Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92225
Momentan online:
432 Gäste und 17 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
Farbenspiel - Teil 1: ROT
Eingestellt am 13. 02. 2002 12:56


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Chrissie
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2000

Werke: 67
Kommentare: 602
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hallo ihr Lieben,

vor allem Elsa und RS. Ich hatte im September hier eine Story mit dem Titel "Rot ist eine schöne Farbe" veröffentlicht und speziell Euch beiden eine Überarbeitung des Plots versprochen. Nach Monaten existenzieller Selbstzerfleischung und Schreibblockade kann ich nun endlich wieder.
Hier ist das Ergebnis, wie auch unter "Kurzgeschichten" bereits gepostet.

Liebe GrĂŒĂŸe
Chrissie

- Rot -


Warm umhĂŒllte sie der Klang aus den Boxen, der Subwoover hĂ€mmerte die blubbernden Rhythmen erregend in ihren Unterleib. Lilli schwamm in der Musik, durchschnitt mit ihrem Körper die Schwaden aus Rauch und die Wogen der Leiber, die mit ihr die TanzflĂ€che bevölkerten. Durch ihre geschlossenen Lider nahm sich die Lightshow wie das rote Wabern im Innern einer GebĂ€rmutter aus. Die Farbe Rot hatte ihr schon immer sehr gefallen, schon als sie noch ein kleines MĂ€dchen war.

„Ach Lilli-SchĂ€tzchen, das ist lieb von dir – aber guck mal, die armen Blumen sind ja schon ganz kaputt gegangen in der Hitze. Draußen auf der Wiese sehen sie doch sowieso viel schöner aus und halten sich auch viel lĂ€nger.“ Ihre Mutter löste die klebrigen StĂ€ngel gequetschten Klatschmohns aus der schwitzenden Kinderhand, wodurch BlĂŒtenblĂ€tter auf den Boden regneten, dabei schwarzen Pollen ĂŒber den weißen KĂŒchentisch aus Resopal stĂ€ubend. „Pass auf, dass du nicht auf die BlĂ€tter trittst, die Flecken bekomme ich nie wieder aus dem Teppich `raus und den Tisch kann ich jetzt auch schon wieder abwischen, ach je...“ seufzte sie „... und die Blumen brauchen wir gar nicht erst in Vase zu stellen. Die tun wir gleich in den Garten auf den Kompost!“. TrĂ€nen wĂŒrgten in Lillis Kehle. „Ich wollte doch bloß, dass du dich freust Mama...“, im Hinausgehen hörte sie ihre Mutter noch hinzufĂŒgen: „Ich freu mich doch Schatz, aber denk halt einmal ein bisschen nach, bevor du etwas machst!“, gefolgt von diesem wohlbekannten resignierten Seufzen mĂŒtterlicher Verzweiflung, was Lillis feuchte Augen endgĂŒltig zum Überlaufen brachte. Sie verkroch sich im Wohnzimmer mit ihrem Lieblings-Sofakissen hinter dem Sessel ihres Vaters, um leise vor sich hin zu heulen. Das Kissen war vorne aus kuscheligem Lammfell, hinten aus kĂŒhlem Inlett. Zum Weinen nahm sie immer die Fellseite, weil man da die Flecken nicht so sehr sah. Von diesen Kissen gab es drei auf der sandfarbenen Couch ihrer Eltern: ein ockergelbes, ein blaugrĂŒnes und ein rostrotes. Das Rote war ihr liebstes. Wenn ihr Kopf heiß war vom GrĂŒbeln oder von Kopfschmerzen dröhnte, drĂŒckte sie ihre Stirn gegen den glatten, kĂŒhlen Stoff sich in ein anderes Leben als Indianerprinzessin im Urwald trĂ€umend, so wie bei Mogli im Dschungelbuch. War sie dagegen wĂŒtend vor Trauer, so buddelte sie ihr Gesicht in das weiche Fell und stellte sich vor, es wĂ€re ein großes rotfelliges Mischwesen, ein BĂ€ren-Hund, der ihr allerbester Freund sei, der sie immer beschĂŒtzen wĂŒrde. Nie wĂŒrde der zu ihr sagen: „Wo hast du denn schon wieder deinen Kopf, Kind?“ oder :„Was du dir schon wieder ausdenkst!“ oder, zu einem anderen Erwachsenen gewandt: „Ich weiß auch nicht, was mit dem Kind los ist. Die ganze Zeit hockt sie in irgendeiner Ecke und liest – und wenn nicht, dann erzĂ€hlt sie Geschichten, die in so einem kleinen Hirn eigentlich nichts verloren haben. Und manchmal zieht sie eine Show ab... " und mit einem Seufzen: „Nichts wie Blödsinn im Kopf, ich weiß auch nicht, von wem sie das hat.“ DAS war das Erniedrigendste ĂŒberhaupt, wenn ihre Mutter sich mit einer Nachbarin ĂŒber den Gartenzaun hinweg ĂŒber Lilli unterhielt, wĂ€hrend sie daneben stand. Regelrecht von innen nach außen gestĂŒlpt fĂŒhlte sie sich in solchen Momenten, hilflos dem Spott ausgeliefert. Die Erwachsenen fanden es auch noch erheiternd, wenn sie dabei versuchte sich zu verstecken. Sogar zu ihrer Grundschullehrerin hatte ihre Mutter sie schon geschleift, weil mit ihr doch etwas nicht stimmen könne. Die Klassenleiterin hatte nur gesagt, ihre Mutter solle doch froh sein, dass sie so viel lese, da habe sie mit anderen Kindern weit grĂ¶ĂŸere Probleme. Sie hĂ€tte bei solchen Begebenheiten am liebsten eine rote Tarnkappe gehabt wie der Zwerg Alberich in der Nibelungensage. Jedenfalls stellte sie sich die Tarnkappe rot vor.

