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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Familienduell
Eingestellt am 05. 02. 2004 23:29


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jane-schubat
???
Registriert: Feb 2004

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Familienduell

„Dieses Wochenende kommen uns die Dresdner besuchen.“teilte ich meinem Mann beilĂ€ufig mit,wĂ€hrend ich unter SchrĂ€nken und Kommoden nach Staub und irgendwann verlorengegangenen Sachen hangelte.
„Das weiß ich.“murmelte er nur,ohne dabei von seinem Buch aufzublicken.
„Woher weißt du das?“fragte ich verwirrt.
„Ich habe dich gestern gehört,als du unsere Tochter pausenlos zum Thema `lineare Argumentation`ausgehorcht hast.“
„Das hat nichts zu bedeuten.“winkte ich gelassen ab.
„Doch es gibt MĂ€nner,mit denen kann man sich unterhalten,und es gibt solche,mit denen man sich einfach nur streiten kann.Und zu Letzteren gehört leider mein werter Herr Bruder.Ich bin eine kluge und lebenserfahrene Frau,wie du zugeben wirst,weshalb ich einfach weiß,daß man die Welt nicht in irgendwelchen mathematischen Gleichungen erfassen kann.Ich habe Einsteins RelativitĂ€tstheorie studiert und mir ist schleierhaft,was sie mit den heutigen RealitĂ€ten zu tun haben soll.Schließlich bin ich ein Mensch und kann mich nicht urplötzlich in gebĂŒndelte Energie verwandeln,um als masseloser Lichtstrahl bei meinen Vorfahren zu erscheinen.Stell dir doch mal vor,“kicherte ich jetzt, „ich erschiene 9 Monate vor der Geburt meines Bruders bei unseren Eltern und bestĂ€nde darauf ein Einzelkind zu sein.Wissenschaftlich betrachtet hĂ€tte ich damit meinen Bruder fĂŒr immer und ewig ad absurdum gefĂŒhrt.“Ich strahlte zufrieden.
Am Sonnabend,pĂŒnktlich um zehn,klingelte es bei uns an der WohnungstĂŒr.Nachdem meine Nichte,mein Neffe und meine SchwĂ€gerin hereingerauscht waren,blinzelte ich etwas verwirrt.
„Papa kommt spĂ€ter.“erklĂ€rte mir meine Nichte.
„Sein Computer ist abgestĂŒrzt,sein Auto nicht angesprungen,weswegen er den Zug verpaßt hat.“
„Aber er hat ein Fahrrad.“sagte ich enttĂ€uscht.
„Warum hat er nicht das Fahrrad genommen?“Irgendetwas drohte schiefzulaufen.
Nachdem wir alle zu Mittag gegessen hatten,klingelte es erneut an der WohnungstĂŒr.
„Mach deinem Onkel die TĂŒr auf und sag ihm,daß das Essen nun kalt ist.“wandte ich mich an meine Tochter und verschwand zum Abwaschen in der KĂŒche.
Der Nachmittag gestaltete sich dann ziemlich langweilig.Als ich mich lauthals darĂŒber beklagte,daß wir alle Sklaven der Technik wĂ€ren,denn meine Mikrowelle beispielsweise hĂ€tte mittags das Fleisch halb verkohlt statt es nur aufzuwĂ€rmen,hörte mein Bruder ĂŒberhaupt nicht hin.Wahrscheinlich war das Thema Haushalt weit unter seinem Niveau.Die Kinder hatten sich in das Zimmer meiner Tochter zurĂŒckgezogen,und mein Mann und meine SchwĂ€gerin diskutierten ĂŒber Erziehung.Frustriert rief ich also meine Mutter an,um mit ihr darĂŒber zu plaudern,daß mein Bruder mal wieder zu spĂ€t gekommen sei und ich aber ansonsten alles im Griff hĂ€tte.Ich fĂ€nde es furchtbar,daß sie nun wieder auf dem halbverkohlten Fleisch herumreiten wĂŒrde.
Abends kamen wir dann zum gemĂŒtlichen Teil.Feierlich machte ich einige einleitenden Bemerkungen.Als ich an der Stelle angelangt war,die beweisen sollte,daß gesunder Menschenverstand noch immer höher einzuschĂ€tzen sei als irgendwelche mathematischen Spinnereien,verengten sich die Augen meines Bruders zu engen Schlitzen.Ich selbst könne ruhig mit Donnerkeil bewaffnet ĂŒber immergrĂŒne Wiesen laufen,das ginge ihn nichts an.Aber wenigstens den Kindern sollte ich doch eine etwas glĂŒcklichere Zukunft gönnen.
