Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92250
Momentan online:
124 Gäste und 5 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ferdinand ist ein Trottel
Eingestellt am 07. 05. 2005 18:25


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
sohalt
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

Werke: 49
Kommentare: 164
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um sohalt eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ferdinand ist ein Trottel. Aber "Kabale und Liebe" ist toll. Mein Beitrag zum Schillerjahr.


Luise liebt Ferdinand und Ferdinand liebt Luise. Das ist eigentlich nicht der Stoff, aus dem man Trauerspiele macht. Doch genau das ist „Kabale und Liebe“, ein Trauerspiel, denn Luise Miller ist eine Bürgerliche, Ferdinand von Walter ein Adeliger, man lebt zu Zeiten des Absolutismus und Ferdinands Vater, der Präsident, hat nun einmal schon eine viel versprechendere Partie für seinen Sohn in Aussicht: Lady Milford, die Mätresse des Fürsten. Als der Sohn wider Erwarten nicht mitspielt, greift der Vater kurzerhand zu einer Intrige um das Liebespaar auseinander zu bringen. Luise gerät so in eine ausweglose Situation: Sie erfährt, dass ihr Vater festgenommen wurde. Der einzige Weg ihn zu retten, besteht darin einen von den Intriganten aufgesetzten Liebesbrief an den berüchtigten Weiberhelden Hofmarschall von Kalb zu schreiben. Dieser Brief wird Ferdinand zugespielt, der daraufhin, rasend vor Eifersucht, sich und Luise vergiftet.

„Kabale und Liebe“ ist natürlich nicht nur eine tragische Liebesgeschichte, sondern in erster Linie auch eine Kritik an der Gesellschaft, eine Auflehnung gegen den Adel, ein Aufzeigen der dort herrschenden Missstände. Zwei junge Liebende, geopfert auf dem Altar machtpolitischer Interessen. Ein System, das so etwas zulässt, kann ja nur falsch sein. Da ich allerdings davon ausgehe, dass niemand heute noch ernsthaft die Monarchie oder Aristokratie für eine brauchbare Staatsform hält, werde ich den gesellschaftlichen Aspekt des Dramas im Folgenden völlig ausblenden und mich stattdessen auf das persönliche Schicksal der Handelnden konzentrieren. Denn ich glaube ja, dass in „Kabale und Liebe“ die Liebe genau so viel Anteil an der Tragik hat wie die Kabale.

Also Ferdinand, lass uns mal so tun als wärst du keine literarische Figur, die dramaturgischen Gesetzen gehorchen muss, um die Aussage des Autors zu transportieren. Tun wir mal so, als wärst du einer, der tatsächlich gelebt hat, der Verantwortung übernehmen muss, für seine Handlungen. Das sieht nicht gut für dich aus.

Verdammt, du hast sie ermordet, Arschloch! Und zwar nicht mal erschlagen, im Ăśberschwang der GefĂĽhle, nein, heimtĂĽckisch vergiftet hast du sie. Du hast dir das ĂĽberlegt. Ein kleiner, gemeiner, billiger Eifersuchtsmord war das, nichts weiter.

Dass du dem Brief Glauben schenkst – gut, das ist nachvollziehbar. Es ist schließlich ihre Handschrift und wer denkt schon daran, dass der eigene Vater gegen einen intrigiert. Dass du daher eifersüchtig wirst – auch gut. Aber dass du sie deswegen umbringst – nein, das ist nicht zu rechtfertigen, und wenn sie dich hundertmal betrogen hätte! Mein Gott, du wärst nicht der Erste, dem das passiert. Aber wenn du dir schon unbedingt einbilden willst, dass das der Ende der Welt ist, dann begrab eben deine Liebe, aber nicht Luise! Ein Mann mit Stil hätte sich damit begnügt, sich selbst umzubringen. Dann ist sie eben nicht dein, na und? Glaubst du, du hättest Anspruch auf sie? Glaubst du, du könntest über sie verfügen?

Das tust du nämlich, gib’s zu. Da schlägt der Adelige in dir durch. Denn, soll ich dir mal was sagen? -Du bist genau wie dein Vater. Genau, wie dein Vater, den du doch so sehr verachtest. Du lebst Absolutismus. Deine Liebe hat Absolutheitsanspruch. Und das ist das Problem. Du tötest schließlich nicht aufgrund der gesellschaftlichen Zwänge, du tötest aus Liebe, aus verletzter Liebe. Während Luise die Liebe für das Leben opfert (das Leben ihres Vaters nämlich), stellst du die Liebe über das Leben, und zwar blöderweise nicht nur über dein eigenes (was du von mir aus gern machen darfst), sondern leider auch über das von Luise.