Die Musik war inzwischen etwas hĂ€rter geworden was ihr mehr Beinarbeit abforderte. Tanzen war eine angenehme BeschĂ€ftigung, fast so angenehm wie Sex. Sie konnte sich in beiden Beziehungen immer auf ihren Körper verlassen ohne denken zu mĂŒssen. Ihr nackter Bauch glĂ€nzte vom Schweiß und im Nacken klebte ihr Haar feucht zusammen. Ein kleines Rinnsal bahnte sich seinen Weg durch den Spalt ihrer Pobacken zwischen ihre Beine, um sich mit den vaginalen SĂ€ften in ihrem Höschen zu vereinen. Ein feuchter Fleck, ein feuchter, warmer Fleck – wie hatte sie als VierzehnjĂ€hrige solch einen Fleck herbeigesehnt!

Wenn Ă€ltere Frauen immer von ihrem „Zeug“ redeten: „Meine GĂŒte, mein blödes Zeug hab ich auch schon wieder...“, „Ach du Ärmste. Da hat der Herrgott uns Weiber schon geschlagen!“ und damit die Menstruation schilderten, als sei diese etwas entsetzliches, so klang das fĂŒr Lilli fast wie Blasphemie. Wie konnte eine Frau so etwas Großartiges wie ihr eigenes Frausein nur so in den Schmutz ziehen? Ihre Mutter sprach nur neutral davon: „Die Binden heute sind ja viel angenehmer zu tragen als frĂŒher. Als das bei mir losging, da hatten wir noch Leinenbinden, die musste man immer auskochen und die kratzten einen ganz wund. Sei bloß froh, dass du es da viel einfacher haben wirst. Und ihr werdet heute wenigstens aufgeklĂ€rt. Als ich das erste mal meine Tage hatte, da hatte ich Angst, auf den Tod krank zu sein und sterben zu mĂŒssen. Ich habe meine blutigen Unterhosen versteckt, bis deine Oma sie gefunden und mir gesagt hat, das wĂ€re normal und kĂ€me jetzt jeden Monat und ich solle bloß aufpassen, dass ich nicht schwanger werde. Dann hat sie mir diese kratzigen Leinendinger gegeben und die Unterhosen dazu, in denen man sie mit BĂ€ndern befestigte. Dabei dachte ich damals noch, dass man vom KĂŒssen schwanger wird.“ Wirklich ĂŒber GefĂŒhle sprachen Lilli und ihre Mutter nie miteinander, immer nur ĂŒber Erlebnisse aus Mutters Vergangenheit und wie gut es doch heute im Vergleich dazu heute wĂ€re. Sie hatte oft das GefĂŒhl, ihre Mutter wollte von ihr eine BestĂ€tigung, was fĂŒr eine gute Mutter sie doch sei – doch Lilli musste ihr diese BestĂ€tigung verweigern, da sie es selbst nie so empfand. Im Gegenteil, wirklich verstanden fĂŒhlte sie sich nie von ihr, was ihrer Meinung nach zur Liebe, auch zur mĂŒtterlichen, dazu gehörte. Ihr Vater hingegen war immer ihre Bezugsperson gewesen, der hörte sich ihre Geschichten an, als sie noch klein war und brachte ihr alles mögliche bei, wenn sie ihn etwas fragte. Manchmal ohne dass sie zu fragen brauchte, einfach so, weil es ihm selbst Freude machte, wie wissbegierig sie war. Noch bevor sie eingeschult