Das mĂŒsse er mir gerade vorwerfen,daß ich nicht an die Kinder dĂ€chte.Da er selbst doch am liebsten strammstehende Ordnungsfanatiker neben sich hĂ€tte,die blitzsauber ausgemessen ihre Sachen in ihre SchrĂ€nke einzurĂ€umen wĂŒĂŸten.Im ĂŒbrigen glaubte ich an einen Gott.Jetzt flippte mein Bruder aus,wie ich mit Genugtuung zur Kenntnis nahm.Den erstaunten Blick meines Mannes ignorierte ich einfach.Meine SchwĂ€gerin,angeregt durch die Diskussion,warf meinem Bruder jetzt vor,wo er ĂŒberall seine Socken hinschmeißen wĂŒrde,wĂ€hrend er die Kinder morgens darĂŒber belehrte,daß ausgezogene SchlafanzĂŒge nicht ĂŒber die Sessellehnen im Wohnzimmer gehörten.Langsam tappte mein Bruder immer weiter in die aufgestellten Fallen.Und als er endlich mit der Faust auf den Tisch donnerte,hatte meine Stunde geschlagen.Genau das wĂ€re es,ereiferte ich mich,immer diese seine Aggressionen,wenn er nicht Recht bekĂ€me.Verwirrt und eingeschĂŒchtert blickte er mich daraufhin einen Augenblick lang an.
„Und du hast mich immer bei unserer Mutter verpetzt.“hielt er dann trotzig dagegen.
„Und du hast immer Brotsuppe gekocht,wenn unsere Mutter abends spĂ€ter nach Hause kam,obwohl du genau wußtest,daß ich Brotsuppe haßte.“konterte ich.
WĂŒtend begannen wir jetzt gegenseitig an unseren Weltanschauungen herumzukritteln.Mittlerweilen waren wir dazu ĂŒbergegangen,uns mit Bleistift und Papier bewaffnet eifrig Notizen zu machen,bevor wir zu unseren Gegenargumenten ausholten.Langsam hatte sich der Kreis unserer Familie um uns herum aufgelöst.
„Soll ich noch eine Flasche Wein aufmachen?“fragte ich meinen Bruder einlenkend,der nun doch etwas erschöpft auszusehen begann.Eigentlich sei es doch unbestritten,daß ich eine kluge und lebenserfahrene Frau sei,erklĂ€rte ich selbstbewußt.SelbstverstĂ€ndlich,nickte mein Bruder nur und sah versonnen in sein Weinglas.Dann sprachen wir uns so richtig aus.Und als am nĂ€chsten Morgen unsere Familie den FrĂŒhstĂŒpckstisch deckte,schlich mein Bruder ins Bett.Ich aber stand mittags halb ohnmĂ€chtig am Herd und dachte zufrieden,den hast du mal wieder anstĂ€ndig unter den Tisch gequatscht,deinen Bruder.

__________________
Ich lebe in höheren SphĂ€ren,weil ich mich vor dem Absturz fĂŒrchte.

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Stephanie Seelig
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Registriert: Oct 2001

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hallo jane

HÀtte gerne noch die Disskusion zwischen Bruder und Schwester gelesen und mir fiel ein, dass ich damals, als ich gegen meinen Àlteren Bruder noch nicht ankam, ihm mit Holzklotschen gegen das Schienbein getreten habe, dass brauch ich heute nicht mehr *g. Nette Geschichte!
__________________
GesprÀche sind Leitplanken

GezÀhmte Lippen

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jane-schubat
???
Registriert: Feb 2004

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Hallo Stephanie,

Danke fĂŒr den Tip mit den Holzklotschen...Ich stĂŒrme morgen gleich zu Reno (sind doch Schuhe oder?).Ungeheuer wohltuend
eine hinsichtlich dieses Problems verwandte Seele zu finden.
Herzlichen Dank auch fĂŒr Deine Meinung.

Jane
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Ich lebe in höheren SphĂ€ren,weil ich mich vor dem Absturz fĂŒrchte.

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