Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5508
Themen:   94047
Momentan online:
257 Gäste und 16 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Familiengeschichte
Eingestellt am 12. 05. 2017 17:51


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
fuuly
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2017

Werke: 3
Kommentare: 7
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um fuuly eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Emilias Briefe
Das Dorf liegt da wie ausgestorben. Eine trĂŒgerische Ruhe. In dieser Mittagshitze flimmert die aufgeheizte Luft, man kann sie sehen, die Luft. Das ist ein seltener Tag, an dem man die Luft sehen kann. Wie sie aufsteigt nach oben, wirbelt und glĂŒht und im dunstblauen Himmel verschwindet. Es riecht nach stickigem Staub und reifen Roggenfeldern. Die Hunde liegen an der Kette im Schatten der Kastanien. Hecheln benommen, ohne Kraft.
Wo sind die Leute alle? Was machen sie? Dösen sie in ihren HĂ€usern, wo es kĂŒhler ist? Arbeiten sie auf den Feldern oder im Steinbruch? Es ist niemand da zu sehen.
In die drĂŒckende SchwĂŒle hinein schlĂ€gt unvermittelt eine Glocke an. Es ist der helle Klang der kleinen Glocke. Das Kirchlein des Dorfes hat zwei Glocken, zusammen lĂ€uten sie fĂŒr gewöhnlich den Sonntag ein oder rufen zum Gottesdienst. Aber heute ist Werktag und wenn an Werktagen die kleine Glocke schlĂ€gt, dann ruft die sie nach dem Tod.
So ist das da in dem Dorf. Einer von ihnen muss gehen.
Es traf Emilia. Ausgerechnet Emilia, die die Sonne so liebte und so gerne in heißen LĂ€ndern gelebt hĂ€tte. Heute wird sie beerdigt und der Friedhof ist zu klein fĂŒr die vielen Menschen alle. Eine schwarze Decke hat sich ausgebreitet ĂŒber Blumen und GrĂ€sern, ĂŒber Hecken und Heidekraut. Da sind sie alle. Fast alle, das ganze Dorf und alle in Schwarz.
Es ist nicht die Trauer, die sie herfĂŒhrt, es ist das Ereignis. Nein, um Emilia trauern sie nicht. Sie denken allenfalls: ‚Gottlob bin ich es nicht, es ist an mir nochmal vorbeigegangen.’ Aber Emilia ist wirklich tot und sie wird gleich verschwinden in diesem rechteckig sauber von den TotengrĂ€bern ausgestochenen Erdenverlies.
Der ausgehobene ErdhĂŒgel ist mit Blumen und KrĂ€nzen ĂŒbersĂ€t, sie liegen da, die Blumen, und welken, abgeschnitten, getrennt von ihren Wurzeln beginnt auch ihr langsames Sterben. Warum tötet man die Blumen? Der tote Mensch soll nicht alleine sein, die Blumen mĂŒssen mit ihm sterben, man hört sie nicht schreien, es riecht nur nach welkenden Blumen, nach Blumenleichen im Todeskampf.
Am Grab steht Lara mit ihren beiden Söhnen, zwei gut aussehende Jungen, beide um die zwanzig, die in ihrer Trauerkleidung etwas verloren wirken. Sie haben sich bei ihrer Mutter untergehakt und Lara steht wie eine SĂ€ule, von den Blicken der schwarztragenden Menschen durchbohrt. Die einzigen Hinterbliebenen, das, was von der Familie noch blieb. Emilias Mann war frĂŒh gestorben, danach ebenso ihr einziger Sohn, Carl, der mit Lara verheiratet war.
Emilia, das Dorfkind angelte sich damals den Bergassessor, wie die Menschen ihn nannten, kein besonders gut aussehender junger Mann, aber ein Akademiker, den es aus der Stadt hierher verschlug, weil die Bergwerksgesellschaft fĂŒr die Leitung des Kalkwerks einen Assistenten suchte. Er kam direkt von der Uni, um die Arbeiter in den SteinbrĂŒchen zu beaufsichtigen. Er wurde bald Werksleiter und sie lebten in einer gerĂ€umigen Villa, die die Gesellschaft ihnen zur VerfĂŒgung stellte. Im fĂŒnften Ehejahr kam ihr einziges Kind auf die Welt. Der Carl, dass er mit C vorne geschrieben wurde, beschĂ€ftigte damals wochenlang die dörfliche Welt.
