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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Fataler Irrtum
Eingestellt am 16. 12. 2003 22:38


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Yoanna
???
Registriert: May 2003

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Fataler Irrtum

"Ich wei├č selbst nicht mehr, wie ich so etwas tun konnte!"
Simone Lepercq nestelte an ihrem zerkn├╝llten Papiertaschentuch und schneuzte sich hinein.
"Ich musste einfach handeln, es konnte so nicht mehr weiter gehen!"
Polizeikommissarin Viviane Deflandre h├Ârte aufmerksam zu und spielte dabei mit einem in braunes Wildleder gebundenen Buch, das vor ihr auf dem Schreibtisch lag.
"Gut, dann erz├Ąhlen Sie mir doch bitte alles von Anfang an. Sie kannten Gilbert Mathieu seit ÔÇô wie langer Zeit?"
"Seit acht Jahren. Als ich bei dem Reifenhersteller im Einkauf anfing. Aber seit sieben Jahren erst sind wir ÔÇô waren wir, ein Paar, das hei├čt, wenn man es so nennen will ÔÇŽ"
Simone k├Ąmpfte sichtlich mit den Tr├Ąnen. Viviane seufzte. 'Das kann ja noch dauern, bevor wir hier fertig sind', dachte sie.
"Gut. Und Madame Mathieu wusste von dieser Aff├Ąre ihres Mannes? Kannte sie Sie?"
"Sie kannte mich nat├╝rlich, von Betriebsfeiern her. Sie kam regelm├Ą├čig zu den Jahrestreffen und auch schon mal, wenn ein Jubil├Ąum gefeiert wurde. Wir wechselten dann meist ein paar Worte, h├Âflich und unverbindlich, wie das so geht. Aber sie hat keine Ahnung gehabt, bis Gilbert ihr Anfang 2000 reinen Wein einschenkte."
"So. Er sagte ihr also die Wahrheit. Einfach so? Spontan? Oder hatte er einen Grund dazu?"
"Na ja, es gab schon einen Anlass." Simone Lepercq r├Ąusperte sich. "Also, ich hatte ihm eine SMS geschickt, und die hat zuerst sie gelesen, nicht er. Ich wei├č, es war dumm von mir, am Neujahrsmorgen eine SMS zu schicken, ich hatte das auch noch nie getan. So hatten wir es vereinbart: Anruf auf dem Handy nur in Notf├Ąllen, SMS gar nicht. Aber es war doch ein ganz besonderes Silvester gewesen, und ich hatte solche Sehnsucht. Da habe ich gegen unsere Regel versto├čen und eine Nachricht geschickt."
"Hm, und dann wusste sie auf einmal Bescheid. Wissen Sie, wie sie reagiert hat?"
"Nat├╝rlich wei├č ich das, Gilbert hat es mir ja erz├Ąhlt. Hysterisch ist sie geworden. Hat ihn zur Rede gestellt wie einen Schuljungen, der seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Sie war n├Ąmlich nervenkrank, m├╝ssen Sie wissen. Manisch depressiv, war schon lange in Behandlung deshalb. Darum hat Gilbert ihr ja auch nichts von uns gesagt. Weil er Angst hatte, sie w├╝rde dann noch tiefer abrutschen.
Sie war eine sehr labile Frau, st├Ąndig am Rande des Nervenzusammenbruchs, und sie regte sich ├╝ber alles und jeden ma├člos auf. Sie hatte eine regelrechte Putzwut entwickelt. In ihrem Haus blitzte es nur so. Wer hereinkam, musste sich gleich Filzpantoffeln anziehen, um das Parkett zu schonen. Jede benutzte Tasse wurde sofort abgesp├╝lt, obwohl es eine Sp├╝lmaschine gab, und wenn man es wagte, sich auf das Alcantara-Sofa im Wohnzimmer zu setzen, hatte man sofort das Gef├╝hl, es beschmutzt zu haben, nur weil man sich draufgesetzt hatte. Gilbert hat es mir oft erz├Ąhlt. Er hat sehr darunter gelitten."
Hier hielt Simone kurz inne, um sich erneut zu schneuzen.
"Als Finanzleiter hatte er nat├╝rlich eine gro├če Verantwortung im Unternehmen. Er war es gewohnt, wichtige Entscheidungen zu treffen und ihre Konsequenzen zu tragen. F├╝r seine Frau f├╝hlte er sich ebenfalls restlos verantwortlich, ├╝bertrieben verantwortlich, wenn Sie mich fragen. Ich habe ihn oft daran erinnert, dass ich auch noch da bin, dass unsere Beziehung auf Dauer so nicht bestehen kann. Aber er f├╝hlte sich seiner Frau gegen├╝ber derma├čen verpflichtet, dass er sich einfach nicht von ihr trennen konnte."
Viviane spielte weiter mit dem Buch. Solche und ├Ąhnliche Geschichten waren ihr t├Ągliches Brot. Ehebruch und Eifersucht, wohin man schaute, Lug und Betrug allerorten. Aber sie hatte sich ihren Beruf schlie├člich selbst ausgesucht, und so waren die Menschen nun mal. Wenn sie ehrlich war, musste sie sogar zugeben, dass es eben die menschlichen Schw├Ąchen und Fehler waren, die sie interessierten und die ihren Beruf f├╝r sie so spannend machten.
"Wissen Sie eigentlich", fuhr Simone fort, "wie es ist, wenn man jahrelang nur 'die Geliebte' ist, immer nur die zweite Geige spielt im Leben des Mannes, den man liebt? Auf Einladungen erscheinen Sie stets ohne Partner, und die mitleidigen Blicke der Anwesenden brennen Ihnen nur so im R├╝cken: 'Ach, hat sie immer noch keinen gefunden. Na, wird aber doch langsam Zeit, in ihrem Alter!' Ihren eigenen Geburtstag, s├Ąmtliche Festtage im Jahr verbringen Sie ohne ihn und stellen sich vor, wie er jetzt den liebevollen Ehemann und Familienvater spielt. W├Ąhrend Sie zu Hause sitzen und sich Episode 583 der Daily Soap ansehen.
Aber sie wollte ihn nicht gehen lassen, wie eine Klette hing sie an ihm. Auch nachdem sie es dann wusste, wollte sie ihn nicht loslassen. Auf Knien angefleht hat sie ihn, dass er sie nicht verlassen soll. Genau so hat er es mir erz├Ąhlt. Furchtbar muss das f├╝r ihn gewesen sein."