wurde, wusste sie die Namen aller Pflanzen und Tiere, die es in ihrer Umgebung gab. Abends beim Fernsehen kuschelte sie sich immer dicht an ihren Vater, wĂ€hrend er gedankenverloren ihr Haar kraulte, das genoss sie, konnte nicht genug davon bekommen. Seit sie in die PubertĂ€t gekommen war, passierte das nicht mehr so oft. DafĂŒr konnte sie mit ihm ĂŒber Gott und die Welt diskutieren, wofĂŒr ihre Mutter weder einen Sinn noch Zeit hatte. Ihr Vater hielt große StĂŒcke auf Lilli. Er war stolz darauf, eine so intelligente Tochter zu haben. Doch ihre wahren Empfindungen, ihre Ängste vor allem, konnte sie ihm gegenĂŒber ebenso wenig Ă€ußern wie bei GesprĂ€chen mit ihrer Mutter. Sie hatte das unbestimmte GefĂŒhl, dass er ganz froh darĂŒber war. Die Erkenntnis andersartig zu sein hatte sich in den letzten beiden Jahren immer mehr in ihr verdichtet. MĂ€dchen in ihrem Alter interessierten sich nur fĂŒr Klamotten, Schminke, Musik - primĂ€r natĂŒrlich fĂŒr Jungs - sie machten sich nicht stĂ€ndig Gedanken ĂŒber den Sinn ihrer Existenz auf diesem Planeten. NatĂŒrlich hĂ€tte sie selbst genauso gerne einen Freund gehabt, einen Menschen, der sie liebte und verstand – obwohl sie so verrĂŒckt war. Doch da Lilli mit ihren vierzehn Jahren immer noch wie Zwölf wirkte, weder Busen noch Menstruation sich auch nur ankĂŒndigten, war sie fĂŒr Jungs in ihrem Alter nur ein Kumpel ohne Pimmel. Die ganz besonders interessanten Ă€lteren Typen aus der Oberstufe hatten nicht mal einen Streifblick fĂŒr sie ĂŒbrig. Nichts wĂŒnschte sie sich mehr, als endlich eine Frau zu werden. Jedes Mal, wenn sie Bauchschmerzen hatte, rannte sie alle dreißig Minuten auf die Toilette um nachzusehen, ob endlich Blut im Spiel sei, sehnte diesen roten Fleck im Höschen geradezu herbei. Als ihre Mensis dann endlich kam, hatte auch ihr Busen begonnen zu wachsen (und bald darauf schon wieder damit aufgehört) – da war ihr Herz bereits zum zweiten Mal gebrochen. Der erste Junge der sie fragte, ob sie mit ihm gehen wolle, mit dem schlief sie gleich. Einfach nur, um das erledigt zu haben. Es war kein unangenehmes Erlebnis, aber viel weniger rauschhaft, als sie sich das vorgestellt hatte. Einige Tage danach machte sie mit dem armen Kerl wieder Schluss. Er war im Grunde selbst daran schuld, meinte sie, hatte er doch nicht verstanden, dass sie wahnsinnige Angst davor hatte schwanger zu sein. GlĂŒcklicherweise kam ihre Regel dann doch, allerdings wollte der rote Fluss gar nicht mehr enden und acht Wochen spĂ€ter sah sie schon ganz anĂ€misch aus. Ihre Mutter schickte sie zum GynĂ€kologen. Der verschrieb ihr als Allround-Therapie die Pille. Damit war dann auch dieses Thema erledigt.

