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Leselupe.de > Erzählungen
Feriengeschichten eines jungen Mannes
Eingestellt am 29. 06. 2016 14:48


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Urs Scheidegger
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2016

Werke: 2
Kommentare: 1
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Agadir

Begehrt von allen Frauen


Nach einer Idee von G.F. Sporis
Roman von Urs Scheidegger


Vorwort

Als ich wieder einmal mit dem Aarauer Schriftsteller Urs Scheidegger beim Bier sass, kam die Idee auf, ihm eines meiner vielen Erlebnisse zur Niederschreibung zu überlassen: «Du verstehst zu schreiben, ich habe die Geschichte.»

Die folgende Begebenheit spielt in den späten 70er Jahren, zu einer Zeit also, als die Europäer noch nicht besonders reisegewohnt und Reisebüros die wichtigste Anlaufstelle für Informationen und Buchungen waren. Ich war damals noch jung, gut aussehend und unerfahren. Dann reiste ich nach Marokko. Was dort geschah, schildert die vorliegende Erzählung.

In der Zwischenzeit mag sich vieles geändert haben: Vor allem ging die Bedeutung der Reisebüros zurück, denn als Informations- und Buchungsstelle dient heute mehrheitlich das elektronische Netz. Die Reisen wurden günstiger und sind zum Massenprodukt geworden. Und Marokko wandelte sich zu einem modernen Staat, in dem sich einiges zu damals verändert hat. Geblieben sind jedoch die wunderbaren Landschaften, die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen, aber auch deren Frauenbild. In dieser Beziehung ist dieses Buch ganz und gar aktuell.

Alles an der folgenden Handlung ist wahr, nur hat es sich nicht immer genau so abgespielt, wie es der Autor beschreibt, was jedoch der Freiheit des Schriftstellers gezollt sein darf.

Lassen Sie sich mit diesem Roman auf eine Reise nach Agadir entführen, in eine Zeit, als ein Trip nach Nordafrika exklusiv, exotisch, abenteuerlich und weniger gefährlich war als heute.

FĂĽr Sie als Leserin und Leser mag dieses Buch auch ein spannender, geniesserischer, vielleicht kritischer, trauriger oder neidvoller Blick zurĂĽck in die Jahre sein, als Sie selber zwanzig waren.

Viel Spass bei der LektĂĽre wĂĽnscht Ihnen

G.F. Sporis


Kapitel 1

Wir schreiben das Jahr 1976 im Juli. Gherardo war gerade mal etwas über zwanzig Jahre alt und hatte im Frühling vor einem Jahr seine Reisebürolehre beim bekannten Reiseveranstalter Quoni in Zürich mit Auszeichnung abgeschlossen. Er war begabt, engagiert und entsprechend beliebt bei den Mitarbeitenden wie auch bei allen Chefs, dem übergeordneten, dem noch etwas höher platzierten, beim zweitobersten und auch beim CEO, dem obersten, den man damals Direktor nannte. Das Einzige, was sie ihm hätten ankreiden können, war seine lässige Bekleidung. Wenn er Dienst am Schalter hatte, musste er nämlich eine Krawatte tragen, was er auch tat, nur eben lässig-nachlässig gebunden bei offenem Hemdkragen. Und wurde es ihm zu warm, zog er seinen Tschopen aus und arbeitete im blossen, schlecht gebügelten Hemd, was nicht ganz zu den Ansprüchen des besten Reiseveranstalters des Landes passte.

Anlässlich seines Berufserfolgs hatte ihm die Firma eine Gratisreise offeriert, die er selber auswählen durfte. Jetzt war es an der Zeit, das Geschenk einzulösen. Bis dahin hatte er bereits jedes Jahr eine Gelegentheit gehabt, während einer für ihn kostenlosen Studienreise Feriendestinationen von Quoni kennenzulernen. Es waren dies Mallorca, Gran Canaria, Kos und Nizza. Bei solchen Reisen war man nie allein, war stets von einer aufpassenden Reiseleiterin begleitet, folgte einem vorgegebenen Programm und musste viele, in der Meinung der Teilnehmenden viel zu viele Hotelbesichtigungen über sich ergehen lassen. Natürlich kam das Vergnügen auch nicht zu kurz, doch richtige Ferien waren es denn auch wieder nicht. Lästig war dann noch, dass man bei Rückkehr dem Sponsor einen schriftlichen Rapport abliefern musste.

Quoni hatte gerade für dieses Jahr die Destination Agadir in Marokko mit einem eigenen Charterflug ins Programm aufgenommen. Geflogen wurde mit einer modernen DC-9 der Balair, Flugnummer BB 132. Nur schon der Name Marokko verströmte einen Hauch von orientalischer Atmosphäre. In Afrika war Gherardo noch nie. Und die farbigen Bilder im Quoni-Badeferienkatalog gefielen ihm ausnehmend. Das reizte ihn und so beantragte er bei der zuständigen Stelle gleich zwei Wochen Agadir. Er hatte insofern Glück, als dass während der diesjährigen Sommersaison der Marokko-Flug als einziger nicht ausgebucht war. Doch er hatte nur eine Gratiswoche zugut. Also, sagte sein direkter Vorgesetzter, der Flug und das Hotel würden ihm wie versprochen offeriert, doch er müsse, wenn er zwei Wochen bleiben wolle, für die Firma einen speziellen Auftrag übernehmen. Warum denn nicht, sagte er sich, der zu erledigende Job werde wohl nicht besonders schwierig sein. Seine Selbsteinschätzung war vor allem nach seinem erfolgreichen Lehrabschluss gross. Auch hatte er im dritten Lehrjahr bereits selber Erfahrung in der Betreuung einer Reisegruppe gesammelt, als er zusammen mit einer Reiseleiterin eine Studienreise, jene nach Nizza, als Assistent begleiten durfte.

Gherardo wurde informiert, dass seit der Lancierung der neuen Charterkette nach Agadir im vergangenen Mai beim Kundendienst unzählige und unerwartete Reklamationen von Kunden eingetroffen waren, was für einen renommierten Reiseveranstalter wie Quoni negative Folgen haben konnte, vor allem dann, wenn die Presse davon Wind bekommen sollte, wovon über kurz oder lang ausgegangen werden musste. Man wusste nur zu gut von früher und auch von andern Veranstaltern, wie schnell ein Unternehmen in der Öffentlichkeit ins schiefe Licht geraten konnte, wenn sich Kunden mit ihren Bemängelungen an die Presse oder gar die Konsumentenzeitschrift ‹Beobachter› wendeten. Gherardo war der Auserwählte, der zumindest in einem ersten Schritt den Sachverhalt vor Ort untersuchen sollte. Bei den Beanstandungen handelte es sich zum Beispiel darum, zu prüfen, ob die Qualität der Hotels mit den im Badeferienkatalog ausgeschriebenen Eigenschaften übereinstimmte. Ob das Hotelpersonal den Ansprüchen der Schweizer Gäste entsprach. Wie es sich mit der Sauberkeit verhielt. Oder ob es zutraf, dass die stationäre Reiseleiterin tatsächlich immer wieder zu spät oder gar nicht zu den angekündigten Informationsveranstaltungen für die neu angekommenen Gäste sowie die wöchentlichen Hotelbesuche erschien. Da gab es auch Hinweise darauf, dass von den Gästen bereits gebuchte Busausflüge ins Landesinnere tatsächlich kurzfristig annulliert worden waren. Ein anderer Fall eines Kunden betraf die Anbiederung männlichen Hotelpersonals gegenüber Frauen. Ein Gast hatte sich darüber beschwert, dass er in einem der Souks übers Ohr gehauen worden sei. Den dort erstandenen Teppich hätte er, so ein Vergleich mit identischer Ware in der Schweiz bei Möbel Pfister, günstiger kaufen können. Er hätte sich voll auf die Empfehlung der Hostess verlassen und also angenommen, dass er auf alle Fälle einen guten Deal machen würde. Eine Familie beklagte die desolate Wasserqualität im Hotelpool, was ihnen vor allem wegen der Kinder Sorgen bereitet habe, sodass sie ihnen verbieten mussten, sich dort aufzuhalten, was wiederum dazu führte, dass ein Familienknatsch unvermeidbar war.

Es ist selbstredend, dass man nicht allen reklamierten Vorkommnissen Glauben schenken konnte. Gherardo wurde auf alle Fälle geraten, sehr subtil vorzugehen vis-à-vis den Leistungsträgern – Incoming-Agentur, Hotels, Mietwagenfirmen, Busunternehmen usw. –, mit denen Quoni vertraglich zusammenarbeitete. Quoni-Gäste sollte er nach ihren Empfinden befragen und sich gegebenenfalls an die Reiseleitung wenden, damit diese bei berechtigten Beanstandungen für Abhilfe sorgen konnte. In einem schriftlichen Rapport an seinen Arbeitgeber musste er alle gemachten Ermittlungen unter Angabe von Datum, Uhrzeit, Namen usw. auflisten. In dringenden Fällen, die nicht vor Ort gelöst werden konnten, sollte er telefonisch Kontakt mit dem Kundenservice in Zürich aufnehmen.

Er sagte sich, ganz für sich, er werde tun, was er könne, aber nicht zu viel, denn er wolle in erster Linie Ferien machen und sich amüsieren.

Gherardo hiess gemäss Geburtsurkunde Gerhard und seine Eltern nannten ihn kurz Gerd. Seine Familie stammte ursprünglich aus Bozen im Südtirol, wo er auch geboren wurde. Sie wanderten aus beruflichen Gründen aus in die Schweiz nach Winterthur, wo sein Vater, Ingenieur von Beruf, bei Sulzer arbeitete. Schon bei seiner Geburt lagen sein Gewicht und seine Körperlänge weit über dem Durchschnitt. Als Erwachsener dann mass er stattliche 195 cm, war schlank, hatte krauses, luftiges Haar, das flüchtig betrachtet einen ungekämmten Eindruck hinterliess. Leicht verwegen sah er aus, wenn er sich an seinen arbeitsfreien Tagen nicht rasierte, was eigentlich immer vorkam. Er glich weder einem Adonis noch einem hässlichen Mannsbild, halt so etwas zwischendurch. Seine Gesichtszüge waren markant und seine Augen stets wachsam, was ihm einen Hauch von Abenteurer verlieh. Gegenüber seinen Mitmenschen, Freunden und Arbeitskollegen war er ein bisschen zurückhaltend, überlegte, bevor er sprach oder zu handeln begann. Er war in fast allem, was er tat, gewissenhaft und demzufolge äusserst gründlich. Und wenn er sprach, dann tat er dies auch mit seinen Armen und Händen, mit denen er zur Betonung seiner Worte in der Gegend herumfuchtelte. Da fiel schon mal ein Glas vom Tisch, wenn er mit Freunden am Stammtisch sass und diskutierte. Gherardo konnte auch dickköpfig sein, vor allem dann, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dem aber nicht entsprochen wurde. Er verfiel jedenfalls nicht in den Fehler, bei jedem Andersdenkenden entweder an seinem Verstand oder an seinem guten Willen zu zweifeln. Er besass die Begabung und Bereitschaft, Gedanken und Emotionen einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen. In allen Lebenslagen zeichnete er sich aus durch Kreativität und fantasievolles Denken. Und genau diese Eigenschaften förderten auch seine beruflichen Fähigkeiten, die Wünsche der Kunden präzise herauszufinden und diese von einem passenden und überraschenden Angebot zu überzeugen, egal ob persönlich im Reisebüro oder am Telefon, egal ob es um eine Pauschalreise oder eine nach Kundenwunsch individuell zusammengestellte Reise oder auch nur um eine einzelne Reiseleistung ging. Er argumentierte derart wohlgezielt, dass seine Klientel leicht für ein teureres Angebot zu gewinnen war. Etwas teurer zwar, dafür besserer, persönlicherer Service, exklusiveres Hotel und traumhaftes Zimmer, renommierte Fluggesellschaft und optimaler Sitzplatz, mehr Ferienvergnügen – so seine überzeugenden Argumente. Diese besondere Begabung wiederum bescherte seinem Arbeitgeber höhere Umsätze und entsprechend mehr Verdienst. Seine Erfolgsquote lag über dem Durchschnitt der anderen Reiseberater.


Kapitel 2

Am 31. Juli 1976 hob die McDonnell Douglas DC 9 der Balair mit der Flugnummer BB132 exakt um 22.50 Uhr in Kloten ab. Gherardo sass genüsslich in seinem Sitz am Fenster und blätterte im Ferienkatalog. Er las nochmals die Beschreibung des Dreisternehotels Al Salam, das er für sich ausgewählt hatte. Es lag zwar ein paar hundert Meter vom Strand entfernt, war jedoch kein unpersönlicher Riesenkasten, günstig im Preis und verfügte über einen grossen Swimmingpool und einen hübschen Garten. Er hätte natürlich ein teures Erstklasshotel direkt am Strand buchen können, nur hätte er in dem Fall den Aufpreis aus dem eigenen Sack bezahlen müssen, was überhaupt nicht in sein Budget passte. Er freute sich ungemein, auch wenn er insgeheim bereute, nicht mit seiner Freundin reisen zu können. Sie hatte nicht frei nehmen dürfen. Andererseits sagte er sich, so bin ich frei, kann tun und lassen, was ich will, und wer weiss, vielleicht lerne ich sogar eine hübsche Badenixe kennen.

Mit dem mitgebrachten Merian Reiseführer wollte er sich gerade auf Marokko einstimmen, als er in seinem Vorhaben unterbrochen wurde. Neben ihm in der Dreierreihe sass nämlich ein älteres Ehepaar, in seinen Augen bereits pensioniert, das sich wunderte, dass er alleine reiste, das sei doch langweilig. Er brauchte nicht zu antworten, denn die Frau wartete seine Reaktion erst gar nicht ab und fuhr mit der Fragerei fort. Ob er vielleicht Bekannte in Agadir hätte? Sie wollte auch wissen, ob er schon mal in Marokko gewesen sei. Er verneinte. Für sie sei es ebenfalls das erste Mal. Es folgte eine Aufzählung all der Destinationen, die sie in ihrem Leben bisher schon besucht hatten: Mallorca sechs Mal, Gran Canaria zwei Mal, ein Mal Kreta, mit den Kindern mit dem Auto in Rimini, einmal mit dem Car auf der Insel Elba, aber auch das Tessin sei einige Male ihr Ferienziel gewesen. Marokko, ein muslimisches Land, sei für sie ganz speziell. Sie hätten sich anhand des Reiseführers gut darauf vorbereitet. Aber ein wenig würden sie sich schon unsicher fühlen vor dem, das da kommen werde. Ob er wisse, wie sich die Einheimischen den Touristen gegenüber benehmen würden. Gherardo überlegte sich bei dieser Frage, ob es nicht wichtiger wäre zu wissen, wie sich die Touristen den Einheimischen gegenüber zu verhalten haben. Dann interessierte es sie, in welchem Hotel er absteigen würde. Sie zeigten ihm den Hotelprospekt ihrer Unterkunft; ein Fünfsternehotel direkt am Strand. Ob er durchs Fenster hindurch Lichter unten auf der Erde sehen würde. Langsam aber sicher regte er sich über die ewige Fragerei auf. Anständig wie er war, antwortete er dennoch höflich auf ihre Fragen. Es wäre ihm wahrlich lieber gewesen, zwei hübsche, junge Frauen hätten neben ihm Platz genommen.
«Sie sind ein netter, junger Mann», sagte die Frau noch, «einen wie Sie hätte meine Tochter verdient, nicht so einen Secondo aus Italien, so nennt man sie doch, den sie sich geangelt hat. Nein, das wird mit den beiden nicht gut gehen, nicht wahr, Max?»
Ups, dachte Gherardo, ich bin doch auch ein Secondo. Nach dem von den stets lächelnden Stewardessen servierten Snack, einem Bier, einem Tee und einem Cointreau drehte er sich vom Ehepaar weg zum Fenster hin und lullte beim regelmässigen Brummen der Triebwerke ein. Endlich Ruhe vor diesen Nervensägen.

Kurz vor 2.30 Uhr Ortszeit war es dann soweit. Die Maschine landete in diesen frühen Morgenstunden relativ sanft auf der holprigen Piste des schnuckeligen Flughafens von Agadir. Auf der Ausstiegstreppe blies ihm ein heisser, trockener Wüstenwind entgegen. Ein geradezu angenehmes Ferienklima, fand er. Auf der kurzen Strecke vom Flugzeug zum Flughafengebäude, den die Fluggäste zu Fuss bewältigen mussten, gesellte sich schon wieder das Ehepaar zu ihm und bat ihn, sicherheitshalber mit ihm durch Pass- und Zollkontrolle gehen zu dürfen. Ja, natürlich, liess er sie missmutig wissen. Schliesslich war er selber ein wenig nervös vor dem, was kommen würde, und wollte deshalb allein gelassen werden. Weil er als erster der Drei die Passkontrolle passiert hatte, ging er schnellen Schrittes weiter zur Gepäckannahme und versteckte sich hinter einem breiten Pfeiler neben dem Rollband, in der Hoffnung, endlich von den beiden erlöst zu sein. Doch siehe da, sie liessen sich nicht abschütteln. Die Frau hatte ihn rund um das Rollband gesucht und gefunden. Bis die Gepäckstücke endlich erschienen, dauerte es eine geraume Zeit. Ob das hier normal sei, wollte sie von ihm wissen, so lange hätten sie noch nie warten müssen. Ja, sagte er, das sei normal, das hier sei Marokko, Nordafrika, da nehme man es nicht so streng, sie sollten sich ganz einfach beruhigen, die Koffer würden schon noch kommen. Aber wenn es zu lange dauere, könnte es doch sein, dass der Transferbus ohne sie abfahren würde, sagte die Frau verängstigt. Nein, nein, die Reiseleitung hätte eine Liste aller Gäste und deshalb würde der Bus nicht ohne sie abfahren. Richtig beruhigt war die Frau erst, als die ersten Koffer auf dem Band erschienen. Ein kurzer Juchzer entfuhr ihr dabei. Ihr Mann stand die ganze Zeit verschlafen etwas abseits und rauchte eine Zigarette nach der andern. Am Boden um ihn herum lagen einige zertrampelte Stummel. Also war auch er nervös, vielleicht noch mehr als seine Frau. Oder er regte sich über die Ängstlichkeit oder Redseligkeit seiner Frau auf. Gherardo fragte sich, wieso der Mann ihm keinen Glimmstängel anbot, das wäre nun doch wirklich nett gewesen.

Als alle ihre Bagage ergriffen und auf ein Gepäckwä-gelchen geladen hatten, gings schnell und anstandslos durch die Zollkontrolle – die Zöllner warteten wohl darauf, endlich nach Hause zu gehen, weshalb sie nur einen kurzen Blick auf die ihnen vorgewiesenen Papiere warfen – und zur kahlen und schlecht beleuchteten Ankunftshalle, wo zwei Quoni-Hostessen die müde aussehenden Gäste mit einem frühmorgendlichen Lächeln erwartete. Die eine war sicher eine Schweizerin, die andere wegen ihrer dunklen Hautfarbe eine Marokkanerin. Die wenigen Büros der Autovermieter, der Wechselstuben und der Reisebüros waren geschlossen. Es war inzwischen 4.30 Uhr geworden. Es erfolgte eine Teilnehmerkontrolle und die Verteilung der Kunden auf die zwei wartenden Busse, die sie in die gebuchten Hotels fuhren. Auf ‹sein› Ehepaar musste noch eine Weile gewartet werden, denn die Frau musste vorher unbedingt noch aufs Klo. Dann war er die beiden endlich los, sie stiegen in den Bus Nr. 1, er musste in die Nr. 2. Die Hostess seines Busses war die Schweizerin. Er gab sich ihr vorerst nicht zu erkennen, schliesslich war er irgendwie als Undercover unterwegs.

Jedem Gast überreichte die Hostess beim Einsteigen einen Umschlag mit verschiedenen Prospekten und Angeboten für Ausflüge, von Restaurants und Unterhaltungsmöglichkeiten sowie für die Miete von Autos. Kaum hatte er Platz genommen, entdeckte er auf den beiden gegenüber liegenden Sitzen zwei junge Damen, die eine fast noch ein Mädchen, wie er feststellen musste. Sind das die zwei, die er im Flugzeug so gerne anstelle des Ehepaars neben sich gewünscht hatte, fragte er sich? Er hörte ihren Gesprächen verstohlen zu und war erstaunt, dass sie sich untereinander mal auf Franzö-sisch, mal italienisch, mal in Englisch und dann wieder in Deutsch unterhielten. Dann drehte er sich zu ihnen um und sah sie genauer an. Sie kamen ihm wie hochnäsige Hühner vor, die mit ihren Sprachkenntnissen die Mitfahrenden imponieren wollten. Aber sie waren bildhübsch. Ihrem Aussehen nach musste es sich um Schwestern handeln. Beide hatten langes, goldenes Haar und gepuderte Stupsnasen und Wangen. Die eine schätzte er in seinem Alter, die andere zwei oder drei Jahre jünger.

