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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fehlstart
Eingestellt am 07. 12. 2012 19:06


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Gonzo Gonzales
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2003

Werke: 35
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Fehlstart



Am Anfang war das Licht - eine EinschĂ€tzung, die Flynn aus heutiger Sicht bestimmt nicht teilen wĂŒrde, auch wenn er das noch könnte. Wohl kaum. Doch dabei hĂ€tte alles so schön werden können. Schließlich brachte Flynn alle grundlegenden Voraussetzungen mit, um etwas Großes, womöglich gar Gewaltiges mit seinen naturgegeben FĂ€higkeiten und Neigungen anzufangen. Zum Beispiel konnte er schon im zarten Alter von 5 Jahren solche spannenden Geschichten erzĂ€hlen, dass ihm selbst Erwachsene gerne und staunend lauschten. So fantasievoll und originell waren die - fĂŒr ein Kind seines Alters. Seine Mutter hat dann meistens stolz gesagt: "Der wird sicher mal ein Schriftsteller, so wie der sprachlich begabt ist!"
Auch FlynnÂŽs Vater war jedes Mal mit Stolz erfĂŒllt, wenn sein Sohn wie der Teufel ĂŒber den Fußballplatz gefegt ist und ab und zu, sozusagen als Krönung die Pille in den Kasten befördert hat.
"Ja, das ist mein Junge! Toooor!"
Auch der Trainer der Miniknaben hat fĂŒr Flynn immer nur lobende Worte ĂŒbrig gehabt.
"Ja, im Herbst, wenn er dann bei der U8 mitspielen kann - na, das wird was werden!"
Doch FlynnÂŽs Talente und FĂ€higkeiten waren nicht nur auf diese beiden Dinge begrenzt. Er hatte darĂŒber hinaus auch ein Faible fĂŒr das Schlagzeug seines Vaters, auf dem er jede freie Minute, wenn er gerade mal nicht Fußball spielte oder gerade im Kindergarten war, herumgehĂ€mmert hat. Und das nicht einmal schlecht. Beinahe richtig gut fĂŒr sein Alter, fanden seine ĂŒberaus glĂŒcklichen Eltern. Und nicht nur die! Freunde, Bekannte und Verwandte der Familie Ă€ußerten sich ebenfalls des Öfteren in diese Richtung, was letztendlich Grund genug fĂŒr Flynns Eltern war, ihren Sprössling mit Schulbeginn zum Schlagzeugunterricht anzumelden und eben auch auf Anraten des Fußballtrainers bei der U8 der örtlichen Fußballmannschaft unterzubringen. Und Flynn war begeistert, euphorisch geradezu - die Sterne standen also gĂŒnstig fĂŒr ein geglĂŒcktes und reiches Leben. Flynn war klug, talentiert und ĂŒberaus motiviert. Doch dann kam er, dieser Tag, an dem sich alles Ă€nderte. An dem das Licht der Dunkelheit wich. Dann kam er, FlynnÂŽs erster Schultag...

