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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Fenster im Schneckenhaus
Eingestellt am 11. 05. 2006 00:49


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ENachtigall
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Fenster im Schneckenhaus

Du hast Dich schon immer gern zurĂŒckgezogen, kleine Schwester, selbst als du noch in Mutters Schoß wohntest. Statt pĂŒnktlich zu deinem Geburtstag zu kommen, wie es sich gehört, nahmst du einfach zwei Wochen Sonderurlaub vor Antritt der Reise gen Ernst des Lebens. Vielleicht wolltest du Papa noch schonen, die maßlose EnttĂ€uschung aufschieben, nach dem dritten geglĂŒckten Vermehrungsversuch nicht den gepriesenen Hubertus gezeugt zu haben, den ersehnten kĂŒnftigen Treiber und JagdhornblĂ€ser. Endlich der Stammhalter, der Ritter, der den ehrenwerten Namen, das Wappen auf dem Schild kampfesbereit in die Zukunft trĂŒge. Der wĂŒrdige Junior in Lauerstellung auf den Chefsessel des florierenden Mittelstandsunternehmens, das im Nachkriegsboom gedieh wie die Trunksucht.
Fehlgeschlagen war schon zuvor ein erster zarter Schritt in Richtung SelbststĂ€ndigkeit: die „wilde“ GrĂŒnkohlplantage im Walde, jene Ich AG, durch Mutters Ersparnisse eher schlecht als recht finanziert, musste den verdutzten Hasen und Karnickeln wie ein verspĂ€tetes Carepaket fĂŒr Niederwild erschienen sein. Alles fraßen sie ratzekahl leer in nur einer verdammten Nacht.
WĂ€hrend Papa im Mannschaftsraum mit seinen Arbeitern, so durften sie damals noch genannt werden, ordentlich den Hubertus begoss, beim Gesang von Ernst Mosch und seinen Original EgerlĂ€ndern „Heidewitzka, Herr KapitĂ€n“ und „Gehn wir mal rĂŒber zu Schmitz“ (der mit den drei Töchterlein) grölte bis der Morgen graute (eine versteckte musikalische Vorahnung?), machten dir die Vorstadtmediziner mit Wehen fördernden Mitteln bald den Garaus im gemĂŒtlichen Fruchtwasserbad. Die krĂ€ftige Uterusmuskulatur setzte sich stark kontrahierend in Bewegung und unsere zierliche kleine Mama ertrug in tapferster BDM Manier die qualvollen Schmerzen der Geburt. Auf das kleine rothaarige MĂ€dchen wartete zur BegrĂŒĂŸung kein Name und vielleicht war ihre weise vorausschauende Art der wahre Grund ihrer VerspĂ€tung.
Zur Aufsicht der großen Schwestern, die wir jetzt waren, hatte der Vater die Kellnerin aus seiner Lieblingswirtschaft „Plaaß“ nach Hause bestellt, die uns vom sonntĂ€glichen FrĂŒhschoppen her kannte und in den Pausen, wenn die FĂŒchse fĂŒr das Automatenspiel ausgingen, regelmĂ€ĂŸig Dunkelbiere reichte. Sie hieß intern Frau Huck, weil sie einen bestĂ€ndigen Schluckauf hatte und ihre knubbeligen dicken Kniee unter Röcken hervorlugen ließ, die so ganz anders gemustert waren, als Mamas Kittel und wenn sie lachte, so laut und gackernd, hörte sie sich an wie Tante Hilde. Dieses Unikum kleidete uns nun anlĂ€sslich deines Geburtstags ganz Ă€hnlich ein, wie sich selbst: in Sachen, aus denen wir lĂ€ngst - wenigstens der LĂ€nge nach – herausgewachsen waren. In die Breite wuchsen wir „Spargel-Janes“ eh nie so richtig.
Mama, noch blass nach der Geburt, sah seltsam entrĂŒckt aus, mit dir hinter der antiseptischen Glasscheibe. Ob sie unser Zustand verunsicherte oder Papas oder sie sich schĂ€mte, wieder keinen Jungen geschafft zu haben, weiß ich nicht. Jedenfalls durften wir dir, nach ein paar Tagen - deine Kastanienhaare und die großen großen Augen bestaunend - dich winzige Gestalt auf einem klein karierten lila Kopfkissen, auf der RĂŒckbank und unseren Knien in Papas Wirtschaftswunder Mercedes haltend, endlich Namen geben, Namen, die wir in schwierigen Einigungsverhandlungen zuvor aus unseren LesebĂŒchern gekungelt hatten: Doris und Helga.

