Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92261
Momentan online:
391 Gäste und 16 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Farbwechsel
Eingestellt am 22. 07. 2009 22:01


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Kim
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jul 2009

Werke: 1
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Kim eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Gina steckte die Kamera in die Tasche. Sie hatte eine Serie traumhafter Bilder vom Sonnenuntergang gemacht, der das Meer und die Wolken gl├╝hend rot gef├Ąrbt hatte. Morgen fr├╝h noch die Fotos von dem alten Leuchtturm, dann w├Ąre der Bildband komplett. In zwei Tagen mussten die Fotos beim Verlag sein.
Sie h├Ąngte die Kameratasche ├╝ber die Schulter, zog ihre Schuhe aus und ging barfu├č durch Sand und D├╝nengras zur├╝ck zu ihrem Strandhaus. Der Himmel hatte sein Abendkleid in Dunkelgrau, Gold und Orange ├╝bergestreift. Gina liebte diese Stunden zwischen Tag und Nacht.
Auf der Matte vor der Haust├╝r streifte sie den Sand unter ihren F├╝├čen ab und ging gleich ins Arbeitszimmer. Sie fuhr den Computer hoch und betrachtete die Bilder auf dem Monitor. Die Mehrzahl der Fotos waren ihr gelungen. Aber was war das f├╝r ein Funkeln? Ein kleines Objekt leuchtete gr├╝n, dann rot und schlie├člich blau. Unm├Âglich, es waren Bilder und kein Film. Sie zoomte es n├Ąher heran. Da lag im Sand halb verbuddelt eine Flasche, die ihre Farbe st├Ąndig wechselte.
Gina stand auf und lief zur├╝ck an den Strand. Sie musste nicht lange suchen. Wo sie die letzten Bilder geschossen hatte, lag die Flasche. Gr├╝n war sie und die Farbe ├Ąnderte sich nicht. Was hatte im Arbeitszimmer das Farbenspiel auf dem Foto hervorgerufen? Gina hob die Flasche hoch.
Sie war blickdicht und mit einem Korken verschlossen. Eine Flaschenpost? Gina s├Ąuberte sie in den Wellen. Man k├Ânnte die Flasche als Vase nutzen. Eine einzelne Rose w├╝rde sich gut darin machen. Gina ging nach Hause. In der K├╝che ├Âffnete sie die Flasche. Sie war leer.
Gina schnupperte am Rand ÔÇô der Geruch von abgestandener Luft drang in ihre Nase. Nur f├╝r einen Augenblick hatte sie das Gef├╝hl, ein warmer Wind streichle ihr Gesicht. Sie stellte die Flasche auf die Fensterbank, so w├╝rde die Sonne das Dunkelgr├╝n zum Leuchten bringen. Dann ging sie zur├╝ck zum Computer. Das Funkeln auf dem Bild war verschwunden. Wahrscheinlich war es ein Lichtreflex gewesen. Sie gr├╝belte nicht weiter dar├╝ber nach, sondern nahm sich Bild f├╝r Bild vor, suchte die besten aus und schickte sie per Emailanhang an den Verlag. Eine halbe Stunde sp├Ąter lag sie im Bett.

In der Nacht wachte sie von einem Ger├Ąusch auf. Es klang, als w├╝rden im Wohnzimmer Schr├Ąnke ge├Âffnet und geschlossen. Dann war es wieder still. Hatte sie getr├Ąumt? Nein, jetzt waren ganz deutlich Schritte zu h├Âren. Gina sa├č kerzengerade im Bett. Einbrecher! Sie schlug die Decke zur├╝ck, nahm ihr Handy vom Nachttisch und schlich zur T├╝r. Der Mond beleuchtete den Flur. Sie ging in die K├╝che und nahm ein Brotmesser aus dem St├Ąnder. Auf Zehenspitzen schlich sie zum Wohnzimmer und warf einen Blick durch die halb ge├Âffnete T├╝r. Die Flasche strahlte jetzt in einem satten Rot und erhellte den Raum, so dass jeder Gegenstand gut zu sehen war.