Es kopfte an der T├╝r.
"Herein!", rief Viviane ungeduldig.
"Entschuldigen Sie bitte die St├Ârung, aber Frau Lepercq wird dringend nebenan ben├Âtigt. Da sind ein paar Formalit├Ąten zu kl├Ąren; Fingerabdr├╝cke, Lebensdaten und so weiter."
Viviane h├Ątte jetzt protestieren k├Ânnen, dass diese Formalit├Ąten doch auch noch Zeit bis sp├Ąter h├Ątten, aber im Grunde kam ihr die Unterbrechung ganz gelegen. So konnte sie endlich einen Blick in das Buch werfen, das vor ihr lag. Die Einsatzleute hatten es heute Morgen aus dem zertr├╝mmerten Wagen geborgen und Viviane ausgeh├Ąndigt, zusammen mit Simone Lerpercq, die kurz nach dem Auftauchen der Polizeibeamten im Fabrikgeb├Ąude des Reifenherstellers einen Zusammenbruch erlitten hatte. Sie selbst habe den Unfall verursacht, hatte sie behauptet, und sie wolle sofort ein Gest├Ąndnis ablegen. So war sie hierhergebracht worden, und Viviane hatte unverz├╝glich mit dem Verh├Âr begonnen.
Viviane ├Âffnete das Buch.

01.01.2000 Er hat eine Geliebte! Ich kann es nicht fassen. Er hat mich belogen, und er bel├╝gt mich immer noch. Behauptet steif und fest, die SMS h├Ątte nichts zu sagen, das sei ein Scherz, ein Neujahrswitz, alles Bl├Âdsinn, mach dich nicht verr├╝ckt, Josiane, was bedeutet schon eine SMS gegen unser gemeinsames Leben, die bald erwachsenen Kinder, das Haus ÔÇô ich kann es einfach nicht glauben. Was soll ich jetzt machen? Ihn rausschmei├čen?
Wie lange geht das schon so?