Seine Vorfreude bekam einen ersten DĂ€mpfer, just in dem Moment als Frau Pissmark das Klassenzimmer betrat. Ihre Augen waren riesig und die Pupillen glĂ€nzten in postalkoholischem Glanz. Ihrem Mund entwichen kratzige, beinahe schrille Töne und es dauerte etwas bis Flynn bemerkte, dass sie sich nicht rĂ€usperte sondern zu der Klasse sprach. Atonales GekrĂ€chze materte sein ĂŒberaus empfindliches Gehör und er musste sich auf die Zunge beißen, um nicht durchzudrehen. Und bei einem beilĂ€ufigen Blick zu seinem Sitznachbarn erkannte er, dass es diesem auch nicht sonderlich gefallen konnte, was ihm da in seine GehörgĂ€nge gejagt wurde. Wenn er sich getraut hĂ€tte, so schien es, hĂ€tte der sich bestimmt die Ohren zugehalten. Doch seine Augen starrten Ă€ngstlich in die Richtung aus der das Unheil ĂŒber sie alle hereinbrach. Frau Pissmark sprach: "Sooo, meineee lieben Kiender! Jetzzzzzttt issst es alsoo so weitt! Der Ernzt des Lebens wartet auf euch!" Ihre "glubschigen" Augen fegten ĂŒber die Köpfe der Kinder hinweg wie ein ratterndes Maschinengewehr. Es grenzte fĂŒr Flynn an ein Wunder, als kurze Zeit spĂ€ter noch immer alle Kinder heil und unverletzt auf ihren PlĂ€tzen saßen und Ă€ngstlich nach vorne schauten. Aber Pissmarks Blick blieb weiterhin gefĂ€hrlich und ihre grauen struppigen Haare verliehen ihr das Aussehen einer alten und sehr sehr bösen Hexe, wie Flynn fand.
"Jetzzt wollen wirrr mal beginnen!", Pissmark rĂ€usperte sich diesmal wirklich, was aber fast angenehmer klang als ihre schrille Sprechstimme. Flynn hoffte insgeheim, dass sie in Musikerziehung eine andere Lehrerin haben wĂŒrden. Nicht daran zu denken, was wohl geschehen wĂŒrde, wenn die Hexe auch noch singen wĂŒrde. Doch vorerst blieb den Kindern diese Art der Folter erspart. Pissmark hatte nĂ€mlich noch ganz andere Spielarten in ihrem Repertoire.
"Jedes Kiend, wirrd mir jetzzt erzĂ€hlen, was es in diesem Sommerrr soo allez erlebt hat! Wirr machen jezzzt Deutschunterricht! Beginnen wir mittt, Ă€hm dir!", Pissmarks Zeigefinger war wie eine geladene Waffe, die sich ihr nĂ€chstes Opfer suchte. Und bevor Flynn es ĂŒberlauerte, zeigte die Waffe auf ihn und Pissmarks schrille Stimme feuerte genau in seine Richtung.
"Naaaa, mein Kleinerrr, wie heizt du dennn?"
"Ähm, Flynn!"
"Nein, nein! Meine Kiender! Dazz sagt man so nicht! Man sagt: ICH HEIZTE so und so! Versteht ihrr?!"
"Ähm...", Flynn war merklich verunsichert und Pissmarks unerbitterlichen Alkoholikerinnenaugen bohrten sich noch tiefer in seinen zerbrechlichen Verstand.
"Auch nichtt Àhm!" Man spricht klarrr und deutlich! Hörzt du!"
"I, I, Ich heiße Flynn!"
"Nein! Nicht stotttern! Daz musst du nochmal sagen! Aberrr beszer!", Pissmark hatte nun ihren Liebling gefunden.
" Ich, hei- heiße Flynn!"
Pissmark hielt ein paar Sekunden inne. Dann zogen sich ihre Mundwinkel nach oben und eine böse Karikatur eines gepflegten 3te ZÀhnegebisses kam zu Vorschein. Ihre Augen funkelten unheilvoll auf als sie die folgenden, folgeschweren Worte formulierte.
"Ah ein Stotterkiend! Ein Stotterer!", alle Kinder lachten.
"Ruuuheee!", brĂŒllte Pissmark und die Stille fand sofort wieder Einzug. Alle Kinder schauten gebannt auf die Lehrerin. Nur Flynn schaute auf den Boden.
"Da wirzt du wohl Sprachtherapie brrrauchen! HĂ€?!"
"Nei-nein ich ka, ka...!"
Alle Kinder lachten erneut und diesmal gebot ihnen Pissmark nicht sofort Einhalt. Es dauerte fĂŒr Flynn endlose Augenblicke, bis es endlich wieder still war. Und Pissmark schien das förmlich zu genießen.
