidendes kann man nicht zwischen Suppe, Braten und Nachtisch unterbringen. Das festliche Essen behauptete sich gegenüber einer Vergangenheit, die jetzt vor allem mühselig erschien, vielleicht auch nicht mehr in allem verständlich. Manchmal brachen sie mitten in einem Satz ab und hingen schweigend ihren Erinnerungen nach. Es war, als suchten sie selbst den Sinn im Gewesenen. Von der Kriegszeit sprachen sie gar nicht. Der Schuster versuchte vergeblich, ein Tischgespräch mit den jungen Männern in Gang zu bringen. Die Kinder der Gastgeber lebten an verschiedenen weit entfernten Orten.

Ben mochte für das fremde Ehepaar wie ein unscheinbarer und dennoch exotischer Vogel sein, der statt zu singen in rätselhaftem Schweigen verharrt. Ulf war kaum mitteilsamer. Sein Sonntagsanzug, obwohl gut geschnitten, beengte ihn. Das Jackett ließ die gewohnten Bewegungen nicht zu, das freie Spiel von Muskeln und Gliedern. Vielleicht versagte er es sich auch nur. Der Hals kam recht steif aus dem weißen Kragen heraus. Ein Panther saß vorübergehend in der Falle – kein schöner Anblick.

Der Kriegskamerad führte sie nach dem Essen durch die kleine alte Stadt. Die Hausfrau kam nicht mit. Ihr Gastgeber zeigte ihnen das Rathaus, die Kirchen, die Türme. Sie bestiegen einen von ihnen und sahen weit über das Land. Dort oben wurde Ulf von Ben fotografiert, Ulf, mit schiefem Hals und vom Sonnenlicht etwas geblendet.

Die Führung war sicher schon öfter gemacht worden. Es ging dabei nur um den Ort, der teils herausgeputzt, teils auch ein wenig verwahrlost erschien. Ihre persönlichen Verhältnisse blieben während des Rundganges unberührt. Das änderte sich, als ihr Gastgeber sie vor die Stadt und in seinen Obstgarten führte. Nun wurde ihnen jeder Apfel- und jeder Birnbaum wie ein teures Familienmitglied oder alter Duzfreund vorgestellt. Der Kriegskamerad belebte sich noch mehr, als er vom Keltern erzählen konnte. Ulfs Vater hörte ihm nun mit sichtlich mehr Interesse zu als vorhin. Wenn sie über die verschiedenen Brände sprachen, kam endlich Wärme in ihre Stimmen. Der Schuster war gewiss kein Trinker, dennoch erregte ihn die Vorstellung eines guten Obstlers jetzt in einem Maß, das man an ihm sonst nicht wahrnahm.

Auf dem Rückweg wandte sich Ulf mit einem Vorschlag an Ben: „Du könntest doch später bei meiner Tante wohnen. Sie vermietet auch ein Zimmer, es ist allerdings gerade nicht frei.“ Ben wusste, diese Tante lebte in derselben Straße wie Ulf. Er nickte und war sich unsicher. Sollten die Familienbande enger und enger geknüpft werden, wünschten sie beide sich denn gerade dies?

Es folgte der Nachmittagskaffee. Dazu wurden auch Obstschnäpse angeboten. Ulf musste leider auf das Probieren verzichten, da man bald heimfahren wollte. Die Älteren redeten jetzt noch mehr und oft schon durcheinander. Alle Themen wurden nur angeschnitten: Politik, die kommenden Wahlen, Gelddinge, moderne Kunst, Kriminalverbrechen … Man war sich schnell einig in allem. Ben sagte fast nichts. Ulf versuchte mitzuhalten. Er wirkte auf Ben weniger stark durch das, was er sagte, als vielmehr durch seinen um größtmögliche Loyalität bemühten Tonfall. Dieses Bemühen um Bravheit hatte Züge, die an Leidenschaft grenzten. Wenn man es doch auf andere Ziele lenken könnte … Nicht vorzustellen die dann zu erwartende Seligkeit.

Nach dem Kaffee trat man die Rückfahrt in die Großstadt an. Sie durften sich größere Mengen von Birnenmost mitnehmen. Ben verzichtete, er habe keine Möglichkeit der Lagerung.

Ben notierte abends über den Ausflug in seinem Tagebuch: Ich war ganz verliebt in Ulf und es fiel mir schwer, mich zu beherrschen. Ich will aber sehr vorsichtig sein bei der Dosierung und langsamen Steigerung der Zärtlichkeiten. Bloß nichts überstürzen! Warum nur erregt mich gerade die Vorstellung so sehr, ihm in Gegenwart seiner Eltern oder von Kollegen um den Hals zu fallen? So etwas Törichtes könnte ich doch gar nicht tun. Es ist also eine Zwangsvorstellung. Von fixen Ideen befreit man sich, habe ich allerdings gelesen, indem man sie einmal verwirklicht. Wer weiß, was noch passiert …

Ulf sagte einige Tage später: „Sei froh, dass du nichts mitgenommen hast. Der Most ist uns daheim ganz schnell sauer geworden.“ Weiter wurde über den Ausflug nicht mehr gesprochen, auch nicht über das Zimmer der Tante.

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