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Fast perfekt: Das Leben der Anderen
Eingestellt am 07. 05. 2008 15:42


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jon
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Das Leben der Anderen

Ich wollte den Film nicht mögen. Aus Prinzip. Wegen des Themas, weil ein Wessi darüber schrieb und es verfilmte und weil deutsche Filme ja sowieso immer so eine Sache sind. Aber man muss ja mitreden können, nicht wahr. Jetzt kann ich es. Nicht beim Thema Stasi, das hat mich erst nach der Wende wirklich tangiert, aber im Bezug auf den Film. Der ist recht gut gemacht. Sehr gut sogar. Allerdings auch mit der gehörigen Portion Happy-End und Schmalz, die ihm – so vermute ich – 2007 das Wohlwollen der Oscar-Jury gesichert hat. In der Internet Movie Database kann man übrigens auch noch die anderen 55 (!) Preise nachlesen, die Autor und Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck und sein Team für den Film einheimsen konnten.

Die Geschichte, die erzählt wird, kennen Filmfreunde inzwischen sicher: Gerd Wiesler (Ulrich Mühe), Hauptmann der Staatsicherheit, überwacht Theater-Autor Georg Dreyman (Sebastian Koch) und – quasi nebenbei – dessen Freundin, die Schauspielerin Christa Maria Sieland (Martina Gedeck). Dabei nimmt er – in Ermangelung eines eigenen Lebens – mehr Anteil an deren Leben, als gut für ihn wäre. Er gerät zwischen die Mühlsteine der Maschinerie, deren Teil er ist, wird gar ein Sandkorn im Getriebe – groß genug, um eine Störung zu verursachen, zu klein, um das Räderwerk anzuhalten.

Wenn ich bestimmen sollte, was mich von dem Film überzeugte, dann müsste ich Romane schreiben. Abgesehen vom süßlichen Ende – eigentlich hat der Film vier Enden, aber dazu später mehr – passt alles hervorragend: das trotz allem natürlich wirkende staubige Goldgelb und tote Grau der Szenerie, die klar erkennbaren DDR-Details, die – anders als in „Goodbye Lenin“ zum Beispiel – ganz und gar unplakativ, ganz selbstverständlich daherkommen, die Stereotypen, die rasch zu Charakteren reifen, die Konzentration auf die Figuren statt demonstrativ hergezeigter Abziehbilder von dem, was noch immer gern als „typisch DDR“ verkauft wird …

Das vor allem: Die Konzentration auf die Geschichte dieser Figuren und ihr Menschsein. Normale Menschen in einer für das hier-und-heutige Verständnis unnormalen Welt. Minister Bruno Hempf (Thomas Thieme), der „einfach“ zu viel Macht in die Hand bekommen hat, und sein Opfer, die Schauspielerin Christa Maria. Autor Dreyman, der vom Guten im Menschen erzählen will, die DDR als das „richtige Land“ empfindet und damit lange ganz gut fährt. Regisseur Albert Jerska (Volkmar Kleinert), der damit nicht gut gefahren ist.

Und Hauptmann Gerd Wiesler, der damit auch nicht gut fährt, es aber noch nicht weiß. Ein Stasi-Mann und guter Mensch. Das ist der Widerspruch, das ist das zweite Thema des Films. „Die Sonate vom guten Menschen“ ist deshalb auch der Arbeitstitel des Streifens gewesen. Die meisten Figuren in dem Film sind „gut“ – Hempf und Wieslers Vorgesetzen Oberstleutnant Anton Grubitz (Ulrich Tukur) mal ausgenommen. Sie sind nur schwach, fehlgeleitet, sehbehindert (um nicht zu sagen blind), aufs Überleben bedacht. Das lässt sie Dinge tun, die nicht „gut“ sind. Vor allem aber – und das rechne ich dem Film bzw. Autor Florian Henckel von Donnersmarck hoch an – haben sie nicht alle diese unbeschränkte Wahlfreiheit, „gut“ zu sein, wie man sie am Ende von Diktaturen den Menschen, die in ihnen lebten, so gern vorwirft. So einfach ist es eben nicht. Es gibt keine einfache Antwort auf die Frage, wie man „das“ hätte verhindern können. Und der Film versucht sich auch nicht daran.

Apropos einfach: Das Ende des Filmes ist es nicht, es ist quasi „vervielfacht„, und das ist das Einzige, was ich doch noch bemängeln muss. Der „richtige“ Schluss ist der, als die Frau, die von den drei Männern – Hempf, Dreyman und Wiesler – geliebt wird, stirbt und die Dreyman-Stasi-Akte geschlossen wird. Danach kommt eine Szene, die nach der Wende spielt und zeigt, dass zwar die Akte geschlossen ist, die Ereignisse aber nachwirken. Dreyman erfährt jetzt, dass er die ganze Zeit überwacht worden ist – nach diesem entgeisterten Blick hätte der Abspann kommen müssen. Doch nein: Nun geht Dreyman zur Gauckbehörde, sieht seine Akte ein und erfährt, dass der Mann, der ihn überwachte, ihn gerettet hat. Nun wäre aber wirklich Zeit für den Abspann gewesen. Statt dessen sucht Dreyman nach Wiesler, findet ihn – grau wie eh und je und Zeitungen austragend –, spricht ihn aber nicht an. Abspann bitte! Noch nicht: Zwei Jahre später entdeckt Wiesler ein Buch Dreymans: „Die Sonate vom guten Menschen“. Er blättert und findet das Buch ihm gewidmet. Als der Verkäufer fragt, ob er es als Geschenk einpacken soll, sagt Wiesler „Nein. Es ist für mich.“ und lächelt so leise-seelig, dass selbst mir die Happy-End-Tränen ins Auge stiegen. Hollywood eben. Ohne das wäre der Film perfekt gewesen.


Filmografische Angaben auf Internet Movie Database

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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Version vom 07. 05. 2008 15:42
Version vom 05. 04. 2009 14:23

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