Als der Bus losgefahren war und das Flughafengelände verlassen hatte, begann die Hostess mit der offiziellen Begrüssung der Gäste. Sie stellte sich als Bettina vor und erklärte den Ablauf des Transfers und wies auf die abgegebenen Unterlagen sowie auf die Termine für die offiziellen Informationsveranstaltungen in den einzelnen Hotels hin. Zum Schluss erteilte sie die ersten Tipps über Land und Leute. Kaum fertig, hielt der Bus beim ersten Hotel, wo zwei noble Paare und ein Ehepaar zusammen mit einer jungen Frau ausstiegen. Gherardo guckte durchs Fenster, beäugte neugierig die Ausgestiegenen, ihr umfangreiches Gepäck und dann das Hotel. So konnte er sich in etwa ausmalen, zu welcher Einkommensklasse die sieben Personen gehörten. Solche Dinge interessierten ihn. Gleich mehrere Boys in Uniform schleppten die Koffer ins Hotel. Die Hostess begleitete die Gäste an die Rezeption. Der Schriftzug Euromaroc mit fünf Sternen darüber prangte über dem prunkvollen Eingang. Bald ging die Fahrt weiter zum nächsten Hotel. Die beiden jungen Damen blieben sitzen. Schon keimte Hoffnung in ihm auf, sie mögen doch bitte wie er im Al Salam absteigen. Nach dem dritten Stopp war der Bus nur noch knapp zu einem Viertel gefüllt. Dann ertönte die Ansage «Nächster Halt Hotel Al Salam» durch den Lautsprecher. Mit Gherardo verliessen eine vierköpfige Familie den Bus und – was für ein Glück – die beiden jungen Damen. Er dachte überhaupt nicht mehr an hochnäsige Hühner, sondern nur noch an die Aussicht, sich mit ihnen anzufreunden. So sprach er sie denn auch auf dem Weg zur Rezeption an, doch sie kicherten nur und ignorierten ihn und redeten wieder auf Italienisch miteinander. Abgeblitzt, dachte er. Schade. Schicksal. Dumm gelaufen. Probieren wirs später nochmals. Er hatte nicht einmal gemerkt, dass er seinen speziell für diesen Trip gekauften Samsonite Koffer selber ins Hotel tragen musste, weil nur ein Boy zugegen war. Am Empfang ganz hinten in der hohen Hotelhalle mit auffallend vielen arabischen Ornamenten an den Wänden gab er seinen Pass ab, nahm seinen klobigen Zimmerschlüssel entgegen und begab sich auf sein ihm zugewiesenes Zimmer 214. Vor dem einzigen Fahrstuhl stauten sich wartende, schläfrige Gäste, also entschied er sich für die Treppe bis in den zweiten Stock. Der einzige anwesende Boy sorgte sich vor allem um die Frauen.

Bis zehn Uhr konnten sich die neuen Hotelgäste noch am Frühstücksbüffet bedienen. Gherardo sass eine geschlagene Stunde an einem wackeligen Tisch im riesigen, nüchternen Frühstücksraum und schlürfte bereits seinen vierten Tee, doch die beiden Hübschen erschienen nicht, wie er gehofft hatte. Dagegen veranstalteten die Kinder der angekommenen Familie mit ihrem Kindergeschrei und Herumgerenne ein regelrechtes Morgentheater, das ihm umso mehr auf die Nerven ging, weil die Eltern keinen Mucks machten, die Bengel zur Ruhe zu bringen.

Anschliessend legte er sich ins schmale, ziemlich weiche Bett und wollte sich erst einmal von der Reise ein wenig erholen. Nur kurz. Dem ältlichen Radiowecker konnte er keine Musik entlocken. Das Fenster liess er geöffnet. Ein warmes Lüftchen bewegte den dünnen Vorhang. Die Klimaanlage war nicht in Betrieb. Es wurden drei Stunden. Er erwachte, weil er schwitzte. Es war inzwischen Nachmittag und die Hitze schien unerträglich. Heute Morgen beim Aussteigen aus dem Flugzeug dachte er noch, wie ferienmässig das Klima sei. Jetzt aber am Tag wars richtig heiss. Nichtsdestotrotz begab er sich auf einen ersten Rundgang in die Stadt. Die Hotellobby mit den farbigen Kunstledersesseln um kleine, arabische Teetischen herum war menschenleer. Er bemerkte lediglich einen halbwegs schlafenden Angestellten am Empfang. Draussen irgendwo unterwegs in Richtung Strand entdeckte er weit vor sich zwei Blondschöpfe. Das müssten sie sein, glaubte er. Sofort beschleunigte er seine Schritte. Doch diese Anstrengung in der Bruthitze war für nichts. Er verlor sie aus den Augen.

Es verwunderte ihn nicht, dass nur wenige Menschen zu dieser heissen Tageszeit in den Strassen anzutreffen waren. Ein paar Schritte weiter besuchte er einen kleinen Souk und stellte sich in den Schatten eines Ladens, wo Hunderte von Schuhe augestellt waren. Genau so ein Geschäft hatte er gesucht. Nirgends war ein Preisschild zu sehen. Ihn interessierten vor allem die typisch marokkanischen Babouches, eine Art von Pantoffeln oder Slippers für den Alltag. Diese hatten ihm seine Kollegen vor Abreise als Mitbringsel empfohlen. Hier lagen sie haufenweise über- und nebeneinander. Ein verschlafener Verkäufer näherte sich ihm und erklärte ihm die Ware. Alles Handarbeit. Echtes Leder. Bon prix. Wie viel? Aha, oui, diese nehme ich zum halben Preis. Impossible, Monsieur. Die beiden verhandelten noch eine Weile und vereinbarten schliesslich den Verkaufspreis. Gherardo bezahlte und war einen Moment lang selig, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Der Verkäufer schüttelte ihm zum Abschied mit einem zufriedenen Gesicht beide Hände. Auf dem Rückweg entdeckte Gherardo einen weiteren Schuhladen. Aus purer Neugier hielt er an, um zu schauen, wie viel Babouches hier kosteten. Die Preise waren von Hand auf Kartonkärtchen angeschrieben. Oh Schreck, vorhin hatte man ihn übers Ohr gehauen. Ganz klar, denn hier kostete die in etwa gleiche Ware nur die Hälfte von dem, was er vorhin bezahlt hatte. Er rechnete frustriert nach: «Wenn ich die Babouches im ersten Laden mehr oder weniger zum halben Preis gekauft habe und diejenigen im zweiten Laden ohne Rabatt nur halb so viel kosten vom ausgehandelten Verkaufspreis im ersten Laden, dann ist das ein Viertel, den man durch geschicktes Handeln nochmals verringern könnte. Vielleicht würde ich dann nur einen Fünftel oder Sechstel vom ausgeschriebenen Preis im ersten Laden bezahlen. Stimmt das? Ach, egal. Umgerechnet bezahlte ich eh nur rund sechs Franken.»

Um 18 Uhr kehrte er inzwischen abgeregt zurück ins Hotel, denn er wollte unbedingt beim Informationstreffen mit der Hostess dabei sein. Schliesslich musste er sich ein Bild von der Qualität der Dienstleistung des Quoni-Personals machen. Die jungen Frauen vermisste er. Es wurde ein süsser, künstlich schmeckender, gelber Fruchtsaft serviert. Die Hostess stellte sich nochmals als Bettina vor und erledigte anschliessend ihre Aufgabe tadellos. Es war nicht das erste Mal, dass er an einem Gästemeeting teilnahm, weshalb er das, was und wie es diese Bettina machte, recht gut beurteilen konnte. Was sie nämlich mit ihrer melodischen Stimme sagte, war kurz gehalten, überzeugend und klar verständlich auch für die durchschnittlichste Sorte von Tourist.

Nach dem enttäuschenden Nachtessen im Hotel, das er einsam und leicht gelangweilt an einem Zweiertisch zu sich nahm, trank er zum Ausklang des ersten Tages in Marokko noch ein grosses Bier an der Bar beim Hotelpool. Ganz solo. Hatte nicht das Ehepaar neben ihm im Flugzeug gemeint, alleine zu reisen, sei langweilig?

Zurück in seinem Zimmer zuckte er sein Notizbuch und machte erste Einträge zu seinen Ermittlungen: Hotel Al Salam. Trotz Hitze Klimaanlage abgestellt. Kaffee am Morgen fad, Tee wie überall auf der Welt, Brot à la française knusprig, sogar Rührei vorhanden, allgemein Frühstück akzeptabel. Auswahl beim Nachtessen begrenzt. Wer Poulet und Lamm nicht mag, hat Pech gehabt. Gemüse verkocht und geschmacklos. Grosse Portionen. Einheimischer Wein der Region Meknes günstig und süffig. Bedienung zuvorkommend, aber langsam. Quoni-Informationstafel im Hotel und Gästemappe vorhanden. Zimmer klein, aber sauber. Radioweckerfunktion noch überprüfen. Flughafenprozedere ohne Komplikation, aber alle Schalter und Läden geschlossen. Leider keine Möglichkeit, Dirham zu kaufen. Transfer problemlos. Hostess Bettina kompetent.

Endlich fand er ein paar Minuten Zeit, im Merian Reiseführer zu lesen. Ausser den wenig lohnenswerten Relikten der Kasbah, die 1557-1574 auf dem 236 Meter hohen Hügel bei Agadir erbaut worden war, gab es scheinbar nichts Histo-risches zu besichtigen. Ein Ausflug auf die Kasbah lohne sich weniger wegen der Ruinen als wegen des prachtvollen Ausblicks auf die Stadt, den zehn Kilometer langen, breiten Strand und den Hafen. Agadir sei die beliebteste Badedestination Marokkos, sei modern und gleichzeitig eine wichtige Industriestadt. Auch ohne prägnante Sehenswürdigkeiten müsse ein Aufenthalt in Agadir nicht zu reinen Strandferien werden. Wegen der idealen Lage und den ausgezeichneten Versorgungsmöglichkeiten eigne sich die Stadt nebst Badeferien hervorragend als Ausgangspunkt für Besichtigungs-touren in den Hohen Atlas, dessen Ausläufer, nach Marrakesch oder Essaouira und in den Antiatlas im Süden. Nachdem sich im Jahr 1505 bereits die Portugiesen, dann die Dänen und später am Anfang des 20. Jahrhunderts die Deutschen hier niedergelassen hatten, erfolgte darauf der Einmarsch der Franzosen. Marokko wurde zu einem französischen Protektorat. Durch das Erdbeben von 1960 wurde die Stadt fast vollkommen zerstört und 15 000 Bewohner getötet. 1962 erfolgte der Wiederaufbau mit nur ein- bis zweistöckigen, modernen Betonhäusern, die im arabisch-berberischen Marokko ziemlich fremdartig wirkten. Aus diesem Grund verfüge die Stadt auch nicht über eine Medina, eine historisch gewachsene Altstadt, wie beispielsweise Marrakesch und Fès. Nirgends sei heute der Kontrast zwischen Tradition, Religion und modernem Leben grösser als in Agadir. Was man sich hier als Tourist erlauben dürfe, sei in keiner anderen marokkanischen Stadt möglich. Böse Zungen behaupteten, Agadir sei der am wenigsten marokkanische Ort des ganzen Landes. Wegen des kalten Kanarenstroms herrsche ein ausgeglichenes Klima. Von wegen, dachte Gherardo, heiss ist es, auch jetzt noch in der Nacht.

Weiter kam er beim Lesen nicht, denn seine Augen konnte er vor MĂĽdigkeit kaum mehr offen halten. Dann schlief er ein, ohne sich ausgezogen zu haben und das Notizbuch und der ReisefĂĽhrer blieben aufgeschlagen auf seinem Bauch liegen.

Hier die Fortsetzung dieses Romans


Kapitel 3


Gut ausgeschlafen und nach einer lauwarmen Dusche begab sich Gherardo zum Frühstück. Er war früh dran. Diesen Morgen hatte er sich einen nicht wackeligen Tisch ausge-sucht. Während des Teeschlürfens überlegte er, was er heute unternehmen könnte. Einerseits hatte er einen Auftrag, also müsste er sich einen von Quonis Leistungsträgern unter die Lupe nehmen, doch andererseits war er hier vor allen Dingen in den Ferien. So entschied er sich für den heutigen Tag, so richtig die Ferien zu geniessen. Gerade als er seinen letzten Frühstückshappen, eine Schale Cerealien, zu sich nehmen wollte, steuerte eine fremde Frau auf ihn zu und fragte, ob sie sich zu ihm setzen dürfe. Und dies, obschon etliche andere Tische nicht besetzt waren. Überrascht und überrumpelt und ohne zu überlegen, sagte er ja, schliesslich mochte er die Gesellschaft von Frauen und überhaupt hatte er bisher noch keine Ferienbekanntschaft gemacht.
«Ich lasse meinen Zimmerschlüssel hier, währenddem ich mich am Büffet bediene. Wollen Sie bitte darauf acht geben?» Ohne seine Antwort abzuwarten, verschwand sie hinter den zahlreichen Säulen des Speisesaals. Gherardo fand dies eine sonderbare Art, Bekanntschaft zu schliessen. Sie kam zurück mit einer halben Scheibe Ruchbrot, einem But-termödeli und einem Erdbeerkonfitöpfchen.
«Wo gibt es Getränke?», wollte sie von ihm wissen.
«Werden gebracht. Geduld ist angesagt.»
Das einzige weibliche Geschöpf, das er bisher hier in Agadir in einem Lokal als Bedienung gesehen hatte, war die scheue, dunkelhäutige Frau unbestimmten Alters mit Kopftuch und einem bis zu den Füssen reichenden Rock hier im Frühstückssaal, die ihm die Getränke serviert hatte. Sonst sah man nur Männer. Eigentlich gerade umgekehrt bei uns.
«Du café ou du thé, Madame?», fragte sie seine neue Tischnachbarin.
«Un café crème, s’il vous plaît.»
«Pardon, Madame, c’est quoi ça exactement?»
Gherardo intervenierte und klärte die Sache: «Einen café crème gibt es weltweit nur in der Schweiz. Glaube ich wenigstens. Hier gibt es nur einen café au lait oder einen café noir oder ganz einfach einen café. Natürlich kann man auch Tee bestellen.» Und so bestellte seine neue Bekanntschaft dann einen café au lait.
«Danke für Ihre Hilfe. Sind Sie schon lange hier?», fragte sie anschliessend in einem breiten Thurgauer Dialekt, was nicht gerade die Lieblingssprache Gherardos war.
«Ein paar Tage», antwortete er.
«Mit wem sind Sie gekommen?» Weiter ging die Frage-rei.
«Balair», sagte er kurz angebunden, denn der Morgen war nicht unbedingt seine Lieblingszeit zum Schwatzen. Um sie davon abzuhalten, löffelte er genüsslich und schmatzend sein Müesli. Doch das half nichts, das Gespräch ging weiter.
Sie: «Aha, ich flog mit der deutschen LTU ab Basel. Das war 200 Franken billiger als mit der Balair.»
Er: «Ich bin gratis geflogen.»
Sie: «So? Wieso?»
Er: «Ich besitze Aktien bei Balair.»
Sie: «Oh, dann sind Sie wohl fast immer unterwegs?!»
Er: «Kann man so sagen.»
Sie: «Wir können uns duzen, wenn Sie wollen, schliesslich sind wir in den Ferien. Ich heisse Käthi.»
Er: «Nun gut, ich bin Gherardo.»
Sie: «Was für ein schöner Name. Italiener?»
Er: «Richtig geraten.»
Sie: «Von wo in Italien?»
Er: «Winterthur.»
Sie: «Spassvogel.»
Er: «Was interessiert Sie, pardon, dich denn das alles?»
Sie: «Menschen sind eben immer interessant.»
Er: «Hast du eigentlich keinen Hunger, Käthi? Iss doch ein wenig!»
Sie: «Doch, ich werde jetzt essen. Hier bringt mir die Serviertochter endlich den Kaffee. Wie ich sehe, trinkst du einen Tee und einen Kaffee?»
Er: «Und?»
Sie: «Nur so.»
Während Käthi zu essen begann, schwenkte er seinen Blick etwas näher auf sie. Er musterte sie. Sie musste wohl dreissig oder mehr sein, was er wegen ihrer Falten um die Mundwinkel und die Augen vermutete. Über der Oberlippe entdeckte er einen feinen Damenbart. Sie hatte ein breites Gesicht mit kleinen Äuglein und einem breiten Näschen, eingerahmt von geraden, halblangen, braunen Haaren. Über die Stirn fielen Fransen. Eine Art Bubikopf. Gekleidet war sie mit einer hellen Pluderhose und einer weiten Leinenbluse mit irgendwelchen Stickereien. An den Füssen trug sie Heilandssandalen. Schön konnte man sie auf alle Fälle nicht nennen. Für Gherardo war klar, sie musste ein Mitglied der Heilsarmee sein.
Sie: «Was machst du heute?»
Er: «Ich habe zu tun.»
Sie: «Du arbeitest in den Ferien? Was bist du eigentlich von Beruf?»
Langsam aber sicher hatte er genug: «Chef von Quoni.»
Sie: «Du lügst, du bist zu jung dazu.»
Er: «Wenn du es nicht glaubst, ist es deine Sache.»
Sie: «Ist deine Familie auch hier?»
Er: «Sieht es etwa danach aus?»
Sie: «Verzeih die Frage»
Dieses Gequatsche ging ihm nun vollends auf die Nerven. Er musste sie abwimmeln. Deshalb zündete er sich schon mal eine Zigarette an. Und weil kein Aschenbecher auf dem Tisch stand, benutzte er das inzwischen leere Konfitöpfchen von Käthi, was sie wiederum dazu bewegte, vom Tisch aufzustehen und ihm vom Büffet einen Ascher zu holen, anstatt sich aufzuregen über seine Rüpelhaftigkeit. Die ist ja schlimmer als meine Mutter, dachte er dabei, bemuttern lasse ich mich nur noch von attraktiven Frauen, die mich nicht belästigen, sondern betören und verwöhnen.
Er: «Ich muss dir etwas gestehen. Meine Eltern leben nicht mehr. Ich habe sie, ähm …», dazu machte er mit seinen Händen eine Geste, als ob er etwas zerdrücken oder verdre-hen würde, «… du weisst schon, was ich meine. Meine Schwester lebt in einem Staatshotel für die nächsten zehn Jahre und mein Bruder ist verschwunden. Niemand weiss, wo er steckt. Wahrscheinlich ist er längst an einer Überdosis Heroin oder so verendet. Ich selber bin auf der Flucht vor mir selber. Jeden Morgen frage ich mich, wen ich heute kaltstellen könnte. Darf ich dir noch einen café crème bestellen? Es gibt auch feinen Schinken und Käse, die du noch nicht probiert hast. Die Croissants sind besonders zu empfehlen.»
Käthi starrte ihn während seines spontanen Sermons fassungslos aus ihren kleinen Äuglein an. Auf die letzte Frage antwortete sie mit Kopfschütteln. Sie verstand sein spöttisches Benehmen überhaupt nicht. Was hatte sie denn gesagt oder getan, dass er derart unhöflich reagierte? Dann stand sie völlig geistesabwesend auf und stolperte aus dem Saal, wobei sie den Kaffee nicht mal ganz ausgetrunken und sogar ihren Zimmerschlüssel liegen gelassen hatte. Gherardo lachte in sich hinein, griff sich den Schlüssel und deponierte ihn am Empfang. Er war überzeugt, dass sich ihm die aufsässige Ostschweizerin Käthi nie mehr nähern würde.

Zurück im Zimmer stieg er in die Badehose und packte sich das Badetuch und ein Buch, begab sich in den mit Blumenrabatten und weissen Oleandersträuchern geschmückten Garten und legte sich in einen der wenigen noch nicht besetzten Liegestühle. Nur wenige waren leer, und dies bereits um neun Uhr am Morgen. Das wunderte ihn. Also eigentlich waren die meisten Liegen nicht von Menschen besetzt, sondern von Badetüchern, was darauf hinweisen sollte, dass sie besetzt sind. Nur, wo waren die Leute? Im Garten kaum eine Seele und auch nicht im Swimmingpool. Nun erinnerte er sich an eine Studienreise, wo genau das vorgekommen war und die Reiseleiterin ihm erklärt hatte, dass viele Hotelgäste ihr Badezeug vorsichtshalber noch vor dem Frühstück auf die Liegestühle legen würden, um sicher zu gehen, dass sie später, wenn sie dann bereit waren fürs Sonnenbaden, auch garantiert einen Platz für sich zu haben. Er fand das unange-bracht. Aber was solls, so sind sie eben, die Pauschaltouristen, zumindest viele von ihnen, egal, ob es sich um Deutsche, Schweizer oder Franzosen handelte. So zumindest hatte es ihm die Reiseleiterin erklärt.

Nach einem ersten Sprung ins Wasser begann er in seinem Buch mit dem eigenartigen Titel ‹Totengeist› zu lesen. Allmählich bevölkerte sich der Garten. Vor lauter Geplapper um ihn herum, konnte er sich nicht mehr so richtig auf seine Lektüre konzentrieren. Also schweifte er den Blick nach links und rechts, nach vorne und nach hinten, und plötzlich erblickte er, geschützt durch seine Sonnenbrille, gleich hinter sich die beiden jungen Damen, wie sie mit zwei Deutschschweizern flirteten. Die jüngere kicherte fast dauernd ob des Geschwafels des einen. Durch konzentriertes Zuhören erfuhr er, dass die beiden Männer noch am selben Abend in die Schweiz zurückreisen würden. Gherardo war ziemlich enttäuscht und doch wieder voller Hoffnung, dass sich vielleicht gegen Abend oder am nächsten Tag die Gelegenheit ergeben könnte, mit den zwei Hübschen anzubändeln.

An diesem Tag war schliesslich nichts mehr zu machen. Einmal mehr verbrachte er die restlichen Stunden mutterseelenallein.

*


Gleiches Prozedere am nächsten Tag. Einzige Ausnahme: Die beiden Deutschschweizer waren weg und die be-gehrten Frauen belegten ihre Liegestühle nur zwei Schritte von seinem entfernt und rauchten Zigaretten. Vorgestern bei der Ankunft im Hotel hatten sie ihn noch abgewiesen. Deshalb blieb es bei einem kurzen Hallo. Er beobachtete sie unauffällig aus den Augenwinkeln. Die ältere trug einen knappen Bikini und bunte Bänder um ihre Fesseln. Etwas gewagt, dieses bisschen Tuch, doch sehr reizvoll für sein Empfinden. Bei der jüngeren fiel ihm ihr weisser, einteiliger, eng anliegender Badeanzug auf. Auch süss. Die Haare hatte sie hochgesteckt. Nachdem er sich einen Überblick verschafft hatte, begann er in seinem mitgebrachten Buch von gestern weiterzulesen.