Kein Einbrecher. Sie musste sich geirrt haben. Der Geruch nach Staub lag in der Luft. Merkw├╝rdig, sie lie├č am Tag Fenster und T├╝ren weit offen stehen. Sie trat ans Fenster, sah den menschenleeren Strand und das Spiel der Wellen. In das Haus nebenan w├╝rde erst in zwei Wochen ein neuer Nachbar einziehen. Hinter sich h├Ârte sie leises Lachen. Sie drehte sich um, niemand war zu sehen. Trieb jemand einen schlechten Scherz mit ihr?
>>Ich finde das gar nicht lustig<<, rief sie w├╝tend. >>Schluss mit dem Versteckspiel! Komm her, wenn du dich traust.<<
Stille, nur das gleichm├Ą├čige Rauschen der Wellen war zu h├Âren. Einige Augenblicke stand sie da und horchte. Alles blieb ruhig. Sie ging zum Schrank, ├Âffnete die T├╝ren, nichts war gestohlen worden. Hatte sie sich alles nur eingebildet? Das w├Ąre nach dem Stress der letzten Wochen kein Wunder gewesen. Die viele Arbeit, der Streit mit Reiner, der sich zu einem Stalker entwickelt und von dem sie sich getrennt hatte. Sie f├╝hlte sich m├╝de, ging durchs Haus, sah in alle Zimmer, kein Mensch, kein Kichern. Im Schlafzimmer verrammelte sie ihre T├╝r mit einer Kommode und legte sich ins Bett. Ich sollte mir einen Hund aus dem Tierheim holen, gr├╝belte sie.

Ausgeruht wachte sie am Morgen auf. Jetzt ein frisch gebr├╝hter Kaffee, dachte sie, und reckte sich.
Aromatischer Duft stieg ihr in die Nase. Fing der Spuk schon wieder an? Das war absurd. Sie ging in die K├╝che und blieb mit offenem Mund stehen. Jemand hatte die Kaffeemaschine eingeschaltet, die Kanne war halb voll, so wie Gina es immer machte. Ein Landstreicher, der glaubte das Haus stehe leer? Unm├Âglich. Sie hatte gestern alle Zimmer abgesucht. Kein Mensch konnte sich in Luft aufl├Âsen, und Geheimt├╝ren gab es keine. Sie strich sich gedankenverloren durch ihr kurzes, schwarzes Haar. In meiner Familie gibt es auch keine Anzeichen f├╝r Geistesverwirrtheit, dachte sie.
Sie goss sich eine Tasse Kaffee ein. War dies ein Hexenhaus? Brauchte sie nur einen Wunsch zu denken, prompt wurde er erf├╝llt? Ihr Galgenhumor meldete sich. Gut, dachte sie, dann will ich es mal versuchen. Ich w├╝nsche mir jetzt das pinkfarbene Seidenkleid, das ich mir letzte Woche in der Amiga-Boutique angesehen habe. Nat├╝rlich passierte nichts. Gina grinste. Das w├ĄrÔÇÖs gewesen.
Mit der Tasse in der Hand ging sie ins Wohnzimmer und sah aus dem Fenster. Die Sonne versteckte sich hinter Wolken. Ein Motorboot zog seine Kreise durch die Brandung. Gina setzte sich in den Sessel. Die Flasche hatte ihre urspr├╝ngliche Farbe angenommen, aber durch die Sonnenstrahlen sah es aus, als schwebe etwas Goldenes darin. Gina konnte sich nicht satt daran sehen. Sie gab sich einen Ruck. Wenn sie sich jetzt nicht aufraffte, wurden die Bilder vom Leuchtturm nie fertig. Sie stellte die Tasse auf den Tisch und ging ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen.
Wieder stand sie da mit offenem Mund. Das Bett war gemacht, etwas Pinkfarbenes lag darauf. War sie reif f├╝r die Klapsm├╝hle? Ihre Hand zitterte, als sie den Seidenstoff des Kleides ber├╝hrte, das s├Ąuberlich ausgebreitet da lag.