20.1.2000 Er streitet immer noch alles ab. "Ich habe keine Geliebte, ich habe nur dich", sagt er mir zehnmal am Tag. Gestern hat er mir sogar Blumen mitgebracht. Am liebsten h├Ątte ich sie gleich in den M├╝lleimer geworfen. Er ekelt mich an. Ich k├Ânnte st├Ąndig hinter ihm herwischen, alles, was er ber├╝hrt hat, gleich sauber machen, damit sich der Bazillus der L├╝ge nicht in unserem Haus ausbreiten kann.
Wie gut, dass ich meine Freizeitaktivit├Ąten habe, und wie gut, dass er nicht dabei ist. Obwohl ich es ihm ja vor ein paar Jahren angeboten habe. "Komm doch mit zum Tennisclub und auch zum Yogakurs, dann haben wir gemeinsame Interessen, die wir pflegen k├Ânnen."
Eigentlich meinte ich: Dann haben wir uns vielleicht mal wieder etwas zu sagen, aber so drastisch wollte ich mich dann doch nicht ausdr├╝cken.

15.2.2000 Heute habe ich ihm klipp und klar ins Gesicht gesagt, dass ich ihm kein Wort mehr glaube. Und dass ich mich von ihm trennen will. Er hat mich angefleht, ich solle es mir doch noch einmal ├╝berlegen, da sei wirklich nichts zwischen ihm und Simone, ich k├Ânne sie ja anrufen. Als ob ich so etwas machen w├╝rde! Ich habe schlie├člich auch meinen Stolz. Nie und nimmer rufe ich die an!


Es klopfte erneut an der T├╝r, und Simone Lepercq wurde wieder hereingef├╝hrt. Sie wirkte jetzt ein wenig gefasster, und Viviane beschloss, sie nun ├╝ber den genauen Tathergang zu befragen.

"Madame Lepercq, wenn Sie bereit sind, w├╝rde ich jetzt gern von Ihnen erfahren, was genau Sie unternommen haben, um den t├Âdlichen Unfall des Ehepaares Mathieu herbeizuf├╝hren. Und warum Sie es getan haben."
Simone schluckte.
"Warum? Warum? Ich konnte einfach nicht mehr! Als er dann noch den Wochenendausflug mit seiner Frau plante, um an diesem Familientreffen teilzunehmen, da habe ich ÔÇô da bin ich ÔÇŽ"
Sie schluckte noch einmal und holte tief Luft.
"Ich hatte mir seit Anfang des Jahres gro├če Chancen ausgerechnet, dass er sie nun doch bald verlassen w├╝rde. Ich wollte endlich offiziell an seiner Seite existeren, das ist doch verst├Ąndlich, oder? Immerhin wusste sie ja jetzt Bescheid, und ihr Mann konnte schlie├člich nicht ewig f├╝r ihr Nervenleiden gerade stehen. Zweimal in der Woche musste sie zum Psychiater, das l├Ąsst doch tief blicken, finden Sie nicht? Wir nutzten ihre regelm├Ą├čigen Abwesenheiten allerdings aus, um uns heimlich zu treffen."
Simone entfuhr ein nerv├Âses Lachen, worauf sie sich erschrocken auf den Mund schlug.
"Er kam immer mit dem Hund zu mir", setzte sie erkl├Ąrend hinzu. "Ich habe ja vor ein paar Jahren eine Wohnung nicht weit vom Haus der Mathieus genommen. Also, um es kurz zu machen: Allm├Ąhlich wurde ich ungeduldig. Ich wollte einfach nicht mehr warten! Und dann erz├Ąhlte er mir von der Familienfeier in der Normandie ÔÇô irgendein runder Geburtstag ÔÇô und dass er unbedingt mit seiner Frau daran teilnehmen m├╝sse. Da habe ich Rot gesehen. Mir wurde schlagartig klar, dass er sich nie von ihr l├Âsen w├╝rde, dass ich immer nur im Schatten bleiben w├╝rde.
Sie k├Ânnen sich nicht vorstellen, wie ich die beiden gehasst habe! Alle beide! Das Ehepaar Mathieu. Ein sch├Ânes Paar! Sie ein nervliches Wrack und er ein L├╝gner und Ehebrecher. Aber nach au├čen hin, f├╝r die Familie, da spielten sie das gl├╝ckliche Paar. "

Viviane hatte wieder angefangen, mit Josiane Mathieus Tagebuch zu spielen. Sie betrachtete es nachdenklich. Was f├╝r f├Ąhige Einsatzleute sie doch hatte!

