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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ferien auf La Gomera
Eingestellt am 24. 03. 2004 14:58


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Nina Trebesi
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2003

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„F├╝nf Kilometer Reichweite hat dieses Miniding“. Rainer deutete stolz auf das Walky-Talky-Ger├Ąt, das zwischen Fischplatten und Salatsch├╝sseln auf dem Tisch stand. Heike zog ein Fl├Ąschchen aus ihrer Handtasche und stellte es daneben. „Bach-Bl├╝ten-Tropfen“ sagte sie ├╝berzeugt in die Runde. „Das hilft gegen alles!! Als bei Valentin die Backenz├Ąhne gekommen
sind …“

Phillip seufzte, sah zum Fenster hinaus. Die Sonne ging gerade am Horizont unter, lies die Gischt noch ein letztes Mal aufblitzen. Junge Eltern waren wirklich das Nervigste, was einem ├╝ber den Weg laufen konnte. Und hier auf La Gomera gab es nichts anderes. Jetzt sa├č er im romantischsten Hafenrestaurant aller Zeiten, umzingelt von den Eltern einer zweij├Ąhrigen Nervens├Ąge und von Monika, einer allein erziehenden Mutter, die ihr Baby stets um den Bauch gegurtet trug. Zum Gl├╝ck war heute Abend wenigstens der zweij├Ąhrige Tyrann Valentin nicht dabei, nur per Babyphon war er mit seinen durchgeknallten Eltern verbunden.

„F├╝nf Kilometer, das muss man sich mal ├╝berlegen“, wiederholte eben der junge Vater, auf das kleine Ger├Ąt zeigend. „Und was n├╝tzt dir das“, schaltete sich Phillip in die Konversation ein. „Wenn dein Kind anf├Ąngt zu br├╝llen, und du bist f├╝nf Kilometer weit weg, was machst du dann?“ Heike starrte ihn entsetzt an. „Sag mal, Phillip, bist du noch bei Trost? Du glaubst doch nicht im Ernst, wir w├╝rden…“ „Nein“, unterbrach Rainer seine Frau, erkl├Ąrte an Phillip gewandt – von Mann zu Mann: „Ich meine nur, es ist einfach beruhigend, wie zuverl├Ąssig das Ding ist. Echt der Mercedes unter den Babyphonen. First Quality. Wenn man wei├č, dass es auf f├╝nf Kilometer empf├Ąngt, dann kann man sich einfach voll drauf verlassen, dass …“

Phillip h├Ârte schon nicht mehr zu. Seine Gedanken wanderten weit hinaus aufs Meer, wo er heute Nachmittag auf gigantischen Wogen in den Siebten Himmel geritten war, und wanderten wieder zur├╝ck zu seiner Tischnachbarin Monika. Eine irre Frau, genau sein Typ, dunkelhaarig, sexy, geistreich, wie gern w├╝rde er auch mit ihr in den Siebten Himmel… Nur war sie eben ganz und gar auf dem Muttertrip, hatte nur Augen f├╝r diesen kleinen Vampir, der von morgens bis abends an ihrer Brust hing, hatte nur Ohren f├╝r Heikes ├ľko-Tipps.

„Noch besser ist Oliven├Âl“, sagte Heike gerade. „du gibst einfach einen Schuss Oliven├Âl ins Baby-Bad, Du musst nur drauf achten, dass es kalt gepresst ist…“
Phillip seufzte wieder, wandte sich noch einmal seinem schon abgegessenen Fischskelett zu, stocherte lustlos darin herum. „Und was der Hit ist…“ Rainer drehte an einem der Kn├Âpfe, und das kleine Ger├Ąt begann aufgeregt zu fiepen. Ein paar alte Fischer, die am Tresen lehnten, wandten sich zu ihnen hin├╝ber. Rainer drehte den Knopf zur├╝ck, das Ger├Ąt verstummte, und die Fischer nahmen ihre Unterhaltung wieder auf. „Du bekommst auf jeden Fall mit“, fuhr Rainer fort, „wenn die Verbindung aus irgendeinem Grund unterbrochen wird. Dann ert├Ânt dieses Warnsignal …“

Philipp sp├╝rte, wie sein Knie ungeduldig zu zucken begann. Er wollte keine Kinder. Hatte noch nie welche gewollt und jetzt erst recht nicht mehr. Er blickte zur T├╝r: Ein kr├Ąftiger Bursche betrat gerade das Lokal, ├╝ber seiner Schulter hing ein ├╝berdimensionaler Fisch. „Schau mal Monika“, sagte Phillip mit schmeichelnder Stimme, doch auf Monikas Schoss war gerade das Baby aufgewacht und blinzelte verschlafen auf ihre wohl geformten Br├╝ste. „Mein Butziditzimutzimitzi…“ sang Monika mit ekstatischer, unnat├╝rlich hoher Stimme.