Ihre Gedanken rasten im Kopf umher wie Windm├╝hlenfl├╝gel im Sturm. Hatte sie einen heimlichen Verehrer, der ihr die W├╝nsche von den Augen ablas und sie damit ├╝berraschte? Ganz bestimmt nicht. Sie dachte an Reiner. Zum Schluss hatte er sogar Morddrohungen ausgesto├čen. Wenn er sie nicht bekam, sollte auch niemand anderer sie bekommen. Es war die H├Âlle gewesen. War dies jetzt ebenfalls seinem kranken Hirn entstiegen? Hatte er sie heimlich beobachtet, wusste er, dass sie hierher gezogen war?
Gina kaute auf ihren Lippen. Sie versp├╝rte nicht mehr den Wunsch, dieses Kleid zu tragen, kn├╝llte es zusammen und ├Âffnete die T├╝r des Kleiderschranks. Ein lauter Knall - sie lie├č das Kleid auf den Boden fallen. Ginas Knie zitterten. Was war jetzt wieder passiert? Mit Beinen wie Gummi wankte sie ins Wohnzimmer. Sprachlos starrte sie auf die Bescherung. Die Tasse Kaffee war vom Tisch gefallen und hatte den Rest der Fl├╝ssigkeit auf den Teppich verteilt. Gut, dass es schwarzer Kaffee war, dann gab es keine Flecken. Trotzdem ├Ąrgerlich, und wie konnte das ├╝berhaupt passieren? Sie hatte die Tasse mitten auf den Tisch gestellt. Jemand spielte ihr einen Schabernack, aber wenn er glaubte, sie w├╝rde durchdrehen, hatte er sich geirrt.
Ganz ruhig stand sie da und ├╝berlegte, was sie tun sollte. Die Fotos mussten morgen beim Verlag sein, es fehlten nur noch die Bilder vom Leuchtturm. Gina riss sich zusammen, ging ins Schlafzimmer und warf sich ein leichtes Kleid ├╝ber. Sie nahm die Kameras, steckte ihr Handy in die Tasche und verlie├č das Haus. Sollte sie die Haust├╝r verschlie├čen? Wer ihr einen Streich spielte, war ungeachtet der verschlossenen T├╝r ins Haus gekommen. Trotzdem drehte sie den Schl├╝ssel zweimal um. Es lag auf der Hand, dass Reiner hinter allem steckte.
Aber wie sollte sie der Polizei erkl├Ąren, dass es tats├Ąchlich so war und sie nicht eine durchgeknallte Frau vor sich hatten? Wie konnte sie beweisen, dass sich jemand im Haus aufgehalten hatte? Die Beamten w├╝rden glauben, sie habe sich das Kleid selber gekauft. Und dass eine Tasse vom Tisch fiel, kam immer wieder einmal vor. Sie hatte nichts wirklich Greifbares. Eine ├ťberwachungskamera, ├╝berlegte sie. Damit konnte sie alles aufzeichnen. Gina sch├╝ttelte den Kopf. K├╝mmere dich erst einmal um deine Arbeit, sagte sie sich.

Wenige Meter vor ihr stand der alte Leuchtturm. Er hatte ein frisches Farbenkleid in rotwei├č bekommen und sah eindrucksvoll aus. Je n├Ąher Gina kam, umso k├╝hler wurde es. Sie fr├Âstelte, ihre H├Ąnde, die die Kamera hielten, waren eiskalt. F├╝r einen Augenblick glaubte Gina, einen Schatten hinter den Glasscheiben des Turmes zu sehen.
Reiner? Sie beobachtete das Fenster, nichts r├╝hrte sich dahinter. Meine Phantasie spielt mir in letzter Zeit zuviel Streiche, dachte sie und gab sich einen innerlichen Ruck. Sie hob die Digitalkamera und fotografierte den Leuchtturm von allen Seiten. Wie immer, wenn sie an einem Auftrag arbeitete, verga├č sie alles andere und lie├č sich auch von qu├Ąlenden Gedanken nicht ablenken.