Lilli spĂŒrte, dass ein Mann sie ansah, doch sie gönnte ihm keinen Blick. DafĂŒr schwangen ihre HĂŒften nun ein wenig akzentuierter hin und her, dieses beobachtet werden motivierte sie ungeheuerlich. Sie warf ihr Haar in den Nacken, hielt ihr Gesicht in die gleißenden Spots, die die TanzflĂ€che beleuchteten, war sich ihrer Schönheit voll bewusst. Ihre Lippen hatte sie sorgfĂ€ltig geschminkt. Niemand wĂŒrde diesen Mund berĂŒhren dĂŒrfen. Blutrot. Rot wie Blut.

Einen Geschmack von Eisen im Mund vergrub sie leise weinend ihr Gesicht in ihren HĂ€nden. Seine StĂ¶ĂŸe trafen sie hart von hinten, schoben ihren Körper ĂŒber die rauen Schlingen des Teppichbodens, so dass ihre Knie und Ellenbogen bereits wundgescheuert waren. Lilli war einfach nur mĂŒde gewesen, weil sie seit fĂŒnf Uhr morgens auf den Beinen war, da sie FrĂŒhschicht gehabt hatte. Das Abendessen war bereits gekocht, sie war eben dabei den Tisch zu decken, als er wieder mit seinen grundlosen Anschuldigungen anfing. „Du warst doch heute Nachmittag gar nicht beim Haare schneiden, das wĂŒrde ich doch sehen, gib’s doch zu. Gib zu, dass du bei einem anderen Kerl warst und hast dich ordentlich durchficken lassen, du dreckige Hure!“ Der Adrenalinschub verursachte sofort wieder einen Krampf in ihrem Magen, an Essen war nun nicht mehr zu denken, schnĂŒrte ihr die Kehle eng und machte ihre Stimme schrill: „Du verdammtes blödes Arschloch, ich bin aufgestanden, da warst du gerade ins Bett gegangen, hab acht Stunden gearbeitet, wĂ€hrend du fauler Idiot gepennt hast und war danach noch einkaufen und hab die Wohnung aufgerĂ€umt und gekocht. Und was machst du den ganzen Tag, verdammt noch mal? Hockst auf deinem Arsch mit deinen heiligen Kopfhörern, dröhnst dir von meinem Geld die Birne zu und hörst so laute Musik, dass dein Hirn schon ganz matschig sein muss. Ich wĂ€re ja fast froh, wenn ich `nen anderen hĂ€tte, du geisteskranker Scheißkerl, aber ich hab keinen!“ Sein Atem keuchte: „Du Drecksau... Hure... jetzt sag’s schon, los, ich weiß doch dass du `rumfickst mit allem was einen Schwanz hat, du Sau... los, sag’s!“. Von seinem Schlag getroffen, knallte Lilli gegen die Wand neben dem Esstisch, nach Halt suchend einen Stuhl umreißend. Sie hatte sich den Hinterkopf schwer gestoßen, ihr SchĂ€del dröhnte wĂ€hrend ihr Herz wie wahnsinnig vor Angst raste. Sie schmeckte Blut und hob reflexartig ihre rechte Hand zum Mund. Der Fausthieb in ihren ohnehin schon krampfenden Magen gab ihr den Rest. Sie bekam keine Luft mehr, ging zu Boden, rollte sich auf Knien liegend wie ein Embryo zusammen. Er zog sie ohne eine Regung von Mitleid (so wie man mit einem schlachtreifen Tier umginge) am Bein in die Mitte des Zimmers, schob ihr Kleid hoch und zeriss ohne Umschweife ihren Slip.