"Sooo! jetzzt probiertzt du es gleich nochmal! Ich heizte Flynn! Komm schon! Los! Ich heitze Flynn!"
Flynn schluckte, Schweiß perlte auf seiner Stirn. Es bereitete ihm beinahe körperliche Schmerzen erneut zu sprechen. Alle Blicke der Klasse ruhten auf ihm. Sie warteten. Sie alle warteten darauf, dass er etwas sagen wĂŒrde. Dass er weiterstotterte. Im Augenwinkel sah er ein MĂ€dchen, das hĂ€misch auf seinen zitternden Mund stierte.
"Waz izt! Los schon! Wird daz noch waz heute?!", höllerten Pissmarks schrillen Worte in seinem Kopf. Ein kalter Schauer jagte ihm ĂŒber den RĂŒcken und ganz weit entfernt hörte Flynn plötzlich eine sehr vertraute Stimme: "Der wird bestimmt mal Schriftsteller"!, hörte er seine stolze Mutter sagen. TrĂ€nen standen ihm in den Augen. Als diese ferne Stimme verstummte, war es auch im Klassenzimmer wieder leise und Flynn war erstarrt.
"Kommt da nichtz meeehr?! HĂ€! Nichzt mehr! Na ja!"
"Schaut, der beginnt gleich zu flennen!", posaunte das MĂ€dchen, dessen Blicke so hĂ€misch und böses an seinen Lippen gehangen hatten. Ein helles GelĂ€chter erfĂŒllte das Klassenzimmer.
"Ruhhhe Kiender! Hier spreche nur ich! Ihr nurr, wenn ihr gefragt werdet! Dieze Kiender heute - pf!", im Gedanken öffnete Pissmark schon die allabendliche Weinflasche und hatte ihren Blick schon auf den Birnenbrand gerichtet, der als nĂ€chstes in ihren mĂŒrben Verstand eindringen wĂŒrde. Einmal noch strafte sie Flynn mit einem abschĂ€tzigen Blick und fuhr fort. Ihr Finger war bereit sich ein nĂ€chstes Opfer zu suchen.
"Dann lazzen wir den Stottererr! Soll ein anderes Kiend weitermachen!"
"Ja, nicht der Stotterer! HaHa!", brĂŒllte ein Bursche aus der letzten Reihe.
"Nicht der Stotterer! Nicht der Stotterer!"
"Ruhe!", und wĂ€hrend Pissmark abermals Ruhe einforderte wurde FlynnÂŽs Hose von einer warmen, streng riechenden FlĂŒssigkeit benetzt. Als der Geruch von Urin den halben Raum eingenommen hatte, trat Frau Pissmark an Flynn heran und zeigte mit dem Finger auf ihn. Was sie zu ihm sagte, hörte Flynn gar nicht. Auch nicht das erneute Lachen der anderen Kinder.
" Ha Ha! Hosenpisser! Hosenpisser!"
"Seid stillll Kiender! Seid endlich stillll!"
Und Flynn saß weiter mit nasser Hose auf seinem Platz, starrte gebrochen in die Leere seines zukĂŒnftigen Lebens und sagte den ganzen Vormittag ĂŒber kein einziges Wort mehr. Pissmark ließ ihn gnĂ€digerweise den restlichen Vormittag unbehelligt mit nasser Hose auf seinem Platz sitzen. Schließlich hatte sie ja noch Zeit! 4 Jahre GrundschulZEIT! 4 Jahre um ein Leben zu zerstören - die Kinder machten mit. Nicht wirklich aus Boshaftigkeit - aber so wie Kinder nun mal sein können. Und seit diesem Tag hat Flynn nie wieder jemandem eine Geschichte erzĂ€hlt. Auch das Fußballspielen hat er sein gelassen. Denn 2 Burschen aus seiner Klasse waren an diesem Nachmittag ebenfalls dort auf der Wiese.
"Seht ihn euch an ! Stotternder Hosenpisser! Stotternder Hosenpisser!"
Zum Schlagzeugunterricht ist er gar nicht mehr gegangen. Das einzige was ihm von diesem Tag fĂŒr den Rest seines Lebens geblieben ist, war das Stottern.
Flynn ist mit 25 Jahren an einer Überdosis gestorben. Alleine im Dreck liegend unter einer BrĂŒcke. Es roch nach Urin...





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jeder mensch wird als original geboren,
aber die meisten sterben als kopie

Version vom 07. 12. 2012 19:06
Version vom 07. 12. 2012 20:19
Version vom 08. 12. 2012 12:29

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