"Die Idee mit den Reifen kam mir dann wie von selbst zugeflogen. Kein Wunder, schlie├člich habe ich ja t├Ąglich mit Reifen zu tun.
Gestern Nachmittag habe ich unter einem Vorwand die Firma verlassen und bin zum Haus der Mathieus gefahren. Einen Zweitschl├╝ssel f├╝r die Garage hatte ich schon lange; ich besitze s├Ąmtliche Schl├╝ssel der Familie. Mit einem scharfen Messer habe ich die beiden Vorderreifen leicht aufgeschlitzt. Danach war es f├╝r mich nicht mehr sonderlich schwierig, mit einer kleinen Metalls├Ąge G├╝rtel und Karkasse anzus├Ągen. Um die Reifen wieder vollzupumpen und zu verschlie├čen, habe ich einfach zwei Flaschen "Reifen-Doktor Auto-Pannenhilfe" verwendet. Die Reifen sollten nat├╝rlich erst bei voller Fahrt auf der Autobahn ihren Dienst aufgeben. Und das haben sie dann ja auch getan", setzte Simone Lepercq, erneut schluchzend, hinzu.

Viviane schwieg. Was h├Ątte sie auch sagen sollen? Vor ihr sa├č eine Frau, die aus Eifersucht ihren Geliebten und dessen Ehefrau get├Âtet hatte. Und die nun von den eigenen Schuldgef├╝hlen fast erdr├╝ckt wurde.
"Tja, dann muss ich Sie jetzt leider festnehmen lassen", konstatierte sie sachlich und gab Polizeileutnant Michel Dupont, der an der T├╝r gestanden hatte, einen Wink.

Nachdem Simone Lepercq abgef├╝hrt worden war, bl├Ątterte Viviane noch einmal in dem Tagebuch.

7.4.2000 Endlich! Ich glaube, allm├Ąhlich findet er sich mit dem Gedanken ab, dass es f├╝r uns alle das Beste ist, wenn wir uns trennen. Wie gut, dass ich ihm nicht die H├Âlle hei├č gemacht habe. Jetzt k├Ânnen wir k├╝hl und besonnen an unsere Scheidung gehen und das Ganze schnell hinter uns bringen.

3.5.2000 So, jetzt ist es endg├╝ltig. Der Antrag ist eingereicht. Am Himmelfahrtswochenende will Gilbert noch einmal mit zum Familientreffen in die Normandie fahren ÔÇô um der ganzen Familie offiziell unsere bevorstehende Scheidung mitzuteilen! Und danach will er seine Simone damit ├╝berraschen. Hoffnungsloser Romantiker, sozusagen. Na, soll er's tun, wenn's ihn gl├╝cklich macht.


Viviane klappte das Buch zu. Sie hatte genug gelesen. Simone Lepercq begann ihr ernstlich leid zu tun.

Wieder einmal klopfte es an der T├╝r. Dupont trat ein.
"Wir haben jetzt die Ergebnisse der Spurensicherung. Die Unfallursache ist eindeutig gekl├Ąrt worden."
"Ja, und?" fragte Viviane halb ver├Ąrgert, weil ihr Untergebener sich die Informationen an den spannendsten Stellen immer einzeln aus der Nase ziehen lie├č.
"Es war eindeutig ein Hirsch, der im Fr├╝hnebel auf der Stra├če gestanden hatte. Die ├ťberreste des Tieres sind 20 Meter weiter im Wald gefunden worden. Mathieu muss versucht haben, ihm auszuweichen, und ist dabei gegen einen Baum geprallt. Beide Insassen waren sofort tot, aber das wissen Sie ja."
"Hm, und was wissen Sie ├╝ber die Reifen des Fahrzeugs?"
"Die Reifen? Wieso, war was mit den Reifen? Nee, ist uns nichts aufgefallen. Hat keiner nach geguckt. Warum auch?"

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Michael Schmidt
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2002

Werke: 43
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Hallo Yoanna,

nette Geschichte, sch├Ân geschrieben. Allerdings finde ich die Motivation der Geliebten ein wenig "d├╝nn". Es mag sein, dass eine Familienfeier ausreicht, um sie zu ihrer Tat zu bringen, aber f├╝r mich wirkt dies eher konstruiert als glaubw├╝rdig. Aber vielleicht liegt es daran, dass mir die Dame ein wenig fern bleibt und mein Urteil r├╝hrt daher.

Gru├č,
Michael

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