Lilli genoss es, im Mittelpunkt mÀnnlicher Begierde zu stehen. Die anderen Menschen um sie herum wurden unter den Blicken des Unbekannten zu Statisten, wÀhrend sie tanzend ihre Sinnlichkeit zelebrierte.

„Du dreckige Hure, du verfickte Schlampe, du Sau!“. Sie stand in der TĂŒr zu ihrem Schlafzimmer, die HĂ€nde am TĂŒrrahmen und sah in herausfordernd an. „Komm, schlag mich doch, komm, hierher ins Gesicht!“. Sie drehte ihm eine Wange zu, mit ihrem Finger auf ihre Nase deutend. „Komm, schlag hierhin, bis Blut spritzt, komm, das gefĂ€llt dir doch, wenn ich heulend und blutend am Boden liege!“. Lilli sprach mit ruhiger Stimme, doch provokantem Ton zu ihm. Sie hatte keine Angst mehr, sie wollte sich nicht mehr ducken vor diesem Psychopathen, den sie vor langer Zeit einmal geliebt hatte. In ihr war nur noch Wut. Wut und Trauer ĂŒber die verlorenen Jahre ihrer Jugend, ĂŒber ihr alles andere als glĂŒckliches Leben. „Ich lieb dich doch so, ich lieb dich doch!“ Jetzt heulte er, kroch wimmernd vor ihr am Boden. „Zu spĂ€t, du Mistkerl. Ich hab dir oft genug noch eine Chance gegeben, du hast mir zig mal versprochen dich zu Ă€ndern und nichts, gar nichts hat sich geĂ€ndert. Ich arbeite mir den Buckel krumm und du hĂ€ngst faul rum und dann darf ich mich dafĂŒr auch noch verprĂŒgeln lassen. Jetzt ist Schluss!“