Kaum hatte er ein paar Seiten überflogen, passierte etwas Unerwartetes. Die ältere der beiden Frauen trat an ihn heran und bat ihn mit rauer, verführerischer Stimme, ihr doch bitte den Rücken einzucremen. Uff, endlich ein Zeichen. Dennoch war er erstaunt, lag doch die jüngere neben der älteren und hätte dies normalerweise und logischerweise auch tun können. Aber nein, er, Gherardo, wurde darum geben. Er ergriff das ihm hingestreckte Sonnenschutzmittel, legte sein Buch zur Seite und rieb ihr so sanft wie nur möglich die Schultern ein. Dann glitten seine Hände tiefer und sie löste das Bikiniband, das über ihren Rücken führte, damit er ungehindert die ganze Rückenfläche bearbeiten konnte. Rank und schlank war sie nicht, dick konnte man sie aber auch nicht nennen. Sexy auf alle Fälle. Als er fertig war, stellte er die Tube ab und ging mit einem «bitte schön, gern geschehen» zurück zu seiner Liege. Doch sie rief ihn zurück, immer noch auf dem Bauch liegend, ihr doch bitte auch die Beine einzureiben. Wohin das wohl noch führen wird? «Natürlich», sagte er mit leicht trockener Stimme. Je höher er sich die Beine herauf arbeitete, desto erotischer wurde das Ganze. Sie hatte wohlgeformte, etwas weiche Oberschenkel. Wie er die letzten Quadratzentimeter sanft massierte, konnte er nicht vermeiden, dass seine Finger mit dem Höschen in Berührung kamen. Ihr schien es zu gefallen.
«Schön wie du das gemacht hast, vielen Dank.»
Und schon meldete sich in angestrengt bettelndem Ton ihre Schwester: «Bitte, prego, reibe mich auch ein!» Ihr mädchenhafter Körper fühlte sich nicht so geschmeidig an, war sie doch ziemlich schlank. Als sie sich nach getaner Arbeit wieder zu ihm umdrehte, entdeckte er im tiefen Ausschnitt ihres Badeanzugs einen verführerischen Schönheitsfleck.

Nach dieser anstrengenden Arbeit forderten sie ihn auf, seinen Liegestuhl neben die ihren zu stellen. Vor lauter Freude darüber bestellte er bei einem vorbeigehenden Kellner drei Drinks. Und so freundeten sie sich an. Magdalena und Hanna Bigi hiessen sie. Magdalena war die ältere und arbeitete zu seiner grossen Überraschung als Lehrtochter bei Quoni in Locarno. Also waren sie Kollegen. Hanna besuchte das Gymnasium in Bellinzona.

Als die Geschwister Bigi Kinder waren, lebten sie, bevor die Familie ins Tessin zog, ein paar Jahre in der Deutschschweiz. Französisch lernten sie während eines Welschlandaufenthalts und Englisch konnten sie von der Schule her. Es liess sich nicht leugnen, dass beide sehr sprachbegabt waren. Es war für die beiden reiner Plausch, erfuhr er, mal in dieser und dann wieder in der anderen Sprache miteinander zu reden.

Magdalena erzählte noch, dass sie am Vorabend im Stadtzentrum spazieren gegangen waren und während der ganzen Zeit belästigt wurden. Das wunderte Gherardo nicht bei diesen zwei Schönheiten mit blonden Haaren und aufrei-zenden Figuren.
Offen fragte Magdalena: «Willst du nicht mit mir zu-sammen sein?»
Obwohl er nicht wusste, wie sie das meinte, antwortete er kurz und bestimmt: «Ja, klar.» Seine Ferien waren somit gerettet.
Die nächsten Tage sah man sie ab Bett und bis Bett im-mer wieder zusammen.

*


Selbstverständlich lag er nicht immer mit den Frauen auf der faulen Haut herum. Am Tag, nachdem er mit den Damen Freundschaft geschlossen hatte, musste er seiner Aufgabe gegenüber seinem Arbeitgeber gerecht werden. Also beschloss er, am Nachmittag die Incoming-Agentur Maroccotravel, die für Quoni Transfers, Hotelreservationen, Ausflüge, Mietwagen und so weiter organisierte bezie-hungsweise beschaffte, zu besuchen. Eine heikle Aufgabe für einen jungen Mann mit relativ wenig Berufserfahrung. Er notierte sich vorab die Fragen, die er den Verantwortlichen stellen wollte. Der Rest wird sich schon ergeben, dachte er. Kam noch hinzu, dass sein Französisch noch gar nicht perfekt war, um sich präzise genug ausdrücken respektive alles richtig verstehen zu können. Am Morgen meldete er seinen Besuch telefonisch an.

Wie vereinbart stand er dann um 14 Uhr vor dem Reise-büro. Vor verschlossenen Türen. Gemäss den am Eingang angeschlagenen Öffnungszeiten hätte das Büro ab 14 Uhr offen sein müssen. Hatte er etwas falsch verstanden? Die Adresse stimmte, da gab es keinen Zweifel. Leicht nervös trat er von einem Bein aufs andere. Gegenüber entdeckte er in einem einfachen Kabäuschen so etwas wie einen Kiosk. Er kaufte sich drei Zigaretten, obschon er sich geschworen hatte, während der vierzehn Tage in Marokko nicht zu rauchen. Jetzt musste es sein. Er musste sich entspannen. Wartend rauchte er schon mal eine nach der andern. Mit der Zeit nahmen sie es hier in Marokko wahrlich nicht genau.

Um halb drei Uhr erschien endlich eine Dame, die die Tür zum Büro öffnete. Zigarette austreten und eingetreten. Die Dame war eine Angestellte, die nichts von seinem Besuch wusste. Er erklärte ihr, was mit wem abgemacht worden war. Bien, sagte sie, sie werde sofort mit Mohammed, ihrem Chef, telefonieren. Als er in der Leitung war, reichte sie Gherardo den Hörer. Monsieur Mohammed, der Geschäftsführer, war am Apparat und erklärte, dass er einen kleinen Unfall gehabt hätte, dass er aber in Kürze im Büro erscheinen werde. Ob Gherardo noch so lange warten könne? Naturellement.

Und tatsächlich erschien der Mann bereits fünfzehn Minuten später. Zur Begrüssung reichten sie sich die Hände. Es fiel ihm sofort auf, wie gepflegt seine Hände und seine Kleider waren. Ein sehr netter Mann, dachte Gherardo. So wie er sich gab, schien er absolut vertrauenswürdig zu sein. Sein Alter schätzte er zwischen vierzig und fünfzig. Während des einleitenden Small Talks trudelten die restlichen Mitarbeiter ein. Das Büro war modern eingerichtet und unterteilt in drei verschiedene Bereiche. Vorne zur Strasse hin die Schalter, dahinter die Reservationsabteilung und daneben das Büro des Chefs und die Buchhaltung. Überall hingen wunderschöne Plakate von Marokko, von Marrakesch mit dem verschneiten Atlasgebirge im Hintergrund, natürlich vom zehn Kilometer langen Sandstrand von Agadir, vom Weltkulturerbe Khar Ait-Benhaddou im Grand Sud und von Reiterspielen der Berber auf ihren Rassepferden. Alles machte einen seriösen Eindruck. Monsieur Mohammed antwortete auf Gherardos Fragen ausführlich und gar ausschweifend. Nebenbei schaute sich Gherardo immer wieder um, wenn Kunden eintraten. Aufgefallen waren ihm unter anderen zwei ausnehmend sportlich schick gekleidete Herren, die, so schien es ihm, einen Ausflug buchten. Monsieur Mohammed ahnte seine Gedanken und lud ihn deshalb spontan ein zu einem Berberabend, einem bei Touristen äusserst beliebten Anlass. Für ihn sei das als Geschäftspartner natürlich kostenlos. Gherardo meldete sich selbstverständlich dankend an, denn er wollte möglichst viele Eindrücke sammeln. Als er dann mit seinen Fragen am Ende war, lud ihn Monsieur Mohammed ein, wenn er denn Zeit hätte, eine kleine Spritztour zu machen. Nun denn, warum nicht, sagte sich Gherardo. Bevor sie abfuhren, zeigte ihm Monsieur Mohammed die Beule in der Karosserie vorne links, die vom vorigen Unfall herrührte. In seinem roten Alfa Romeo Giulia sausten sie durch das Strassengewirr von Agadir. Gherardo wusste überhaupt nicht mehr, wo sie sich befanden. Monsieur Mohammed nannte ihm während der Fahrt die Namen von Strassen, Plätzen und bedeutenden Gebäuden, von denen es allerdings nur sehr wenige gab. Auf alle Fälle hielt er nach knapp einer halben Stunde vor einer von einer Mauer umgebenen Villa ausserhalb der Stadt an und erklärte Gherardo: «Hier wohne ich. Es ist zwar noch nicht Zeit zum Abendessen, aber Sie sind herzlich eingeladen. Meine Frau werden Sie gleich kennenlernen. Sie wird für uns kochen. Bis das aber soweit ist, genehmigen wir uns einen Drink. Einverstanden?» Was sollte Gherardo sagen, ja, natürlich, gerne, sehr nett von Ihnen.

Nachdem der Alfa parkiert war, stiegen die beiden in den Keller und standen in einem ansehnlichen Weinkeller. War Monsieur Mohammed nicht Moslem? Moslems trinken doch keinen Alkohol. Monsieur Mohammed offerierte Gherardo erst einmal einen einheimischen Rosé und gleich noch das Du an. Was für eine Ehre für einen jungen Mann aus der Schweiz, der das Ganze noch nicht richtig verstand. Mohammed drückte hinter sich eine Klingel und wenig später erschienen zwei attraktive Frauen. Er stelle sie ihm vor, die ältere sei seine Frau Faizah, die jüngere seine Tochter Alia. Man begrüsste sich. Nach anfänglichem Geplauder kamen sie bald auf die Landespolitik zu sprechen. Frau Faizah erklärte Gherardo in kurzen Zügen, wie König Hassan II das Land regierte, was er alles für sein Volk tat, und zum Schluss plauderte sie über die Stellung der Frau in Marokko. Weniger als acht Prozent der Frauen würden einer bezahlten Arbeit nachgehen. Dazu würden sie sogar die Erlaubnis ihres Ehemannes benötigen. Die wenigsten beherrschten Arabisch und Französisch, die beiden Amtssprachen. Die verschiedenen Berbersprachen würden an keiner Schule gelehrt, obschon den grössten Anteil an der Bevölkerung Marokkos die Berber hätten. Weit über fünfzig Prozent der rund 18 Millionen Marokkaner könnten weder lesen noch schreiben. Die Lebenserwartung läge bei nur 55 Jahren. Das sei bedenklich. Ob er wisse, dass die bisher spanisch besetzte Westsahara in diesem Februar auf Mauretanien und Marokko aufgeteilt wurde?

Die Stimmung im Keller war nicht nur ernsthaft, sondern auch fröhlich. So erzählte Mohammed den folgenden marokkanischen Witz: Marokkanische Stadt, grosse Parade, viele rote Fahnen. Die marokkanische Regierung lässt sich in einer Parade vom Volk feiern. Das Volk steht am Strassenrand und winkt mit Fähnchen. Der kleine Karim sitzt auf den Schultern seines Vaters, damit er auch was sieht. Als die Minister direkt an den beiden vorbeigehen, sagt Karim plötzlich: «Guck mal Papa, das sind ja die Männer, die du immer ‹die grössten Banditen Marokkos› nennst.» Der Vater schaut erschrocken hoch. «Oh mein Gott, wer hat mir dieses Kind auf die Schulter gepackt? Wem gehört dieses Kind?»

Und so zogen sich die Gespräche noch ein paar Minuten in die Länge. Bald aber verliessen die beiden Frauen den Keller. Wohl, um für die Herren zu kochen. Mohammed liess ihn noch etliche Weine kosten, mehr als ihm lieb war, denn gewohnt war er sich dies nicht. Gherardo seinerseits erzählte seinem neuen Freund alles über sein Leben und vieles, vielleicht fast zu vieles über Quoni. Mohammed wiederum lobte die Schweiz und die Schweizer, weil sie viel freigiebiger sei-nen als zum Beispiel die Deutschen. Er gab Gherardo viele Tipps für seinen Ferienaufenthalt, aber auch über den Umgang mit den Einheimischen. Selber, erklärte er, sei er Moslem, nehme es aber mit den Geboten des Islam nicht so genau. Er habe halt zehn Jahre lang im laizistischen Frankreich gelebt und sich an die europäischen Sitten gewöhnt.

Gherardo wusste nicht mehr, wie lange sie im Keller verbracht hatten, als es irgendwo klingelte. Das sei das Zeichen, nach oben zu gehen, erklärte Mohammed. Die Mahlzeit sei bereit. Leicht schaukelnden Schrittes schaffte es Gherardo nach oben. Im zwar schmucken, aber für sein Verständnis etwas zu opulent eingerichteten Salon sah er vor sich einen reich gedeckten Tisch für vier Personen. Über dem Tisch hing ein edler Kronleuchter aus Kristallglas, so wie man sich ihn in einem arabischen Herrscherhaus vorstellt. Den Boden bedeckten fein geknüpfte Teppiche in verschiedenen Ausstattungen. So sassen sie denn da – er neben Mohammed und gegenüber Alia und Faizah – und genossen Köstlichkeiten aus Marokkos Küche, liebevoll serviert in kleinen, dekorativen Schalen. Faizah erklärte Gherardo jedes einzelne Gericht. Das war nun doch was anderes als die auf westliche Geschmäcker zurechtgestutzten Mahlzeiten in seinem Hotel.

Gherados Blick glitt immer wieder zur Tochter. Sie war wunderschön. So wunderschön wie das Essen köstlich war. Alia, was für ein wohlklingender Name. Edler als Magdalena und Hanna. Ihre schwarzen Augen trafen ab und zu die seinen. Die blau-schwarz glänzenden Haare lagen sanft auf ihren Schultern. Wenn er sie so betrachtete, begann er zu träumen, wie es wäre, wenn, und verpasste dabei fast das Gespräch, das die beiden Gastgeber mit ihm führten. Mohammed schien auch schon ein bisschen beduselt, denn er begann wieder über Politik zu reden, was Gherardo gar nicht passte, denn zu wenig wusste er über Marokko und das Königshaus. Ja, alle grossen Unternehmen würden in der Hand des Königs liegen. Sicher, der König hätte viel fürs Volk getan, aber dennoch würden vor allem die Berber noch in sehr einfachen Verhältnissen leben. Seine Familie selber sei berberischer Abstammung.

Plötzlich, für Gherardo völlig unverhofft, schickte er seine Tochter auf ihr Zimmer. Gherardo war schockiert und war schon dabei, seine Zunge locker, zu fragen, weshalb Mohammed sie aus dem Salon gewiesen habe. Doch etwas im Blick Mohammeds zeigte ihm, dass er gescheiter den Schnabel halten sollte. Hatte er sie womöglich zu oft angeschaut. Wäre schon möglich gewesen nach all dem Alkohol, den er intus hatte. Die Stimmung war auf einen Schlag dahin. War dies wirklich sein Fehler? Was sollte er jetzt tun, machen, sagen? Am besten nichts und abwarten.

Tatsächlich erhob sich Faizah, verliess den Salon und kam mit der Tochter Alia zurück. Sie erklärte: «Wir lieben unsere Tochter. Es ist unsere einzige. Vor einem Jahr war ein gewisser Heuberger oder so bei uns zu Gast, einer von Quoni. Er habe nach genau so einem schönen Abend wie diesem seine Alia eingeladen, mit ihm in den Ausgang zu gehen. Guten Glaubens an die Seriosität dieses Geschäftspartners haben wir es ihr erlaubt, alleine mit ihm in die Stadt zu gehen und ein wenig Freude zu haben. Leider, leider, liess er sie in einem Café sitzen. Dies, weil sie seinen Avancen nicht Folge leistete. Ja, richtig, er fragte sie, ob sie mit ihm in sein Hotel mitkommen wolle. So etwas sind wir uns hier nicht gewohnt. Alia sass tränenüberströmt im Café und hatte grosse Angst, angemacht zu werden. Ein Angestellter hatte sich ihr nach einer Weile angenommen, hatte sie gefragt, ob er etwas für sie tun könne, wo sie wohne, ob er jemanden anrufen könne. Das konnte er. Und mein Mann hat sie danach aus dieser scheuss-lichen Situation befreit. Und weil Sie, ich habe es ebenfalls bemerkt, nicht nur mein Mann, sie immer wieder angeschaut haben, kam ihm die Geschichte von vor einem Jahr wieder hoch. Verzeihen Sie ihm bitte, nicht wahr Mohammed?» Mohammed nickte mit besorgter Miene.

Gherardo war bestĂĽrzt. Der Heuberger, den kannte er doch? Das war doch der aus dem Touroperating, den man wegen Stalking bei verschiedenen Mitarbeiterinnen fristlos entlassen hatte. NatĂĽrlich, erinnerte er sich. Und nun konnte er der Familie von Mohammed die frohe Botschaft ĂĽbermitteln, dass dieser Heuberger genau aus so einem Grund entlassen worden war. Schadenfreude sei zwar nicht angebracht, meinte Mohammed, doch irgendwie sei diese Nachricht halt doch eine kleine Genugtuung. Weil das Telefon klingelte, verliess Mohammed den Tisch und seine Frau ging in die KĂĽche, um das Dessert vorzubereiten. Die beiden jungen Leute waren nun fĂĽr einen Moment ganz alleine im Raum.

Alia schaute Gherardo liebevoll in die Augen und legte ihre Hand schüchtern auf die seine und sagte: «Es wäre nett, dich näher kennenzulernen, aber wie du siehst, geht das nicht. C’est triste.» Und zog ihre Hand zögernd wieder zurück. Gherardo fühlte sich geschmeichelt und bekam rote Backen. Und bevor er zu ihrem Geständnis etwas über seine eigenen Gefühle sagen konnte, erschien auch Mohammed wieder. Es sei ein geschäftlicher Anruf gewesen, erklärte er die Unterbrechung. Der Abend zog sich bei weiteren, interessanten Gesprächen in die Länge, bevor Mohammed nochmals in den Weinkeller stieg und mit einer Holzkiste mit drei Flaschen Wein als Mitbringsel für Gherardo zurückkam. Dann verabschiedete sich Gherardo von den beiden Frauen, dankte für alles, und Mohammed fuhr ihn zurück in sein Hotel.

Es war fast Mitternacht geworden. Er legte sich ins Bett, konnte aber nicht sofort einschlafen. Seine Gedanken waren bei der himmlischen Alia. Im Halbschlaf träumte er vor sich hin und malte sich aus, wie es wäre, wenn er und sie am Strand lägen und die halbe Welt würde sie bewundern, sie, ihre Schönheit, ihn, den Auserwählten.



Kapitel 4


Seriös, professionell, vertrauenswürdig, aufmerksam, keine Mängel festgestellt. Das waren die Worte, die er beim Frühstück zum Thema Maroccotravel in sein Notizbuch schrieb. Die verspätete Öffnung des Büros hatte er ob all der nachfolgenden, angenehmen Ereignisse vergessen. Auch von den erhaltenen Geschenken erwähnte er nichts. Das ging niemanden etwas an, sagte er sich.

Nach dem letzten Schluck Tee wollte er sich auf die Su-che nach Magdalena machen, doch sie kam ihm zuvor. «He, Gherardo, wo warst du gestern die ganze Zeit? Ich habe dich vermisst. Hoffentlich bleibst du wenigstens heute mit mir zusammen. Ohne dich ist es ziemlich langweilig.»
Er nahm sie in seine Arme, erklärte, wo er gewesen ist, und versicherte ihr, dass er heute die Zeit mit ihr und Hanna verbringen werde. Und so erlebten sie dann einen tollen Tag und Abend und eine stürmische Nacht.

Aber langsam zogen über ihrer Freundschaft dunkle Wolken auf. Eine Dreierbeziehung konnte nicht gut gehen. Je mehr sich Hanna an ihn heranmachte – nur um ihrer Schwester zu zeigen, dass sie die attraktivere ist –, desto eifersüchtiger wurde Magdalena.

Am folgenden Tag im späteren Nachmittag machten sie sich wieder einmal zu dritt auf ins Stadtzentrum, unter anderem um Couscous zu essen. Seine Begleiterinnen waren wie immer äusserst spärlich bekleidet, was seine Aufgabe, sie gegenüber dem männlichen Volk zu beschützen, nicht gerade vereinfachte. Magdalena trug ein kurzes, dünnes, je nach Lichteinfall durchsichtiges Sommerkleidchen, dessen Ausschnitt ihre wohlgeformten Halbkugeln zwar knapp zur Hälfte verdeckte, sie aber auch gleichzeitig zur Schau stellte, so, dass sie jedermann ins Auge stachen. Eine derartig aufreizende Bekleidung war im muslimischen Marokko zu jener Zeit alles andere als angebracht. Hannas Outfit bestand aus einem hautengen Minirock und einem weiten, luftigen T-Shirt. Als sie vor einem Schaufenster die Auslagen von Souvenirs bewunderten, trat Hanna etwas näher an ihn heran als sonst, beugte sich bewusst so gezielt nach vorne, dass sich die weite Öffnung ihres T-Shirts aufblähte und sich ihre kleinen, festen Brüste mit den rosaroten, spitzen Knospen ihm präsentierten. Das war ein klares Angebot. Natürlich entging diese Provokation Magdalena nicht, weshalb sie sich sofort zwischen die beiden drücke und ihn fest an sich zog.

Nach dem Abendessen – das Couscous war zu trocken und das Fleisch musste man irgendwo zwischen dem Gemüse suchen – und wieder zurück im Hotel, beschwerte sich Magdalena bei ihm: «Immer wenn ich jemanden habe, kommt meine schönere Schwester und nimmt ihn mir mit allen Mitteln weg. Alles, was ich habe, muss sie mir nehmen. Alles!» Ihre Tränen befeuchteten sein Hemd. Er tröstete sie damit, dass sie doch attraktiver und Hanna noch ein Kind sei. Eigentlich, überlegte er, wäre die jetzige Situation eine perfekte Grundlage gewesen für ein interessantes Spiel. Er hätte die beiden gegeneinander ausspielen und von Hanna wie auch von Magdalena profitieren können. Aber es kam anders, obschon er die beiden längst lieben und schätzen gelernt hatte.

*

Am Tag darauf nämlich stand der Besuch des Berber-abends an. Als er vor dem Hotel in den Bus stieg, der Touristen aller Nationen aus den verschiedenen Hotels Agadirs zur Kasbah von Tassilah im Massatal karrte, war auch Magdalena zugegen und flüsterte ihm leicht enttäuscht ins Ohr, weil sie nicht dabei sein konnte: «Ciao, mine Schatzeli und pass uf.»