Pl├Âtzlich war deutlich ein Jammern, Winseln zu h├Âren. Gina lie├č die Kamera sinken. Das war keine Einbildung, da brauchte jemand Hilfe.
>>Hallo<<, rief sie. >>Ist da jemand?<<
Als keine Antwort kam, lief sie zum Eingang. Tiefe Dunkelheit lag ├╝ber dem Treppenaufgang. Es roch feuchtkalt und moderig. Wieder h├Ârte sie das Jammern. Diesmal ganz in der N├Ąhe. Gina tastete nach einem Lichtschalter. Endlich hatte sie ihn gefunden, und eine Lampe an der Wand verbreitete Helligkeit. Unter der steinernen Wendeltreppe hockte ein Hund, ein Mischlingswelpe. Er zitterte am ganzen K├Ârper. Gina ging auf ihn zu.
>>Hat dich jemand vergessen?<< Sie hielt ihm die Hand hin, damit er sie beschnuppern konnte. Wie war er nur in den Leuchtturm gekommen? War er ausgesetzt worden?
Der Hund wedelte mit dem Schwanz und leckte ihre Hand. Sicherlich hatte er Hunger und Durst. Das Beste war, sie nahm ihn mit nach Hause und rief dann das Tierheim an, damit die Besitzer des Hundes wussten, wo er abgeholt werden konnte. Sacht strich sie ├╝ber sein Fell. Er legte sich auf den R├╝cken und genoss sichtlich die Streicheleinheiten.
>>Gut Hund, ich wei├č zwar nicht wie du hei├čt, aber wenn ich die Fotos geschossen habe, nehme ich dich mit. Warte hier auf mich.<<
Sie stand auf, hielt die Kamera griffbereit und stieg die Wendeltreppe hinauf bis zum Turmkopf. In den Erkern war eine kleine Wohnung eingebaut. Das Haupt- und die Nebenfeuer waren l├Ąngst nicht mehr funktionsf├Ąhig. Gina schoss ein Foto nach dem anderen. Aus den Panoramafenstern der Plattform konnte man auf der einen Seite das Inseldorf und auf der anderen das endlose Meer sehen.
Gina hatte genug Bilder. Unten stand der Hund und wedelte erwartungsvoll mit dem Schwanz.
>>Wir gehen jetzt.<<
Sie ├Âffnete die schmale Eingangst├╝r und trat ins Freie. Die frische Luft f├╝llte ihre Lungen. Ausgelassen tobte der R├╝de im Sand und genoss seine Freiheit. Raste von links nach rechts, kam zu ihr und rannte erneut los. Gina l├Ąchelte. Sie hatte sich in der vergangenen Nacht einen Hund gew├╝nscht. Jetzt war er da. Sollte sich niemand melden, w├╝rde sie ihn behalten. Merkw├╝rdig, ihr fiel auf, wann immer sie seit gestern einen Wunsch hatte, er wurde aus dem Nichts realisiert. Das Kleid, der Kaffee, der Hund. Nat├╝rlich hatte sie wie viele andere das Buch >>The Secret<< gelesen. Man sollte W├╝nsche ans Universum schicken und an deren Erf├╝llung glauben. Gina war da eher skeptisch gewesen. M├Âglicherweise steckte doch ein K├Ârnchen Wahrheit darin. Egal. So lange es nicht Reiner war, lie├č sie es sich gerne gefallen. Und dass sie zum Leuchtturm wollte, konnte er nun wirklich nicht ahnen. Mit besserer Laune ging sie zur├╝ck zu ihrem Strandhaus. Der Hund folgte ihr auf Schritt und Tritt. War er schon mehrere Meter vor ihr, sah er sich immer wieder nach ihr um.