Es war an der Zeit, Blickkontakt aufzunehmen. Nachdem sie so lange mit geschlossenen Augen getanzt hatte fiel es ihr schwer, ihre Lider zu heben. Wie eine magische VerstĂ€rkung der Schwerkraft war dieser Effekt, der nur auf diesen Teil ihres Körpers wirkte. Nein, auf ihren ganzen Körper. Die Tanzerei hatte sie so sehr erregt, dass sie sich fĂŒhlte wie eine archaische Priesterin der großen Mutter. So ganz verbunden mit sich, mit ihrer ursprĂŒnglichen Bestimmung. Mit dem Mittelpunkt der Erde ebenso wie mit dem Ursprung des Universums. Als ob eine große Kraft durch sie hindurchflösse, die ihr ungeheure StabilitĂ€t verlieh. So ganz eins mit sich selbst. So furchtlos. So stark. Fordernd traf ihn ihr Blick. Er hielt ihr stand. In seinen Augen blitzten gleichermaßen sowohl Schalk als auch Begierde. Sie hatte gewusst, dass er ihr gefallen wĂŒrde. Sie ging auf ihn zu, hielt dabei den Kontakt aufrecht, um dann ohne ein Wort in Richtung Ausgang zu gehen. Keinen Blick zurĂŒck warf sie, als sie an der Theke ihre Tasche holte, um ihre Zeche zu zahlen. Wenn er verstand, wĂŒrde er ihr folgen – wenn nicht, war er es nicht wert, sie zu bekommen. Sie stieg die Treppe empor - sĂŒĂŸe, warme Sommerluft drang ihr entgegen. Als sie auf die Straße vor dem Club trat, spĂŒrte sie ihn hinter sich und drehte sich ihm zu. „Lass uns zu dir gehen“, sagte sie mit ruhiger, sinnlicher Stimme. „Nichts lieber als das!“ gab er ihr zurĂŒck. So wanderten sie ohne viel Worte durch die Stadt zu seinem Auto. Auch wĂ€hrend der Fahrt sprachen sie nicht viel. Er versuchte zwar aus ihr heraus zu bekommen, wer sie sei, doch ihr fast stoisches Schweigen, verbunden mit ihrem eindeutigem LĂ€cheln, ließ ihn dieses Vorhaben bald aufgeben. Auch die Monologe ĂŒber sein eigenes Leben verstummten bald, da sie nicht darauf reagierte. In seiner Wohnung angekommen, zog sie ihre Schuhe aus, setzte sich und fragte ihn nach einem Glas Wein. Lilli betrachtete ihn durch die rubinrote FlĂŒssigkeit, wĂ€hrend er zwei Lines vorbereitete. Im Grunde hatte sie keine Lust darauf, doch sie nahm es - wohl wissend, dass es ihr nichts bringen wĂŒrde außer ihr den Schlaf fĂŒr den Rest der Nacht zu rauben. Da sie weiterhin jede Art von Konversation abblockte, wurde er bald etwas unruhig – dem wirkte sie entgegen, indem sie ihr Kleid auszog und sich ihm nĂ€herte. Er saß auf dem Boden wĂ€hrend sie ihn umschlich, wie eine rollige KĂ€tzin leise gurrend, dabei sich mit ihrem ganzen Körper nackt an ihm reibend, derweil sie ihn langsam auszog. Er bekam keine Erektion. Sie forderte ihr Recht, zog seinen Kopf zwischen ihre Schenkel, wo er brav den Dingen auf den Grund ging. Lilli ließ sich treiben. Sie vergaß den Raum um sich herum. Gerade, als sich die Schwingen der Ekstase ausbreiteten, im Begriff sie fortzutragen, zog er seinen Mund von ihr zurĂŒck. Ihre Lust jedoch war stĂ€rker als er. Sie packte sein Haar, drĂŒckte sein Gesicht an ihre Scham. Obwohl er sich strĂ€ubte, rieb sie sich an ihm, bis tausend kleine StromstĂ¶ĂŸe durch ihren Leib zuckten, ihr Genugtuung gebend. Sie ließ in los, er sah zu ihr auf. Sein von Entsetzen gezeichnetes Gesicht war bis zum Haaransatz mit Blut verschmiert. „Du hast deine Tage bekommen...“ stammelnd, kroch er auf dem Boden herum, als ob er seine verlorene MĂ€nnlichkeit suche. Lilli antwortete nichts darauf, nahm noch einen Schluck Wein, dann ihre Habseligkeiten, woraufhin sie das Zimmer verließ. Sie suchte sein Badezimmer, fand auch ein frisches Handtuch. Die heiße Dusche spĂŒlte rote Rinnsale in den Abfluss, hinunter in die Kanalisation. Sie stellte sich vor, dass eine weiße Laborratte da unten unter dem kleinen Wasserfall, der in die Kanalisation strömte sĂ€ĂŸe, deren Fell sich nun rot fĂ€rbte von ihrem Blut. Irgendwo in ihrer Tasche fand sich auch ein Tampon. Sie zog ihr Kleid ĂŒber und ging ohne ein Wort des Abschieds. Der junge Tag empfing sie auf der Straße mit seinen ersten wĂ€rmenden Strahlen. Die Morgensonne glĂ€nzte auf ihrem nassen Haar. Ihr Kleid leuchtete rot im hellen Licht.

CMvM
__________________
Pseudonym? Nein Danke!
Christine Mell von Mellenheim

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Liebe Chrissie.


