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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Fenster zum Strand
Eingestellt am 20. 12. 2013 15:27


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Ciconia
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2012

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In manchen sternklaren N├Ąchten, wenn ich allein im schummrigen Zimmer am Fenster sa├č, auf die Ger├Ąusche von nebenan lauschte, wenn durch die halb ge├Âffnete T├╝r im besten Fall ein leises Schnarchen, im schlimmsten Fall ein halblautes St├Âhnen zu h├Âren war, weil Georg trotz starker Medikamente vor Schmerzen nicht in den Schlaf finden konnte, sah ich wiederholt einen gro├čen schlanken Mann auf dem H├Âhenweg vor unserem Haus vorbeieilen. Im fr├╝hen Herbst trug er zun├Ąchst eine Prinz-Heinrich-M├╝tze, sp├Ąter dann, im ungew├Âhnlich kalten November, hatte er die Kapuze seines dunklen Anoraks fest zugezogen, was ihm, bis er irgendwann in der Dunkelheit zum Strandabgang verschwand, eine unnat├╝rliche, ja fast unheimliche Kontur gab.

In solchen Stunden genoss ich das ungest├╝me Tosen des Meeres, es ├╝bert├Ânte manchmal sogar die Laute aus dem Nebenzimmer, und ich bildete mir einen Moment lang ein, mein Leben sei in bester Ordnung, alles w├╝rde weitergehen wie bis vor einem halben Jahr.

Durch die kahlen B├Ąume am Strandhang konnte ich die See mehr erahnen als erkennen, nur wenn sich die Wogen in mondhellen st├╝rmischen N├Ąchten auft├╝rmten, sah ich f├╝r einen Augenblick gischtgelbe Schaumkronen w├╝tend auftauchen und ersch├Âpft wieder verschwinden. Genau wie die Gestalt mit der Kapuze stets rasch aus meinem Blickfeld verschwand, dieser Mensch, von dem ich nichts wusste, denn wir wohnten erst seit dem Fr├╝hjahr hier an der Steilk├╝ste und Georgs pl├Âtzliche Krankheit verhinderte vieles, vor allem neue Freundschaften. Ich ├╝berlegte mir so manches Mal, was ihn zu sp├Ąter Stunde hinaustrieb und wohin ihn sein Gang f├╝hrte ÔÇô auf demselben Weg zur├╝ckkommen sah ich ihn nie, solange ich auch wachend am Fenster sa├č. Oder hatte mich ab und zu die M├╝digkeit ├╝bermannt und ich war kurz eingenickt?

Es wurde mir zur Gewohnheit, bei meinen stillen Betrachtungen und den ├ťberlegungen, wie es weitergehen sollte, wenn Georg endg├╝ltig keine Kraft mehr haben w├╝rde und mich allein lie├če in diesem erst halbfertig eingerichteten Haus, auf den Mann in der dunklen Wetterjacke zu warten und seine Silhouette zu verfolgen, bis ihn die Nacht verschluckt hatte. Niemals war er in Begleitung, nicht einmal ein Hund folgte ihm. Seine Haltung erinnerte mich stark an den jungen Georg, seinen betont aufrechten Gang, die weit ausholenden Schritte. Wie gern war ich fr├╝her mit ihm unterwegs gewesen, wie gern waren wir gereist, wie viele Kilometer mochten wir im Laufe von Jahrzehnten zusammen gewandert sein!

Gegen Ende des Jahres konnte ich absehen, dass Georg den Kampf verlieren w├╝rde. Eine Woche vor Weihnachten schlief er ruhig ein, in einer dieser N├Ąchte, die ich reglos und gr├╝belnd am Fenster sa├č. Der Unbekannte mit der Kapuze schien diesmal besonders langsam vorbeizugehen, zum ersten Mal deuchte mir, er habe seinen Kopf leicht in meine Richtung gewandt.

Ich war vorbereitet auf das, was mich nun erwartete, ich hatte schlie├člich monatelang Zeit zum Nachdenken gehabt. Nach Georgs Beerdigung, an der nur der engste Familienkreis teilnahm, verbrachte ich einige Tage bei meiner Tochter und dem Schwiegersohn, und eigentlich lie├čen wir dieses Fest nur wegen der Enkelkinder nicht ausfallen. Die Leere, die sich w├Ąhrend der vergangenen Monate in mir breit gemacht hatte, wuchs sich zu einer v├Âlligen innerlichen Starre aus.

Anfang Januar kehrte ich zur├╝ck in unser Haus, das f├╝r mich allein viel zu gro├č war und das mir ohne Georg unwohnlich und abweisend vorkam. Noch sah ich mich nicht in der Lage, Pl├Ąne f├╝r die Zukunft zu fassen. Den einsamen Spazierg├Ąnger verga├č ich schnell.

Fr├╝hling und Sommer vergingen, aber die Jahreszeiten erreichten mich nicht mehr. Blumen und Pflanzen im Vorgarten, die ich in unserem ersten Sommer gehegt und gepflegt hatte, waren mir gleichg├╝ltig geworden, wie ├╝berhaupt so vieles andere auch. Meine Gesundheit verschlechterte sich zusehends, eine andauernde bleierne Hoffnungslosigkeit erfasste mich.

So nahm ich die Diagnose, die mein Arzt mir an einem sonnigen Oktobertag mitteilte, mit Fassung und, ja, Gleichg├╝ltigkeit entgegen. Ich kehrte nachmittags in dem unglaublich beruhigenden Bewusstsein heim, dass es nun nichts mehr zu planen gab.

Sp├Ątabends sa├č ich wieder einmal gedankenverloren am Fenster. Ich starrte ├╝ber das unruhige Meer und nahm die dunkle Kapuzengestalt erst wahr, als sie direkt vor dem Haus stand. F├╝r einen Moment schien sie zu verweilen, dann entfernte sie sich z├╝gig mit gleichm├Ą├čigen Schritten zum Strand. Kurz stutzte ich, doch dann ergriff mich eine tiefe, wohltuende Ruhe. Jetzt wusste ich es gewiss: Georg w├╝rde nicht mehr lange auf mich warten m├╝ssen.



Version vom 20. 12. 2013 15:27
Version vom 20. 12. 2013 23:07

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