Die T├╝r zum Strandhaus stand offen. Gina erschrak, sie wusste genau, dass sie die T├╝r abgeschlossen hatte. Niemand au├čer ihr hatte einen Schl├╝ssel. Vorsichtig ging sie n├Ąher. Von innen war kein Ger├Ąusch zu h├Âren. Sie schlich in den Flur, doch der Hund sauste an ihr vorbei und verschwand in der K├╝che. Ihr Atem ging kurz, und das Herz trommelte bis zum Hals. Lieber Gott, dachte sie. Lass es nicht Reiner sein, bitte nicht Reiner.
Vorsichtig legte sie die Kameras auf den Fu├čboden, zog ihre Schuhe aus und ging weiter ins Wohnzimmer. Hier war alles unver├Ąndert, nur die Flasche hatte abermals ihre Farbe ge├Ąndert. Jetzt leuchtete sie hellblau. Gina fand keine Zeit, sich dar├╝ber Gedanken zu machen. Die K├╝chent├╝r war halb ge├Âffnet. Der R├╝de stand vor einer Schale mit Wasser und trank. Daneben befand sich eine Sch├╝ssel mit Hundefutter.
Gina keuchte. Sie stand da wie angenagelt und konnte keinen Schritt weitergehen. Wo kamen die Sachen her? Niemand konnte wissen, dass sie einen Hund mitbringen w├╝rde. Was war hier los?
>>Meine G├╝te, bist du schwer von Begriff.<<
Gina zuckte zusammen. Sie kannte die Stimme nicht. Wer hatte da gesprochen? Niemand war zu sehen. Der Hund hatte nur kurz die Ohren gespitzt und fra├č seelenruhig weiter.
>>Wer sind Sie ÔÇô was machen Sie hier?<<
Ein kurzes Lachen war die Antwort. Unter normalen Umst├Ąnden h├Ątte Gina dieses Lachen sympathisch gefunden, genau wie die Stimme. Tief mit seidenweichem Timbre. Eine Stimme, die Fl├╝gel zu haben schien und durch den Raum schwebte. Jetzt aber war sie nur zornig.
>>Ist es zuviel verlangt, wenn Sie endlich hervorkommen, damit ich Ihnen in die Augen sehen kann.<<
>>Das geht nicht.<<
>>Was hei├čt das?<<
>>Ich bin nicht sichtbar.<<
Gina hatte das Gef├╝hl, um sich schlagen zu m├╝ssen.
>>Lassen Sie Ihre Sp├Ą├če.<<
>>Du kannst mich duzen.<<
Gina verlor die Geduld. Mit steifen Beinen ging sie ins Wohnzimmer, ins Bad, ins Schlafzimmer. Vergebens. Keine Spur von einem Mann. Ihre Nerven begannen zu vibrieren. Ob sie die Stimme einfach ignorieren sollte? M├Âglicherweise gab er ja dann sein Versteckspiel auf.
>>Ich verstecke mich nicht.<<
Gedanken lesen konnte er also auch. Gina presste ihre Finger an die Schl├Ąfe. Allm├Ąhlich d├Ąmmerte ihr, dass sie den Verstand verlor. Alles, was in den letzten Stunden passierte, hatte nur in ihrer Einbildung stattgefunden.
>>Nein.<< Die Stimme klang mitleidig. >>Aber wie ich schon sagte, du kapierst einfach nicht. Du hast mich doch selber hierher gebracht. In der Flasche.<<
Ginas Blick glitt zur Fensterbank. Dann fing sie an hysterisch zu kichern.
>>Also bist du ein Flaschengeist?<<
>>Endlich. Lange genug hatÔÇÖs gedauert.<<
>>Du meinst das ernst?<<
>>Geisterehrenwort.<<
>>Aber so etwas gibt es doch gar nicht.<< Gina f├╝hlte, w├Ąhrend sie sprach, wie etwas ihr Haar ber├╝hrte. Erschrocken trat sie einen Schritt zur├╝ck. >>Lass das!<<
>>Aha, jetzt glaubst du, dass ich existiere.<<
>>Hast du mir alle W├╝nsche erf├╝llt?<<
>>Hm.<<
Gina setzte sich auf die Couch.