Ehrlich, Ferdinand, ich war lange auf deiner Seite. In dieser einen Szene, da zum Beispiel, als du Luise anflehst, dir zu sagen, dass sie den Brief nicht geschrieben hat, da habe ich wirklich mit dir gelitten. Durchgerüttelt hätte ich sie da am liebsten, die Luise, und sie angeschrieen: „Mädchen, pfeif auf den Schwur (denn sie hat natürlich deinem Vater geschworen, nichts zu verraten), sag’s ihm!“ Angesichts dieses eklatanten Mangels an Moral auf Seiten ihrer Widersacher – kann sie sich ihnen gegenüber ernsthaft zur irgendetwas moralisch verpflichtet fühlen? Aber weißt du was: Mittlerweile versteh ich sie. Sie musste dich anlügen, damit du sie hasst. Nur so konnte sie dich loswerden. Und loswerden musste sie dich, du hättest ihre Familie ins Unglück gestürzt. Sie hätte sich selbst willig für dich geopfert (... Dies bisschen Leben – dürft ich es hinhauchen in ein leises schmeichelndes Lüftchen, sein Gesicht abzukühlen! – Das war nach deinem Geschmack, nicht?) aber nicht Vater und Mutter und das hättest du nie kapiert. Sie konnte dir nicht die Wahrheit sagen, weil du dich von Anfang an geweigert hast, der Wahrheit ins Auge zu sehen.

Versteh mich nicht falsch, Standesunterschiede sollten zwar kein Hindernis sein, doch zu deiner Zeit waren sie eben eines. Ich sage nicht, dass man vor Hindernissen kapitulieren soll, aber das Charakteristische an ihnen ist nun einmal, dass man nicht einfach über sie hinweggehen kann. Man muss eine Möglichkeit suchen, sie zu umgehen und wenn es nicht anders geht, dagegen anrennen, aber selbst in diesem Fall schadet es nicht, im Vorhinein zu überlegen, wo das Hindernis eventuell Schwachstellen haben könnte. Nur leider bist du die ganze Zeit viel zu sehr damit beschäftigt, verliebt zu sein, um solche Überlegungen anzustellen. Luise ist schlauer als du, sie kann eins und eins zusammenzählen und sieht das Unglück kommen. Aber als sie dir ihr Herz ausschüttet und mit dir über ihre Befürchtungen spricht, was sagst du ihr da? - „Wenn ich bei dir bin, zerschmilzt meine Vernunft in einem Blick – in einen Traum von dir, wenn ich weg bin, und du hast noch Klugheit neben deiner Liebe? – Schäm dich!“

Schäm du dich, Ferdinand, sag ich da nur.

Von dir kann sie also keine Hilfe erwarten, das ist Luise wohl sehr schnell klar. Als der Hilfsintrigant ihr von der Verhaftung ihres Vaters berichtet, kommt sie deswegen nicht einmal auf die Idee, sich an dich zu wenden.

Es ist ja nicht so, dass du deinem Vater völlig machtlos gegenüberstündest. Der werte Herr Papa ist durch unlautere Mittel an die Macht gekommen, er hat seinen Vorgänger unsanft beiseite geschafft. Du weißt das und kannst deinen Vater damit erpressen. Einmal tust du das auch, als nämlich der Präsident der Familie Miller einen Besuch abstattet, deine Luise als Hure beschimpft und sie an den Pranger stellen will. Da drohst du „der Residenz eine Geschichte zu erzählen, wie man Präsident wird“ und siehe da, es funktioniert, der Vater zieht unverrichteter Dinge von dannen.

So abgeschmackt es auch klingt, aber Feuer lässt sich manchmal eben wirklich am besten mit Feuer bekämpfen, Erpressung bekämpft man folglich am besten mit Erpressung.
Natürlich, den eigenen Vater zu erpressen, ist ein Mittel zu dem man nur im äußersten Notfall greifen sollte, aber dass dieser äußerste Notfall eintreten würde, war vorhersehbar. Man hätte dieses Mittel also viel gezielter einsetzen können.