Ich kann mich noch recht gut an die Geschichte erinnern (natĂŒrlich nicht an die Details), aber immerhin daran, dass mir der Plot sehr gefiel. Der gefĂ€llt mir noch immer. Die Story ist recht spannend. Nach so viel MĂŒhe erwartest Du sicher auch ne ehrliche Kritik. Die sollst Du dann mal bekommen. Doch ganz bin ich nicht bei der Sache, weil mir noch der Kopf dröhnt. (ErkĂ€ltung)

Insgesamt gesehen, kommt eine interessante Geschichte zum Vorschein. Wobei ich an der Form noch meckern muss. Der hĂ€ufige passive ErzĂ€hlstil, besonders natĂŒrlich bei den RĂŒckblenden, erlahmt ein wenig die Leselust. Mit kleinen Kniffen ließe sich das Ă€ndern. Zum Beispiel könntest Du die RĂŒckblenden kĂŒrzer gestalten, also einfach öfters wechseln, vom passiven und aktiven ErzĂ€hlstil. Oder anders gesagt: Schnellere Wechsel von Gegenwart und Vergangenheit. Möglich wĂ€re auch, vielleicht sogar besser, noch mehr Dialoge einzubauen. Der Geschichte wĂŒrde m. E. ein klein wenig mehr Drive gut tun. Das wollte ich damit sagen.

Einige sprachlich unschöne Holpersteine, wie zum Beispiel: „DafĂŒr schwangen ihre HĂŒften nun ein wenig akzentuierter hin und her, dieses beobachtet werden motivierte sie ungeheuerlich.“

Vielleicht sehen das Frauen anders, aber als ich in der Disko tanzte, ĂŒberlegte ich nicht, ob mein HĂŒftschwung AKZENTUIERT war. Der Satz ist auch zu lang. Der zweite Satzteil ist eine wichtige Aussage, sollte deswegen alleine stehen.

Wie gesagt, insgesamt gesehen, ein recht erschĂŒtternder, doch interessanter Plot. Was ich nicht weiß: Wie lang soll der Text werden? Eine Kurzgeschichte, ein Roman? Dementsprechend musst Du halt sehen, wie Du den Wechsel von Gegenwart und Vergangenheit gestaltest. Lillis Leben und Erfahrungen in eine knappe Kurzgeschichte pressen zu wollen, dĂŒrfte schwierig werden.

So weit meine EindrĂŒcke auf die Schnelle beim Lesen des Textes, wie es meine ErkĂ€ltung zuließ. Meine EindrĂŒcke spiegeln ja nicht die EindrĂŒcke aller Leser. Aber vielleicht kannst Du was damit anfangen. Falls Du’s noch detaillierter möchtest, lass es mich wissen.

Liebe GrĂŒĂŸe
Volkmar

Bearbeiten/Löschen    


ElsaLaska
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Chrissie!!!

Ich seh jetzt erst, dass diese Geschichte etwas mit Deiner ersten Geschichte zu tun hat und Du mich auch konkret ansprechen wolltest. Das nÀchste Mal maile mich doch grad direkt an, dann geht es nicht bei mir unter

Also erstmal:
Ein grosses Bravo fĂŒr einen sehr tiefgrĂŒndigen und komplexen Plot, den Du uns da lieferst.
Auch der Text ist weitaus ausgereifter als die erste Story. Insgesamt wirkt das ganze Gebilde weitaus mehrdimensionaler, als die erste Fassung. Du hast hart gearbeitet daran.

Es gab richtig tolle sprachliche Highlights!

Dann wieder ein paar Schnitzer, die ich gerne bespreche, wenn Du Lust hast.

Soso. Rot also (!). Du weisst, was das nach der Farbtherapie bedeutet?


Liebe GrĂŒsse und Du hattest hoffentlich einen prima Valentinstag mit jeder Menge ROT!

Elsa
PS:Freilich achten Frauen in der Disco auf akzentuierten HĂŒftschwung! Allerdings kann man diese Tatsache sprachlich wesentlich geiler ausdrĂŒcken