>>Ich fasse es nicht. Hei├čt das, wenn ich mir w├╝nschen w├╝rde, George Clooney s├Ą├če jetzt neben mir, dann w├╝rde es passieren?<<
>>Nat├╝rlich. Moment.<<
>>Untersteh dich!<<, rief sie schnell.
Das w├╝rde ihr in dem ganzen Durcheinander noch fehlen. Aber so langsam glaubte sie der Stimme. Warum sollte es im Zeitalter von geklonten Schafen, genmanipuliertem Mais und Satelliten im Weltraum nicht auch Flaschengeister geben? Auf jeden Fall war dieser Gedanke wesentlich sympathischer, als der, dass Reiner hinter all dem stecken k├Ânnte.
Der Hund hatte inzwischen die Wohnung inspiziert. Es schien ihm zu gefallen. Mit einem Satz sprang er auf die Couch, kuschelte sich an Gina und schloss die Augen.
>>Wo kommst du her?<<, setzte Gina das Gespr├Ąch weiter fort, nachdem sie f├╝r kurze Zeit abgelenkt gewesen war.
>>Ein Meistermagier der LASA aus New York hat Experimente mit Studenten durchgef├╝hrt. Ich bin einer dieser Studenten und war einverstanden damit. Eigentlich sollte er mich gleich nach Durchf├╝hrung des Versuchs wieder zur├╝ckholen. Aber das hat nicht geklappt.<<
>>Und wie bist du hier am Strand gelandet?<<
Gina h├Ârte einen tiefen Seufzer.
>>Eine Putzfrau hat mich und die Flasche aus dem Labor gestohlen, weil ihr die Form so gut gefiel. Als aber das Farbenspiel in ihrer Wohnung begann, glaubte sie, es w├Ąre ein Alarm und die Polizei w├╝rde herausbekommen, dass sie mich mitgenommen hatte. Sie warf mich ins Meer. So landete ich nach einigen St├╝rmen hier bei dir am Strand.<<
>>Das ist schon so verr├╝ckt, dass ich dir einfach glauben muss.<<

In den n├Ąchsten Tagen gew├Âhnte sich Gina an ihren merkw├╝rdigen Hausgast, den sie wegen der wechselnden Flaschenfarbe Colour nannte. Das Wechselspiel zeigte seine Gef├╝hlsstimmungen an. Es war interessant, sich mit ihm zu unterhalten, er wusste viel. Nur, wenn sie ihn darauf ansprach, dass er sich in seiner menschlichen Gestalt zeigen sollte, wich er aus. Aber Gina brauchte nur einen Wunsch ├Ąu├čern, er wurde erf├╝llt.
Eines Morgens, Gina wurde gerade wach, sp├╝rte sie, wie jemand sie ber├╝hrte. Im ersten Augenblick hatte sie Angst, die Augen zu ├Âffnen, denn die Furcht vor Reiner war noch immer pr├Ąsent. Erst als die Hand hinunter zu ihrem Bauch wanderte, wurde sie hellwach und riss die Augen auf. Niemand war zu sehen. Also konnte es nur Colour sein. Sie wurde w├╝tend. Mit einem Ruck riss sie die Decke zur├╝ck und schwang ihre Beine aus dem Bett.