Wie auch immer, selbst wenn du partout nicht auf Erpressung zurückgreifen willst, dann hättest du dir eben etwas anderes überlegen müssen. Aber etwas hättest du dir überlegen müssen, bevor er Luise in Teufels Küche bringt. Trottel!


Ich weiß, ich gehe völlig falsch an diese Sache heran. Ich sollte diese groß angelegten Gefühle und Gestalten nicht nach meinen kleinlichen Maßstäben messen. Das hier ist schließlich Sturm und Drang, hier hat Vernunft nichts verloren. Und doch - ich weiß nicht warum, ich bin sonst gar nicht so besonders praktisch veranlagt – irgendetwas in mir will einfach unbedingt einen Weg finden für diese Liebe. Das ist das Eigenartige an Schillers Figuren: Sie sagen Dinge wie „schröcklich“, plagen sich mit einem Problem herum, das uns in dieser Form eigentlich nicht mehr berührt – der Adel ist schließlich heutzutage nur mehr für die Regenbogenpresse von Bedeutung - und trotzdem bringt Schiller mich dazu, mich hier völlig lächerlich zu machen und über mehrere Seiten hinweg gegen eine fiktionale Figur Gift und Galle zu spucken. Super, Schiller. Echt toll.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Montgelas
???
Registriert: May 2004

Werke: 1
Kommentare: 875
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

hallo sohalt,

deinen text habe ich runtergeschnurrt, ohne groĂź auf fehler zu achten und habe mitunter herzlich gelacht.
in jungen spielte ich mal den wurm, weil der ferdinand vom schönsten in unsrer klasse dargestellt werden sollte, und der war ich natürlich nicht. der schönste satz in meiner rolle war "Arm in Arm mit dir Hölle, Arm in Arm mit dir zum Blutgericht" (angesprochen wird der präsident)
sieben rollende r, ein ö und ein doppeltes langes uu waren ein schaurig vergnügen. zurück zu deinem text:

es ist eine gute idee, die sicher bei andren klassischen dramen auch greifen wĂĽrde, die figuren derartiger dramatik auf ihre alltagstauglichkeit und ihre individuelle moral hin abzufragen. wenn dann noch komik ins spiel kommt, wie bei dir, dann ist unterhaltung im besten sinne garantiert.

kritik - nicht ganz ernst gemeint :

Da ich allerdings davon ausgehe, dass niemand heute noch ernsthaft die Monarchie oder Aristokratie für eine brauchbare Staatsform hält, werde ich den gesellschaftlichen Aspekt des Dramas im Folgenden völlig ausblenden und mich stattdessen auf das persönliche Schicksal der Handelnden konzentrieren.

eine monarchie muss keine schlechte regierungsform sein,
meine ich und halte dein urteil fĂĽr gewagt !

dir eine gute zeit

montgelas
bayr. staatsminister a.d.

Bearbeiten/Löschen    


sohalt
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

Werke: 49
Kommentare: 164
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um sohalt eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

klar, die bayern...
hab schon bemerkt, dass da drĂĽben noch hie und dort ein gewisser Hang zur Monarchie zu verspĂĽren ist.
Hatte schon hitzige Diskussionen deswegen. Freut mich aber grad nicht. (Außerdem hätte ich zumindest was schreiben müssen, um die die konstitutionelle Monarchie auszunehmen, gegen die gibt's ja nichts, außer vielleicht: Luxus). Und darum ging's ja auch grad nicht. Wär mal nen eigenen Text wert.

Abgesehen davon bin ich ohnehin grad zu milde gestimmt, wegen deines netten Feedbacks.

lg
sohalt
(leidenschaftliche Demokratin)
__________________
.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de différence entre les hommes. (Pascal)

Bearbeiten/Löschen    


jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6206
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Danke!
Danke für eine Interpretation, die fern vom schulisch Verlangten „Opfer-Täter-Schema" ist (, jedenfalls soweit ich mich an meine Schulzeit erinnere.)
Danke für das Ins-Heute-Holen (Lebendig-Machen) dieses unterschätzten Werkes.
Danke für den Beweis, dass Schillers Figuren blutvolle Charaktere (und keine "kritisieren wir mal die Gesellschaft-Pappkameraden") sind. Seine Menschen sind welche – komplexe Geschöpfe statt "Prinzipien-Symbole".

__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂĽck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!