Die schwitzenden Menschenleiber kleben dicht gedrĂ€ngt in ihren viel zu engen Kleidern und AnzĂŒgen. Man kann das förmlich fĂŒhlen, wie sie in Gedanken noch einmal Emilias Leben durchpflĂŒgen und nach Unebenheiten Ausschau halten, nach kleinen Flecken vielleicht auf diesem Glanzbild einer so wohlgeratenen Familie.
Es gibt im Dorf keine Geheimnisse. Sie wissen alles, es bleibt nichts verborgen. Der Dorfdoktor ist einer von ihnen und die Sprechstundenhilfe auch. Schweigepflicht? Ja, die gibt es, aber ist es nicht gerade das Schweigen, was so verdÀchtig ist?
"Sie sorgte fĂŒr ihre Familie, sie war der Mittelpunkt, ein so guter Mensch." Die Worte des Pfarrers klingen an den Ohren der Umstehenden vorbei, lösen sich auf, in der heißen Luft.
"Sie folgt nun ihrem geliebten Mann und ihrem einzigen Sohn, die so frĂŒh abberufen wurden, in die Ewigkeit." Man hört dem Pfarrer nicht wirklich zu. Die Leute hatten Carl vor ihren Augen, Laras Mann war vor drei Jahren der Krankheit erlegen, die hĂ€ufig bei Kettenrauchern dem irdischen Wirken ein Ende setzt.
„Vielleicht wollte Carl sterben, musste er soviel rauchen, ein langsamer Selbstmord, ob Carl etwas wusste?“ Laras Gedanken machen sich selbststĂ€ndig, schwirren davon ĂŒber die sterbenden Blumen hinweg zurĂŒck in die Vergangenheit.
Manche Bilder haben sich in Erinnerungen festgesetzt, im GedĂ€chtnis eingefrĂ€st. Andere Ereignisse oder Begegnungen sind vergessen. Begrenzter Speicherplatz im menschlichen Gehirn. "In glĂŒcklichen und schweren Tagen ...", hört sie den Pfarrer sagen, sie denkt an Carl und daran wie sie sich kennen lernten.
Laras Vater und der Bergassessor waren Jugendfreunde. Ihre Wege hatten sich getrennt, sie sahen sich hin und wieder bei Klassentreffen, sie verheirateten sich, grĂŒndeten eine Familie. Laras Vater in der Großstadt und sein Freund eben mit Emilia hier im Dorf.
Lara sieht das Bild wie gestern vor ihren Augen, da steht sie mit ihren Eltern am Hauptbahnhof ihrer Heimatstadt als der Zug einfĂ€hrt, die TĂŒren aufgehen, die Menschen mit Taschen und Koffern herausquellen und da ist Emilia mit ihrem Bergassessor und ihrem Sohn Carl. Als sie sich das erste Mal kĂŒssten, war viel Zeit vergangen. Carl hatte lĂ€ngst keine Pickel mehr im Gesicht und Lara war nicht mehr das kleine Pummelchen.
"Und fĂŒhre uns nicht in Versuchung", der Pfarrer murmelt das Glaubensbekenntnis, und alle murmeln mit. Laras Gesicht glĂŒht nicht allein von der Hitze.
"Wenn ich sterbe", sagte Emilia immer wieder, "wenn ich sterbe, verbrenne bitte alle meine Briefe." Sie hatte das so oft gesagt, dass Lara dem keine Bedeutung mehr beimessen konnte. Anfangs erwiderte sie noch: "Dann verbrenne sie doch selber." "Nein", hatte Emilia stets geantwortet. "Ich bringe es nicht fertig, verbrenne sie bitte, wenn ich nicht mehr da bin und schau nicht hinein, öffne sie nicht, ich sage es dir, lese sie nicht, das sage ich dir." In einer verschließbaren Blechdose bewahrte Emilia ihre Briefe auf. "Verbrenne die Briefe, nicht dass sie im Dorf herumgetragen werden." Im Dorf, ja sie wĂŒrden sich die Finger danach lecken, Emilias mit rosa Schleifchen gebundene Briefe zu lesen. "Als Kathrina starb, wurden all ihre Sachen mit dem SperrmĂŒll auf die Straße gestellt, die Kinder aus dem Dorf nahmen ihre alten Briefe aus einem kaputten Karton und spielten Post damit. Sie verteilten wahllos die alten Briefe in die BriefkĂ€sten und hatten ihren Spaß dabei." Das waren Emilias Worte und ihre sorgenvollen Gedanken.
Am Tag vor der Beerdigung zog es Lara zu der Blechdose zwischen Emilias persönlichen Sachen. Lara zögerte lange, aber sie öffnete die Dose schließlich doch. Ein kleines BĂŒndel Briefe war abseits, fast versteckt, mit einer roten Schleife verknotet, alle anderen UmschlĂ€ge lagen offen daneben. Lara staunte, denn sie kannte die Schrift. Wirklich?