>>Verdammt! Was f├Ąllt dir ein. Mit welchem Recht ÔÇŽ Verschwinde!<<
Sie sp├╝rte einen k├╝hlen Luftzug. Dann schien er fort zu sein. Brummelnd legte Gina sich noch einmal ins Bett. Mit ge├Âffneten Augen starrte sie an die Decke. War sie zu barsch gewesen? Nein. Was zu weit ging, ging zu weit. Sie mochte ihn wirklich. Ja. Sie liebte seine seidenweiche Stimme und konnte ihm stundenlang zuh├Âren. Ja. Aber das ÔÇŽ
Sie stand auf, der Hund lag auf einer Decke am Boden. Er hob den Kopf, g├Ąhnte und legte seine Schnauze zur├╝ck auf die Decke. Gina ging unter die Dusche und wollte wie jeden Morgen ihren Kaffee trinken. Entgeistert starrte sie auf die Maschine. Nichts. Colour hatte das erste Mal, seit er in ihrem Haus war, keinen Kaffee gemacht. Sie ging ins Wohnzimmer. Die Farbe der Flasche hatte einen grauschwarzen Ton angenommen. Ein Zeichen, das wusste sie, dass er zutiefst gekr├Ąnkt war.

Drau├čen h├Ârte sie einen Wagen vorfahren. Gina sah auf den Kalender. Richtig, sie hatte nicht mehr daran gedacht, dass heute ihr neuer Nachbar einzog.
Erneut wandte sie sich zur Flasche: >>Sei nicht eingeschnappt. Ich bin dir auch nicht mehr b├Âse.<<
Keine Antwort. Kein Zeichen.
>>H├Âr zu, ich mag dich. Wirklich. Ich w├╝nschte, ich k├Ânnte dich sehen, dann w├Ąre alles viel einfacher.<<
>>Das kannst du doch, mein Schatz.<<
Gina versteinerte. Das war nicht Colour, das war Reiners Stimme. Sie l├Âste sich aus ihrer Erstarrung und drehte sich langsam um.
>>Was machst du hier? Wie kommst du hier herein?<<
Reiner l├Ąchelte sie an, es sah aus, als fletsche er die Z├Ąhne. >>Du b├Âses M├Ądchen. L├Ąufst mir einfach davon.<< Er packte ihren Arm mit festem Griff.
Der Hund schien die fremde Stimme registriert zu haben. Er rannte auf Reiner zu und sprang freudig an seinen Hosenbeinen hoch. Gina schluckte. Von dem Welpen konnte sie keine Hilfe erwarten. Reiner dr├Ąngte sie gegen die Couch.
>>Es hat gedauert, dich zu finden. Du musst einsehen, dass du eine Strafe verdienst.<<
Er betrachtete l├╝stern ihre nackten Schultern. Der Bademantel war verrutscht und verh├╝llte nur noch wenig von ihrem K├Ârper.
Gina versuchte, unter seinen Arm hin durchzuschl├╝pfen, es gelang ihr nicht. Der Hund schien an ein neues Spiel zu glauben und umkreiste sie bellend. Er sprang auf den Sessel und warf dabei mit seinem Schwanz die Flasche vom Fensterbrett. Sie zerschellte in viele kleine Teile auf dem Boden. Colour!
>>Lass mich sofort los!<<
Ginas Gesicht war vor Anstrengung, sich zu befreien, hochrot geworden. Sie zitterte. Ihr Bademantel rutschte die Schulter hinunter.
Pl├Âtzlich klopfte es an der Eingangst├╝r. Reiners Hand n├Ąherte sich ihrem Mund. Gina schrie, und Reiner hielt ihr brutal den Mund zu.
>>Sei still<<, zischte er in ihr Ohr.
Gina k├Ąmpfte verbissen.
>>Lassen Sie die Dame los.<<
Ein junger Mann stand in der Eingangst├╝r.
>>Raus hier<<, schrie Reiner ihn an.
Der Fremde hob seinen muskul├Âsen, braun gebrannten Arm und lie├č seine Faust unter Reiners Kinn krachen, so dass dieser vor Schmerz zusammensackte. Gina raffte ihren Bademantel zusammen.
>>Danke. Sie sind zur rechten Zeit gekommen.<<
>>Es war mir ein Vergn├╝gen. Ich bin ├╝brigens Ihr neuer Nachbar.<<
Diese Stimme ÔÇŽ Ginas Herz machte einen Sprung. Dieses seidenweiche Timbre...




Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!