Jahre spĂ€ter hĂ€ttest du uns fĂŒr die „Helga“ am liebsten verhauen, wĂ€ren wir nicht soviel grĂ¶ĂŸer gewesen. Aber sag ehrlich, was konnten wir schon dafĂŒr, dass Jaqueline damals noch nicht modern war und Evelyn zu extravagant? Oft bliebst du mit Mutti allein; spĂ€ter allein mit Mutti und deinem Dackel, den der Nachbar bei der Jagd noch spĂ€ter und beilĂ€ufig erschoss, obwohl du sogar das Jagdhornblasen eine Zeit lang geĂŒbt hattest, als du noch zu jung warst, zu wissen, warum sie sich so amĂŒsierten, wenn es hieß: Doris, blas mal tĂŒchtig! - Hahaha. - SĂŒĂŸigkeiten brachten sie dir mit, in sĂ€mtlichen Variationen. Beizeiten hatte Milky Way und & Co. dir die Taille weggepolstert. Ein GetrĂ€nkehĂ€ndler brachte sie plastiktĂŒtenweise. Er lieferte BierkĂ€sten nach Hause und ein paar Flaschen Fanta, die wir nicht trinken sollten, weil Mama gesunden Saft von den Beeren aus ihrem Garten machte.
Ein faszinierendes GerĂ€t war dieser Entsafter: katheterisierend entließ er farbige SĂ€fte in Flaschen, die einst Hochprozentiges geborgen hatten. So schaffte sie es, immerhin die GefĂ€ĂŸe vom Schnaps zu entwöhnen. Papa mochte es nicht, wenn sie Unkraut jĂ€tete, besonders wenn Graf Balleström von der Bank im Anmarsch war oder der schicke Sichelschmidt mit seiner hoch toupierten Gattin, die tatsĂ€chlich meinten, ihr Sohn sĂ€he aus wie Roy Black, und darauf ausgesprochen stolz waren. Und die MĂ€dels: alle hinter ihm her.
Die Welt rief Papa zu Tagungen in ihre Metropolen (er schwĂ€rmt noch heute von der Haute Couture, die er uns mitbringselte) oder zur Jagd in die Steiermark. Die dort gehandelten Dirndl, frisch fĂŒr uns Töchter ins Ruhrgebiet portiert, mussten einmal – bevor wir aus den noch jungfrĂ€ulichen Trachten hinauszuwachsen drohten – zur Schule angezogen werden, als gerade die coole Hippiezeit begann. „Pass auf, dass du nicht ĂŒber deine SchĂŒrze stolperst“, bekam ich von einem fast schon Langhaarigen aus der ĂŒbernĂ€chst höheren Klasse zu hören und schĂ€mte mich in den Grund und Boden des ganzen Schulhofs. Du dagegen hattest prima Gestricktes; Mama verarbeitete ihren Kummer mit klappernden Nadeln in wollige Pullover, wenn sie nicht Fasan oder Taube rupfte, Kaninchen ausnahm oder die BuchfĂŒhrung machte. Eigentlich fĂŒhlten wir uns immer am wohlsten, wenn er nicht da war. Dann gab es Pfannkuchen oder Kartoffelpuffer. Das Gerede von seinen Besuchen bei der Dorfschönheit machte Mutter zu schaffen. So fuhr sie oft mit dir allein in Urlaub, was mich fast eifersĂŒchtig machte; als sie nĂ€mlich mal nur mit mir – lange vor deiner Zeit – in die DDR gefahren war, hatte ich mir prompt die Masern eingehandelt und musste das Bett hĂŒten. KĂŒnstlerpech.
Du warst eindeutig Mamas Liebling. Immer da, wenn sie so traurig war. Manchmal meine ich, es hat ein wenig auf dich abgefĂ€rbt. So wie Papas Einsamkeit, die er vorzugsweise mit ein paar Promille Alkohol zu viel im Blut verdĂŒnnte. Er ließ seine leicht schwer gewordene Zunge gern an der langen Leine laufen. Seine Hunde nahmen meist schnell Reißaus, wenn sie Gelegenheit dazu hatten - so wie wir Kinder. War ich froh, als die VolljĂ€hrigkeit auf 18 gesenkt wurde! Drei Jahre lĂ€nger - nicht auszudenken.

Heute, da wir alle in eigenen SchneckenhĂ€usern wohnen, wissen wir ja, warum er so unbeholfen dicke Backen macht: er beschwört nur seine Geister. Wenn sie schwatzen, er sei Schuld, nicht die Waffe in der kaum pubertĂ€ren Hand abgedrĂŒckt zu haben, damals im Krieg, auf der Flucht, als er zusah, wie die Soldaten ĂŒber Mutter und Schwester herfielen - sein Vater wehrlos festgehalten – dann schreit er heute noch im schweißnassen Bett: „Die Russen kommen.“ Ich werde ihm hin und wieder sagen, dass wir alle mit dem Leben davongekommen sind, weil er damals nicht geschossen hat 

Zum Geburtstag hast du dir neue Fenster einbauen lassen? Gratuliere, kleine Schwester! Mensch ist das lange her. Mehr als ein halbes Leben. Wie hast du gelacht, als ich "fliegender Fisch" mit dir spielte. Weißt du noch, wie das ging? Ich lag auf dem Sofa und balancierte dich auf meinen FĂŒssen, die Beine hoch gestreckt, die kleinen HĂ€nde mit meinen haltend, flogst du rauf und runter und wolltest nie mehr damit aufhören. Im Winter ĂŒbten wir zwei auf Schlittschuhen Pirouetten drehen. Der kleine TĂŒmpel der alten BĂ€uerin mit ihrem gefĂ€hrlich klĂ€ffenden Rehpinscher war dafĂŒr gerade groß genug. Wir fĂŒhlten uns wie Eisprinzessinnen, auch wenn die abschraubbaren Kufen nie lange an den Stiefeln hielten. SpĂ€ter wohnten wir ĂŒbereinander im selben Haus zur Miete, kochten Brokolisuppe, sahen uns immer noch die "Puppenkiste" an und gingen - verwegenerweise Sonntagabends - zum Tanzen in den "Keller".