Es war die Schrift ihres Vaters, kein Zweifel. Sie kannte seine geschwungene, unverwechselbare Handschrift. Wie in Trance löste sie die zierliche Schleife und nahm den ersten Brief in die Hand, wendete den Umschlag ein paarmal ehe sie den Brief herauszog.
Mein liebes Mielchen, stand dort, Lara war fasziniert und gebannt las sie die folgenden Zeilen. Es war eine LiebeserklÀrung ihres Vaters an Emilia. Dann schrak Lara zusammen, sie hatte das Datum gesehen, Emilia war da schon lange verheiratet, als dieser Brief geschrieben wurde. Die Buchstaben in der saubere Schrift tanzten auf dem vergilbten Papier. Was stand da, nein es konnte keinen Sinn ergeben, die Worte mussten vertauscht sein: Der kleine Carl ... vielleicht ...das meinst Du? - unser Sohn?
Die Schrift ihres Vaters! Lara schwanden sie Sinne. Ein klarer Gedanke war nicht mehr zu fassen, sie warf alles zurĂŒck in die Dose, verschloss sie und nahm den SchlĂŒssel an sich.
Lara presst die eingehakten Arme ihrer Söhne fest an sich. Der Satan ist auch hier, immer ist er da. Was ruft er zwischen den Worten des Pfarrers? Inzest! Die Dörfler hören es nicht, oder doch? "Emilia, warum hast Du deine Geheimnisse nicht mit ins Grab genommen. Carl und ich, mehr als nur seelenverwandt? Was ist mit meinen Söhnen? Welches Blut tobt in ihren Adern?" Und es ist noch lange heiß an diesem Tag, auch als alle gegangen sind. Lara ist allein im Haus, der Abend bringt endlich etwas AbkĂŒhlung, es ist die magische Kraft eines bösen Magneten, der sie zu den Briefen in der Dose hinzieht. Und sie öffnet sie also erneut, und beginnt zu lesen. Nur ein paar Zeilen, dann nimmt sie einen Briefumschlag nach dem anderen, ungelesen und legt sie in den offenen Kamin und hĂ€lt ein Streichholz dran. Das alte Papier krĂŒmmt sich, als ob es sich vor Schmerz zusammenkrallt und verwandelt sich bei aufflackernden Flammen in schwarze AschenblĂ€tter. Draußen ist es dunkel geworden, man wird den Rauch nicht sehen, im Dorf wird man sich nichts dabei denken. Lara nimmt jeden Brief einzeln und legt ihn in das schwelende Feuer. "Was wird dort alles geschrieben stehen, hĂ€tte man es lesen sollen, nein es ist das, was nur zwei Menschen etwas angeht, oder? Ich bin auch betroffen, mehr als davon betroffen", denkt Lara immer wieder. Warum haben beide Laras Heirat mit Carl nicht verhindert. Sie hĂ€tten es tun mĂŒssen, aber dann wĂ€re ihr Geheimnis offen gewesen und ihre gehĂŒtete Welt in Scherben zerfallen. Ein Brief hebt sich ab von den anderen, sie nimmt ihn als einer der letzten. Mit einer Briefmarke und einem Stempel aus einer anderen Zeit.
Liebe Emilia, er schreibt nicht mehr Mielchen. Lara ĂŒberfliegt zitternd die Zeilen:
Heiraten ... die Kinder mögen sich so ... unzertrennlich
Lara saugt die Schriftzeichen in sich auf: ... wir hatten nichts gesagt ... Lara war noch so klein ...wir brachten es nicht ĂŒbers Herz
 Was? Was steht da? Ein Wort wie Sprengstoff: Adoption!
Die Flamme im Kamin lodert ein letztes Mal auf und Lara verlÀsst beklommen das Haus. Sie stapft hinaus in die Sommernacht, lÀsst ihren TrÀnen freien Lauf.
Die Luft hat sich abgekĂŒhlt, aber der Erdboden ist aufgeheizt und gibt die WĂ€rme ab nach oben, Laras Wangen glĂŒhen: "Bin ich es? In Wirklichkeit bin ich es nicht!" Sie geht an den erntereifen Feldern vorbei in die sternenklare Nacht. Es wird morgen wieder ein heißer Tag.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 279
Kommentare: 8227
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo fuuly, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den hÀufig gestellten Fragen ans Herz legen. Hier klicken


Viele GrĂŒĂŸe von flammarion

Redakteur in diesem Forum

Bearbeiten/Löschen    


1 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Werbung