Vor dem Bretterzaun, der das Berbercamp nach aussen abschirmte, hielten die Busse nach einer guten Stunde Fahrt und liessen die Passagiere aussteigen. Unter der Masse von Touristen fielen ihm zwei Typen auf. Einer von ihnen hatte ein indigofarbenes Gewand, wie sie die Tuareg tragen, übergezogen und trug auf seinem Kopf einen lose gebundenen Turban. Er hätte mit seinen mediterranen Gesichtszügen und dem kurz gestutzten Schnauz fast als Einheimischer durchgehen können. Sein Begleiter trug eine Brille mit fast recht-eckigen Gläsern und einen gepflegten Vollbart. Er glich einem Intellektuellen. Seine Hände steckten lässig in seinen Hosensäcken. Fröhlich lachend und tänzelnd zu den Klängen von Berbermusik verliessen die beiden ihren Bus und schlenderten hinter den andern Gästen her. Und plötzlich ging Gherardo ein Licht auf. Er hatte diese beiden Männer im Reisebüro Maroccotravel beobachtet. Also hatten sie dort das Gleiche gebucht wie er. Das sind zwei Lustige und Aufgestellte, denen hänge ich mich an, dachte er sich, und bemühte sich, ihnen zu folgen, um sie nicht aus den Augen zu verlieren.

Als nach der offiziellen Gästebegrüssung zu Tisch gebeten wurde, setzte er sich zwischen sie und ein belgisches Ehepaar an einen der runden, typisch arabischen Tische, die nur bis auf die Höhe der Knie reichen. Man ass genüsslich Couscous mit Hammelfleisch und Gemüse sowie zum Schluss Früchte. Gherardo schmeckte das Couscous viel besser als gestern im Restaurant in Agadir. Zum Trinken wurden Pfefferminztee und Rotwein aufgetischt und als Abschluss servierte das Personal, alle in bunten, arabischen Gewändern, einen wunderbaren, supersüssen Feigenschnaps. Die Stim-mung war ausgelassen, das abendliche Klima angenehmer als in Agadir, das Essen schmackhaft und der Rotwein, von dem dauernd eingeschenkt wurde, süffig. Die fünf Leute am Tisch hatten es lustig zusammen und waren glückselig. Weil alle aus einer anderen Sprachregion stammten, verständigten sie sich auf Französisch. Die Belgier kamen aus Auderghem in der Region Brüssel und waren seit einem Jahr pensioniert. Im Laufe des Abends freundete sich Gherardo schnell mit den zwei sympathischen Männern an. Sie wohnten in Mailand. Enrico, der etwas über dreissig Jahre alt war, arbeitete in der Verwaltung bei einem internationalen Buchverlag und der gleichaltrige Piero als Direktor bei der Banco Popular. An diesem Abend begründeten die drei eine Freundschaft, die noch über viele Jahre halten sollte.

Nach dem Essen wurde nach Berberart getanzt, wobei sich Piero und Enrico mit ihren eleganten Bewegungen als wahre Tanzkünstler entpuppten. Zum Abschluss und als Höhepunkt sozusagen, wurde der ‹Danse de Pouf›, frei übersetzt Hockertanz, angekündigt. Die Touristen mussten dabei einen riesigen Kreis bilden. Einige bekamen einen arabischen Lederhocker und mussten, den Hocker über dem Kopf haltend, im Kreise tanzend in einem zweiten, inneren Kreis zirkulieren. Hielt die Musik an, mussten die Hockerträger stehen bleiben und sein Gegenüber aus dem äusseren Kreis, egal ob Frau oder Mann, umarmen, Küsschen auf die Wangen geben und ihr oder ihm den Pouf überlassen und zum Tanzen schicken. Nach der ersten Runde hielt ein Mann vor Gherardo, umarmte ihn flüchtig und überreichte ihm den Hocker. Als er sich dann mehr oder weniger rhythmisch im Rund bewegte, versuchte er, im äusseren Ring der Wartenden hübsche Kusswangen auszumachen. Zwei, drei hübsche weibliche Wesen waren dabei. Und tatsächlich, mit ein wenig Drücken und Stossen und Drängeln kam er, als die Musik aufhörte, vor eine dieser jungen Frauen zu stehen. Sie umarmten sich und er hauchte ihr seinen Atem auf die Backe. Als die nächste Runde endete, stand dieselbe Dame wieder vor ihm. Sie drücke sich überraschend fest an ihn und küsste ihn links und rechts. Die letzte Runde wurde gespielt. Die Musik hielt an, er machte noch ein paar schnelle Schritte zur Seite, trat dabei dem Mann aus der ersten Runde auf den linken Fuss, der nicht etwa aufschrie, sondern meinte: «Aha, Sie haben wohl etwas Schöneres als mich gefunden.» Gherardo stand jetzt wieder vor ihr, taktisch wohl geplant. Jetzt drückten sie ihre Körper noch fester und länger als normal aneinander und er küsste sie links und rechts auf ihre zarten Wangen. Seine Nase nahm ihren Geruch auf. Ein kleines Erfolgserlebnis für den jungen Mann. Bisher hatten sie noch kein richtiges Wort miteinander gesprochen, sich einfach nur in die Augen geschaut und sich gespürt. Dann begleitete er sie an ihren Tisch, wo Mama und Papa bereits auf sie warteten, und er setzte sich wieder an seinen Platz. Aber er liess sie nicht aus den Augen, er blickte stets zu ihrem Tisch hinüber.

Kurz darauf wurde zum Aufbruch geblasen. Die AusflĂĽgler bewegten sich auf die Busse zu. Weit vorne sah er sie in einen Bus steigen, leider nicht den seinen. Er hastete in ihre Richtung und pflĂĽgte sich durch die Menschmenge und stieg ohne sich um seinen Bus zu kĂĽmmern in dasselbe Fahrzeug ein.
«Darf ich?» Der Platz neben ihr, eine Reihe hinter ihren Eltern, war noch frei.
«Na klar, aber komm, wir setzen uns in die hinterste Reihe.»
Sie stellte sich als Kerstin Johannson vor und lebte in Wuppertal im Ruhrgebiet. Endlich fand er Zeit, sie genauer zu betrachten. Ihr hellblondes Haar fiel ihr auf die Schultern, sie war gross und schlank und feingliedrig, hatte ein hübsches Gesicht mit Sommersprossen, was ihm beim Tanzen so gefallen hatte, und eine prägnante Nase. Ihr Alter konnte er nur schwer einschätzen, vielleicht gleich alt wie er. Ihre Haut war bleich, halt so, wie er sich ein Mädchen aus dem Ruhrgebiet vorgestellt hatte. Hier in den Ferien logierte sie mit ihren Eltern im Hotel Euromaroc. Leider war die Fahrt zum Hotel all zu kurz. Er hätte ihr noch so viel zu erzählen gehabt. Immerhin konnten sie sich ein bisschen aneinander schmiegen und fühlen, wie es wäre, wenn.

*


Am folgenden Morgen traute er seinen Augen nicht, als er zum Fenster hinausschaute. Nebel. Nebel in Afrika? Kaum zu glauben! Tatsächlich bedeckten dichte Nebelschwaden die Küste und weite Teile von Agadir. Doch die sengende afrikanische Sonne saugte ihn in Kürze auf. Bereits um neun Uhr zeigte sich der Himmel wieder wie an den Vortagen wolkenlos und stahlblau.

Heute hatte Gherardo ein Dilemma zu lösen. Magdalena oder Kerstin. Die neue Errungenschaft reizte ihn ganz besonders und so richtig hatte er Kerstin ja noch gar nicht erobert. Und weil ihm Magdalena vor Kurzem ihre Eifersucht gestanden hatte, was ihn beunruhigte, denn für ihn war sie bisher jedenfalls nur eine Ferienbekanntschaft und eine besitzergreifende Frau widerstrebte ihm sowieso, das war schon zuhause mit andern Liebschaften nicht anders gewesen, besuchte er quasi zum Trotz Kerstin in ihrem Hotel. Das freudige Wiedersehen war gegenseitig. Sie assen zusammen mittag und machten am Nachmittag mit Kerstins Eltern in einem Touristenbus einen Ausflug zum bekannten Wasserfall von Immouzer. Der Bus der Marke Magirus Deutz diente früher sehr wahrscheinlich irgendwo in Europa als Linienbus und hatte schon etliche Jahre auf dem Buckel. Nach Gherardos Einschätzung musste er aus den Fünfzigerjahren stammen. Die Stoffsitze waren vom vielen Gebrauch abgenutzt und wenn der Fahrer den Gang wechselte, knirschte es gut hörbar vom Getriebe her. Die ausgefranste Teerstrasse führte am Flussbett des Oued Tamrakht entlang, zunächst durch eine karge Hügellandschaft mit den nur in gewissen Gegenden Marokkos wachsenden, berühmten Arganbäumen. Das Arganöl wird aus den Samen der seltenen, gelben Beerenfrucht des Arganbaums durch Pressung gewonnen. Es ist ein nussartig schmeckendes, vergleichsweise teures Speiseöl. Weiter bergwärts waren bunte Bienenkästen und am Strassenrand Verkäufer von Fossilien und Mineralien zu entdecken, den Fluss säumten grosse Felsen, Palmen und Oleander. Die Strasse durchschlängelte das bekannte Paradise Valley, wo viele Hippies campierten. Die Wasserfälle in üppiger Vegetation, das eigentliche Ziel, waren dann eher enttäuschend, nur spärlich rann das Wasser über die Felsen ins Tal, denn gerade dieser Sommer war extrem trocken. Das beste dieses Ausflugs war allemal die reizvolle Vegetation. Und für Gherardo die Gegenwart von Kerstin.

Im Bus hatten die beiden die Gelegenheit, etwas mehr von sich zu erzählen. Sie war 22 Jahre alt, hatte Wirtschaft studiert und arbeitete in einer Anwaltskanzlei als Sekretärin. Geschwister hatte sie keine. Sie wohnte immer noch im Elternhaus. Bis vor einem Jahr war sie mit einem Studienkolleg befreundet. Sie waren bereits auf der Suche nach einer ge-meinsamen Wohnung, als er es sich dann plötzlich anders überlegte hatte und nach Cambridge in die USA gereist war, um seine Studien zu vertiefen. Deswegen hatte es Streit gegeben und deswegen war sie wieder Single. Gherardo merkte an ihrer Stimme, wie sie es erklärte, dass ihr die Trennung auch jetzt noch ein wenig ans Herz ging. Gherardo wiederum verschwieg ihr wohlweislich seine Freundin in der Schweiz und seine gegenwärtige Liebschaft mit der Tessinerin.

Die restlichen zwei Tage und Abende bis zu ihrer Abreise verbrachte er mit Kerstin. Ihre Eltern waren ihm dankbar, konnte Kerstin doch endlich die Hotelanlage verlassen, ohne dass Vater und Mutter immer dabei sein mussten, um sie vor den Händen Einheimischer zu beschützen. Nach über einer Woche im Hotelareal beziehungsweise zusammen mit ihren Eltern auf Spaziergängen und Ausflügen, durfte sie in seiner Begleitung das Hotel schliesslich und endlich allein verlassen und ihre Ferien geniessen.

Als er nach dem ersten vergnüglichen Abend Kerstin gegen Mitternacht in ihr Hotel brachte, wurde er am Eingang vom Nachtportier aufgehalten. Er verweigerte ihm den Eintritt mit den Worten: «Les gens qui n’habitent pas ici, ne dorment pas ici.» Und nahm Gherardo damit jede Chance, das Hotel zu betreten. Kerstin beichtete diesen eher peinlichen Vorfall ihrem Vater, der am nächsten Morgen sofort bei der Hoteldi-rektion intervenierte und schon standen die Türen im Euromaroc für ihn bereits wieder offen. Er durfte sogar bis in Kerstins Zimmer, aber nicht weiter. Denn leider fühlte sie sich gerade in diesen Tagen nicht besonders wohl, denn, wie ihm ihr Vater hinter vorgehaltener Hand erklärte, hatte sie ihre Periode. Schade, das wäre nun wirklich das Tüpfchen auf dem i gewesen, hätte er bei ihr übernachten können. Dumm gelaufen. Stattdessen schilderte sie ihm, wie es ihr in diesen Ferien bisher ergangen war. Nicht nur das Leben ausserhalb des Hotels durch die ewigen Belästigungen wie tastende Hände auf ihrem Körper im Gemenge der Menschen, geflü-sterte Aufforderungen zum Geschlechtsverkehr, geiles Anstarren und offensichtliches Verfolgen durch Männer waren eine Qual, sondern auch in der Hotelanlage fühlte sie sich unwohl, da sie vor allem von dem Typen, der Gherardo am Vorabend nicht hineinlassen wollte, die ganze Zeit angemacht wurde.
«Der Typ hatte gestern Abend gar keinen Dienst. Er lauerte mir absichtlich auf, da bin ich mir sicher, und als er dich sah, war er eifersüchtig und verhinderte deshalb, dass du mich zu meinem Zimmer begleiten konntest.»
«Dem müsste ich mal eine verpassen», äusserte er sich dazu nicht ganz ehrlich gemeint.

Am Sonntag gingen Kerstins Ferien zu Ende. Spät abends bestieg sie als Letzte den Transferbus zum Flughafen. Eine Chartermaschine flog sie zurück nach Düsseldorf. Über ihr schönes Gesicht kullerten Tränen. Gherardo war selber gerührt und nahe dran, wässrige Augen zu bekommen. Sie umarmten und küssten sich und versprachen, sich sobald wie möglich wiederzusehen. Sie schworen sich ewige Treue. Wie Verliebte. Ziemlich schwülstig. Nur, ob ihre Bekanntschaft mehr als ein flüchtiges Ferienabenteuer war, wussten sie zu diesem Zeitpunkt nicht, wie so oft in solch schicksalhaften Momenten. Das Abschiednehmen dauerte an. Die Passagiere, die bereits im Bus sassen, vor allem die älteren, beobachteten die zwei Turteltauben mit einem nostalgischen, wehmütigen Lächeln im Gesicht. Der Fahrer wurde ungeduldig und hupte, damit Kerstin endlich einstieg und er abfahren konnte.

Gleich nach diesem rührenden Abschied traf er, zurück in seinem Hotel, auch schicksalhaft, Magdalena. Da sie ihn seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen hatte und auch noch erfuhr, dass er seine Zeit mit einer anderen verbracht hatte, entlud sie ihre Enttäuschung mit einem Wutausbruch. Sie schimpfte über die blöde Deutsche, ihre Brust bebte vor Erregung, sie heulte, hämmerte mit ihren Fäusten auf seine Brust, verschwand irgendwohin und sprach in den folgenden Tagen kein Wort mehr mit ihm. Ihre Schwester Hanna hatte ihn auch nicht mehr mit ihrer kindlichen Anmache belästigt. Das sollte ihm irgendwie nur recht sein, denn seit er Kerstin kennengelernt hatte, hatte er seinen Auftrag seinem Arbeitgeber gegenüber total vernachlässigt.



Kapitel 5


Am Tag nach der Abreise von Kerstin rief die Arbeit. Hostess Bettina von Quoni musste nun ausgeforscht werden. Lange genug hatte er sich mit jungen, hĂĽbschen Frauen vergnĂĽgt. Im seinem Reiseprogramm fand er ihre Telefonnummer. Sie vereinbarten einen Termin um neun Uhr bei Maroccotravel, wo sie ihren eigenen Arbeitsplatz hatte und ihre administrativen Aufgaben erledigte. Er wollte sie bei ihrer Arbeit begleiten und selber erfahren, wie der Arbeitstag einer Ferienhostess ablief.

Sie empfing ihn in einem sittsamen, knöchellangen Lei-nenkleid. Bevor es losging, machten sie sich miteinander bekannt und plauderten eine Weile. Sie wohnte im Winter in Winterthur wie er und war 26 Jahre alt. Als er sich selber als Gherardo vorstellte, wollte sie wissen, weshalb er als Deutschschweizer einen italienischen Namen trug und weshalb er sich für ihren Job interessierte. Seine Familie stamme ursprünglich aus dem Südtirol und so weiter. Bei der Erklärung zu seinem Interesse an ihrer Arbeit war er vorsichtig und erzählte den wahren Grund nicht, sondern erzählte ihr, dass er es ganz einfach spannend finde und dass er auch schon daran gedacht habe, selber einmal als Reiseleiter tätig zu sein. Was nicht mal gelogen war. Er durfte auch noch Bekanntschaft machen mit der zweiten Hostess, die er bei Ankunft am Flughafen gesehen hatte. Sie heisse Samira, sei Marokkanerin, wie er sicher selber festgestellt habe, hätte in Rabat Germanistik studiert, sei 38 Jahre alt, verheiratet und Mutter eines inzwischen erwachsenen Sohnes, arbeite haupt-beruflich hier bei Maroccotravel als Reisefachfrau und nebenbei bei Ankunft und Abreise von Quoni-Gästen helfe sie aus. Sie seien ein eingespieltes Team und Samira sei für sie die beste Ansprechperson, wenn sie selber in diesem manchmal rätselhaften Land nicht mehr weiter wisse oder eine Übersetzerin brauche. Samira trug zu einem hübschen, farbenfrohen Kleid ein locker gebundenes Kopftuch und machte den Eindruck einer modernen, gestandenen Frau.

Während sich Bettina und Gherardo anschliessend auf der Besuchstour von Hotel zu Hotel schleppten, erklärte sie ihm anhand vieler Beispiele die Situation der Touristinnen in Agadir: «Ausserhalb des Hotelzimmers ist der Aufenthalt in Agadir für Frauen, besonders für alleinstehende, eine Qual. Nicht einmal in den Hotels, ein paar wenige ausgenommen und unabhängig von der Klassifizierung, können sie sich frei und unbelästigt bewegen. Die Touristen möchten sich doch in den Ferien, vor allem bei der gegenwärtig aussergewöhnlichen Hitze so leicht bekleidet wie möglich bewegen, auch die Frauen. Das ist hier aber kaum möglich, ohne dass die einheimischen Männer sie gleich als billige Schlampen betrachten. Ich weiss sehr wohl, dass wir uns hier in einem islamischen Land befinden, wo sich die einheimischen Frauen bedecken, bedecken müssen, aber dennoch sehe ich nicht ein, dass sich die Männer derart ungehörig benehmen müssen», ereiferte sie sich. «Komm, ich mache dich mit einem solchen Opfer bekannt. Ihr Freund hat sie verlassen, und um sich abzulenken und vermutlich auch, weil sie es in den gemeinsamen vier Wänden nicht mehr aushalten konnte, buchte sie spontan drei Wochen Ferien hier in Agadir. Es war kurzfristig die einzige Destination, wo es noch freie Plätze während der Sommerferien gab. Fast zwei Wochen ist sie nun schon hier, und nachdem sie am ersten Abend alleine unterwegs war und auf der Strasse von zwei Männern drangsaliert und fast vergewaltigt worden war, traut sie sich kaum mehr aus ihrem Zimmer. Komm, ich mache dich mit ihr bekannt. Du bist doch auch alleine hier, vielleicht kannst du dich ein wenig um sie kümmern. Sie wohnt im nächsten Hotel, das wir besuchen. Wir müssen uns beeilen, wir sind verspätet. Schon vor einer Viertelstunde hätte meine Sprechstunde dort anfangen sollen.»
Gherardo schleppte ihre schwere Tasche und versuchte, mit ihr Schritt zu halten. Die sengende Hitze fĂĽhlte sich in diesem ausnehmend heissen Sommer an wie in einem Brutofen.
«Wir müssen den ganzen Weg leider zu Fuss gehen, denn mein uraltes Firmenauto, ein Renault R5, ging vor ein paar Tagen kaputt. Motorschaden. Und Quoni will nicht, dass ich auf ihre Kosten ein neues oder eine Occasion anschaffe, verlangt aber, dass ich so und so viele Besuche in der Woche mache und dabei noch pünktlich bin. Bitte schildere denen in Zürich die Situation hier vor Ort! Schau, dort vorne steht das Hotel.»

Kaum hatten sie die Hotelhalle betreten, trat eine knapp dreissigjährige Dame auf sie zu. Ein freundliches Gesicht, in dem dunkelbraune Rehaugen blitzten, musterte ihn. Ihre klassische gerade Nase gab ihrem Gesicht ein längliches Aussehen. Halblanges, gewelltes, kastanienbraunes Haar umschloss ihr Antlitz. Sie stand in einem einteiligen, langen Sommergewand aus feinem, dünnen Stoff barfuss vor ihnen. Ein Schlitz an der Seite liess bei der kleinsten Bewegung ein schlankes Bein bis hinauf zur Taille zeigen. Gherardo hatte ein gutes Auge für solche reizenden Details. Sie reichte ihm nur bis an seine Schultern. Die Hostess stellte sie nach der ersten prüfenden Einschätzung als Monika aus Zürich vor.

Bei den Quoni-Gästen dieses Hotels lag ansonsten nichts vor. Die Hostess hatte damit ihre tägliche Runde beendet und verliess Gherardo, der sich nun um die arme, leicht depressiv wirkende Monika kümmern sollte, was er freilich gerne tat. An der Bar genehmigten sie sich zuerst einmal einen Drink, bevor sie ihn in ihr geräumiges Zimmer führte, wo sie ihm auf dem Balkon ihre ganze Leidensgeschichte ausführlich und in leidenschaftlichen Worten erzählte. Anschliessend verliessen sie das Hotel und spazierten hinunter zur Strandpromenade.

Nach einem feinen Abendessen in einem Restaurant mit Blick aufs Meer, lud sie ihn ein in eine angesagte Disco. Er spürte förmlich, wie sie die Zeit mit ihm genoss. Sie fühlte sich von ihren Sorgen befreit und wollte gar nicht mehr zurück ins Hotel. Lange nach Mitternacht konnte er sie dann doch noch zurück begleiten. Hoffnungen auf ein erotisches Abenteuer brauchte er sich keine zu machen, denn vor dem Lift hiess es für ihn unvermutet Abschied nehmen. Das musste er wohl akzeptieren, auch wenn er das Gefühl gehabt hatte, dass sich ihre Zuneigung seit sie sich getroffen hatten von Stunde zu Stunde gesteigert hatte. Immerhin verabredeten sie sich mit einem gehauchten Küsschen für den morgigen Tag.