Manchmal frage ich mich: hab ich das wirklich alles mit dir erlebt? So weit weg kommt es mir vor - wie du, am anderen Ende der Welt. Sieh mal, ich zwinkre euch zu - dir und Blue. Fast scheint mir, ich spĂŒre seine feuchte Nase an deinem Bein, Liebes.



11. Mai 2006
(nachtrĂ€glich ĂŒberarbeitet)
(zweite Überarbeitung 1.07.2006)
__________________
Wer Spuren sucht, wird Wege finden.

Version vom 11. 05. 2006 00:49

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Burana
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Registriert: Not Yet

Hallo ENachtigall!
Ich hab Deine Geschichte ganz gelesen, obwohl mir zwischendurch schon mal die Puste ausging und ich nach unten geschielt habe, wie lang sie noch ist.
Ein schöner 'Erinnerungsbrief' fĂŒr 'Deine Schwester' mit teilweise gut beschriebenen Szenen. Mir fehlt aber der Spannungsbogen dabei, der Lust drauf macht zu erfahren, wie's ausgeht. Vielleicht passt die Geschichte besser in >Tagebuch<?
Was meinen die anderen hier???
Liebe GrĂŒĂŸe, Burana

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ENachtigall
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???

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Hallo Burana,

schön, dass Du eine RĂŒckmeldung gibst, wie der Text auf Dich gewirkt hat.
Mein Bestreben war es, eine Art Zeit-/Hausgeist aus meinem sehr persönlichen Blickwinkel einzufangen. NatĂŒrlich ist er zu flĂŒchtig oder zu familiĂ€r, um das Zeug zu einem Quotencatcher zu haben.
Die Gratwanderung ist zugegebenermaßen schwer; darĂŒber zu schreiben, was man kennt und doch nicht wie Tagebuch zu wirken.
Mich freut vor allem Deine Ehrlichkeit ob der empfundenen SpannungsschwÀche.
BezĂŒglich ErzĂ€hlungen wĂŒĂŸte ich gern, wie stark ein Spannungsbogen notwendigerweise sein sollte, um als solche gelten zu können.

FĂŒr heute gute Nacht.

Elke
__________________
Wer Spuren sucht, wird Wege finden.

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Micha v.d. Rosenhöhe
Guest
Registriert: Not Yet

Eine charmante, sehr persönliche und wundervoll, fast im Elke Heidenreich-ErzĂ€hlstil verfasste Geschichte. Sie gefiele mir sehr gut, auch wenn Klischees bedient wurden, wie der Hubertus, die BlechblĂ€ser und die damals tatsĂ€chlich so beschissene Rolle der MĂ€nner(im Sinne von zurĂŒckgeblieben)
das Indizien zum Techtelmechtel mit der "Dorfschönheit".
Die zeit war "fast" meine Zeit ich denke meine war etwas spÀter. Schön auch der Neid auf das NesthÀkchen beschrieben und das "Wegkippen der Einsamkeit durch "Promille".

Sehr,sehr gut beschrieben, auch wenn ich JĂ€ger nie so recht mochte und das beschissene Outfit, diese Loden...iiiiigggitt.

LG
Micha

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HFleiss
gesperrt
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Fenster im Schneckenhaus

Meiner Ansicht nach reicht es nicht aus, humorig irgendwelche LebenslÀufe aufzuschreiben und ErzÀhlung dazu zu sagen. Das ist alles ganz sympathisch geschrieben - was mir aber fehlt, ist der Plot. Den gibt es einfach nicht. Das Ganze ist eine voluminöse Einleitung zu einer Geschichte, die dann am Ende nicht erzÀhlt wird.

Gruß
Hanna

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ENachtigall
Foren-Redakteur
???

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Hallo Hanna,

danke, dass Du Dich mit meinem Text beschĂ€ftigt hast und fĂŒr den Mut zur Bewertung; dass er auch Dir zu flach geraten erscheint macht mich nachdenklich. Vielleicht liegt es daran, dass eben das eigentliche Thema der bestĂ€ndige RĂŒckzug ist, vielleicht auch daran, dass ich tatsĂ€chlich einfach Szenen "aufgehĂ€uft" habe, anstatt etwas Besonderes aufzubauen und herauszustellen. In jedem Fall hat mich die Kritik schon mal gedanklich weitergebracht.

Liebe GrĂŒĂŸe

Elke

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