Bearbeiten/Löschen    


Chrissie
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2000

Werke: 67
Kommentare: 602
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

@RS:
Danke fĂŒr dein feedback. Das mit dem akzentuierten HĂŒftschwung hat ja dir ja Elsa schon erklĂ€rt (danke... *g*). Die Frage, ob der zweite Satzteil ein Hauptsatz sein sollte, stellt sich mir nicht, da das Befinden, das ich hier beschreibe, eine unmittelbare Voraussetzung des ersten Satzteils ist. Ich mĂŒsste beide SĂ€tze sonst umdrehen - was mir sprachlich nicht gefĂ€llt. Geschmackssache.
Sprachlich/stilistisch kann ich sicher noch viel tun, bislang habe ich die Story auch erst dreimal ĂŒberarbeitet.
Deinen Einwand, ich mĂŒsse öfter zwischen Gegenwart und RĂŒckblende wechseln, kann ich nicht nachvollziehen. WĂŒrde ich dies tun, verlören diese "Geschichten in der Geschichte" ihre Stringenz. Kurz: Die Grundstruktur werde ich nicht mehr verĂ€ndern. So arrogant muss ich sein, sonst kann ich mich nicht als Autorin empfinden.
Eine lĂ€ngere ErzĂ€hlung möchte ich nicht daraus machen. Die RĂŒckblenden dienen dazu, das zugegeben sehr seltsame Verhalten der Protagonistin am Ende einzuleiten und dem Leser verstĂ€ndlich zu machen.
Mehr Dialoge? Ich wĂŒĂŸte nicht wo...
(Eines meiner fĂŒr die nĂ€chsten zwei Jahre geplanten Projekte ist ein Drama, das gefĂ€llt dir dann vielleicht besser... *g*)

@Elsa
Danke fĂŒr die Blumen! Es freut mich ganz besonders, dass dir der Plot gefĂ€llt.
Wenn Du noch Schnitzer entdeckt hast: Feedback wird gern genommen!
Mein Valentinstag war nicht rot, da mein Liebster und ich diesen kommerziellen Scheiß nicht mitmachen. Statt dessen haben wir uns politisch linkslastiges Kabarett angesehen (also doch rot, hihi).

Mit Farbtherapie kenne ich mich ĂŒberhaupt nicht aus. KlĂ€r mich doch mal auf...
Ich assoziiere wohl zum Teil etwas anders als andere Menschen, sonst wĂ€re es fĂŒr den Leser doch auch langweilig zu lesen, oder?

Zu meinem Projekt:
Ich werde z.Zt. nicht weiter an dieser Story arbeiten, da ich erst mal den kompletten Zyklus von ca. 10 Geschichten, jede zu einer anderen Farbe und mit wechselnden Protagonistinnen, fertigstellen möchte, bevor mein kreativer Fluss wieder erlahmt. Zur Zeit schreibe ich an "WEISS".
Korrigieren und redigieren kann ich dann, wenn die Schreibwut abgeflaut ist. Dann arbeite ich auch gerne konstruktive VorschlĂ€ge mit ein, sofern sie mir schlĂŒssig erscheinen und zu meinem Sprachstil passen.

Also danke nochmal euch beiden und liebe GrĂŒĂŸe
Chrissie
__________________
Pseudonym? Nein Danke!
Christine Mell von Mellenheim

Bearbeiten/Löschen    


Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Hi Chrissie,

find ich gut, wie Du die Sache erklĂ€rst. Du hast Deine Vorstellung darĂŒber und dann wird es auch so klappen. Der Text gefĂ€llt mir allemal, so oder so.

Frohes Schaffen
Volkmar

Bearbeiten/Löschen    


gladiator
Manchmal gelesener Autor
Registriert: May 2001

Werke: 10
Kommentare: 592
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um gladiator eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Hallo Chrissie

Ich finde die Geschichte gut, so wie sie ist. Viel Àndern solltest Du nicht mehr. Gibt es bereits weitere Farben-Geschichten hier in der Leselupe?

Weshalb ich poste: Siehst Du Lilli eigentlich als "glĂŒckliche" Frau? Hat sie Deiner Meinung ihre Probleme hinter sich oder noch vor sich? WĂŒrde mich wirklich mal interessieren...

Gruß
Gladiator

P.S.: Gibt es ein Kabarett, dass nicht linkslastig ist oder gar etwa rechtslastiges Kabarett?


__________________
Die Raben fliegen in Scharen, der Adler fliegt allein.

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzprosa Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!