Auf dem Nachhauseweg durch die menschenleeren Strassen bewegte ihn die Frage, weshalb sie ihn nicht in ihr Zimmer eingeladen hatte. War er ihr zu jung? War er vielleicht zu sehr angeheitert? Das konnte nicht sein, denn beide hatten gleich viel Alkoholisches getrunken. Oder hatten hier unten alle Frauen gerade jetzt ihre Menses, so wie vor Kurzem Kerstin? Bei diesem Gedanken musste er schmunzeln. Eine erklärende Antwort fand er nicht. So raunte er halt ein lautes ‹Inschallah› vor sich hin.

*


Schon um acht Uhr läutete sein Zimmertelefon. Hostess Bettina war am Apparat und hatte ihm eine unrühmliche Begebenheit zu erzählen. Magdalena und Hanna, die wie er im Al Salam logierten, schienen ihre Ferien unbedingt mit Männern verbringen zu wollen. Sie seien mit zwei jungen Marokkanern zusammen und wären zum Hotelgespräch geworden, als sie gestern Abend die Burschen mit ins Zimmer nahmen und von dort aus im dritten Stock, begleitet von lauter Musik und Mädchengekreische, Kopfkissen aus dem Zimmer zum Pool hinunter geflogen kamen. Es sei nämlich gesetzlich verboten, Einheimische mit aufs Zimmer zu nehmen. Reklamationen von Hotelgästen seien nicht ausgeblieben. Die Rezeption hätte sie soeben darüber informiert. Es sei ihr auch nicht verborgen geblieben, dass er, Gherardo, in den ersten Tagen mit den beiden jungen Frauen zusammen gewesen sei. Sie bat ihn deshalb aufs Innigste, doch bitte auf die Bigi-Geschwister aufzupassen. Gherardo war jedoch anderweitig beschäftigt und sagte weder ja noch nein zu ihrer Bitte. Zum Schluss fragte sie ihn dann doch noch, wie es gestern mit Monika gelaufen sei. Alles sei gut, er hätte sich mit ihr für heute verabredet. «Oh, schade, eigentlich wollte ich dich einladen zum Nachtessen. Vielleicht willst du morgen Abend mit mir in den Ausgang gehen? Ich habe frei.»
«Oh, ja, sehr gerne.»
«Ich hole dich also ab um zwanzig Uhr, einverstanden?»
«Wunderbar, ich freue mich.»
«Ich auch, also bis morgen. Tschau.»

Gherardo hatte ziemlich viel zu tun. Heute früh musste er zuhanden seines Arbeitgebers noch seinen Rapport über Bettina schreiben, bevor er sich mit Monika traf. Und für den Tag darauf hatte er eigentlich einen Ausflug geplant. Sollte er Monika fragen, ob sie ihn begleiten möchte? Das fand er eine gute Idee. Nur, am Abend müsste er einen Frauenwechsel vornehmen, weil er soeben mit Bettina abgemacht hatte. Langsam aber sicher wurde es kompliziert. Ach, schauen wir mal, irgendwie wird es schon klappen. Im schlimmsten Fall verbringen wir den Abend halt zu dritt, falls beide Frauen einverstanden sind.

Und zweitens kommt es anders als man denkt.

Wie abgemacht wartete er um 14 Uhr mit seinen Badesachen im Hotel von Monika an der Rezeption. Zwanzig schweisstreibende Minuten brauchte er bis dahin zu Fuss. Er wartete. Fünf Minuten verstrichen. Zehn Minuten. Noch immer keine Monika. Er fragte die Dame am Empfang, ob sie für ihn eventuell eine Mitteilung hätte. Nein, nichts. Er setzte sich in einen Sessel in der Hotellobby, Lift und Treppen immer im Auge. Erst jetzt bemerkte er, wie modern dieses Hotel war, gänzlich in westlichem, schlichtem Stil gebaut, mit viel Glas, Licht, Chrom und Marmor. Weitere zehn Minuten keine Monika. Nochmals trat er an den Empfang und bat darum, Monika im Zimmer anrufen zu dürfen. Er durfte. Allerdings antwortete auch nach dem hundertsten Klingeln niemand. Ob sich ihr Zimmerschlüssel im Fach befinde, wollte er wissen. Nein, er sei nicht hier. Gherardo machte sich auf die Suche, schlich durch den Speisesaal, die Bar und schaute nach ihr im Hotelgarten. Nichts. Was war nur los? Er setzte sich nochmals in die Hotellobby und wartete weitere Minuten. Für nichts. Sie kam nicht. Nun gut, dann halt nicht.

Schliesslich entschied er sich, alleine an den Strand zu gehen. Eigentlich passte es ihm, allein zu sein, denn er fühlte sich leicht erschöpft von der vorigen Nacht und von der Hitze. Sonnenbaden war angesagt. Aber die Lust danach verging ihm ziemlich bald. Der Sandstrand in der Bucht von Agadir war unglaublich verschmutzt. Die Wellen schwemmten Algen ans Ufer. Da oder dort entdeckte er tote Fische und graugelben Schaum an der Wasseroberfläche. Zahllose dunkelhäutige Beachboys belästigten die Badenden mit ihren billigen Plastikuhren und anderem Krimskrams. Einer dieser Verkäufer hielt ihm erfolglos eine vergoldete Rolex Submariner vor die Nase und behauptete, sie sei garantiert echt, er könne sie haben für hundert Dollar. Wahrscheinlich verbarg sich hinter dem schmucken Gehäuse ein billiges, japanisches Uhrwerk im Wert von wenigen Franken.

Die hiesige Bevölkerung, die ebenfalls unter der Hitze litt, zog verständlicherweise in Scharen ans Meer, um den Tag und vor allem die Nächte ausserhalb ihrer aufgeheizten Häuser zu verbringen. Seltsam fand er, wie die einheimischen Frauen voll bekleidet im Meer badeten. Es wurde gegrillt, gegessen, getrunken, verdaut und entleert. Der ganze Unrat blieb am Strand liegen. Niemand hatte die Kraft, die Lust, das Bedürfnis oder den Auftrag, den öffentlichen Strand zu säubern. Kam dazu, dass der Saharawind einen unangenehmen, knoblauchähnlichen Geruch von der nahegelegenen Phosphorfabrik über dem Strand verbreitete.

Das Schlimmste, was er allerdings entdeckte, war, etwas zurückgezogen am Rand eines Hotelgartens, Monika in den Armen eines Mannes. Sicher war er sich zwar nicht, weshalb er sich von seinem Tuch erhob und sich langsam auf diese beiden Menschen zu bewegte. Als er nahe genug war, aber ohne dass sie ihn hätten entdecken können, er stand hinter einem verrotteten Fischerboot, war es klar. Es war Monika. Er hörte, wie sie kicherte. Allem Anschein nach amüsierte sie sich mit dem Typen. Wer war er wohl? Auf alle Fälle ein Weisser, also ein Tourist. Gherardo kehrte zu seinem Tuch zurück, packte seine Sachen und spazierte voll deprimiert zurück in sein Hotel. Er machte sich Gedanken, was wohl geschehen sein könnte. Hatte sie ihn gestern an der Nase herumgeführt? Oder handelte es sich um ihren Freund, der zu ihr zurückgekehrt war? Wichtige Fragen für ihn. Sein Seelenleben war leicht ins Schwanken gekommen.

Als Erstes telefonierte er Bettina. Sie antwortete nicht. Also begab er sich in ihr Büro bei Maroccotravel. Hier beschied man ihm, dass Bettina am Flughafen sei, um neu ankommende Gäste zu begrüssen. Es würde bis spät in die Nacht hinein dauern. Hatte sie ihn zuerst nicht für diesen Abend einladen wollen? Vielleicht hatte sie einen Extraeinsatz zu leisten. Nun denn, jetzt fühlte er sich plötzlich abgelehnt. Er, der bisher fast zu jeder Tages- und Nachtzeit mit einer Frau zusammen gewesen war. Gherardo, den Allerweltskerl, hatte man links liegen gelassen.

Zur Ablenkung besuchte er Piero und Enrico in ihrem Hotel Atlas. Dieses Hotel schien ihm der einzige Ort in Agadir zu sein, an dem die bleierne Hitze auszuhalten war. 45° im Schatten war das Minimum. Aus der Sahara wehte ein schwacher Wind, der wie ein Haarföhn nicht nur die schlechten Gerüche der Phosphorfabrik und die Gluthitze, sondern auch noch feinen Sand mitbrachte. Der leicht rötliche Sand fand selbst durch geschlossene Fenster seinen Weg in die Zimmer, auf die Betten und in alle Kleider. Sogar zwischen den Zähnen fühlte Gherardo die ganze Zeit über Sandkörner. Es fühlte sich an wie Schmirgelpapier. Die Klimaanlagen sämtlicher Hotels waren ausgestiegen. Sogar jene des besten Hotels am Ort, des Euromaroc. Kühle Getränke bekam man fast keine mehr, denn kaum waren die Kühlschränke mit Flaschen aufgefüllt, waren sie schon wieder leer.

Natürlich ertrug nicht jeder Mensch diese Hitze. So ge-schah es, dass sich ein Tourist aus seinem Zimmer zu Tode stürzte, vermutlich weil er, wie sich herausstellte, auch des Nachts keine Abkühlung finden konnte. Ein anderer, dem die Hitze wohl das Hirn verbrannt hatte, sprang, um sich abzukühlen, kopfüber in den Swimmingpool. Blöderweise in das nur wadentiefe Kinderbecken. Später bei der Heimreise sah Gherardo ihn wieder am Flughafen. Er sass mit einem Kopfverband im Rollstuhl. In der Nacht zog es etliche Feriengäste aus ihren mit Teppichen belegten, aufgeheizten Zimmern an den Pool, wo sie die meiste Zeit der Nacht verbrachten. Die Briten, vielleicht waren es auch die Schweden, löschten ihren Durst übermässig, auch mit ungekühltem Bier, bis sie nicht mehr wussten, was sie taten. Sie grölten die ganze Nacht hindurch, torkelten durch den Hotelgarten und die Hotelgänge, belästigten die anderen Gäste, kotzten das Zuviel an Bier nicht nur in die Toiletten, sondern auch mal gerade da, wo sie sich befanden. Für die Hoteldirektion des Al Salam war das nicht mehr akzeptabel. Sie rief die Polizei um Hilfe. In einer spektakulären Aktion nach Mitternacht mit mehreren Polizeifahrzeugen mit Blaulicht und Sirene wurden einige dieser unangenehmen Trunkenbolde mit aufs Revier zur Ausnüchterung genommen.

Im Hotel Atlas, einem älteren Bau ohne Klimaanlage, zirkulierte die Luft auf natürliche Weise durch Zimmer, Gänge, Speisesaal und Lobby, sofern Türen und Fenster geöffnet waren. Im Vergleich mit der Aussentemperatur kühlte dieser Luftzug die Innentemperatur ein wenig ab. Das Atlas war der einzige Ort, wo man es am Tag einigermassen aushalten konnte. Und so verbrachte er ein paar Stunden in Gesellschaft mit den lebensbejahenden, freundlichen Piero und Enrico. Bevor sie sich am Pool im Hotelgarten niederliessen, luden sie ihn auf ihr Zimmer ein, wo ein Joint die Runde machte, der sie in einen leicht euphorischen Zustand versetzte. Dazu tranken sie Bier. Zur Abwechslung wieder mal in Männergesellschaft. Dass die beiden ein Paar waren, hatte er natürlich längst bemerkt, doch sie zeigten es überhaupt nicht. Ein Aussenstehender hätte das nie vermutet. Sie unterhielten sich in einem Sprachenmischmasch aus Deutsch und Italie-nisch. Seine Freunde beherrschten die deutsche Sprache recht gut, doch wenn es um exakte Beschreibungen ging, wechselten sie auf ihre Sprache. Bei Gherardo war es natürlich gerade umgekehrt. Weil in seiner Familie meistens Italienisch gesprochen wurde, kannte er sich darin doch auch ziemlich gut aus.

Zum Abendessen kehrte Gherardo in sein Hotel zurück. Die Rezeptionistin rief ihm zu und überreichte ihm eine schriftliche Mitteilung. Sie war von Bettina. Sie bat ihn, sie so bald wie möglich anzurufen. Nachdem er sich in seinem Zimmer erfrischt und umgezogen hatte, griff er zum Telefon und wählte Bettinas Nummer.
«Hallo Gherardo, ich habe gehört, dass du mich gesucht hast. Ich habe jetzt frei. Es waren nur wenige Neuankömmlinge, die ich betreuen musste. Du hast mir doch gesagt, dass du heute Abend ein Rendez-vous hast? Hat es nicht geklappt? Wenn du willst, können wir uns sehen. Ich würde mich freuen. Ich habe dir auch etwas Wichtiges zu erzählen.»
«Natürlich, ich komme sehr gerne, ich renne gleich los, ich habe dir nämlich ebenfalls etwas Wichtiges zu erzählen.»
«Super, ich warte vor meinem Büro. Aber renn nicht zu schnell, sonst bist du gleich klatschnass. Bis gleich.»

Als sie sich trafen, begrüssten sie sich mit Küsschen auf die Wange. Gherardo fühlte sich geschmeichelt. Alsdann be-richtete er ihr voller Ungeduld von der Fastbegegnung am Strand mit der armen Monika aus Zürich und dass er deshalb jetzt nichts vorhatte. Bettina platzte fast vor Lachen, denn sie wollte ihm mitteilen, dass sie erfahren hatte, dass der Freund von Monika ihr nachgereist sei. Er, Gherardo, sei nun von seiner Fürsorgepflicht wieder befreit. Das müsse ihn doch freuen, vermutete sie. Doch er machte zuerst einmal ein saures Gesicht, schliesslich hatte er so seine Pläne mit ihr gehabt. Dann heiterte sein Gesicht schnell auf, jetzt war er ja mit Bettina zusammen. Sie gefiel ihm sowieso besser.

Bettina hatte ein hübsches Gesicht, leicht krauses, dunkelblondes Haar, war schlank und mittelgross. Auch sie reichte dem langen Gherardo nur bis zu den Schultern. Die beiden schlenderten in beschwingter Stimmung davon in Richtung Zentrum. Als sie der Promenade entlang gingen, öffnete sich ihnen der Blick auf den Kasbah-Hügel mit der markanten und weithin sichtbaren Inschrift in Arabischen Lettern. Gherardo wollte von ihr wissen, was dieser Schriftzug bedeuten würde. «Arabisch müsste man können, nicht wahr? Es steht geschrieben: Allah, al-Watan, al-Malik, zu deutsch etwa soviel wie Gott, Vaterland, König. Die Marokkaner sind stolz auf ihr Erbe und ihren Landesvater Hassan II. Ein ähnlich grosses Ehrgefühl für unser Land kennen leider die wenigsten Schweizer. Es sei denn, Herr Schweizer lobt die Antihelden der Eidgenossenschaft von Marignano von 1515 oder den Nationalhelden Tell, der eh nur im Kopf vom deutschen Schriftsteller Friedrich Schiller gelebt hatte.» Gherardo war von ihrer Bemerkung nicht gerade begeistert und nickte lediglich. Die war aber echt abgeklärt, wie abschätzig sie über ihre Landsleute sprach. Auch wenn er einen italienischen Pass besass, war er doch im Herzen Schweizer.

Bettina lud ihn anschliessend zum Abendessen in ein einheimisches Lokal ein. Dahin, wo normalerweise keine Touristen anzutreffen waren. Also irgendwie ein Geheimtipp. In diesem marokkanischen Restaurant mit karger Einrichtung, kleinen Tischchen und ebenso kleinen Stühlen waren nur hiesige Männer anzutreffen. Bettina war die einzige Frau. Der Wirt kannte sie und bat sie mit einem einladenden Lächeln an einen Tisch am offenen Fenster zur Strasse hin. Es sah für Gherardo so aus, als ob sie hier Stammgast wäre. Ohne dass sie etwas bestellt hatten, wurden ihr Tischchen und ein Beistelltisch mit verschiedenen, kleinen Schalen mit rohem und gekochtem Gemüse, Hackfleischbällchen und Fladenbrot belegt. Zum Trinken gab es Wasser und Tee. In diesem einheimischen Restaurant wurde kein Alkohol ausgeschenkt. Statt wie bei uns eine Flasche Wein feierlich zu entkorken, pflegte man die maghrebinische Teezeremonie. Gherardo konnte dem Wirt zusehen, wie er den heissen Grüntee in hohem Bogen einschenkte, wieder zurückgoss, um ihn gleich wieder in hohem Bogen in die mit ein paar Blättern Minze gefüllten und mit Goldrand verzierten Gläser einzuschenken. Er trug einen einfachen, schmuddeligen Kaftan und auf dem Kopf die traditionelle, weisse Gebetsmütze. Die zuerst aufgetischten Speisen stellten lediglich die Vorspeise dar. Als Hauptgang kam eine schmackhafte Tajine mit Huhn, Süsskartoffeln und Erbsen. Ein typisch marokkanisches Gericht. Die Tajine wurde serviert in den runden, aus Lehm gebrannten Schmorgefässen mit gewölbten Deckeln. Wie üblich in arabischen Ländern, wurde viel zu viel aufgetischt. Das hätten sie nie vertilgen können. Bettina erklärte ihm, dass dies mit der sprichwörtlichen Gastfreundschaft zu tun habe und dass man sich nicht schämen müsse, etwas auf den Tellern und Schüsseln zurückzulassen. Das passiere auch den Einheimischen selbst. Niemand isst alles auf. Eine Art Tradition. Bettina bezahlte und Gherardo wunderte es, wie viel all die vielen Speisen gekostet hatten. Umgerechnet zehn Franken, sagte sie ihm, was er kaum glauben konnte. Für nur fünf Franken hatte er sich den Magen vollgeschlagen, einen Liter Wasser und drei Tee getrunken. Einen freundschaftlichen, warmen Händedruck des Wirts gab es zum Abschied.

Im Anschluss an dieses kulinarische Erlebnis betraten sie ein Dancing und verbrachten noch ein paar Stunden beim Tanzen. Sie schmiegte sich immer wieder an ihn. Eine unglaubliche Frau, diese Bettina, dachte Gherardo. Über ihr Privatleben redete sie kaum, geschweige denn, ob sie zuhause oder irgendwo einen Freund hatte. Weil er den schönen Moment ihres Tête-à-tête nicht stören wollte, fragte er auch nicht danach. Mit ein paar Drinks intus traten sie gegen Mitternacht den Heimweg an. Vor ihrer Wohnung wollte er sich, dem Anstand eines wohlerzogenen Mannes entsprechend, von ihr verabschieden, doch sie fragte ihn, ob er nicht Lust hätte, noch ein paar Minuten in ihre Wohnung zu kommen. Diese lag im zweiten Stock eines allein stehenden Mehrfamilienhauses. Sie bestand aus zwei kleinen Zimmern und einer Wohnküche. Es gab nur wenige Möbel, dafür im einen Zimmer umso mehr Kissen auf Teppichen. In einer Ecke stand ein Minifernseher. Der einzige Tisch und zwei Stühle standen in der Küche. Das Schlafzimmer nutzte sie gleichzeitig als Büro. Die ganze Wohnung hatte eine betont feminine Note. Gherardo lobte sie für ihren tollen Geschmack.

Ein paar Minuten hatte sie gesagt. Doch es wurde Morgen. Die Sonne schien durch die Vorhänge und weckte die beiden Liebenden, die sich immer noch in den Armen lagen.

«Und was machen wir jetzt», fragte Bettina, «ich habe den ganzen Tag frei. Ich müsste zwar auf Abruf bereit sein, aber heute möchte ich mit dir zusammen sein.» Sie einigten sich auf einen Ausflug.

Nach dem Duschen und einem Kaffee starteten sie den neuen Tag. In einem Kleinwagen der lokalen Mietwagenfirma Atlascar besuchten sie Taroudant in der fruchtbaren Sous-Ebene, dem wichtigen landwirtschaftlichen Zentrum, inmitten von Olivenhainen, Obst- und Weingärten gelegen. Taroudant ist fast vollständig von einer etwa acht Meter hohen Lehmmauer aus dem 18. Jahrhundert umgeben. Sie bummelten durch die Medina und den Souk. Hier lernte Gherardo, anders als in Agadir, noch ein Stück unverfälschtes Marokko kennen. Aber auch ein fremdartiges Marokko. Mehr romantisch anmutende Calèches, also Pferdedroschken, als Autos verkehrten auf den Strassen.

Er und Bettina spazierten Hand in Hand durch den Souk, machten Fotos und kuschelten sich ab und zu aneinander, als für sie völlig unverhofft ein älterer, distinguierter Herr in traditioneller Djellabah auf sie zu trat, sich zuerst entschuldigte, dass er sie belästigte, und sie in aller Höflich-keit und in gepflegtem Französisch bat, sich nicht die Hände zu geben, dass es hier nicht angebracht sei, und dass man die Leute nicht fotografieren dürfe, und Frauen schon gar nicht, dass sich manche der Einheimischen daran stören würden. Hoppla, verliebt wie sie waren und hingerissen vom exotischen Treiben, hatten sie alle Anstandsregeln völlig vergessen. In Agadir, der Touristenstadt, kümmerte man sich kaum um das nicht immer angepasste Benehmen der ausländischen, ungläubigen, nichtmuslimischen Besucher. Aber hier, nur sechzig Kilometer davon entfernt, war das ganz anders.