„Hier ist alles so authentisch“, schw├Ąrmte Rainer nun, auf den Burschen blickend. „Man muss sich keine Sorgen dar├╝ber machen, was man auf dem Teller hat, alles First Quality, frisch aus dem Meer …“ „Hier trau ich mich sogar, dem Valentin Fisch zu geben. Das Meer ist hier wirklich noch
sauber …“ schnatterte Heike im Duett mit ihrem Mann.

Wie so ein altes Paar, dachte Phillip. St├Ąndig reden sie beide gleichzeitig, h├Âren sich schon nicht mehr zu, wissen schon in und auswendig, was der andere sagen wird.
Das Baby begann leise zu quengeln, und Phillip beobachtete aus den Augenwinkeln, wie Monika ihre Brust auspackte. Er stand auf, quetschte sich zwischen Stuhlr├╝cken hindurch, bestellte sich am Tresen ein Bier, blickte in die wettergegerbten Gesichter der alten Fischer, l├Ąchelte verlegen, kramte ein paar Brocken Spanisch hervor, erntete einsilbige Antworten, f├╝hlte sich auch hier fehl am Platz, kletterte zur├╝ck an seinen Touristentisch.

Dort drehte sich die Unterhaltung immer noch ums Authentische, Unverdorbene, Vertrauen erweckende. Einmal gab das Babyphon ein kindliches Gemurmel von sich und alle lauschten mit gespitzten Ohren. „Jetzt spricht er im Schlaf“, sagte Heike mit verliebter Stimme. Phillip wollte Monika vom Wellenreiten erz├Ąhlen, von der gro├čen Freiheit, vom Rausch, doch er wagte nicht recht, in ihre Richtung zu blicken, aus Angst vor ihrem deutlich sichtbaren Busen, an dem nun das Baby gierig saugte.

„Ich meine: das ist doch irre“, sagte Monika gerade. „Zu Hause schlie├če ich sogar die Wohnung ab, wenn ich nur eben in den Keller gehe. Hier lasse ich immer alles auf…“
„Hier brauchst du nichts abschlie├čen“, best├Ątigte Rainer mit seiner Besserwisser-Stimme. „Ich komm hier seit 13 Jahren her, lasse alles rumliegen, meine Canon, meinen Notebook, meinen Camcorder …“
Ein Rumpeln unterbrach Rainers Monolog. Es kam aus dem Babyphon. Dann M├Ąnnerstimmen, die n├Ąher zu kommen schienen. Pl├Âtzlich ein Knacken. Das Ger├Ąt begann hilflos zu fiepen.
„Schei├če, da ist jemand bei Valentin im Zimmer“, stie├č Phillip hervor. Er stand abrupt auf, schob r├╝cksichtslos die herumstehenden Kneipeng├Ąste beiseite, war schon zum Ausgang gest├╝rzt, als Rainer noch gel├Ąhmt vor Schreck das fiepende Ger├Ąt anstarrte, als erwarte er von ihm Hilfe. Dann schob er mit zitternden H├Ąnden seinen Stuhl beiseite und rannte Phillip hinterher, gefolgt von seiner wachsbleichen Frau.

Nur Monika war so ruhig geblieben, wie das nur stillende M├╝tter k├Ânnen. Sie fl├╝sterte ihrem Baby ins Ohr: „Der Phillip, der w├Ąre bestimmt ein guter Papa, nicht? Der w├╝rde sein Kind nicht allein lassen.“ Und eher an sich selbst gerichtet f├╝gte sie hinzu: „Wie kann dieser Rainer auch so hirnverbrannt sein? Zu glauben, diese gottverdammte Technik w├╝rde einen vor allen Gefahren sch├╝tzen.“

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Nina Trebesi

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Yoanna
???
Registriert: May 2003

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Babys und b├Âse Diebe

Hallo Nina,

deine Geschichte gef├Ąllt mir sehr gut, und ich w├╝sste kaum, was es da noch zu verbessern g├Ąbe. Mal was Nettes und Optimistisches, uff, das tut einfach gut!

Liebe Gr├╝├če,

Yoanna

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Nina Trebesi
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2003

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Ja, Yoanna, ich hatte mal Lust auf etwas Positives: Kidnapping, Einbruch usw. Mal was anderes als immer diese Liebesgeschichten!
Freut mich jedenfalls riesig, dass Dir der Text gef├Ąllt!
Liebe Gr├╝sse,
Nina
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Nina Trebesi

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