Für die Rückfahrt liess Bettina Gherardo ans Steuer des Mietautos. Er hatte bereits auf der Hinfahrt mitbekommen, wie hier in Marokko gefahren wurde. Die meisten Einheimischen rasten eher intuitiv als nach Verkehrsregeln über die Strassen. Im krassen Gegensatz dazu verkehrten auch uralte, fast auseinanderfallende, verbeulte und rostige Vehikel in unsäglich langsamem Tempo und verursachten immer wieder Staus. Dann wurde gehupt, was das Zeug hielt, doch nützen tat es wenig bis nichts. Sicherheitslinien wurden in solchen Fällen zum Überholen überfahren. Solange sich keine Polizei zeigte, scherten sie sich kaum um Nebensächlichkeiten wie Sicherheitslinien oder Verkehrsschilder. Gherardo schien jedoch, dass sie trotzdem Rücksicht aufeinander nahmen. Überholte mal einer eine alte Karre oder ein Fuhrwerk, obschon Gegenverkehr herrschte, bremsten die Entgegenkommenden einfach ab, um einen Crash zu vermeiden. Handzeichen ersetzten mehrheitlich die Blinker. Und tatsächlich, während der Hinfahrt sah er keine wirklich kritische Situation und vor allem gar keinen Unfall. So nahm er also das Steuer in die Hand und fuhr unbekümmert los. Alles ging gut. Immer wieder musste er langsamere Fahrzeuge überholen. Und etliche schnellere überholten ihn. Einmal fuhr er auf eine Autokolonne zu, die hinter einem in gemächlichem Tempo fahrenden Traktor mit einem bis über den Rand mit Heu beladenen Anhänger herrollte, der für die Hin-terherfahrenden die Sicht nach vorne völlig verunmöglichte. Er war der vierte Wagen in der Schlange und fragte sich, weshalb die vor ihm Fahrenden den Traktor nicht überholten, sah dann aber die Sicherheitslinie. Aber er hatte sich getäuscht, denn es sah zu Beginn nur so aus, als ob sie nicht vorbeifahren würden. Der erste überholte trotz Sicherheitslinie, dann der zweite, dann der dritte und dann folgte ihnen Gherardo. Kaum vorbei drehte er wieder zurück auf die rechte Fahrbahn, als er einen Polizisten mit einer Kelle vor sich sah. Er wurde angewiesen, am rechten Strassenrand anzuhalten. Der Traktor fuhr wieder an ihm vorbei. Gherardo wurde nervös. Mit der Polizei im Ausland wollte er nun wirklich nichts zu tun haben. Der Polizist trat an sein Fenster und bat ihn um den Fahrzeugausweis und seinen Führerschein. Bettina grapschte die Mietwagenpapiere aus dem Handschuhfach und überreichte sie ihm. Gherardo zeigte ihm den Führerschein. Der Gesetzeshüter prüfte die Papiere mit ernster Miene, drehte sich wieder Gherardo zu und fragte ihn, ob er die ausgezogene Sicherheitslinie nicht gesehen habe. Doch, die hätte er gesehen, aber vor ihm seien drei einheimische Autos ebenfalls über die Linie gefahren, um den langsamen Traktor zu überholen. So habe er es ihnen halt gleichgetan. Es habe sowieso kein Gegenverkehr geherrscht. Non, Monsieur, das ist hier in Marokko verboten. Bei Ihnen in der Schweiz vielleicht nicht, aber hier sehr wohl. Als Autofahrer müsse man sich immer an die Verkehrsregeln halten. Auf den Einwand wegen der anderen drei Wagen ging er gar nicht ein. Gherardo war genervt und kurz davor, dem Polizisten seine Meinung zu sagen, als ihn Bettina am Ärmel zupfte zum Zeichen, seinen Mund zu halten. Also schluckte er den Verweis herunter. Zu Bettina meinte er in Schweizerdeutsch und in verärgertem Ton, die würden ganz einfach die Fremden ausnehmen. Zum Glück verstand dies der Polizist nicht, sonst hätte er noch eine Busse wegen Beamtenbeleidigung aufgehalst bekommen. Der Uniformierte zuckte einen Bussenblock, füllte ihn aus und verknurrte Gherardo zu einer Geldstrafe. Wenn er nicht sofort bezahlen könne, müsse er mit auf den Posten kommen. Fuchsteufelswild, innerlich jedenfalls, bezahlte er die Busse, bekam die Papiere zurück und durfte weiterfahren. Bon voyage, wünschte ihnen der Beamte. Ein Hohn, sagte Gherardo zu Bettina. Als er ausser Sichtweite der Polizeistreife war, hielt er wieder an und bat sie weiterzufahren. Er hatte genug. Plötzlich fühlte er sich unsicher und wollte kein Risiko mehr eingehen. Sie beschwichtigte ihn und versprach ihm, die Busse mit ihm zu teilen. Gherardo regte sich wieder ab. Die Landschaft konnte er dennoch nicht mehr geniessen, die verdammte, ungerechte Bestrafung ging ihm nicht aus dem Kopf.

Als sie zurück waren und das Fahrzeug zurückgegeben hatten, gab die Busse und das Verhalten der Polizei noch länger zu reden. Den Abend und die folgende Nacht verliefen wie gestern. Wonniglich. Gherardo wähnte sich auf Wolke Sieben. Alles war wieder gut, schöner, abwechslungsreicher und betörender als was er hier bisher erlebt hatte. Gerne hätte er auch in Bettina hineingesehen, um zu erfahren, wie ihr Seelenzustand war und ob sie von ihm ebenso begeistert war wie er von ihr. Nach aussen hin gab sie sich auf alle Fälle locker, fröhlich, zufrieden und sogar eine Spur verliebt, wie er ihr Verhalten deutete.

*


Bettina musste anderntags leider wieder auf ihre Tour zu den Hotels. Und Gherardo, der sein Hotelbett seit zwei Nächten nicht mehr gesehen hatte, dahin zurück. Ihr Abschied dauerte länger als geplant, weshalb Bettina sich bereits wieder um über eine Viertelstunde verspätet hatte. Sie hatte ihm noch empfohlen, bei Maroccotravel einen Ausflug ins Berberdorf Amtoudi zu buchen, was er dann auch tat. Allerdings tat er dies nicht direkt im Reisebüro, sondern am Empfang in seinem Hotel. Er wollte unbedingt testen, ob dies möglich war und ob es auch klappen würde. Als er der Empfangsdame seinen Wunsch mitgeteilt hatte, überreichte sie ihm automatisch das Ausflugsprogramm von Maroccotravel. Sie telefonierte dann sofort dem Reisebüro und buchte für ihn den gewünschten Ausflug. Diese tolle Dienstleistung des Hotels musste er später in seinen Notizen unbedingt erwähnen.

In einem dunkelgelben, verbeulten Ford Transit fuhr er zusammen mit fünf weiteren Touristen Richtung Süden. Der Fahrtwind durch die offenen Fenster machte die Reise trotz Hitze recht angenehm. Die Landschaft wurde von Kilometer zu Kilometer bizarrer und ausgedörrter. Die Hauptstrassen waren wie überall in Marokko geteert. Als sie sich ihrem Tagesziel näherten, drehte der Chauffeur von der befestigten Strasse ab auf eine ungeteerte Nebenstrasse. Es dauerte nicht lange, das heisst kurz vor Amtoudi holperte der Kleinbus merklich und stoppte brüsk. Der Chauffeur stieg aus, begut-achtete sein Fahrzeug, schüttelte den Kopf und streckte ihn ins Wageninnere. «Wir haben eine Reifenpanne.» Ein Ersatzrad habe er nicht dabei, weshalb die Reparatur lange dauern könne. In einem Haus nebenan telefonierte er dann hin und her.

Und so kam es, dass die Ausflügler nicht verhältnis-mässig bequem mit dem Ford Transit sondern auf knochigen Eselsrücken die paar fehlenden Kilometer ins Oasendorf Amtoudi und hinauf zur gut erhaltenen Speicherburg, mit tausend Jahren die angeblich älteste Marokkos, weiterreisen mussten.

In atemberaubender Schönheit liegt der lang gezogene grüne Ort in einem tiefen Einschnitt zwischen zwei Felsenketten. Hier endete die Strasse, Autoverkehr gab es also nahezu keinen. Palmen, Feigen- und Mandelbäume sind entlang der leise plätschernden Bewässerungsrinne zu finden, die Häuser sind etwas oberhalb davon an den steinigen und kahlen Hängen angesiedelt.

Der FĂĽhrer des Ortes hiess Ali und hatte diesen Sommer nur sehr wenig zu tun, verglichen mit den Wintermonaten, wo sehr viele Touristen in Bussen hingekarrt wurden. Weil es im Ort kein passendes Restaurant gab, verzehrten die Leute zwi-schendurch ihre mitgebrachten Sandwichs und tranken literweise Wasser aus Petflaschen.

Nach der Besichtigung beim Abstieg von der Burg vertrat sich eine Frau den Fuss und konnte nicht mehr weitergehen. Sie stöhnte vor Schmerz und plapperte gleichzeitig wirres Zeugs daher. Gherardo schaute ihre Knöchel an und stellte schnell fest, dass sie unpassende Flipflops trug. Das war mal wieder eine typische, unvernünftige Touristin. Eine luftige, geblumte Baumwollhose verhüllte ihre Körperfülle. Ihr Begleiter und Gherardo stützten sie für den Rest des Wegs bis zum inzwischen reparierten Bus, was recht anstrengend war.

Der Zwischenfall mit der Frau nervte ihn. Wie konnte man nur in offenen Schlarpen einen Ausflug ins Landesinnere unternehmen? Wenns nur an einen Badestrand gegangen wäre, nun, dann wäre diese Fussbekleidung absolut ideal gewesen. Er erinnerte sich in diesem Zusammenhang an einen prekären Fall während der Studienreise im zweiten Lehrjahr nach Gran Canaria, wo er zusehen konnte, wie eine leblose Touristin von Sanitätern vom Strand geholt und ins Spital gefahren werden musste. Die leichtsinnige, alleinreisende Frau hatte sich am ersten Tag ihrer Ferien in der prallen Mittagssonne in den Liegestuhl am Sandstrand gelegt und war eingeschlafen. Gherardo hatte nachher erfahren, dass sie irgendwann vom Stuhl gefallen sei und sich nicht mehr bewegt hätte. Andere Gäste hätten sich um sie gekümmert. Sie sei krebsrot gewesen und von Blasen übersät und vor allem bewusstlos, weshalb die Sanität sofort benachrichtigt worden sei. Ob sie überlebt hatte, wusste er nicht mehr. Es war diese Unvernunft, weshalb er solche Pauschaltouristen nicht mochte, obschon es zu seinem Beruf gehörte, ihnen Pauschalreisen zu verkaufen. Er selber reiste normalerweise viel lieber individuell, nicht in der Gruppe und ohne vorgegebenes Programm. Marokko war eine Ausnahme.

Am späteren Nachmittag kehrten die Ausflügler zurück nach Agadir. Gherardo zog sich in seinem Zimmer die Badehose an und stieg hinunter zum Pool. Schade, dachte er bei sich, eigentlich bin ich hier in Marokko am Meer, und doch gehe ich nicht hin. Aber eben, der schmutzige und unaufgeräumte Strand passte ihm nicht. Also verbrachte er seine Ba-deferien am Hotelpool. Das war nicht viel anders, als wenn er zuhause in der Badi war, wo die Temperaturen zudem noch um einiges angenehmer waren.

Er trat aus dem Hotel und steuerte auf einen Liegestuhl zu, als sich ihm plötzlich eine Frau in den Weg stellte. He, passen Sie auf, wollte er sagen, bemerkte aber gleich, dass diese Person nicht irgendwer war, sondern Monika, die ihn vor zwei Tagen links liegen gelassen hatte. Sie lachte ein süsses Lächeln, wie wenn sie sich schuldig fühlte und sich entschuldigen wollte. Gherardo hatte sie nach seiner Affäre mit Bettina bereits vergessen, doch jetzt, wo er sie sah, eine reife Frau im Bikini, wurde ihm aufs Mal wieder anders. Monika schaute ihn mit bettelnden Lämmeräuglein an und erklärte, was passiert war, was er ja ohnehin bereits von Bettina erfahren hatte. Er sei schon recht enttäuscht gewesen, hätten sie doch abgemacht gehabt, er verstehe jedoch ihre Situation, meinte er so nebenbei und ohne Groll ihr gegenüber. Was sie übrigens hier in seinem Hotel mache, sie wohne doch in einem andern? Sie sei extra wegen ihm hier, weil sie Langezeit nach ihm gehabt hätte und sich entschuldigen wollte. Wo denn ihr Freund jetzt sei, wollte er, neugierig geworden, wissen. Er sei bereits wieder abgereist, als Pilot hätte er nur einen Tag hier sein können. Aber sie hätten wie-der Frieden geschlossen. Ein Pilot also, ging es Gherardo durch den Kopf, der hatte doch an jeder Destination seine Geliebte. Und dann fragte er sie, was sie nun vorhabe. Sie bleibe noch wie geplant.

Sie lud ihn zu einem Drink ein. Okay, sagte er sich, trinken wir etwas fürs Vergessen. Ich muss sowieso noch den Staub von der Busfahrt herunterspülen. Auf dem Barhocker an der offenen Bar beim Pool rutschte sie sehr nahe an ihn heran, das heisst, sie griff lediglich nach einem Aschenbecher auf Gherardos Seite und zündete sich hernach eine Zigarette an. Wieso hat sie sich derart an ihn herangedrückt, sie hätte ihn doch einfach fragen können, ihr den Ascher rüberzureichen? Abrupt und ohne etwas zu sagen rutschte er vom Hocker und hechtete ins kühlende Wasser des Pools. Was heisst kühlend, es war mindestens dreissig Grad warm. Die Frau kam ihm vor wie eine Nymphomanin. Und siehe da, sie drückte ihre Zigarette aus und tat es ihm nach. Als sie ihn im Schwimmbad eingeholt hatte, klammerte sie sich an ihn. Was sollte er nun tun? Er war sofort erregt. Sie abweisen, weil sie ihm fast ein bisschen Angst einflösste? Eigentlich mochte er sie von Anfang an. Sie reizte ihn. Er war unsicher, was in einem solchen Moment zu tun war. Er hatte zu wenig Erfahrung in einer solchen Lebenssituation und vor allem, weil sie älter war als er. Wenn er sich ihr jetzt hingeben würde, würde er gleichzeitig Bettina verraten. Und Kerstin. Und irgendwie auch Magdalena. Er löste sich von ihr und schwamm vorerst einmal zwei Längen. Er hatte sich währenddem genau überlegt, wie er vorzugehen dachte. Zurück an der Bar fragte er sie direkt und ohne Umschweife und mit nicht gerade viel Wärme in seiner Stimme, ob sie mit ihm ins Bett steigen möchte. Bumm, das hatte gesessen. Sie wurde rot im Gesicht und fand keine Worte, schaute ihn verstört an und nach einer Weile endlich fand sie ihre Sprache wieder. «Nein, nein, Gherardo, was denkst du denn? Ich mag dich einfach und fühle mich so wohl in deiner Nähe. Und wenn ich dich berühre, bin ich selig. Habe ich mich dir gegenüber anstössig verhalten? Ich hoffe nicht. Und wenn ja, dann bitte ich dich um Entschuldigung. Weisst du, mein Freund und ich haben vorgestern beschlossen, bei nächster Gelegenheit zu heiraten. Schon deshalb wäre es mir nicht in den Sinn gekommen, mit dir Sex zu haben.» Gherardo hatte ihren Erklärungen gelassen zugehört und war schliesslich beruhigt und doch ein ganz klein wenig enttäuscht. Hätte sie nämlich ja gesagt zu seinem Bettangebot, wäre er mit ihr gegangen, er hätte sich nicht zurückhalten können. Aber jetzt war der Fall klar. Monika und er waren Freunde und nicht mehr. Er schmunzelte bei diesem Gedanken und küsste sie mehrmals freundschaftlich auf ihre zarten Wangen. Inzwischen war die Sonne untergegangen.

Sie verabschiedeten sich, sie ging in ihr Hotel und er in sein Zimmer. Um sieben trafen sie sich wieder. Und dann verbrachten sie einen fantastischen Abend ohne Sex und ohne schlechtes Gewissen danach.



Kapitel 6


Der letzte Tag seiner Ferien brach an. Früh musste er aus den Federn, denn er hatte jetzt noch viel zu tun. Zum einen musste er seinen Rapport fertigstellen, zum andern wie ge-stern abgemacht Monika in den Grossen Souk begleiten und dann wollte er sich noch gebührend von Bettina verabschieden. Nicht vergessen durfte er, auch ein paar Souvenirs zu besorgen und Ansichtskarten an die Daheimgebliebenen zu verschicken. Letzteres hatte er nämlich bisher vor lauter Romanzen ganz einfach verschwitzt. Er war sich selbstverständlich bewusst, dass er das mit den Feriengrüssen in den ersten Ferientagen hätte tun müssen. Jetzt würden die Karten lange nach seiner Rückkehr, dann, wenn er allen schon von seinem Marokko-Aufenthalt berichtet hatte, eintreffen.

Beim Frühstückstee versuchte er, seinen Bericht über seine letzten Beobachtungen niederzuschreiben. Es fiel ihm schwer, handfeste Informationen und die richtigen Worte zu finden. Über seine Frauengeschichten konnte er schlecht berichten. Er liess es schliesslich sein. Zuhause konnte er dies ja noch nachholen, so seine Ausflucht. Währenddem er noch den letzten Schluck Tee zu sich nahm, huschte die Ostschweizerin Käthi unauffällig und ohne einen Blick auf ihn zu werfen an seinem Tisch vorbei. Ihm wars recht so. Und dennoch schämte er sich ein wenig, ihr gegenüber am zweiten Ferientag so unhöflich und gemein gewesen zu sein. Irgendwie interessierte es ihn nämlich schon, ob sie inzwischen eine Ferienbekanntschaft gemacht hatte oder immer noch allein war. Nicht, dass er es ihr nicht gegönnt hätte, im Gegenteil, wer weiss, vielleicht war diese Person aussergewöhnlich und es wert, sich mit ihr zu befassen. Wer war sie, wie dachte sie, hatte sie eine Familie, wieso reiste sie allein in ein muslimisches Land? Fragen um Fragen, die plötzlich auftauchten. Jetzt ging aber nichts mehr, das Geschirr hatte er bereits zerschlagen.

Um zehn Uhr holte er Monika in ihrem Hotel ab. In einem roten, klapprigen Petit taxi fuhren sie direkt zum Souk. Erst als es ums Zahlen ging, bemerkten sie, dass der Fahrer den Taxameter gar nicht eingeschaltet hatte und einen frei erfundenen Preis verlangte, der, das wusste Gherardo von Bet-tina, mehr als doppelt so hoch sein musste als für die gefahrene Strecke normal war. Aber eben, die beliebtesten Standorte der Taxis sind die Hotels. Die reichen Gäste, die sich ein Hotel leisten konnten, konnte man auch ein wenig ausnehmen. Nun denn, die paar Dirhams, die sie bezahlten, hätten in einer Schweizer Stadt gerade mal für einen Kilometer gereicht.

Die Auslagen im Grossen Souk waren grandios, überwältigend, farbenfroh, verschwenderisch, exotisch, verführerisch. Monika hatte die Absicht, einen Teppich zu kaufen. Nur in welchem der zahlreichen Läden fand sie, was sie sich vorgestellt hatte. Näherten sich die beiden einem Teppichgeschäft, steuerte auch schon ein Verkäufer mit breitem Lächeln auf sie zu und begrüsste sie mit einem warmen Händeschütteln.
«Bonjour, ça va? Treten Sie ein, wir haben alles, was Sie wünschen, die Preise sind unschlagbar, kommen Sie, ich offeriere Ihnen einen Tee.» Diese und ähnliche Floskeln hörten sie überall. Aber Bettina hatte Gherardo genau informiert, wie er sich dabei verhalten müsse. Keine Einladung zum Tee annehmen, wenn man nichts zu kaufen beabsichtige. Höflich aber bestimmt ablehnen, wenn man nur die Ware mustern wollte. Auch mal flunkern und sagen, man sei gestern schon hier gewesen. Was einen Ladenbesitzer manchmal stolz mache, sei, wenn man fragt, ob man sein reizvolles Geschäft fotografieren dürfe. Wichtig sei, die Leute nicht zu beleidigen, denn sie würden nichts anderes tun, als versuchen, ein wenig Geld zu verdienen. Daran erinnerte sich Gherardo gerade, wie er in den ersten Ferientagen ein Paar Babouches zu einem überhöhten Preis erstanden hatte. Nun gut, auch so sind die Preise günstig. Seinem Portemonnaie tat es nicht besonders weh und der listige Verkäufer hatte mal wieder einen guten Tag.

Ganz in seinen Gedanken verloren, stupste ihn Monika am Arm und zeigte auf einen göttlich schönen, aufgehängten Teppich im Innern eines Geschäfts. «Sensationell, genau das, was ich suche, was mir gefällt. Soll ich um den Preis feilschen oder möchtest du dies übernehmen, du kennst dich darin vielleicht besser aus?» Er überliess ihr die Preisverhandlung, weil er sich sagte, dass eine Frau einen Mann leichter um den Finger wickeln kann. Und es kam, wie es kommen musste: Tee, beste Qualität, Unikat, von Hand geknüpft von Berberfrauen aus dem Hohen Atlas, reine Schurwolle, guter Preis.
«Woher kommen Sie? Aha, aus der Schweiz, da ist alles teuer. Dieser Teppich kostet dort ein Mehrfaches. Ici chez moi ce n’est pas grand chose, hier bei mir ist es ein Häppchen.» Der Preis, den er ihr nannte, war ihr dennoch bei weitem zu hoch, so viel wollte sie auf alle Fälle nicht ausgeben. Deshalb sagte sie zu ihm, sie wolle sich das noch überlegen und machte Anstalten, den Laden zu verlassen. «Non, Madame, gehen Sie nicht, kommen Sie, ich nehme den Teppich von der Wand herunter. Sie werden staunen, wie er sich auf dem Boden ausgebreitet macht. Berühren Sie ihn, er ist seidenweich, nicht wie gewöhnliche Berberteppiche, ich gewähre Ihnen einen Preisnachlass. Zwanzig Prozent für Sie. Das dürfen Sie sich nicht entgehen lassen!» Gherardo, der bisher stumm daneben gestanden hatte, mischte sich ein und sagte zu Monika absichtlich auf Französisch, sie solle ihn zu dem Preis nicht kaufen, sie könne doch jenen beim andern Teppichhändler von vorhin kaufen, der ihr auch gefallen habe und nicht einmal die Hälfte von diesem hier kosten würde. Der Verkäufer verstand natürlich alles und reagierte leicht gereizt. Dieser Teppich hier sei absolut höchste Güteklasse und könne gar nicht zum halben Preis verkauft werden. In diesem Fall würde er nämlich drauflegen. So könne er nicht geschäften. Es wollten doch alle etwas verdienen, die Teppichknüpferinnen, die Händler, die Verkäufer. Monika wurde weich, konnte ihn ein wenig verstehen und verlangte deshalb nun dreissig Prozent Rabatt statt fünfzig.
«Kommen Sie, Madame, noch ein Glas Tee? Das Äusserste, was ich für Sie tun kann, sind 25 Prozent und ich schenke Ihnen noch einen von diesen Läufern hier. Ebenfalls aus Schurwolle. Sie können auswählen.» Monika war einverstanden und wollte den Kauf per Handschlag bekräftigen. Doch er verweigerte ihr seine Hand, sah, dass die Frau darob bestützt reagierte, und entschuldigte sich umgehend dafür, erklärte, dass er verheiratet sei und deshalb eine fremde Frau nicht berühren dürfe. Rührend, dachte Monika. Abwegig, auch wenn der Kerl sehr freundlich war, befand Gherardo bei sich. Der Kauf kam trotzdem zustande.

Gemeinsam schleppten die beiden das schwere Ding aus dem Souk nach draussen. Viele der Verkäufer, die vor ihren Läden standen und nach Kundschaft Ausschau hielten, sahen ihnen bewundernd nach, einige pfiffen leise durch die Zähne. Endlich auf der Strasse angelangt, hielten sie ein Petit taxi an, um zu Monikas Hotel zurückgebracht zu werden. Dieses Mal vergewisserte sich Gherardo, dass der Fahrer den Taxameter eingeschaltet hatte. Taxichauffeure bleiben normalerweise im Auto sitzen und öffnen nicht mal die Türen für ihre Passagiere, doch in diesem Fall bemühte sich der Fahrer, stieg aus und half, das Paket auf den viel zu kleinen Dachträger zu hieven. Ein Teil lappte über die Frontscheibe, den hinteren sah man über das Rückfenster hängen. Monika befürchtete verständlicherweise, dass der Teppich, der nicht festgebunden wurde, während der Fahrt runterrutschen oder bei einem Stopp gestohlen werden könnte. Noch bevor sie ihre Sorge kund tun konnte, lächelte der Mann sie an und versicherte ihr, dass nichts passieren werde. Trotzdem prüfte sie während der Fahrt ständig, ob die Teppichenden noch zu sehen waren. Alles ging gut. Vor lauter Aufregung beim Teppichkauf hatte Gherardo schlicht vergessen, dass er doch Souvenirs und Ansichtskarten hatte kaufen wollen.

Nachdem das Riesending auf das Zimmer gebracht worden war, war es auch schon Mittag. Nach einem letzten gemeinsamen Lunch unter einem Sonnenschirm im Hotelgarten verabschiedeten sie sich voneinander und versprachen, sich wiederzusehen. Spätestens bei der Hochzeit von Monika.

Schnellen Schrittes eilte Gherardo zur Wohnung von Bettina. Als er an ihre Tür klopfte, hörte er sie rufen, die Tür sei offen. Offensichtlich erwartete sie ihn. Er trat ein. Keine Bettina. Dann hörte er ihre Stimme aus dem Badezimmer, sie sei gerade unter der Dusche, er solle ungeniert kommen. Er tat es und sah sie vor sich in ihrer nackigen, wunderbaren Weiblichkeit. Und jetzt? Komm, sagte sie. Gherardo entledigte sich im Nu seiner Kleider und trat zu ihr unter den Wasserstrahl. Ein schöneres Abschiedsgeschenk hätte sie ihm nicht machen können.

Da Bettina am späten Nachmittag und während der Nacht ihren Pflichten als Hostess nachkommen musste, verbrachte Gherardo den letzten Abend mit Dora und Hans bei Essen, Trinken, Musik und Tanz am Pool seines Hotels. Die beiden hatte er während seines Aufenthalts kennengelernt. Sie mochten in den Vierzigern sein. Er glich einem Bodyguard, sie war zierlich gebaut wie eine Barbiepuppe. Gerade als sie zum Nachtisch Wassermelonen, Trauben und Orangen verspeisten, setzte sich, ohne ein Wort an sie zu richten, ein Einheimischer neben Dora an ihren Tisch. Er drehte sich zu Dora, flüsterte ihr ein paar Worte ins Ohr, stand dann auf und verliess sie wieder.
«Was wollte denn dieser Typ?», fragte Hans.
Rot vor Scham antwortete sie: «Er sagte, dass er ein reicher Teppichhändler sei und eine Maschine habe, die jede Frau kaputt mache. Und dass er auf mich beim Hoteleingang warte. Was bildet sich dieses Schwein denn ein? Mensch, Hans, bin ich froh, wenn wir endlich wieder nach Hause fliegen. Diese ewige Anmache hier halte ich nicht mehr aus!»

*


Ja, so war Marokko 1976. Und Gherardo war beim weiblichen Geschlecht nie mehr wieder in seinem Leben so begehrt wie in diesen zwei Wochen. Trotzdem, das Land, die Landschaft, die Menschen, ihre Lebensart hatten ihn genauso interessiert und begeistert.

Kurz nach Mitternacht holte sie der Bus zur Fahrt zum Flughafen ab. Magdalena und Hanna, die ebenfalls mitfahren sollten, fehlten. Hostess Bettina konnte sie weder im Zimmer noch in der Hotelanlage finden. Ein Ausrufen ĂĽber Lautsprecher half auch nicht. Die zwei jungen Frauen waren unauffindbar. Bettina wandte sich, vor dem Bus stehend, an Gherardo.
«Du kennst die beiden doch, du warst mit ihnen zusammen. Kannst du dir vorstellen, was da los ist und wo die Schwestern Bigi sein könnten?»
«Vermutlich hat es etwas mit ihren zwei Lovers zu tun. Aber wo sie stecken könnten, weiss ich beim besten Willen auch nicht.»
«Ja, hast du nicht auf sie aufgepasst? Hast du nichts dagegen unternommen? Wieso hast du das zugelassen? Kannst du dir nicht vorstellen, was alles mit diesen jungen Frauen passieren kann?», fragte Bettina mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen, wusste sie doch genau so gut wie er, dass sie ihn in Anspruch genommen und er kaum die Zeit zum Aufpassen gehabt hatte.
Sie fuhr fort: «Nun, die sind alt genug und wir müssen los. Ich bin doch nicht ihr Kindermädchen. Steig ein!»
Und ich bin auch kein Kindermädchen, dachte Gherardo bei sich. Der Bus fuhr los, ohne Magdalena und Hanna.

Gherardo sah keine Gelegenheit, sich am Flughafen gebührend von Bettina zu verabschieden, zu viele Gäste hatte sie zu betreuen. Einmal wurde sie von links und dann von rechts, von hinten und von vorne um Hilfe oder Ratschläge gerufen. Wie unselbstständig gewisse Touristen doch sind, ging es ihm dabei durch den Kopf. Er stand in der Warteschlange vor der Passkontrolle, als er plötzlich Geschrei hörte. Er drehte sich um und sah, wie sich Magdalena von einem jungen Mann losriss und in seine Richtung rannte und ihm um den Hals fiel. Hanna lag in den Armen eines zweiten Marokkaners, der unentwegt auf sie einredete. Magdalena, fast schon panisch, schrie ihrer Schwester zu, ihr zu folgen. Hanna schien hin und her gerissen zu sein. Schlussendlich und unter Tränen entschloss sie sich doch noch für den Heimflug.

Um 03.25 Uhr hob die Balair BB 133 ab. Wer wollte, konnte noch etwas Kleines essen. Gherardo sass neben Magdalena, die vor lauter Ungewissheit über ihre Zukunft an ihren Nägeln kaute. Nirgends fand Gherardo einen tieferen, angenehmeren und schöneren Schlaf als in einem Flugzeugsessel hoch über der Erde. Es sei denn, ein redseliges Ehepaar hinderte ihn daran. Vor dem Einschlafen bestellte er sich gewohnheitsmässig einen Tee und dazu einen Cointreau. Alsdann kuschelte er sich in seinen Sitz und machte sich be-reit für seinen seligen Schlaf. Dummerweise liess Magdalena dies nicht zu. Er durfte bis Zürich während fast fünf Stunden ihre Sorgen anhören.

Er wurde trotz aller Herrgottsfrühe von seiner daheim gebliebenen Freundin am Flughafen abgeholt. «Hallo, Gherardo, lass dich umarmen! Wie wars, so ganz allein? Du bist sicher froh, zurück zu sein. Bestimmt hast du dich gelangweilt, nicht wahr? Ich freue mich jedenfalls, dich wieder für mich allein zu haben. Komm, gib mir deinen Koffer, du siehst müde aus. Hast du im Flugzeug nicht schlafen können?» Gherardo sah keine Möglichkeit zu antworten, sie plapperte unermüdlich drauflos, ohne auf Antworten zu war-ten, etwa im gleichen Stil wie Magdalena während des Flugs. Er fand auch keine Gelegenheit, sich von Magdalena und Hanna anständig zu verabschieden, zuwinken war das wenigste, denn seine Freundin zog ihn einfach und begierig mit sich Richtung Parkhaus. Er war bereits wieder gefangen von einer Frau.



Kapitel 7


Zurück an seinem Arbeitsplatz. Im Verfassen von Texten war Gherardo alles andere als ein Könner. Er war auch erst zwanzig Jahre alt und hatte darin kaum Erfahrung. Seine Aufzeichnungen in seinem Notizbuch fasste er in seinem Rapport an die Geschäftsleitung wie folgt zusammen.

Hostess Bettina
Sehr tüchtig, aufgestellt, immer zuvorkommend den Gästen gegenüber. Keine negativen Verhaltensweisen entdeckt. Es kam vor, dass sie mal ein paar Minuten zu spät zu den angesagten Treffen erschien. Die Verspätungen hatten meines Erachtens damit zu tun, dass sie kein Auto mehr zur Verfügung hatte (ihr bisheriges Auto war defekt und konnte nicht mehr repariert werden. Etwas mit dem Motor.) und entweder zu Fuss oder mit einem Taxi von Hotel zu Hotel gehen musste. Ich habe sie fast einen Tag lang begleitet und muss bestätigen, dass man bei der herrschenden Hitze auch nicht gerade schnell vorwärts kam. Kam dazu, dass einzelne Gäste glaubten, die Hostess sei nur für sie da. Was die von ihr alles verlangten, ging auf keine Kuhhaut (Entschuldigung für diesen Ausdruck, aber er passt haargenau). Ich jedenfalls wäre nie so cool geblieben wie sie. Einmal hat eine Frau gemeint, ich sei ein Reiseleiter von Quoni. Sie hatte sich bei mir beschwert, dass die Keramikmanufaktur, die ihr Bettina als seriös empfohlen hatte, eine Abzockerfabrik sei, dass sie hundertmal (oder hat sie gesagt tausendmal?) übers Ohr gehauen worden sei. Ihr Mann könne das bestätigen. Ich solle doch so gut sein und etwas dagegen unternehmen. Man könnte doch die Polizei miteinbeziehen. Und so fort und so fort. (Siehe auch Kapitel Einkaufen)

Oder die andere, die wegen eines unvorhergesehenen Eselsritts den Hintern lädiert und ihren Fuss verstaucht hatte und deshalb über den Veranstalter hergezogen ist. Wenn dies eine Quoni-Kundin war, ich hab sie natürlich nicht danach gefragt, liegt sicher bei unserem Kundendienst eine Reklamation vor. Solche Leute sollten zuhause in ihrer geschützten Umgebung bleiben oder Mallorca buchen, sicher nicht Marokko.

Für einen älteren Feriengast war es viel zu heiss, man hätte ihm dies bei der Buchung der Ferien mitteilen sollen. Hätte er dies gewusst, wäre er in die Berge gegangen. Er wünschte, vorzeitig heimzureisen. Aber nur, wenn er die aus-fallenden Tage rückerstattet erhalten würde.

Um es kurz zu machen, die Hostess Bettina hatte Nerven aus Stahl, hat in solchen Fällen Empathie gezeigt und versucht, diese aufgebrachten Kunden mit aufmunternden Worten und Erklärungen zu beruhigen. Ich finde Bettina eine tolle Frau, die ihre Sache sehr gut und absolut professionell gemacht hat. Die Geschäftsleitung sollte ihr unbedingt ein Auto zur Verfügung stellen.

Die Hotels
Leider hatte ich aus verschiedenen Gründen zu wenig Zeit, um alle Hotels aus dem Quoni-Angebot zu besuchen. Das Hotel Al Salam, in dem ich einquartiert war, war ein einfa-ches Dreisternehotel. Bis auf die Klimaanlage hat alles funktioniert, soweit ich dies beurteilen kann. Auch bei allen andern Häusern fiel die Aircondition aus. Hatte aber nichts mit den Hotels an sich zu tun, liess ich mir sagen, sondern mit der unsäglichen Hitze und der mangelhaften Infrastruktur von Agadir. Ich denke, dass unter solchen atmosphärischen Umständen auch in der Schweiz das eine oder andere nicht funktioniert hätte.

Als Badeferiengast kann man sich natürlich auch über die Wasserqualität der Hotelpools aufregen. Ja, das Wasser, ich bin in drei Pools baden gegangen, war pipiwarm, aber man konnte einfach nichts dagegen tun. Auch das Dusch-wasser war so warm, als hätte man die Armatur auf ‹heiss› gestellt.

Das Essen im Al Salam war gut und reichhaltig. Zum Frühstück wurden wie in Frankreich Croissants und knusprige Baguettes serviert. Nebst Butter und Konfi gabs undefi-nierbare Wursträdchen und geschmacklose Käsescheiben. Was solls, nicht alles ist gleich wie bei uns. Cerealien waren auch dabei. Jedenfalls konnte man immer genug essen. Wenn jemand einen Ausflug machte, bereitete ihm die Küche auf Anfrage Sandwiches für unterwegs vor. Oder die knausrigen Hotelgäste – typische Neckermänner – stellten sich beim Frühstück gleich selber ein paar belegte Brote für den Lunch zusammen und steckten diese gleichzeitig mit Früchten in eine mitgebrachte Plastiktüte, mit welcher sie sich hinter dem Rücken versteckt aus dem Frühstückssaal davonstahlen. Die Dienstleistungen waren jedenfalls zuvorkommend. Zum Dessert servierten sie immer viele Früchte.

Am Schlimmsten war das männliche Personal, in allen Hotels, das die Frauen auf Schritt und Tritt anmachte. Ich meine, viele von ihnen machten anzügliche Komplimente, die doch einige der weiblichen Gäste, die ich befragt habe, verunsicherten oder ärgerten. Ich glaube, dass dies dort in Marokko einfach so ist. Die Hostess Bettina hatte übrigens beim ersten Info-Treffen die Neuankommenden immer darauf hingewiesen. Man war also vorbereitet.

In den von mir besuchten Hotels war die Sauberkeit in Ordnung. Den ganzen Tag lang sah man Frauen mit Staub-wedel, Schrubber und Wasserkübel. Ich bin in vier verschiedenen Hotelzimmern gewesen. Alles schien mir geputzt. Die Betten und Matratzen waren angenehm. Niemand hat sich beschwert, ausser einmal fand einer seine Dusche nicht ge-reinigt. Ich denke, dass sein Zimmerpartner sie vorher benutzt, aber nichts gesagt hatte. So ist es manchmal, denke ich. Was mir in allen vier Zimmern, meines eingeschlossen, auch noch auffiel, war die schlechte Beleuchtung. Nachts war es kaum möglich, im Bett ein Buch zu lesen, zu schwach waren die Lampen.

Einkaufen
Einkaufen in Marokko ist nicht gleichzusetzen mit der Schweiz. Leider verstehen das nicht alle Touristen, so auch nicht das Ehepaar, das in einer von Bettina empfohlenen Keramikmanufaktur am Stadtrand eingekauft hatte (habe dies vorhin bereits erwähnt). Angeschlossen an den Verkaufsladen war die Werkstatt, wo der grösste Teil der Ware selbst hergestellt, getöpfert, gebrannt und bemalt wurde. Ein schmieriger Verkäufer (Wortwahl des Ehepaars) hätte sie händeringend durch die Werkstatt geführt, dann in den Laden, wo man ihnen Tee serviert habe. Sie behaupteten, der Mann habe ihnen fünfzig Prozent Rabatt auf allen Waren versprochen. Also hätten sie so an die zwanzig Stück gekauft. Doch als es ums Zahlen ging, sei der Mann nicht mehr auffindbar gewesen und die Frau an der Kasse habe den vollen, auf den Waren angeschriebenen Preis verlangt. Als das Paar die versprochene Reduktion reklamierte, habe die Kassierin gesagt, dass die angeschriebenen Preise bereits fünfzig Prozent günstiger seinen, als wenn man sie in einem Laden in der Stadt oder im Souk kaufen würde. Das sei ein Schwindel, meinte das Paar, und beschwerte sich danach in ungebührlichem Ton zuerst bei mir, dann bei der Hostess. Auf die Idee, dass sie den Französisch sprechenden Mann missverstanden haben konnten, kamen sie natürlich nicht. Die Leute glaubten den Erklärungen der Hostess nicht, sagten, sie würde sicher von dem zu viel bezahlten Geld einen Teil für sich einkassieren und deshalb werde es eine happige Reklamation bei Quoni absetzen. Es war ein ziemlich unangemessenes Wortgefecht. Ich war dabei und habe mich geschämt, denn es geschah in der Hotellobby, in der sich viele Leute aufhielten.

Wenn einer übers Ohr gehauen wurde, dann ich. Aber das war mein Fehler, weil ich im erstbesten Laden im Souk Babouches gekauft habe. Die hatten mir wirklich gut gefallen. Im Nachhinein habe ich gesehen, dass ich die gleiche Ware zur Hälfte bekommen hätte. Und so ergeht es wahrscheinlich fast allen Touristen beim ersten Mal.

Reiseagentur Maroccotravel / AusflĂĽge / Sonstiges
Ich habe ein paar AusflĂĽge gemacht, zweimal mit Reisebus, mal in einem Kleinbus und einmal mit einem Mietwagen. Abgesehen davon, dass der Wasserfall von Immouzer fast trockengelegt war, hat alles geklappt. Nun ja, der Bus ent-sprach nicht ganz dem, was wir uns in der Schweiz gewohnt sind. DafĂĽr war die Natur grandios. Ich habe ĂĽbrigens noch nie so viele Hippies auf einmal gesehen wie im Paradies Valley.

Zu bemängeln ist der alte Kleinbus, der mich zusammen mit einer Handvoll anderer Touristen zur Festung Amtoudi gefahren hat. Er war schlecht gefedert, hatte keine Klimaanlage und kein Reserverad. Letzteres ist deshalb von Belang, weil er kurz vor dem Ziel eine Reifenpanne hatte. Für die letzten Kilometer mussten wir auf Eselsrücken weitergehen. Mir hats gefallen, es war für mich ein kleines, unvorhergesehenes Abenteuer. Wie bereits erwähnt, hat es einer Kundin nicht so gut gefallen wie mir. Sie hatte sich übrigens wegen unpassendem Schuhwerk, Flipflops, den einen Fuss verstaucht. Maroccotravel muss unbedingt ein zuverlässigeres Busunternehmen engagieren.

Mit einem Mietwagen der Firma Atlascar fuhren wir nach Taroudant. Die Übernahme und Rückgabe erfolgten nicht ganz ohne Probleme. Bei der Übernahme mussten wir darauf bestehen, dass der Vermieter die Beulen und Kratzer auf einem Übernahmeprotokoll notiert. Sonst hätte es ja sein können, dass er uns bei der Rückgabe dafür haftbar gemacht hätte. Sonst funktionierte am Auto alles perfekt. Noch etwas Ärgerliches: Wir übernahmen den Wagen mit einem kaum zu einem Viertel gefüllten Tank und mussten deshalb unterwegs auftanken, um nicht plötzlich stehenzubleiben. Da wir nicht wussten, wie gross der Tank war, haben wir zu viel getankt. Bei Rückgabe zeigte die Benzinuhr noch einen halb gefüllten Tank. Der Vermieter hat sich geweigert, uns die Differenz zurückzuerstatten. Die Vermietstation wurde übrigens von Maroccotravel empfohlen. Ein kleiner Minuspunkt für Maroccotravel. Es handelte sich um einen lokalen Vermieter. Vielleicht wäre es besser und sicherer, mit einem internationalen wie Hertz zusammenzuarbeiten.

Der Besuch im Berberdorf mit Reitspielen, Tanz und Essen war sensationell und ist unbedingt empfehlenswert, auch fĂĽr Familien.

Maroccotravel hat mir im Allgemeinen einen seriösen Eindruck gemacht. Was ich dort auch gebucht habe, hat immer geklappt und stattgefunden. Die Angestellten waren freundlich, zuvorkommend und schnell. Schnell, wenn etwas mal nicht geklappt hatte, wie bei der Familie, die zwei Zimmer nebeneinander gebucht hatte. Bestätigt wurde ihnen dieser Wunsch durch Quoni nur mit dem Vermerk ‹Kunden-wunsch weitergeleitet›. Das Hotel hatte ihnen jedoch zwei Zimmer auf verschiedenen Etagen zugewiesen. Das war aber mit den zwei kleinen Kindern nicht annehmbar, weshalb sie an der Rezeption reklamierten, doch es schien keine anderen freien Zimmer für einen Wechsel gegeben zu haben. Sie haben sich dann an die Hostess Bettina gewandt (während eines planmässigen Besuchs, bei dem ich auch dabei war). Bettina hat sofort mit Maroccotravel telefoniert und nur eine halbe Stunde später klappte es. Die Familie erhielt ohne Aufpreis eine Suite mit zwei Zimmern. Ohne Aufpreis. Tolle Dienstlei-stung.

Und hier noch meine persönliche Meinung zu Badeferien in Agadir. Zum einen finde ich, ist es im Sommer zu heiss. Viele Touristen liegen halb tot herum, weil jede Bewegung Anstrengung bedeutet. Die meisten bleiben den Tag über im Hotel. Zum andern ist der Strand von Agadir schmutzig. Niemand scheint für die Reinigung verantwortlich zu sein. Einzig die Hotels, die direkt am Strand liegen, putzen den Strandabschnitt vor ihrem Hotel für ihre Kundschaft. Ansonsten ist es überhaupt kein Vergnügen, an den Strand zu gehen. Kommt hinzu, dass oft üble Gerüche von der nahe gelegenen Phosphorfabrik herüber geweht werden. Und wegen des angeschwemmten und nicht weggeschafften Seegrases wäre es sogar angezeigt, Badeschuhe zu tragen, um sich die Füsse nicht zu verletzen. Ich habe zwar nichts gegen die Einheimischen, die sich logischerweise ebenfalls am Strand aufhalten, aber wenn die dann in Grossfamiliengrösse anmarschieren und kochen und halbe Schafe grillieren, dann vergeht einem doch ein wenig die Lust, dort zu sein. Von Ruhe und Idylle ist dann jedenfalls keine Rede. Um ehrlich zu sein, ich bin nur einmal dort gewesen, für eine halbe Stunde vielleicht, dann hatte ich genug. Also so gesehen ist Agadir für mich keine ideale Badeferiendestination.



Kapitel 8


Gherardo konnte von Glück reden, dass seine Freundin weder nach dem Abholen am Flughafen noch später zu seinem Ferienaufenthalt kaum Unbehagen verursachende Fragen stellte. Im Gegenteil, sie vermutete sogar, dass er sich gelangweilt haben könnte. Er sprach dann von den nervigen Pauschaltouristen und schwärmte vor allem von den exotischen Landschaften, den überaus gastfreundlichen Menschen und den märchenhaften Souks. Als sie sich einmal ganz lieb hatten, versprach er ihr, dass, wenn sie eines Tages heiraten sollten, die Hochzeitsreise nach Marokko führen würde.

*


Noch lange Zeit nach diesen Ferien war er mit den netten Italienern Piero und Enrico befreundet. Er besuchte sie auch einige Male in Mailand. Mitte der achtziger Jahre verschied leider sein ihm lieb gewordener Freund Enrico an seinem Arbeitsplatz. Wenig Monate nach diesem traurigen Ereignis verloren sich auch Piero und er aus den Augen. Schade, dass angenehme Ferienbekanntschaften nicht ewig dauern. Nur, wenn jeder seines Weges geht, ist die schicksalshafte Trennung irgendeinmal nahe.

*


Zwei Monate nach seiner Rückkehr aus Marokko erhielt er einen Brief ohne Absender. Neugierig öffnete er das Couvert und zupfte ein rosarotes Briefpapier heraus. Was hat denn das zu bedeuten, ging es ihm durch den Kopf. Zuerst schaute er auf die Unterschrift. Moni. Moni wer? Er begann zu lesen und stellte sofort fest, dass es sich um Monika aus Zürich handelte. Sie teilte ihm in einem weinerlichen Ton, wenn man das so sagen kann, mit, dass es aus der Hochzeit mit ihrem Freund nun doch nichts werden würde. Sie wolle ihn einfach informieren, dass es leider keine Einladung geben werde. Ihr Freund sei ein Mistkerl und nur an ihrem Geld interessiert gewesen. In einem Schlusssatz schrieb sie, dass sie die Begegnung mit ihm, Gherardo, nie vergessen werde. Wie schön es doch wäre, wenn sie zwei zueinander gefunden hätten. Leider spiele das Leben manchmal halt ein anderes Spiel, als jenes, das man sich erhofft. Sie wünschte ihm alles Gute und hoffte, ihn vielleicht eines Tages doch wiederzusehen. Gherardo kamen fast die Tränen.

*


Mit Kerstin stand er noch lange in intensivem, innigem Briefverkehr. Ein- bis zweimal die Woche flatterten ihre Liebesbriefe in seinen Briefkasten. Ebenso oft schrieb er zurück. Seiner Freundin gegenüber hielt er sein verstohlenes Liebesverhältnis, das noch nicht einmal richtig zum Blühen gekommen war, natürlich geheim. Wenn es auf einem der Quoni-Messeflüge ins Ruhrgebiet einen freien Platz hatte, besuchte er sie. Die Personalabteilung am Hauptsitz hatte spitzgekriegt, dass sich jemand im Ruhrgebiet nach ihm sehnte, weshalb sie ihm in rührender Weise wenn immer möglich solche kostenlose Transporte ermöglichten. In einem ihrer letzten Briefe schrieb Kerstin, dass sie mit einem Kollegen ein Strassenfest besuchen würde. Im nächsten Schreiben stand, dass sie sich in ihn verliebt hätte. Gherardo war wie vor den Kopf gestossen. Er beschloss hinzufliegen und sie zu besuchen. Er wollte unbedingt wissen, wer dieser Kerl, der ihm seine Liebe wegnahm, war. Seine Ankunft meldete er selbstverständlich an. Am Bahnhof von Wuppertal erwartete sie ihn. Er erkannte sie kaum mehr. Sie trug eine auffällige Hornbrille und hatte enorm zugenommen. Ihre kecken Sommersprossen, die er so geliebt hatte, wirkten in ihrem breiter gewordenen Gesicht jetzt plötzlich unästhetisch. Sie küsste ihn zur Begrüssung nur auf die Wangen. Als sie sich das letzte Mal gesehen hatten, konnten sie beim Abschied ihre Lippen kaum voneinander lösen.
«Gherardo, macht es dir etwas aus, wenn Wilfried mit dabei ist?» Wilfried stand ein paar Meter abseits.
«Nein», gab er wenig überzeugt zur Antwort.

Es wurde ein grauenhafter Tag. Kerstin fühlte sich schuldig, stand zwischen den beiden Männern, Wilfried war eifersüchtig und garstig zu Gherardo, wie auch zu Kerstin. Eine anregende Unterhaltung kam nicht auf. Als sie sich verabschiedeten, entschuldigte sie sich bei ihm für diesen schlechten Tag. Danach sah er sie nie wieder. Kerstin ehelichte ein wenig später Wilfried, den übergewichtigen Sattler aus Wuppertal. Das Letzte, was er in einem allerletzten Brief noch erfuhr, war, dass sie mit Wilfried irgendwohin in Bayern gezogen war. Adieu du Holde, die du einmal warst!

*


Magdalena aus Locarno rief ihn noch Wochen nach der Rückkehr aus Marokko unentwegt an seinem Arbeitsplatz an. In dieser Zeit war er in der Geschäftsreisen-Abteilung eingeteilt. Und weil er keine direkte Telefonnummer hatte, landeten ihre Anrufe auf der Hauptnummer der Abteilung. So sprach sich schnell herum, dass der Gherardo im Tessin eine Freundin sitzen hatte. Bald liessen seine Arbeitskollegen- und kolleginnen nicht mehr locker, bis sie von ihm mehr über die geheimnisvolle Anruferin aus Locarno erfuhren. Wenn Magdalena anrief, schallte es dann jeweils, je nachdem, wer den Anruf entgegengenommen hatte, durch die Büros: «Gherardo, dini Schatzeli» oder «Magdalena la bella» oder von den Kolleginnen ganz ohne Unterton «Locarno calling».

Am Telefon tönte es dann so: «Hallo, Gherardo, wie gahts?» und dann war Stille. Meistens wusste er auch nicht viel zu sagen. Was hatten sie sich schon zu sagen? So fragte er sich mit der Zeit, warum sie denn so oft anrief.

Eines Tages musste ihm der Abteilungsleiter mitteilen, dass Filialchef Locher von Filialleiter Cavallo aus Locarno die Reklamation erhalten hatte, dass seine Lehrtochter Magdalena Bigi unentwegt in Zürich anrufe, was Telefonkosten verursache, und dass sie fast mehr am Telefon hänge, als zu arbeiten. Er erwähnte, dass man ihr das Telefonieren untersagte und dass er Locher bitten müsse, ihm zu melden, falls sie wieder anrufe. Gherardo war sprachlos. Natürlich hielt sie auch ihn von der Arbeit ab, aber reklamiert hatte bei ihm noch niemand.
«Weisst du, was du jetzt machst? Von nun an rufst einfach du sie an. Aber nicht zu oft, sonst fällt es ziemlich schnell auf», riet ihm sein Bürochef. Mit der Zeit wurde der Kontakt zu ihr spärlicher, bis er irgendwann, nach wenigen weiteren Wochen, versandete.

Erst 26 Jahre später sollte er Magdalena wieder hören. Sie arbeitete am Hauptsitz von Carlson Wagonlits in Genf und Gherardo hatte seine Stelle ebenfalls gewechselt und sass nun in der Filiale derselben Firma in Zürich. Sie nannte sich immer noch Bigi. An eine Wiederaufnahme der einstigen Beziehung war natürlich nicht mehr zu denken, denn Gherardo war inzwischen mehr oder weniger glücklich verheiratet und hatte zwei Kinder, Zwillinge, einen Buben und ein Mädchen.

*


Die Hostess aus Marokko, Bettina, kam nach der Sommersaison an den Hauptsitz von Quoni in Zürich. Sie arbeitete in der Personalabteilung – welch ein Glück für Gherardo, den Reisehungrigen – denn unter anderem war sie zuständig für die Bearbeitung der Anträge für ermässigte oder kostenlose Reisen fürs Personal. Und wer sich einmal geliebt hat, liebt sich immer, irgenwie, auch wenn die Wege auseinander gehen. Und wenn man sich nur mehr gern mag, vielleicht mit ein bisschen Herzschmerz, liegt auch immer wieder ein Entgegenkommen drin.

An einem vorweihnachtlichen Personalanlass, zu dem auch die Partnerinnen und Partner der Angestellten eingeladen waren, lernte Gherardo endlich den bisher unbekannten Freund von Bettina kennen. So wie er sich gab, musste er ein Banker sein, auf alle Fälle ein Bürolist. Er mochte dreissig sein. Sie hatten sich allerdings wenig zu sagen, halt so ein wenig Small Talk, Nichtssagendes eben. Bettina hatte ihm von der Begegnung mit Gherardo in Agadir erzählt. Aber scheinbar nicht in allen Details, denn ihr Freund schien keine Ahnung zu haben, was sie dort getrieben hatten. Und umgekehrt stellte Gherardo ihr seine hübsche Freundin vor. Erstaunlicherweise unterhielten sich die beiden längere Zeit köstlich. Gherardo hoffte innigst, dass Bettina nicht von ihrem Liebesabenteuer in Agadir zu sprechen anfing. Nach ein paar Gläschen Alkoholischem ist die Schwelle der Zurückhaltung schnell überschritten. Das hätte dann wohl zu tief greifenden Spannungen geführt. Bettina blieb verschwiegen. Und dennoch, auf dem Nachhauseweg konnte es seine Freundin nicht lassen, ihn neckisch und vielleicht aus Eifersucht zu fragen, ob da nicht doch etwas gewesen war zwischen ihnen. Sie fand Bettina nämlich eine bezaubernde und interessante Frau. Genau das, was er selber empfunden hatte vor vier Monaten in Agadir.
«Nein», kam sofort seine Antwort, «wo denkst du hin.»

*


Zum Neujahr erhielt Gherardo eine grosse, kitschige und wenig islamisch geprägte Ansichtskarte aus Agadir. Sie zeigte eine Luftaufnahme von Agadir, eingerahmt von Tannzweiglein mit roten Kerzchen. Die guten Wünsche zum neuen Jahr – nicht zu Weihnachten, wie er logischerweise zuerst vermutete – und eine persönliche Einladung nach Marokko übermittelten ihm zu seiner grossen Überraschung Mohammed, Faizah und Alia. Alia, die für ihn Unnahbare, hatte sogar selber unterschrieben und ein winzig kleines Herzchen hinzugemalt. Noch einmal durchlebte er im Geiste die betörenden Augenblicke vis-à-vis Alia im Hause Mohammeds vor einem halben Jahr. Ein Kreuz in roter Farbe auf der Vorderseite kennzeichnete wohl das Haus der Familie.

Möglich, dass Gherardos wohlwollende Beurteilung von Maroccotravel als Incoming-Agentur zu einer Vertragsver-längerung mit Quoni geführt hatte. Und diese Karte und die Einladung waren vielleicht ein persönliches Dankeschön aus Agadir an ihn.



Nachgedanken



1976, was für ein ereignisreiches, denkwürdiges Jahr für Gherardo. Aber nicht nur für ihn. Damals haben sich auch unglaubliche und inzwischen wieder vergessene oder verdrängte und heute von der Gegenwart überdeckte Dinge rund um den Globus ereignet.

• In der Bundesrepublik Deutschland wird die Gurtpflicht auf Vordersitzen von Privatautos eingeführt. In der Schweiz wurde sie erst 1980 gesetzlich vorgeschrieben.
• Der Rückzug der letzten spanischen Truppen aus der ehemaligen Provinz Spanisch-Sahara beendet die spanische Kolonialherrschaft.
• Eine Versammlung saharauischer Stammesfürsten stimmt einer Aufteilung der Westsahara zugunsten Marokkos und Mauretaniens zu.
• Die Frente Polisario ruft im Westsaharakonflikt die De-mokratische Arabische Republik Sahara auf dem Gebiet der ehemaligen spanischen Kolonie Westsahara aus.
• Im Libanesischen Bürgerkrieg verüben Palästinenser und moslemische Milizen das Massaker von Damur, wobei etwa 330 Menschen getötet werden.
• Die argentinische Präsidentin Isabel Perón wird von Militärs festgenommen und unter Hausarrest gestellt. Die Militärs übernehmen einmal mehr die Macht und beginnen den Prozess der Nationalen Reorganisation, in dem bis 1983 etwa 30 000 Menschen ermordet werden, überwiegend linke Oppositionelle.
• Die letzten britischen Truppen verlassen die Malediven, heute fast nur noch als idyllische Badeferieninseln bekannt.
• Ulrike Meinhof, Terroristin der Rote Armee Fraktion, wird in ihrer Zelle im Gefängnis Stuttgart-Stammheim erhängt aufgefunden.
• Führende Politiker der Sri-Lanka-Tamilen verabschieden die sogenannte Vaddukoddai Resolution, in der die vollständige Unabhängigkeit eines Tamilenstaates auf Sri Lanka gefordert wird.
• Der Aufstand in Soweto (Südafrika) nimmt seinen An-fang und endet erst 1994 mit dem demokratisch gewähl-ten Nelson Mandela als Präsident.
• Ein in Athen gestartetes Flugzeug der Air France wird von zehn Terroristen nach Entebbe in Uganda entführt.
• Aus Israel herbeigeflogene Eliteeinheiten befreien in der Nacht vom 3. auf den 4. Juli in Entebbe die Geiseln aus der am 27. Juni entführten Air-France-Maschine. Sieben der zehn Terroristen werden bei der Operation Entebbe getötet, drei von 103 Geiseln sterben. Bei der Komman-doaktion kommen ferner ein Israeli und 45 ugandische Soldaten ums Leben, die auf die Angreifer das Feuer eröffnen.
• Die Seychellen werden unabhängig.
• Wiedervereinigung Vietnams.
• Wiedereinführung der Todesstrafe in den USA durch den Supreme Court.
• Die Vereinigten Staaten feiern den 200. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit.
• Bei der US-Präsidentschaftswahl schlägt der Demokrat Jimmy Carter den amtierenden Präsidenten Gerald Ford.
• Zur Trauerfeier für den verstorbenen Staatsgründer Mao Zedong finden sich in Peking geschätzte 1,5 Millionen Chinesen ein.
• Massaker an der Thammasat-Universität in Thailand. 46 Menschen sterben nach offiziellen Angaben in Bangkok im Zuge von Studentenprotesten. Anschliessend übernimmt eine Militärjunta die Macht in Thailand.
• Erich Honecker wird von der Volkskammer zum Vorsit-zenden des Staatsrates der DDR gewählt.
• Ende der chinesischen Kulturrevolution (1966–1976).
• Steve Jobs und Steve Wozniak gründen die Firma Apple.
• Steve Wozniak stellt den Computer Apple I vor.
• Der unbemannten NASA-Sonde Viking 1 gelingt die er-ste erfolgreiche Landung auf dem Planeten Mars.
• Der 553 Meter hohe CN Tower in Toronto wird einge-weiht. Bis 2009 höchster Fernsehturm der Welt.
• Veröffentlichung der Single ‹Dancing Queen›, dem wahrscheinlich bekanntesten Titel der Band ABBA.
• Muhammad Ali alias Cassius Clay gewinnt den Box-kampf um den Weltmeistertitel im Schwergewicht gegen Jean-Pierre Coopman im Roberto Clemente Coliseum, Hato Rey, Puerto Rico, durch K.o.
• Muhammad Ali gewinnt den Boxkampf um den Welt-meistertitel im Schwergewicht auch gegen Richard Dunn in der Münchner Olympiahalle durch technischen K.o.
• Zum dritten Mal in diesem Jahr: Muhammad Ali gewinnt den Weltmeistertitel im Schwergewicht gegen Ken Norton im Yankee Stadium in New York City nach Punkten.
• Der belgische Radrennprofi Eddy Merckx gewinnt zum siebten Mal den Radsportklassiker Mailand – Sanremo. Er ist der bislang Einzige, dem diese Leistung gelingt.
• Bayern München gewinnt gegen Cruzeiro EC als erste deutsche Mannschaft den Weltpokal.
• Formel-1-Weltmeister Niki Lauda aus Österreich wird bei einem Unfall auf dem Nürburgring schwer verletzt.
• Der Bruch des Teton-Staudamms in Idaho, USA, kostet elf Menschen und 13 000 Nutztieren das Leben.
• Dioxin-Katastrophe von Seveso bei Mailand.
• Erdbeben bei Muradiye, Türkei, etwa 3 850 Tote.
• Erdbeben in Guatemala, Hunderte Erdstösse, mehr als 23 000 Tote.
• Erdbeben der Stärke 6,5 im Friaul in Italien, ca. 1 000 Tote.
• Erdbeben der Stärke 7,1 auf Neuguinea, 422 Tote.
• Ein Erdbeben der Stärke 7,8 in Tangshan, 150 km südlich von Peking, China, hinterlässt je nach Quelle 650 000 bis 800 000 Tote; bezüglich der Todesopfer die folgenschwerste Naturkatastrophe des 20. Jahrhunderts.
• Das Erdbeben der Stärke 7,9 in Mindanao, Philippinen, verursacht etwa 8 000 Tote.
• Erdbeben der Stärke 7,3 in Russland und im Iran, 5 000 Tote.
• Air France und British Airways nehmen mit der Con-corde den regulären Betrieb eines zivilen Überschall-flugzeuges auf.
• Eine Iljuschin IL-18D der Aeroflot stürzt nahe Woro-nesch aufgrund eines Kompass- und Autopilotenausfalls aus 9 000 Metern zur Erde. 127 Menschen sterben.
• Zagreb, Jugoslawien. Bei der Flugzeugkollision von Zagreb kollidieren eine Douglas DC-9 der jugoslawischen Inex Adria Aviopromet und eine Hawker Siddeley HS-121 Trident der British Airways. Der Unfall fordert 176 Tote.
• Während eines Notlandeanfluges auf den Flughafen Is-parta prallt eine Boeing 727 der Turkish Airlines gegen einen Berg. Alle 154 Menschen kommen ums Leben.

Geschehnisse dieser Welt, die einen nicht persönlich betreffen, aber vielleicht bestürzen oder entzücken, fantastisch oder fatal erscheinen, sind in Zeiten der unendlichen Informationsflut wie morgendliche Nebel über den Feldern, die von der Sonne aufgesogen werden und im Nichts entschwinden. Und abends steigen neue Schwaden vom Boden auf, bis auch sie am nächsten Tage in Luft aufgehen. Der junge Mensch Gherardo lebte sein Leben, lernte zu leben, zu lieben, zu arbeiten, zu reisen, zu verstehen, hatte wenig Zeit, sich um Weltpolitik und Erdbeben zu kümmern, nahm sie zwar wahr, las ab und zu den Spiegel oder die Weltwoche, wendete sich dann aber wieder seinem eigenen Dasein zu. Ein junges Leben, das erst am Entstehen war. Die Erinnerungen an Erlebnisse, wie er sie in Marokko hatte, begleiteten ihn dann in seinem weiteren Leben, waren ein Teil der Lebenserfahrung, die jeder Mensch macht, machen muss. Gherardo wurde jedoch nie erwachsen, denn welch Mensch wird das schon. Erwachsen sein, heisst perfekt sein, integer sein, allwissend. Vollkommen ist jedoch kein Mensch dieser Welt. Ein Kind mag das noch glauben, es weiss es nicht besser. Ein junger Mensch wie Gherardo tut gut daran, heute zu geniessen und zu bereuen, wenn es denn etwas zu bereuen gilt, als später zu bereuen, dass er nicht genossen hat. Denn auch er wird einmal älter, und das Älterwerden geht oft einher mit Einschränkungen, Verantwortung, Beschwerden, die es einem mithin schwer machen, das Leben bis ans Ende sorgenfrei auszukosten. Was man einmal hat, das hat man, das nimmt einem niemand mehr weg.

Heute ist Gherardo sechzig Jahre alt. Er geht aufrecht wie in jungen Jahren, sein Schritt ist fest und seine Augen wachsam wie schon immer. Ein paar Falten im Gesicht sind dazugekommen. Von damals bis jetzt gab es, wie bei vielen Menschen auch, ein stetes Auf und Ab, im Privaten und im Beruf. Meistens hatte er alles mehr oder weniger im Griff. Nur einmal hatte er in einer lebenswichtigen Sache nicht aufgepasst, was sein Leben dann total veränderte. Es geschah viele, viele Jahre nach seiner Marokkoreise. Aber das ist eine andere Geschichte.



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Nimm die Welt, wie sie ist, nicht wie sie sein sollte.

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